Slamet Abdul Sjukur

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crossroads:
Ökologie, Stille
genre(subgenre):
Musik (Gamelan-Musik)
region:
Asia, Southeast
country/territory:
Indonesia
created on:
September 5, 2005
last changed on:
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Slamet Abdul Sjukur

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Der Ökologe der Musik

Der Komponist Slamet Abdul Sjukur, 1935 in der ostjavanischen Industriestadt Surabaya geboren, gilt als „Vater“ der zeitgenössischen Musik Indonesiens. Er studierte und arbeitete 14 Jahre in Paris, unter anderem bei Olivier Messiaen und Henri Dutilleux. Seit seiner Rückkehr nach Indonesien im Jahr 1974 lebt er als freischaffender Komponist, Lehrer und Kritiker in Jakarta und Surabaya. Mit seinen Kompositionen, die durch extrem reduzierte Klangkonstellationen auf zahlenspekulativer Grundlage geprägt sind, ist Sjukur auf der Suche nach einer neuen „Ökologie der Musik“.
Slamet Abdul Sjukur, die Gallionsfigur der zeitgenössischen indonesischen Musik, ist ein unscheinbarer Mann mit einem verkrüppelten Fuß. Ohne diese Behinderung, Folge einer Kinderlähmung, wäre er möglicherweise niemals zur Musik gekommen. Sjukurs Elternhaus war eigentlich unmusikalisch; sein Vater arbeitete als Lehrer, später als Händler. Seine Oma liebte das Klavierspiel eines holländischen Nachbarn und so entschlossen sich die Eltern, das von Gleichaltrigen gehänselte neunjährige Kind mit einem Klavier an das Elternhaus zu binden. Das Musikinstrument war damit für den jungen Sjukur von Anfang an ein Schutz vor den Anfeindungen der Umwelt.

Während er zu Hause die westliche Musiktradition kennen lernte, erhielt er in der nationalistisch orientierten Schule „Taman Siswa“ Unterricht in ostjavanischer Gamelan-Musik. Sjukur selbst lokalisiert die frühen, entscheidenden künstlerischen Einflüsse jedoch mehr bei dem Großvater mütterlicherseits, einem spartanisch lebenden, kleinwüchsigen Mann, und seiner Großmutter. Sie war es, die ihn mit der Stille vertraut machte, und ihn bei Konzerten bat, still zu sein, damit „die Musik zu ihm reden könne.“ Der Großvater, Anhänger des I-Ging, erschloss dem Jungen die Welt der Zahlen durch esoterische Zahlenspekulationen.

Zur Zeit der japanischen Besatzung Indonesiens (1941-45) floh die Familie und lebte in mehreren ostjavanischen Städten. Ihre gesamte Habe, auch das Klavier, mussten sie zurück lassen. Erst mit der Anerkennung der unabhängigen Republik Indonesien durch die Niederländer 1949 kehrte die Familie nach Surabaya zurück. Sein Vater erwarb nach der Heimkehr ein neues Klavier, und der junge Sjukur konnte so nach nahezu fünf Jahren Unterbrechung den Klavierunterricht wieder aufnehmen. Sein neuer schweizer Klavierlehrer Josef Bodmer machte ihn mit französischer und spanischer Musik vertraut, und bewegte ihn zu dem Wunsch, Indonesien hinter sich zu lassen und nach Frankreich aufzubrechen.

Es war ebenfalls Josef Bodmer, der ihn 1952 an das erste indonesische Institut für westliche Musik, das Sekolah Musik Indonesia (SMIND) holte. Für Sjukur folgte eine Phase intensiver Auseinandersetzung mit westlicher Musik. 1956 schloss er sein Studium in Yogyakarta ab, und brach noch im selben Jahr gemeinsam mit seinem Vater nach Frankreich auf, um seine Behinderung in Holland behandeln zu lassen. Die ägyptische Blockade des Suezkanals jedoch bewegte die beiden dazu, schnellstmöglich ein Schiffsticket für die Rückreise nach Indonesien zu buchen. Das Bein blieb unbehandelt.

Nach seiner Rückkehr nach Surabaya war Sjukur von einem musikalischen, aber relativ unpolitischen Pionierbewusstsein durchdrungen. Er gründete mit Freunden einen Kreis Musikinteressierter und schließlich 1960 die „Alliance Francaise“. Am 22. Oktober 1962 begann dann eine neue Lebensphase: Er reiste mit einem Stipendium nach Frankreich, wo er die nächsten vierzehn Jahre seines Lebens verbrachte – der für diese indonesische Musikergeneration längste Auslandsaufenthalt überhaupt, sieht man von Paul Gutama Soegijo ab, der heute immer noch in Berlin lebt. Sjukur studierte am Conservatoire National Supérieur de Musique und der Ecole Normale de Musique in Paris und war bis 1967 unter anderem Kompositionsschüler bei Henri Dutilleux. In den folgenden Jahren arbeitete er als freier Komponist und Pianist in diversen Tanz- und Ballettschulen und besserte sein Budget als Masseur und traditioneller Heilkundler auf. Daneben wirkte er kurzzeitig bei einem Projekt des ORTF (der „Groupe de Recherches Musicales“) unter der Leitung von Pierre Schaeffer, dem Pionier der musique concrète, mit.

Die indonesische Gamelan-Musik hatte seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts verschiedene europäische und vor allem amerikanische Komponisten beeinflusst. Sjukur verwendet nun seinerseits Elemente westlicher Musik und eine meist westliche Instrumentierung. So gebraucht er in seinen Kompositionen eine westlich geprägte freitonale Musiksprache, die er in eine Art „Gamelan-Kammermusik“ übersetzt. In seinem Gesamtwerk gab es bisher kein einziges Stück für traditionelle indonesische Instrumente. Insofern ist das Werk „Game-Land“, das er 2005 für das Festival „Räume und Schatten“ im Auftrag des Hauses der Kulturen der Welt komponierte, eine Novität. Der deutsche Komponist und Indonesienspezialist Dieter Mack findet Sjukurs „indonesische“ Verwurzelung vor allem in der im traditionellen javanischen Gamelan üblichen, partiell improvisatorischen Aufführungspraxis: Sjukur glaubt nicht an sklavisch genaue Notation. Er will, dass die Musiker und der Komponist auf der Grundlage der Notation interagieren und die Vorlagen mit einer deutlich eigenen Note umsetzen. Nur so, glaubt er, gerät die Musik phantasievoll und lebendig.

Arbeitsskizzen des Komponisten offenbaren die grundlegende zahlensymbolische Struktur seiner Werke. Sjukur komponiert, indem er Zahlenwelten imaginiert. Sein Werk „OM“ (1995) basiert weitgehend auf den ersten 17 Obertönen des Tons A. Diese spirituelle Zahl bringt er mit dem Sepiroth- oder Lebensbaum der kabbalistischen Numerologie, pythagoräischen Formeln und der Feier des 50. indonesischen Unabhängigkeitstages zusammen, für die er diese Komposition geschrieben hat.

Manche Werke Sjukurs erinnern durch die häufige Verwendung von multimedialen Komponenten an abstrakte Musiktheaterformen, andere überraschen durch eine pädagogische Intention, die möglicherweise dafür spricht, dass Sjukur sich auch selbst als „Vater“ der zeitgenössischen indonesischen Musik betrachtet. Er spricht hier mit der Stimme seiner Großmutter: Die Zuhörer sollen neu hören lernen und sich einer neuen Welt der Erfahrung öffnen. So sagte er in einem Interview: „Die Musikerziehung könnte vieles vom Sex lernen, natürlich nicht im Sinne von eher zerstörerischer Körperbefriedigung als vielmehr im Sinne der Vereinigung des Genusses mit dem Zauberhaften, Wundervollen“ (zitiert nach: Dieter Mack, Zeitgenössische Musik in Indonesien, S. 444). Hierfür versucht er, die Musik durch extreme Reduzierung auf einen klanglichen Mikrokosmos zurückzuführen. Die von ihm erschaffene Klangwelt führt an die Grenzen akustischer Wahrnehmbarkeit. Sjukur versteht dies als eine zeitgemäße „musikalische Ökologie“, die einer „musikalischen Umweltverschmutzung“ in den urbanen Gebieten Indonesiens entgegenwirkt. Bei Pierre Schaeffer habe er gelernt, betont der Komponist, dass man alles in Musik verwandeln kann. Es ist Respekt gegenüber dem leisesten Klang, der hierin zum Ausdruck kommt.

Author: Heike Gatzmaga

Bio

Slamet Abdul Sjukur wurde 1935 in der ostjavanischen Industriestadt Surabaya geboren. Zwischen 1952 und 1956 studierte er am ersten indonesischen Institut für westliche Musik, dem „Sekolah Musik Indonesia“ (SMIND) in Yogyakarta. Nach seiner Rückkehr nach Surabaya gründete er mit Freunden einen Kreis Musikinteressierter und schließlich 1960 die „Alliance Francaise“. 1962 reiste er mit einem Stipendium nach Paris und studierte am Conservatoire National Supérieur de Musique und der Ecole Normale de Musique in Paris. Bis 1967 war er Schüler bei Henri Dutilleux , wo er Komposition, aber auch Musiktheorie und Klavier studierte. In den folgenden Jahren arbeitete er als freier Komponist und Pianist in diversen Tanz- und Ballettschulen. 1976 begann er in Jakarta an der Kunstakademie IKJ (Institut Kesenian Jakarta) Musiktheorie und Komposition zu unterrichten. Von 1981 bis 1983 leitete er das Institut und war daneben von 1977 bis 1981 Vorsitzender der Musikabteilung des Kulturrats von Jakarta. 1987 beendete er seine akademische Lehrtätigkeit, wobei ihm jedoch viele junge Komponisten folgten und privat bei ihm weiterstudierten. Seither arbeitet Sjukur als freischaffender Komponist, Lehrer und Essayist. Seit 2000 hat Slamet Abdul Sjukur seine Lehrtätigkeit im Fachbereich Komposition an der Kunstakademie STSI Surakarta wieder aufgenommen.

Works

Indonesie: Slamet A. Sjukur´s Angklung Group

Published Audio,
1992
Arion

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Räume und Schatten

Zeitgenössische Kunst aus Südostasien

(30 September 05 - 20 November 05)