Mohammed Hanif

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crossroads:
Diktatur, Ironie, Korruption, Krieg, Liebe, Macht, Politik, Terrorismus, Verbrechen
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Journalismus, Roman)
region:
Asia, Southern and Central, Europe, Western
country/territory:
Pakistan, England (UK)
created on:
May 26, 2009
last changed on:
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Mohammed Hanif
Mohammed Hanif. Foto: Nimra Bucha

Article

Leise Töne in explosiven Zeiten

Der pakistanische Autor Mohammed Hanif über sein Land und sein Debüt „Eine Kiste explodierender Mangos“

Vorsichtig. Der Mann ist extrem vorsichtig und zurückhaltend. Keine sarkastischen, flammenden Sätze, um die aktuelle Situation in Pakistan zu kommentieren. Mohammed Hanif tastet seine Worte ab, mit dem klaren Ziel, keinen Skandal zu provozieren und die pakistanische Zensur nicht auf den Plan zu rufen. Er ist auf der Hut wie ein Blinder, der gelernt hat, sich in der Dunkelheit zu bewegen.
Mit „Eine Kiste explodierender Mangos“ hat der 44-jährige Journalist, der heute in Pakistan lebt und für die dortige BBC arbeitet, einen sicheren Treffer auf dem Buchmarkt gelandet. Sein schonungsloser Debütroman über das Regime des pakistanischen Diktators Zia ul-Haq und dessen plötzlichen Tod bei einem bis heute ungeklärten Flugzeugabsturz wurde, noch warm von der Druckerpresse, für den Man Booker Prize 2008 nominiert. Zwar hat mit „Der weiße Tiger“ nun ausgerechnet ein Inder, Aravind Adiga, die Lorbeeren eingeheimst. Doch der satirische Polit-Thriller von den explodierenden Mangos schwappte gleich mit der nächsten Nominierung nach ganz oben und erhielt den Commonwealth Writers´ Prize 2009. Pikant und anarchisch winden sich hier die Wege einer Krähe, das Kalkül des CIA, der Fluch einer blinden Frau und die Mangosaison hin zum abrupten Ende des Diktators beim VVIP-Flug, fünf Minuten nach dem Start der Maschine. Auch Osama bin Laden, kurz OBL, taucht bei einem Grillabend in der US-Botschaft auf. Ein hoch politisches Buch aus dem Pulverfass Pakistan, denkt man sich. Und wer das Buch gelesen hat, erwartet klare und laute Worte. Doch Mohammed Hanif ist leise.

„Es ist“, sagt der leicht grau melierte, lockenköpfige Autor im Kapuzenpulli und lehnt sich etwas zurück, „eine Liebesgeschichte und ein Krimi. Jeder möchte mal ein Buch schreiben, Sie kennen doch sicher auch ein paar Leute aus ihrem Bekanntenkreis. Ich habe es aus Langeweile geschrieben.“ Langeweile? Ja, tatsächlich, was zunächst als weichgespültes Statement daherkommt, fügt sich plausibel in seine Geschichte. „Ich bin in einem tristen Dorf im pakistanischen Punjab groß geworden. Als ich mit 16 zur Luftwaffe konnte, habe ich gedacht, das ist aufregend, ich komme raus, ich lerne etwas von der Welt. Das Gegenteil war der Fall. Wir waren abgeschirmt und ich war nicht gut darin, zu paradieren und all diese Dinge zu machen.“ Der Junge, der in der Schule keinen Englischunterricht hatte, greift nicht nur zur Waffe, sondern vor allem zum Buch. In der Kadettenschule liest er unter dem Tisch heimlich seine ersten Klassiker aus der Armeebibliothek – Böll, Llosa, Borges, die Russen – auf Englisch. „Kritisiert, wissen Sie, wurden wir da nicht, das ist etwas für Intellektuelle. Ich wurde dabei ein paar Mal erwischt. Es setzte Schläge oder man musste nachts in Unterhosen kalt duschen.“ Die Folterkammer im Buch hat er sich natürlich nur ausgedacht, die Blutspritzer an der Decke, die Gummiringe und das heiße Philipps-Bügeleisen. Natürlich ebenso die Szene, in der der Diktator Zia mit heruntergelassener Hose vor seinem Schreibtisch steht, um sich vom Leibarzt des saudischen Prinzen Naif den After auf Würmer untersuchen zu lassen. General Zias Wange liegt zwischen der pakistanischen Nationalflagge und der der Armee. „Sie haben Würmer, Sir“, sagt der Doktor da mit seinem arabisch-amerikanischen Akzent und zeigt ihm die toten Würmer in seiner Hand.

Schöpfen konnte Mohammed Hanif für sein groteskenreiches Debüt, dessen erste Sätze er vor fünf Jahren formulierte, aus seiner Jugendzeit beim Militär. Trotz seiner explodierenden Fantasie wirkt es daher überzeugend, selbst in seinem Heimatland. „Es ist“ – sein Mund verzieht sich zu einem endlosen Grinsen – „schon interessant. Ich bin politischer Journalist. Wir haben zum Beispiel gerade ein Video, in dem junge pakistanische Frauen geschlagen werden. Keiner kauft uns das ab und glaubt uns die Story, obwohl wir das Beweismaterial haben. Und bei dieser erfundenen Geschichte, für die ich kaum recherchiert habe, fragen mich die Leute: Woher weißt du das? Sie glauben einfach alles!“

Zunächst wollte sich für „Eine Kiste explodierender Mangos“ in Pakistan kein Verleger finden, denn Hanif blickt im wahrsten Sinne tief in die Eingeweide der Macht. Geht es auch um eine homoerotische Beziehung? Wieder wiegelt Hanif ab, das Thema ist kritisch. Die Erstveröffentlichung im Ausland scheint ihm nicht wirklich etwas auszumachen, denn er hat 12 Jahre in London gelebt, wo der Roman debütiert hat. Möglicherweise ist es ihm sogar ganz lieb so. Denn kontrovers besprochen wird sein Buch, das er auf Englisch verfasst hat, in seiner Heimat bislang eher nicht, nur eine kleine Elite spricht in Pakistan Englisch und liest Literatur. Doch jetzt, nach all dem internationalen Applaus, wird es gerade in die Landessprache Urdu übersetzt. „Hoffentlich gibt es keine Kontroverse in der Presse“, sagt Hanif, seine Stirn legt sich in Falten. „Es ist ja auch viel los im Land, man nimmt nicht unbedingt alles so wahr.“

Aber welche politische Relevanz hat der Roman eigentlich? Warum Zia ul-Haq heute, 21 Jahre nach seinem Tod? Ist denn der General mit seiner Islamisierung des Landes nicht der Vater des Jihad, des heiligen Kriegs? „Nein“, Hanif wehrt ab. „Diese Ehre würde ich ihm nicht zuteil werden lassen. Als die Kommunisten in Afghanistan einmarschierten, suchten die Amerikaner nach einer Lösung. Sie verbündeten sich mit Zia. Und dann kam der Gedanke auf, zornige und religiöse junge Männer aus aller Welt gegen die Kommunisten loszuschicken. Alle haben zusammengeschmissen damals, der CIA, die Europäer, die Saudis. Ich weiß nicht, wer die Vaterschaft des Jihad für sich beanspruchen möchte?“ Vielleicht habe er, neben der Langeweile, ja auch deshalb das Buch geschrieben. Wegen der heutigen Aktualität. Die Entwicklungen? Angsteinflößend. Aber nicht so schlimm, wie sie in der New York Times stehen. „Die Leute sind schon besorgt“, sagt er. Aber in Karachi, in das er erst 2008 nach 12 Jahren London mit seiner Frau und seinem elfjährigen Sohn zurückgekehrt ist, lebe man eben bisher wie immer. Und das Leben sei schön dort, mit dem Meer und sogar mit der manchmal ausbleibenden Elektrizität. Ein toleranter Ort, in dem man atmen kann. In London würden ja auch grundlos Kinder niedergestochen. Und in Karachi war es, fügt er hinzu, wo alles begann. Hier fand er seinen ersten richtigen journalistischen Job nach den ersten Fernsehrezensionen, die er noch beim Militär schrieb, hier ging das Leben los, das er lange gesucht hat. Das Leben, in dem etwas passiert, in dem man Menschen begegnet. Und hier habe er ja auch seine Liebe gefunden.

Und was ist sein nächstes Projekt? „Oh, viel. Mal wieder Bühnenstücke, viele Geschichten, ja, auch ein Roman.“ Er lugt irgendwie von unten aus seinem Haarschopf hervor und fügt hinzu: „Eine Liebesgeschichte. Ich weiß noch nicht, wohin sie führt. Darum schreibe ich ja. Gegen die Langeweile.“ Und natürlich ist die Langeweile ein guter Grund. Und die Liebe. Was auch sonst.

Das Porträt basiert auf einem Interview der Autorin mit Mohammed Hanif im April 2009.
Author: Heike Gatzmaga

Works

A Case of Exploding Mangoes

Published Written,
2008
Random House: London

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Literaturreihe

(05 May 09 - 17 November 09)