Arthur Bispo do Rosário

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crossroads:
Grenzerfahrung, Identität, Mystik, Religion, Transformation
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation, Text, Wandbild)
Design & Kunstgewerbe (Mode, Textilien)
region:
America, South
country/territory:
Brazil
created on:
November 6, 2008
last changed on:
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Article

Vorbereitung auf die Ewigkeit

In den letzten Jahren geriet Arthur Bispo do Rosário zu einem heißen Exportschlager der Kunst aus Brasilien. Dabei hat Rosàrio, der 50 Jahre lang in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses in Rio de Janeiro lebte, sich selbst nie als Künstler verstanden: Mit seinem Werk wollte er einen spirituellen Auftrag erfüllen. Bispo do Rosário war ein Autodidakt und in seiner Arbeit auf die Materialien seiner Umgebung beschränkt, aber in seinen Stickereien und Assemblagen finden sich viele Konzepte der Moderne wieder.
Das Werk Arthur Bispo do Rosários ist nicht von seiner persönlichen Geschichte zu trennen. Er gehörte zu den Außenseitern, die sich selbst nicht als Künstler sehen, sondern ihr Werk als persönlichen Auftrag begreifen. Die Verbindung zur Kunstwelt haben in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts andere für ihn hergestellt, wie etwa die brasilianische Künstlerin Lygia Clark oder Frederico Moraes, der 1989 Rosários erste Ausstellung in Rio de Janeiro organisierte. Gleichwohl sorgt das Museu Bispo do Rosário Arte Contemporana in Rio, das seit 2000 sein 802 Arbeiten umfassendes Werk verwaltet, für einen Rahmen, der die Parallelen zwischen dem individuellen Kosmos Bispo do Rosários und den Kunstkonzepten der Moderne vom Surrealismus bis zur inszenierten Fotografie aufzeigt.

Geboren 1911 (anderen Quellen zufolge 1909) in Japaratuba, Sergipe an der Ostküste Brasiliens, arbeitete Bispo do Rosário zunächst als Schiffsjunge, Signalgeber in der Marine und als Boxer. 1933 wegen Aufsässigkeit entlassen, schlug er sich in Rio de Janeiro fünf Jahre lang mit Jobs in Elektrizitätswerken, Hotels und als Hausangestellter durch, bis er 1938 erstmals in psychiatrische Betreuung kam. Er hielt sich für den Heiligen Joseph, dem Jesus begleitet von blauen Engeln erschienen war. Im Krankenhaus Colinia Juliano Moreira begann er, einem göttlichen Auftrag folgend, kreativ zu arbeiten. Seine Werke wucherten bald über einen ganzen Gebäudetrakt. Er verbrachte dort die nächsten 50 Jahre bis zu seinem Tod und bereitete sich mit allem, was er tat, und allem, was er herstellte, auf das Jüngste Gericht vor.

Ein wichtiges Element seiner Werke ist die Sprache: Er stickte seine Botschaften auf Stoffe, die er dort, wo er lebte, erhalten konnte: Betttücher, Tagesdecken, alte Uniformen, Anstaltskleidung. Dass Männer sich mit der langsamen und meditativen Arbeit befassen, entsprach einer Tradition in seiner Heimatstadt Japaratuba: Dort sind es die Männer, die die Banner und Kostüme für die Prozession der Madonna sticken. In dieser handwerklichen Technik drückte sich Bispo do Rosário mit großer Sicherheit aus, er brauchte weder Entwürfe noch Vorzeichnungen.

Seine Texte sind vielfältig. Es gibt Gedichte, aber auch Werbetexte für Bibeln, die mit der überaus ironischen Feststellung enden „aber selbst mit Bibel ist man verlassen in der Psychiatrie“. In anderen Texten kommentiert er das Zeitgeschehen oder erzählt von einer unmöglichen Liebe. Die gestickten Buchstaben, oft groß und deutlich ausgeführt, erinnern dabei in ihrer ornamentalen Pracht an die Inkunabeln mittelalterlicher Buchkunst. Ebenso hat die Vielseitigkeit der Stoffe, die mal ein kleinteiliges, farbenprächtiges Patchwork bilden, mal so groß wie die Decken sind, etwas vom Charakter der arte povera, der kein Stofffetzen zu gering ist, um nicht mit einer Geste der Demut und einem symbolischen Gehalt belegt zu werden.

Bispo do Rosário schrieb nicht nur auf Stoffen, sondern auch auf Papier, Pappe und Holz, baute Stellagen für seine Inventare aus unzähligen Tafeln. Namenslisten, Zahlenkolonnen, Ordnungsystemen: So arbeitete er ständig an einer Katalogisierung des eigenen Lebens. Damit setzt ihn Valerie Smith, die ihn 2008 als Kuratorin der Ausstellung „Rational / Irrational“ im Haus der Kulturen der Welt das erste Mal in Deutschland ausstellt, mit den Konzepten der Hamburger Konzeptkünstlerin Hanne Darboven in Beziehung: Deren Werk tritt dem permanenten Verstreichen der Zeit mit Systematiken des Festhaltens entgegen.

Seine Vergangenheit als Boxer und vor allem sein Leben als Seemann tauchen in Bispos Bildkosmos vielfach auf. Er entwarf ganze Topographien Brasiliens und besetzte sie mit detailreich ausgestatteten, gestickten Schiffen, aus denen kleine silberne Ankerketten baumeln. Die Materialien dienten ihm fast immer als Grundlage einer Umdeutung: Er baute Betten mit seidenen Kordeln zu Himmelsfahrzeugen und Fahrräder zu Glücksrädern um, legte Assemblagen aus Knöpfen, Besen, Tassen, Löffeln, Gummistiefeln und Flaschen an. Manchmal verband er unterschiedlichste Dinge wie in einem fahrbaren Marktstand. Viele Elemente seiner Werke sind farblich komponiert, leere Flaschen etwa sind mit farbigen Papierschnipseln gefüllt.

So bestickte er auch Jacken und machte sie zu Zeremonialgewändern. Es gibt 32 Fotografien, auf denen er diese Kostüme vorführt. Wie Wilson Lázaro, Kurator des Museu Bispo do Rosário Arte Contemporana, betont, wies er die Fotografen dabei sehr genau an, wie er aufgenommen werden sollte.

Wilson Lázaro weiß auch, dass Arthur Bispo do Rosário die meiste Zeit seiner Jahre im Krankenhaus einen Schlüssel besaß und damit einen Ausnahme-Status unter den Insassen genoss. Die Anstalt funktionierte für ihn als ein Schutzraum, in dem er in Ruhe seiner Sache nachgehen konnte. Trotzdem bei ihm eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert wurde, kamen die „harten“ Therapien seiner Zeit bei ihm nicht zur Anwendung. Tatsächlich beanspruchte er die Dienste anderer Patienten, des Personals und der Besucher der Anstalt, zum Beispiel bei der Materialbeschaffung. Sein Auftrag, die Vorbereitung auf das Jüngste Gericht, verlieh ihm eine Autorität, der andere sich zu fügen hatten. Er entschied, wer sein Werk sehen durfte. Deshalb beinhaltet sein künstlerisches Werk, das eigentlich eine gigantische Einheit, eine fortgesetzte Akkumulation bildet, auch performative Akte.

Von hier lassen sich viele Linien zu den Ready Mades der frühen Moderne ziehen, den Assemblagen, die Fernandez Arman in den sechziger Jahren anlegte. Das erklärt, warum die Kunstwelt sich für den Autodidakten, der sich für sie nicht interessierte, begeistern konnte. Aber auch sein Rückzug, seine Konzentration auf sein Werk, das er unabhängig von den Erfolgen und Misserfolgen der „Welt da draußen“ schuf, verleiht ihm bis heute eine besondere Aura. Sich als Künstler nicht über eine Position am Kunstmarkt zu definieren und unabhängig vom Kunstbetrieb zu agieren, ist eine selten gewordene Tugend. Gerade um derentwillen öffnet sich der Kunstbetrieb von Zeit zu Zeit Außenseitern wie Arthur Bispo do Rosário, die einen unberührten Schöpferbegriff verkörpern.

So kam Bispo do Rosário 1995 auf die Biennale in Venedig. Seit Beginn der neunziger Jahre waren seine Arbeiten in vielen Gruppenausstellungen in Brasilien zu sehen, 2003 erhielt er eine Soloshow im Jeu de Paume in Paris.



Aus einem Gespräch der Autorin mit Wilson Lázaro im November 2008.
Author: Katrin Bettina Müller

Bio

1909 oder 1911 in Japaratuba, Sergipe in Brasilien geboren. Er fuhr ein paar Jahre
zu See, wurde wegen Disziplinschwierigkeiten entlassen und nahm daraufhin diverse Jobs an. 1938 beginnt die Geschichte seiner Krankheit, der paranoiden Schizophrenie. Bald darauf beginnt er, im Krankenhaus Colinia Juliano Moreira kreativ zu arbeiten. Er stirbt dort 1989.

Works

Gruppenausstellungen (Auswahl)

Established
2006 Museum of Modern Art, Dublin. Irland / Whitechapel Gallery, London, Großbritannien / Fundacion La Caixa, Madrid, Spanien / 2005 Museu Bispo do Rosário + 3, Rio de Janeiro, Brasilien / Museu Oscar Niemeyer, Curitiba, Brasilien / 2001 Un Art Populaire, Fondation Cartier pour l´art contemporain, Paris, Frankreich / Imágenes del Inconsciente, Fundación PROA, Buenos Aires, Brasilien / Salomon R. Guggenheim Museum New York, USA / 1995 46th International Art Exhibition Venice Biennale, La Biennale di Venezia, Venedig, Italien

Einzelausstellungen (Auswahl)

Established
2006/7 Arthur Bispo do Rosário, Oriel Mostyn Gallery, Llandudno, Wales, Großbritannien / 2003 Galerie National de Jeu de Paume, Paris, Frankreich / 2001 Arthur Bispo do Rosário, MARP - Museu de Arte de Ribeirão Preto, Sao Paulo, Brasilien

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Rational/Irrational

(08 November 08 - 11 January 09)
images
Merendeira cor - de – rosa
Cama de Romeu e Julieta
Navios de Guerra