Ousmane Sembène

Article Bio Works www
crossroads:
Gender, Kolonialismus
genre(subgenre):
Film (Spielfilm)
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Erzählung, Roman)
region:
Africa, Western
country/territory:
Senegal
city:
Dakar
created on:
May 28, 2003
last changed on:
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Article

„Dem inneren Schrei eine Stimme geben“

Der 1923 in Senegal geborene Ousmane Sembène ist einer der meistgelesenen Autoren Afrikas und gilt als Vater des afrikanischen Films. Um seine Gedanken auch einem analphabetischen Publikum zugänglich zu machen, studierte er fast 40-jährig von 1961 bis 1962 in Moskau an der Moscow Film School. In seinen vielfach ausgezeichneten Werken setzt er sich engagiert und kritisch mit dem kolonialen und postkolonialen Afrika auseinander.
„Dem inneren Schrei ihrer Völker eine Stimme (zu) geben“, empfiehlt der 1926 im senegalesischen Ziguinchor geborene Ousmane Sembène angehenden afrikanischen Filmemachern. Allerdings solle man nicht zu didaktisch vorgehen und keine Lösungen anbieten. Wie das zu verstehen ist, zeigt exemplarisch sein Film „Guelwaar" (1992), der 1992 in Venedig die Goldmedaille des Präsidenten des italienischen Senats gewann. „Guelwaar", entstanden nach dem gleichnamigen Roman Sembènes, zeigt ein geplündertes Land, dem religiöser Fanatismus, angeheizt von machtpolitischen Interessen, noch größere Wunden schlägt. Durch ein Missverständnis wird die Leiche Guelwaars verwechselt und von einer muslimischen Familie, die ebenfalls einen Toten zu beklagen hat, beerdigt. Diese will die Verwechslung nicht wahrhaben, als die katholische Trauergemeinde den Leichnam zurückfordert.

Während sich die Auseinandersetzung zwischen den Familien bedrohlich zuspitzt, charakterisieren assoziative Rückblenden den toten christlichen Gewerkschaftspolitiker als einen Kämpfer, der die korrupten Behörden anklagt, die Bevölkerung mit ihrer – vom Westen finanzierten – Nahrungsmittelhilfe im wahrsten Sinne des Wortes abzuspeisen. Im Auftrag der Ältesten hält Guelwaar bei einer Dankveranstaltung für die Vertreter europäischer, Nahrungs- und Entwicklungshilfe gewährender Institutionen eine Rede. Zum Entsetzen der senegalesischen Repräsentanten gipfelt sie in den Worten: „Wir, das Volk, stumm und ohne Würde, wir tanzen vor diesen Spenden: Welche Erniedrigung!“ Noch während Guelwaar spricht, befiehlt der Abgeordnete, ihn zum Schweigen zu bringen. Einige Tage später stirbt Guelwaar an den Folgen der Schläger seiner Folterer.

Während allmählich die wahren Umstände seines Todes ans Tageslicht kommen, erhält das Ansehen des zum Volkshelden stilisierten Guelwaar deutliche Risse. Der christliche Märtyrer war zu Lebzeiten, nicht anders als der Moslem, in dessen Grab er liegt, ein Despot, unter dem seine Frau zu leiden hatte. Schritt für Schritt führt Ousmane Sembène seinen Zuschauern die Probleme Senegals vor Augen. Sein ebenso poetischer wie kritischer Film hinterfragt die Abhängigkeit von Nothilfe und stellt die gesellschaftlichen, politischen und religiösen Konflikte seines Landes pointiert dar.

Mit „Guelwaar" hat Ousmane Sembène einmal mehr Kino als „Abendschule des Volkes“ geschaffen, das sich in der Tradition der Lehrstücke Brechts versteht. In unterhaltsamer „Verpackung“ behandelt Sembène Probleme des postkolonialen Afrika: die Abwanderung der gut ausgebildeten Elite nach Europa; die Ignoranz der Herrschenden gegenüber den Problemen der einfachen Bauern; die Korruption im großen Stil, aber auch jene kleineren Gefälligkeiten und Zuwendungen, die Loyalität sichern sollen sowie fehlendes Selbstvertrauen in die eigenen Kräfte und daraus resultierende Minderwertigkeitsgefühle.

In „Guelwaar“ hat Ousmane Sembène die Themen aufgenommen, die ihn immer bewegt haben. Der bereits mit autobiografisch motivierten Romanen wie „Le Docker Noir“ und „Pays, mon beau peuple!“ erfolgreiche Schriftsteller nahm 1961-1962 im Alter von fast 40 Jahren ein Regiestudium am Moskauer Gorki-Filmstudio auf, um seine Ideen auch einem Publikum bekannt zu machen, das nicht lesen kann. So wurde er zum Vater der afrikanischen Filmkunst. Mit dem ersten professionell gedrehten Film „Borom Sarett" (1963) legte er den Grundstein für das afrikanische Filmschaffen. Sembènes Ziel war es, bei seinem Publikum nach dem Ende der Kolonialzeit ein Bewusstsein für die eigene Geschichte und die eigenen Probleme zu wecken. Im Film schildert er ebenso wie in seinen Romanen den Kampf gegen den Kolonialismus, übt Kritik an überholten Traditionen, problematisiert das Stadt-Land-Gefälle sowie die daraus resultierende ländliche Abwanderung und bezieht Stellung gegen die Unterdrückung der Frau.

Dabei profiliert er sich gegen den bis dahin vorherrschenden ethnografischen Film als Vertreter eines eigenständigen afrikanischen Films. In einem inzwischen als historisch geltenden Streitgespräch mit dem europäischen Filmemacher Jean Rouch aus dem Jahr 1965 kritisiert Sembène: „Die ethnografischen Filme haben uns oft mehr geschadet als genutzt“. Er greift Rouchs rein ethnografische Filme an, „weil darin eine Wirklichkeit gezeigt beziehungsweise vorgesetzt wird, ohne dass deren Entwicklung gesehen würde. Ich werfe Ihnen vor, wie ich auch den Afrikanisten vorwerfe, uns anzuschauen, als wären wir Insekten ...“.

Im ersten langen Spielfilm eines schwarzen Afrikaners „Le Noir de ...“ (1966) erzählt Sembène die Geschichte Diounas, einer senegalesischen Gouvernante, die bei einer französischen Familie in Dakar lebt – ein herzzerreißendes Stück über Entfremdung und Vereinzelung. Diouna, die Teil einer Kultur werden wollte, die nicht die ihre war, scheitert, als sie mit der französischen Familie nach Frankreich fährt. Eingeschlossen in die vier Wände der Wohnung, fühlt sich die Analphabetin einfacher Herkunft wie eine Gefangene, die weit entfernt von ihrer Familie dazu verdammt ist, nichts als Hausarbeit zu verrichten. Frankreich existiert nicht für sie. Nur ein einziges Mal, kurz bei ihrer Ankunft, sieht sie das Land aus dem Autofenster. Als Diouna ihre Einsamkeit nicht mehr erträgt, begeht sie Selbstmord.

Mit „Mandabi" ( „Die Überweisung“, 1969) beginnt Sembène auf Wolof zu drehen. Der Film kritisiert die Bürokratie und Ineffizienz des postkolonialen Senegal. Auch in „Xala“ (1974) hält er der neuen afrikanischen Bourgeoisie den Spiegel der enttäuschten Erwartungen der afrikanischen Unabhängigkeit vor. In „Xala" geht es vordergründig um die Geschichte eines Fluchs. El Hadji Abdou Kader ist ein Kriegsgewinnler, ein Geschäftsmann, der die französischen Kolonialherren nicht nur bekämpft, sondern nach der Unabhängigkeitserklärung Senegals als Mitglied des Parlaments auch beerbt hat. El Hadji gibt sich aufgeklärt. Im Gegensatz zu seiner patriotischen Tochter beharrt er darauf, dass Unterhaltungen in seinem Haus auf Französisch geführt werden. Als Moslem, der bereits zwei Frauen und etliche Kinder hat, beruft sich der Alte auf das Gebot der Vielehe. Seine dritte Frau ist jünger als seine Tochter, die Hochzeit hat El Hadji mit Reis aus internationalen Hilfeleistungen bezahlt, die er im Selbstbedienungsladen des neuen Parlaments unterschlagen hat. Der „Xala“, der Fluch der Impotenz, der ihn in der Hochzeitsnacht beschämt, könnte privater Natur, könnte aber auch der Rache seiner Frauen entsprungen sein. In der Tradition Brechtscher Parabeln, die Sembène um die Ironie einer vom Fluch der Vergangenheit heimgesuchten afrikanischen Moderne bereichert, meint sein Versagen auch politische Impotenz.

„Ceddo“ (1977) beschreibt Westafrika zur Zeit des Eindringens von Christentum und Islam. Die Menschen geraten hier sowohl für die Repräsentanten der Religionen als auch für Sklavenhändler zur Ware. Ein Imam scheint einen besonderen Erfolg verbuchen zu können, als ihm die Bekehrung der königlichen Familie der Ceddo zum Islam gelingt. Die Ceddo, eine stolze Volksgruppe, leisten jedoch Widerstand und weigern sich, auf ihre religiösen Werte und ihre Identität zu verzichten. „‚Ceddo’ ist eine Vorwegnahme unserer heutigen afrikanischen Staatsstreiche und eine Reflexion über direkte oder indirekte Verantwortung der Religionen an der Entfremdung des afrikanischen Menschen – selbst in unseren Tagen“, resümiert Sembène zum Hintergrund des Films.
„Ceddo" und „Xala" wurden im Senegal vorübergehend zensiert.

In „Camp de Thiaroye“ ( „Camp der Verlorenen“, 1988) nimmt Sembène noch einmal ein Thema auf, das er aus seiner eigenen Biografie bestens kennt, war er doch selbst 1942 in die französische Kolonialarmee einberufen worden. 1944 kehren zahlreiche afrikanische Soldaten als gebrochene Menschen aus unterschiedlichen französischen Kolonien aus dem Zweiten Weltkrieg zurück ins Lager von Thiaroye an der Peripherie von Dakar. Dort sollen sie wieder zu „braven Negern“ gemacht werden. Doch sie werden schlecht verpflegt und rassistische Verachtung schlägt ihnen entgegen. Obwohl sie wertvolle Mitkämpfer waren, erhalten sie nur einen Teil der versprochenen Entschädigung. Enttäuscht entfesseln sie eine Revolte, die von einem weißen Lagerleiter mit brutaler Gewalt unterdrückt wird. Ousmane Sembène arbeitet mit diesem Film eine authentische, fast vergessene Geschichte auf. „Camp der Verlorenen“ ist ein Paradebeispiel des ausdrucksstarken politischen Films, der den authentischen Fall als Versuchsanordnung benutzt, um wesentliche Probleme des Kolonialismus zu verdeutlichen.

In seinem Film „Faat Kiné" (2000) porträtiert Sembène eine 40-jährige Frau, die sich weigert, das Stigma einer nicht verheirateten Mutter anzunehmen. Es gelingt ihr, in einer männerdominierten Geschäftswelt die Erfolgsleiter zu erklimmen.

Author: Ulrich Joßner 

Bio

Ousmane Sembène wird am 1. Januar 1926 in Ziguinchor, Senegal, geboren. 1942 wird er in die französische Kolonialarmee eingezogen. 1946 gelangt er als blinder Passagier nach Frankreich, wo er bis 1960 lebt. Dort arbeitet er als Automechaniker, Maurer und Docker. Er wird Gewerkschaftsvertreter. 1950 tritt er der Kommunistischen Partei bei. Die Erfahrungen dieser Zeit verarbeitet er in „Le Docker Noir“ und „Pays, mon beau peuple!“ (1960). Mit der Unabhängigkeit Senegals kehrt er zurück in seine Heimat.

1961-1962 studiert er Kinematographie am Moskauer „Maxim Gorki-Studio“. Für seinen ersten langen afrikanischen Spielfilm „La Noire de ..." erhält er 1967 den Prix Jean Hugo. Für „Ceddo" wird er 1977 in Berlin auf dem Internationalen Forum des Jungen Films ausgezeichnet. „Camp de Thiaroye" („Camp der Verlorenen") gewinnt 1988 in Venedig den Großen Spezialpreis der Jury, „Guelwaar" 1992 die Goldmedaille des Präsidenten des italienischen Senats. 1996 erhält er den Livetime Achievement Award des Human Rights Watch International Film Festival in New York.

Ousmane Sembène verstarb am 9. Juni 2007 in Dakar.

Works

Moolaadé - Bann der Hoffnung

Film / TV,
2004
Frankreich, 124 Min.

Faat Kinée

Film / TV,
2000
Französisch und Wolof OF

L´héroïsme au quotidien

Film / TV,
1999

Guelwaar

Published Written,
1997
Roman. Hammer: Wuppertal

Weltkino: Filmkontinent Afrika

Published Written,
1997
Essays. NLI, Dezernat 4 – Medienpädagogik: Hannover

Guelwaar

Film / TV,
1992
Wolof OF

Niiwam and Taaw

Published Written,
1992
Erzählungen. Heinemann: Oxford

Der Voltaer : die Schwarze aus...

Published Written,
1991
Erzählung. Oberbaum: Berlin

Gottes Holzstücke

Published Written,
1988
Roman. Lembeck: Frankfurt am Main

Camp de Thiaroye

Film / TV,
1988

Die Postanweisung

Published Written,
1988
Roman. Oberbaum Verlag: Berlin

Black docker

Published Written,
1987
Roman. Heinemann: London

Niiwam suivi de Taaw

Published Written,
1987

Weiße Genesis

Published Written,
1983
Roman. Oberbaum Verlag: Berlin

The last of the empire A Senegalese novel

Published Written,
1983
Roman. Heinemann: London

Le dernier de l´empire

Published Written,
1981

Man is culture

Published Written,
1979
Essay. Heinemann: London

Chala

Published Written,
1979
Roman. Hammer: Wuppertal

Ceddo

Film / TV,
1977
Wolof OF

Ceddo

Film / TV,
1977
Wolof OF

Xala

Film / TV,
1974
Wolof OF

Tribal scars and other stories

Published Written,
1974
Erzählungen. Heinemann: London

Jeux Olympiques de Munich

Film / TV,
1971

Emitai

Film / TV,
1971
Djoula OF

Taaw

Film / TV,
1970
Wolof OF

Stromauf nach Santhiaba

Published Written,
1970
Roman. Aufbau-Verlag: Berlin

Problème de l’emploi

Film / TV,
1969

Polygamie

Film / TV,
1969

Mandabi / Le mandat

Film / TV,
1968

La Noire de...

Film / TV,
1966
Französische OF

Vèhi-Ciosane ou Blanche Genese

Published Written,
1965

L´Harmattan

Published Written,
1964

Niaye

Film / TV,
1964

L’empire Songhay

Film / TV,
1963

Voltaoque

Published Written,
1962

Borom Sarett

Film / TV,
1962

Les bouts de bois de dieu

Published Written,
1960

Meines Volkes schöne Heimat

Published Written,
1958
Roman. Kindler: München

Pays, mon beau peuple!

Published Written,
1957

Le docker noir

Published Written,
1956

Www

Artikel auf California Newsreel

OUSMANE SEMBENE: THE LIFE OF A REVOLUTIONARY ARTIST - an introductory outline of the forthcoming authorized biography of Ousmane Sembene of the same title

Interview im Guardian

Ousmane Sembène, the Senegalese-born ´father of African cinema´, talked to Bonnie Greer about film-making in Africa, his European experiences and why Live 8 is fake, before receiving the fellowship of the BFI. Here´s a full transcript (5. Juni 2005)