Gridthiya Jeab Gaweewong

Article Bio Projects www
crossroads:
Interdisziplinarität, Interkulturalismus
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Curating Art, Experimentelle Kunst)
region:
Asia, Southeast
country/territory:
Thailand
city:
Bangkok
created on:
September 9, 2005
last changed on:
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information provided by:
Gridthiya Jeab Gaweewong

Article

Langeweile als Verbrechen oder Resistance vs. Existence

Die junge thailändische Künstlergeneration um die 20 steht im Zentrum der Aufmerksamkeit der Bangkoker Ko-Kuratorin der Ausstellung „Politics of Fun“, Gridthiya Gaweewong. „Jungen Leuten ist es egal, ob sie im Untergrund oder im Mainstream operieren. Für sie ist Widerstand kein wichtiges Thema mehr. Es geht bei Ihnen mehr um das bloße Überleben“, so die kritische Einschätzung Gaweewongs. Die gemeinsam mit dem Singapurer Kurator und Performance-Künstler Ong Keng Sen kuratierte Ausstellung, die Künstler aus Indonesien, Thailand, Singapur und Malaysia zusammenbringt, ist zugleich ein Ausdruck von Gaweewongs starkem Interesse an interkulturellem Austausch.
Die thailändische Kuratorin Gridthyia Gaweewong, besser bekannt als Jeab, pendelt zwischen den Welten: sie kuratiert weltweit Ausstellungen und initiiert internationale Kunstprojekte – unter anderem in Südostasien, Australien und Südamerika. Der Wechsel zwischen fremden und vertrauten Welten hat den Blick der 41-jährigen Kuratorin auf die eigene Kunstszene geschärft. So hält sie sich mit ihrer kritischen Einschätzung der jungen thailändischen Künstlergeneration nicht zurück: „Die Einstellung und das Bewusstsein sind völlig anders als in meiner Generation. Für uns war Che Guevara eine bedeutende Figur. Heute ist er nur mehr eine Pop-Ikone auf T-Shirts. Mir kommt es vor, als ob die jungen Leute nur am Ausdruck ihrer Individualität interessiert seien und nicht an einem direkten Kommentar politischer Themen.“

Spaß als Form des Bewusstseins habe, so Gaweewong, im gesamten südostasiatischen Raum die künstlerische Reflexion politischer Wandlungen und gesellschaftlicher Missstände abgelöst, was nicht zuletzt eine Mentalitätsfrage sei: „In Hollywood ist das Tragische ein Verbrechen und wird ganz einfach nicht toleriert. In Südostasien ist hingegen Langeweile ein Verbrechen, denn für uns gibt es kaum etwas Schöneres als Spaß oder ‚sanook’, wie es bei uns heißt. In Burma wissen die Leute zwar nicht, wie sie eine Revolution in Gang bringen sollen, aber sie wissen sehr wohl, wie man es sich gut gehen lässt.“ So sei auch der Ausstellungstitel „Politics of Fun“ zugleich kritisch als auch faktisch zu verstehen: „Der Name der Ausstellung entstand aus der Vorstellung einer Art Eskapismus, bei dem Spaß die neueste Waffe ist“.

In ihrer Ausstellung „Bangkok-Bangkok“ (2005) in der zum Kunstzentrum umfunktionierten Kirche „La Capella“ in Barcelona thematisierte sie den rapiden urbanen und gesellschaftspolitischen Wandel Thailands und insbesondere Bangkoks seit Mitte der 90er Jahre. Im künstlerischen Fokus lag Bangkok als eine Stadt „without any sense of completeness or perfection“.

1996 gründete Gaweewong das internationale und interdisziplinäre Kunstprojekt „304“ in Bangkok, das auch als Non-Profit Ausstellungsraum dient, und vor allem konzeptorientierten Ansätzen Raum geben will. „Project 304“ kann als ein typisches Beispiel für die informellen Netzwerke der südostasiatischen Kunstszene gelten - an Orten wie diesen besteht für Künstler nicht nur eine Ausstellungsmöglichkeit, sie bilden auch Infozentren und Austauschmöglichkeiten, fungieren als Netzwerke unabhängig von staatlichen Institutionen.

Gaweewong widmet sich neben kuratorischen Projekten und ihrer Arbeit für das einflussreiche Bangkoker Kunstmagazin „Bang“ (Flying Squirrel) auch der Vermittlung von experimenteller Medienkunst. Zuletzt gründete sie „Switch Media“, eine kleines Medienkunstkollektiv in Chiang Mai, aus dem das Festival „Switch Media Art Festival“ hervorging.

Zu ihrer Einschätzung des südostasiatischen Kulturraumes und ihres kuratorischen Ansatzes erklärte sie auf einer Konferenz in Rio de Janeiro im Juli 2001: „Die Geschichte Thailands ist im Vergleich zu der anderer südostasiatischen Länder recht ungewöhnlich. Wir sind so stolz darauf, das einzige Land in dieser Region zu sein, das niemals kolonisiert wurde. Als Pufferstaat war Thailand Zeuge vieler sozialer, politischer und wirtschaftlicher Veränderungen in der Region. Wir haben nie an irgendwelchen bedeutungsschweren Kriegen teilgenommen, wie dem Zweiten Weltkrieg oder dem Vietnamkrieg. Aber wir haben der amerikanischen Armee die Voraussetzungen dafür geschaffen, in den 60ern und 70ern gegen die Vietnamesen zu kämpfen, und haben in den letzten zwei Dekaden Flüchtlingscamps beherbergt. Bangkok als Eingangstor zu Südostasien gilt als eine der kosmopolitischsten Städte, Standort vieler internationaler Firmen und Organisationen. Der Wirtschaftsboom hat das starke Interesse vieler ‚farangs’ (Ausländer) geweckt, in Thailand zu bleiben und zu investieren. Viele junge Leute aus den Provinzen kamen in diesem Zuge in der Hoffnung auf bessere Job- und Ausbildungsmöglichkeiten in die Stadt. Auch weniger gut ausgebildete Arbeiter strömten in die Stadt, um dort ein mageres Auskommen zu finden.

Franchise-Kultur, MTV und das Internet üben heute einen erheblichen Einfluss auf die jüngere Generation aus. Folglich bedingt das raschere Tempo der sozialen Transformation einen Wendepunkt hin zur Globalisierung. Wie Saskia Sassen es in ‚Globalisierung und ihre Unzufriedenheit’ beschrieb: ‚Globalisierung ist ein Prozess, der gegensätzliche Räume hervorbringt, die durch Anfechtungen, innere Differenzierung und ständige Grenzüberschreitungen charakterisiert sind. Die globale Stadt ist sinnbildlich für diesen Zustand.’ Dies ist für uns kein neues Thema, denn thailändisch zu sein bedeutet, es dreht sich alles um Hybridisierung Traditionell hauptsächlich durch die chinesischen und indischen Kulturen beeinflusst, sind die Thais gut darin, verschiedene Kulturen zu vermischen und sie an ihre eigene anzupassen . Heute befinden wir uns an einem kritischen Punkt, in der Mitte zwischen Globalisierung und Lokalismus, Tradition und zeitgenössischer Kultur, Buddha und Cyberspace. (…) Entscheidend für die junge Künstlergeneration ist also: Ist es ihnen möglich, sich selbst zu behaupten, auch in ihrer Arbeit und ihren zukünftigen Schritten?

Entsprechend folgert Gaweewong für die Entwicklungen in der aktuellen thailändischen Kunstszene: „Insgesamt widerstehen die meisten thailändischen Künstler dem internationalen Stil nicht, sei es in Form bestimmter Trends oder Medien. Stattdessen sind sie sich in ihrem Versuch, mit der Globalisierung fertig zu werden, ihrer selbst stärker bewusst als je zuvor, ohne jedoch dem Publikum ihr traditionelles Erbe in stereotyper Weise vorzuführen. Sie versuchen, bei ihrem individuellen Ausdruck zu bleiben und diesen in einer kultivierten Art zu gestalten. Ihre kulturelle Identität ist dabei möglicherweise nicht unbedingt von besonderem Belang. Diese ruht unbewußt (oder nicht?) in jedem individuellen Stil.“
Author: Magdalena Kröner

Bio

Gridthiya Gaweewong, geboren 1964 in Chiang Rai, Thailand, ist freie Kuratorin und Mitbegründerin des Projekts 304, das sich mit multidisziplinären Kunstprojekten lokaler und internationaler Künstler befasst. Gaweewong kuratierte unter anderem Alien(gener)ation (2000 – 2003 in Bangkok, Khonkaen und Chiang Mai) und Under Construction (Tokyo Opera City Gallery und Japan Foundation, Japan 2003). Aktuell arbeitet sie an Mekong Laboratory, einem Austauschprojekt von Künstlern zwischen Bangkok und Barcelona.

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Räume und Schatten

Zeitgenössische Kunst aus Südostasien

(30 September 05 - 20 November 05)

Www

Project 304