Tamas St.Auby

Article Bio Projects
crossroads:
Ironie, Satire
genre(subgenre):
Aktionskunst (Fluxus)
region:
Europe, Eastern
country/territory:
Hungary
created on:
January 21, 2007
last changed on:
Please note: This page has not been updated since January 15, 2009. We decided to keep it online because we think the information is still valuable.
information provided by:
Other languages:
Tamas St.Auby
Tamás St. Auby. Courtesy of the artist

Article

Nicht-Kunst-Künstler im St.reik

Leistungsverweigerung in vielerlei Form scheint das Lebensmotto von Tamas St. Auby zu sein. Der 1944 in Ungarn geborene Künstler ist auch bekannt als Tamás Szentjóby, Tamas Stjóby, Tamas Stauby, Tamas St. Aubsky, Emmy Grant, Emily Grant, Tamas Staub, Tamas Taub. St. Auby begann seine künstlerische Laufbahn mit ihrem Ende. Schon 1966 schrieb der Nicht-Kunst-Künstler sein letztes Gedicht und setzte so einen Schlusspunkt unter seine aktive Beschäftigung mit der Kunst. Trotzdem entstand seitdem ein umfangreiches Oeuvre aus Aktionen, Happenings, Gedichten, Kompositionen, Skulpturen, Gedanken, Mail Art, das international vor allem den happy few bekannt ist – dabei ist St. Auby alles andere als elitär und versteht sich selbst als neo-sozialistischer Realist. In der ungarischen Kunstgeschichte nimmt St. Auby eine Schlüsselposition ein. Einerseits durch seine nicht leicht zu greifende, aber sehr einflussreiche (nicht-)künstlerische Praxis, andererseits dadurch, dass er wesentlich verantwortlich für die Verbreitung von Happening und Fluxus in Ungarn ist.
Zusammen mit dem Künstler und ehemaligen Schulfreund Gábor Altorjay veranstaltete er 1966, angeregt durch einen Zeitungsartikel über ein Happening von Salvador Dalí (!), das erste Happening in Ungarn „Az Ebéd – In Memoriam Batu Kán“ (Das Mittagessen – In memoriam Batu Kán). Es zeigt die Künstler bei einem Großangriff auf die sie umgebene Materie. Gegenstände werden zerlegt, es wird gegessen, Salzwasser getrunken und gekotzt. Die Presseresonanz war groß – und wie bei ähnlichen Veranstaltungen in Ost und West üblich – vernichtend. Auch die Mitarbeiter der Geheimpolizei ließen es sich nicht nehmen, dabei zu sein und im Anschluss ausführlichen Bericht zu erstatten. Doch St. Auby (damals: Szentjóby) ließ sich auch durch zahlreiche Repressionen nicht davon abhalten, weitere Happenings und Aktionen durchzuführen. Seine Aktivitäten brachten ihm bei der ungarischen Staatssicherheit den Namen Schwitters ein – die Spitzel waren vom Fach.

1969 veranstaltete St. Auby das erste Fluxus-Konzert in Ungarn und demonstrierte damit eine der bestechenden Eigenschaften von Fluxus: Eine Drucksache mit Partituren (hier das vom inzwischen emigrierten Freund Altorjay an St. Auby gesandte Fluxfest Sale) genügte, um Kompositionen aufzuführen und erlebbar zu machen. Ein weiteres Fluxus-Konzert, das 1973 kurz vor der Aufführung verboten worden war, wurde 1993 nachgeholt; die 1973 verkauften Karten hatten ihre Gültigkeit behalten.

Eine Aktion, deren fotografische Dokumentation in Ungarn zur kunsthistorischen Ikone wurde, ist die „Autotherapeutische Übung zur Vorbeugung gegen Verurteilung“ (1972) im Kapellenstudio von Balatonboglár, einem temporären Ort unabhängiger Kunstpraxis. Dort saß St. Auby eine Woche lang täglich mit einem Blecheimer über dem Kopf, an der Wand ein Angebot an Fragen, die Besucher ihm stellen konnten, zum Beispiel: „Kann man eine Gemeinschaft mit einer anderen Person bilden, wenn man selbst nicht frei ist?“ oder „Bedeutet Aktion eine Sünde?“

Schon 1968 hatte St. Auby die „Internationale Parallele Union der Telekommunikation“ (IPUT), zunächst unter dem Decknamen „Parallelkurs/ Lehrbahn“ - da die „pseudo-kommunistische Militärbürokratie“ jede von unten ausgehende Initiative unterdrückte - gegründet und schuf damit ein Paralleluniversum, eine fiktive Organisation, bei der er bis heute unterschiedliche Positionen innehatte; zwischenzeitlich als Dispatcher, inzwischen als Superintendent. Ab 1972 beschäftigte er sich mit dem Themengebiet Streik und begann die Realisierung des „Existenzminimum Standard Projekt 1984 W“ zu planen, das in verschiedenen Phasen realisiert werden sollte. Ziel ist vor allem die Gewährung eines Grundeinkommens, einer Art Bürgergeld, das vom Militärbudget des Staates finanziert werden soll.

Nach Jahren der Repression in Ungarn und einer Verhaftung (1974) wegen Samizdat-Aktivitäten wurde er 1975 des Landes verwiesen und ließ sich – als Inhaber eines Schweizer Passes – in Genf nieder. Dort lernte er den Geschäftsmann und Kunstsammler Huilliers kennen, der ihn über lange Zeit durch konsequente Werkankäufe unterstützte und ihm so ein existenzsicherndes Grundeinkommen gewährte. 1977 brach er mit kommerziellen Galerien; seit 1980 organisiert er Nicht-Kunst-Streiks. Sein Genfer Streik-Dogma von 1981:
1. Gegen göttliche Bestrafung – für die Unsterblichkeit des Körpers
2. Gegen die Entfremdung durch Arbeit – für das Existenzminimum
3. Gegen unterschätzte Arbeit – für den Respekt
4. Gegen unterbezahlte Arbeit – für Geld

1981 gründete er in der Fribourger Kirche St. Borromée als III. Phase des „Existenzminimum Standard Projekt 1984 W“ den 24. Schweizer Kanton, in dem „die Verweigerer der Militärstrategie als des Überkonsums der verbotenen Frucht“ leben.

Nach dem politischen Umbruch 1991 kehrte St. Auby nach Ungarn zurück und leitete für kurze Zeit eine Galerie (Bartók 32). Seit dieser Zeit lehrt er auch an der Intermedia-Fakultät („Intermedia-Kinderkrippe“) der Ungarischen Akademie für Schöne Künste und hat insbesondere auf die jüngeren Künstler in Ungarn einen bedeutenden Einfluss.

1992 realisierte er in Budapest einen Vorschlag seiner Künstlerkollegin Júlia Lorrensy und transformierte das Denkmal der Befreiung auf dem Gellértberg in die Statue der Seele der Freiheit 1992 W. Das monumentale Denkmal wurde auf einfache Weise manipuliert, indem es mit einem gigantischen weißen Tuch mit zwei schwarzen Punkten verhüllt und so zu einem Gespenst wurde – unter Genehmigung der Behörden für vier Tage.

1996/97 präsentierte St. Auby die IV. Phase des „Existenzminimum Standard Projekt 1984 W“, die Ausstellung „Soteriologische Katabasis“ in der Budapester Kunsthalle und demonstrierte damit, wie Streik oder Leistungsverweigerung bisweilen in totale Affirmation umschlagen kann: Gezeigt wurden 3334 (!) „Baddrawings with Badtitles“.

Als Künstler tat St. Auby in den letzten Jahren das, was ungarische (und internationale) Kunsthistoriker zurzeit noch schuldig bleiben. Als Agent der von ihm 2001 gegründeten „Globalen Front der Anti-Kunstgeschichtsfälscher der Neo-Sozialistisch-Realistischen IPUT“ (NETRAF) schuf er das „Tragbare Intelligenzpotenzierende Museum“, ein interaktives Objekt, das die bislang weitgehend vernachlässigte ungarische Neo-Avantgarde (von 1956 bis 1976) in Objekten, Fotos, Filmen und Dokumenten zugänglich macht.

St. Auby hat erreicht, was ein Künstler oder besser Nicht-Kunst-Künstler erreichen kann: die größtmögliche Unabhängigkeit von Galerien und Institutionen und das nicht zuletzt durch eine unangreifbare persönliche Integrität. Dieses Ziel lässt sich über zwei sehr unterschiedliche Wege erreichen: Über den außerordentlichen Erfolg – oder im Falle St. Aubys über das Desinteresse an den tradierten künstlerischen Erfolgsmaßstäben. Darüber, mit dem Existenzminimum zufrieden zu sein und nicht danach zu suchen, größtmöglichen „Erfolg“, was auch immer das sein mag, zu erreichen.
Author: Petra Stegmann

Bio

1944 geboren in Fót, Ungarn
Lebt in Budapest

Tamás St. Auby (auch Szentjóby, Stjauby, Emmy / Emily / Grant, St. Aubsky, T. Taub usw.) war zunächst Dichter und Cartoonist, bevor er „neo-sozialistischer Realist” wurde. Im Sommer 1966 organisierte er gemeinsam mit Gábor Altorjay das erste Happening in Ungarn. 1968 gründete er die „Internationale Parallele Union der Telekommunikation“ (IPUT), deren „Superintendent” er ist. 1969 organisierte er das erste Fluxus-Konzert in Budapest. Ein zweites Fluxus-Konzert 1973 wurde kurz vor der Aufführung verboten und genau zwanzig Jahre später nachgeholt. 1972 begann St. Auby sich mit dem Thema Streik zu beschäftigen, was 1974 zu dem Programm „Existenzminimum Standard Projekt 1984 W ? Mach einen Stuhl!“ führte. 1974 wurde er aufgrund seiner Samizdat-Aktivitäten verhaftet und 1975 des Landes verwiesen. In Genf eröffnete er das neue Hauptquartier von IPUT. Hier entwickelte er das LSP 1984 W weiter. Er nahm an mehreren Fluxus-Veranstaltungen teil – beispielsweise am Fluxconcert for George Maciunas 1980 in Genf. Ab 1980 organisierte er mehrere „nichtkunst-künstlerische Streiks“. 1987 eröffnete er in Genf die Galerie Ruine, die auf dem Prinzip No Profi/Noprofil/No-profit beruhte.

1991 kehrte St. Auby nach Budapest zurück, wo er Dozent an der neu eingerichteten Intermedia-Fakultät der Hochschule der Bildenden Künste wurde. St. Auby gründete 2001 die Globale Front der Anti-Kunstgeschichtsfälscher der Neo- Sozialistisch- Realistischen IPUT (NETRAF), in deren Namen er das Portable Intelligence Increase Museum präsentiert.

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Europe Now | Europe Next

(01 August 06 - 31 July 07)