Sevgi Emine Özdamar

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genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Drama, Kurzgeschichte, Prosa, Roman, Sprachkritik)
region:
Middle East, Europe, Western
country/territory:
Turkey, Germany
city:
Ankara, Berlin, Bursa, Düsseldorf, Istanbul
created on:
May 27, 2003
last changed on:
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Sevgi Emine Özdamar
Sevgi Emine Özdamar

Article

„Ich drehte meine Zunge ins Deutsche, und plötzlich war ich glücklich!"

Die 1946 in Malatya, Türkei, geborene Emine Sevgi Özdamar ist Schauspielerin und Regisseurin und schreibt seit zwanzig Jahren preisgekrönte Prosa und Dramen, allerdings nicht in ihrer Muttersprache, sondern auf Deutsch. Sie war Gastarbeiterin in West-Berlin, lernte Schauspiel in Istanbul, ging ans Theater in Ost-Berlin und spielte seitdem auf vielen, auch internationalen Bühnen und in mehreren deutschen Filmen. Neben drei Theaterstücken erschienen von ihr zwei Erzählbände. Für ihre beiden Romane "Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus" und "Die Brücke vom Goldenen Horn" wurde sie u.a. mit dem Ingeborg Bachmann Preis (1991), dem "International Book of the Year" des Times Literary Supplement (1994) und dem Chamisso-Preis (1999) ausgezeichnet. Sie lebt in Düsseldorf und Berlin.
"Man muss sein Vaterland verraten und an einen anderen Ort gehen, damit man gleichzeitig an zwei Orten sein kann", zitiert Emine Sevgi Özdamar gern den französischen Regisseur Godard. "Durch einen solchen Ortswechsel wird die eigene Geschichte größer und magischer. Und wie Can Yücel sagte, ist Literatur die Suche nach Identität. Die Suche nach Identität ist etwas anderes in einem fremden Land als im eigenen Land", erklärt die Autorin, Regisseurin und Schauspielerin in einem Interview anlässlich des "Salon du livre" in Paris. (zit. nach: Buchjournal 2/2001)

Seit 1990 ihr erster Erzählband "Mutterzunge" erschien, hat Emine Özdamar immer wieder die türkische Heimat in der Fremde rekonstruiert, der Fremde und neuen Heimat Deutschland in ihrer eigenen Sprache den gebrochenen Spiegel der Einwanderin vorgehalten. Schon in "Mutterzunge" macht sie deutlich, dass der Bezug zu Heimat und Tradition mühsam erarbeitet werden muss, denn man verliert ihn schnell. "In meiner eigenen Sprache heißt Zunge Sprache. Zunge hat keine Knochen, wohin man sie dreht, dorthin dreht sie sich. Ich saß mit meiner gedrehten Zunge in dieser Stadt Berlin. Negercafé, Araber zu Gast, die Hocker sind zu hoch, Füße wackeln. Ein altes Croissant sitzt müde im Teller, ich gebe sofort Bakschisch, der Kellner soll sich nicht schämen. Wenn ich nur wüsste, wo ich meine Mutterzunge verloren habe." Aber die Geschichte ist noch komplizierter. Denn selbst der Mutterzunge fehlt schon etwas. Der Weg zu ihr führt nur über die Schrift des Großvaters, ist nur über die arabischen Zeichen zu finden, die Atatürks Reformen zum Opfer gefallen waren.

Die Ich-Erzählerin verliebt sich in den arabischen Schriftgelehrten Ibni Abdullah, der sie in die Sprache der "heiligen" Liebe, die Sprache des Koran, einführt. Mittels der "Großvaterzunge" Arabisch, das vor Atatürks Reformen in der Türkei gesprochen und geschrieben wurde, gelingt ihr die Rekonstruktion ihrer Herkunft. Zusätzlich erzählt Emine Sevgi Özdamar das Märchen vom Bauern, der aus seinem armen, aber überschaubaren Dorf ins ferne Deutschland gelangt. Aus dem türkischen Märchen wird bundesdeutsche Realität, aus dem Bauern ein Straßenkehrer. Ein bäuerliches Volk verwandelt sich in die Dienstbotenkaste westdeutscher Großstädte. Zuletzt sinkt sogar Ophelia von der Bühne ihres Heimatlandes zur Putzfrau eines deutschen Theaters hinab.

Für die Geschichten ihrer Erzählungen und Romane greift Emine Özdamar immer wieder auf ihre eigene Biografie zurück. 1946 in Malatya geboren, kommt sie 1965 bis 1967 das erste Mal nach (West)Berlin, wo sie in einer Fabrik arbeitet. Sie kehrt zurück nach Istanbul, nimmt von 1967 bis 1970 Schauspielunterricht und erhält danach erste professionelle Rollen. 1976 geht sie an die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Ost-Berlin, wo sie mit Benno Besson und Matthias Langhoff arbeitet. Mit Bessons Brecht-Inszenierung "Der kaukasische Kreidekreis" zieht sie 1978 bis 1979 nach Paris und Avignon. Von 1979 bis 1984 hat sie ein Engagement als Schauspielerin beim Bochumer Schauspielhaus unter der Intendanz Claus Peymanns. Im Auftrag des Schauspielhauses Bochum entsteht ihr erstes Theaterstück "Karagöz in Alemania", das sie 1986 im Frankfurter Schauspielhaus unter eigener Regie aufführt. Mit der kabarettistisch-makabren Groteske will sie zeigen, dass hinter dem "armen Mann" auch eine Geschichte steckt. Seit den neunziger Jahren schreibt sie auch in deutscher Sprache.

Als sie 1965 mit 18 Jahren nach Deutschland kommt, kann sie noch kein einziges deutsches Wort. Wie sie nach dem Gehör und den Schlagzeilen der Zeitungen als Fabrikarbeiterin Deutsch lernt, schildert sie in "Die Brücke vom Goldenen Horn". Das Buch, das 1998 erscheint und ein Jahr später mit dem Chamisso-Preis ausgezeichnet wird, ist Autobiografie und Roman zugleich. "Ich konnte kein Wort Deutsch und lernte die Sätze, so wie man, ohne Englisch zu sprechen ‚I can’t get no satisfaction‘ singt", schreibt sie dort. "Emine Özdamar ist in die deutsche Sprache eingewandert mit ihrem ganzen Sprachgepäck und hat sich darin eingerichtet. Ihre türkische Muttersprache hat sich verwestlicht, ihr Deutsch hat sich orientalisiert und mit türkischen Denk- und Sprachmustern angereichert", urteilt Sigrid Löffler 1999 in ihrer Laudatio zum Chamisso-Preis.

"Zunge heißt für mich nicht nur Sprache, sondern hat vor allem etwas mit Wärme zu tun", erklärt Emine Özdamar, auch mit der Wärme der Großmutter, einer Analphabetin, deren Geschichten sie zusammen mit ihren Eltern am Bett lauschte. Deshalb litt die Schauspielerin auch so unter der anderen Seite der türkischen Sprache, der "Sprache des Putsches und der Zensur". "Ich wurde unglücklich in der türkischen Sprache" bekennt sie in der Dankesrede für den Chamisso-Preis. In Istanbul halfen ihr Anfang der siebziger Jahre die Worte von Brecht. Ihr Traum war es damals, bei einem Brecht-Schüler arbeiten zu können. Und so fuhr sie nach Ost-Berlin zu Benno Besson an die Volksbühne. "Ich drehte meine Zunge ins Deutsche, und plötzlich war ich glücklich – dort am Theater, wo die tragischen Stoffe einen berühren und zugleich eine Utopie versprechen" (ebenda).

Mit einer Utopie im Kopf war Emine Özdamar nach Deutschland aufgebrochen. Sie wollte Theater. Sie landet erst einmal im von seinen Bewohnern "Wonaym" genannten Wohnheim gegenüber dem Hebbel-Theater und geht jeden Tag in die Fabrik. "Die Brücke vom Goldenen Horn" führt den Leser ins winterliche Berlin der sechziger Jahre und in die Fabrik- und Wohnheim-Welt der Gastarbeiterinnen.

"Die ersten Wochen lebten wir zwischen Wonaymtür, Hertietür, Bustür, Radiolampenfabriktür, Fabriktoilettentür, Wonaymzimmertisch und Fabrikgrüneisentisch. Nachdem alle Frauen bei Hertie die Sachen, die sie suchten, finden konnten und ‚Brot‘ sagen gelernt hatten, nachdem sie sich den richtigen Namen ihrer Haltestelle gemerkt hatten – zuerst hatten sie sich als Namen der Haltestelle ‚Haltestelle’ notiert – machten die Frauen eines Tages den Fernseher im Wonaymsalon an. Der Fernseher stand von Anfang an da. ‚Wir gucken mal, was es da drin gibt‘, sagte eine Frau. Von dem Tag an schauten viele Frauen im Wonaymsalon am Abend im Fernsehen Eiskunstlaufen. Auch dabei sah ich die Frauen wieder von hinten, wie in der Fabrik. Wenn sie aus der Radiolampenfabrik ins Wonaym kamen, zogen sie sich ihre Nachthemden an, kochten in der Küche Kartoffeln, Makkaroni, Bratkartoffeln, Eier. Das Geräusch von kochendem Wasser, Pfannenzischen mischte sich mit ihren dünnen, dicken Stimmen, und alles stieg in der Küchenluft hoch, ihre Wörter, ihre Gesichter, ihre verschiedenen Dialekte, Messerglanz in ihren Händen, die auf die gemeinsamen Kochtöpfe und Pfannen wartenden Körper, nervös laufendes Küchenwasser, im Teller eine fremde Spucke."

Der Enge der Fabrik und der Müdigkeit des Wonyams entkommt die Ich-Erzählerin mit Hilfe des "kommunistischen Heimleiters", eines "Hirten, der singen konnte". "Mit ihm kamen in unser Frauenwonaym andere Männer: Dostojewski, Gorki, Jack London, Tolstoi, Joyce, Sartre und eine Frau, Rosa Luxemburg ..." In der romanhaften Autobiographie, die ein Zeitpanorama zwischen Berlin, Paris, Istanbul – und dem kurdischen Hakari – entrollt, schwingt der Enthusiasmus der sozialen Befreiung und der Kulturrevolution nach, in der die Protagonistin ihre eigene soziale, politische und erotische Emanzipation verfolgt. Noch bevor sie nach Istanbul zurückkehrt, hat sie ihren "Diamanten" an den spanischen Studenten Jordi verloren und ein "hinkender Sozialist" hat sie gar geschwängert. Und als sei das alles noch nicht genug Stoff für einen Roman, führt uns Emine Özdamar im zweiten Teil ihres Emanzipationsabenteuers mit einer Theatergruppe in den türkischen Traum und Alptraum, wo immer der nächste Militärputsch droht, in kurdische Bergdörfer und ans Marmarameer.

Schon ihren ersten Roman aus dem Jahr 1992 "Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus" lässt sie im Zeichen des Militärs beginnen. Das Erzähler-Ich, das sich noch im Bauch der Mutter befindet, aber die Ereignisse im Zugabteil neugierig verfolgt, riecht Soldatenmäntel: "Die Mäntel stanken nach 90 000 toten Soldaten und noch nicht toten Soldaten und hingen schon am Haken. Ein Soldat sagte: Mach für die schwangere Frau Platz." Auch dieser Roman ist ein Teppich, den Özdamar aus vielen, mit der Präzision einer Kamera beobachteten Geschichten webt. Dies sei keine Autobiographie, wehrt die Autorin ab, aber sie wollte doch die Orte und die Welt ihrer Kindheit einfangen, bevor sie ganz verschwinden würden.

Auch in ihrem letzten Erzählband "Der Hof im Spiegel" begibt sich Emine Sevgi Özdamar auf eine Reise in ihre Vergangenheit. Sie schildert das Universum, das in einem Küchenspiegel lebt, berichtet vom Tod ihrer Eltern, vom Leben in West- und in Ost-Berlin und nimmt uns mit in Flugzeuge, die weinende Menschen mit den Särgen ihrer Verwandten in die Türkei bringen. Trotzdem geht es in diesen Prosastücken vergnügt zu. Schließlich hält es Emine Özdamar mit Heine, den sie genauso gerne wie Godard zitiert. "Ihr Wolken droben, nehmt mich mit, / Gleichviel nach welchem fernen Ort." Und wer bereit ist, sich von ihr mitnehmen zu lassen, dem schenkt Emine Özdamar das Universum ihrer facettenreichen Geschichten, die wie ein langer Lebensfilm an einem vorbeiziehen.
Author: Gabriele Stiller-Kern 

Bio

Ihre Kindheit verbringt die am 10. August 1946 in Malatya, Türkei, geborene Emine Sevgi Özdamar an verschiedenen Orten in der Türkei. Weil ihr Vater als Bauunternehmer öfter Konkurs macht, zieht die Familie vom Land nach Istanbul, dann nach Bursa und schließlich nach Ankara. Schon mit zwölf Jahren steht sie mit ihrer ersten Theaterrolle am Staatstheater Bursa in Molières "Bürger als Edelmann" auf der Bühne. Zwei Jahren in einer Berliner Fabrik von 1965 bis 1967 folgen drei Jahre Schauspielschule in Istanbul und erste professionelle Engagements als Charlotte Corday in "Marat-Sade" von Peter Weiss und als Witwe Begbick in Brechts "Mann ist Mann".

1976 kommt sie wieder nach Deutschland zurück – als Hospitantin an der Volksbühne, wo sie in der Dramaturgie, als Regieassistentin und auch als Schauspielerin bei dem Brecht-Schüler Benno Besson arbeitet. Mit dessen "Kaukasischer Kreidekreis"-Inszenierung geht sie 1978 bis 1979 nach Paris und Avignon. Von 1979 bis 1984 ist sie bei Claus Peymann am Bochumer Schauspielhaus engagiert und spielt in Frankfurt am Main, München und Berlin unter verschiedensten Regisseuren. 1982 entsteht im Auftrag des Bochumer Schauspielhauses ihr erstes Theaterstück "Karagöz in Alemania". Gleichzeitig beginnt sie, in ersten Filmrollen aufzutreten. Unter anderem spielt sie in "Yasemin" von Hark Bohm, Doris Dörries "Happy Birthday, Türke" und in "Die Reise in die Nacht" unter der Regie von Matti Geschoneck.

Ihr erster Erzählband "Mutterzunge" erscheint 1990. Die englische Übersetzung gehört zu den "Best Books of Fiction published 1994 in America" (Publisher’s Weekly). 1991 schreibt sie ihr zweites Theaterstück "Keloglan in Alemania, die Versöhnung von Schwein und Lamm". Für ihren ersten Roman "Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus" (1992) erhält sie 1991 den Ingeborg Bachmann Preis, 1993 den Walter Hasenclever-Preis, 1995 das New York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds und 1994 den "International Book of the Year" des London Times Literary Supplement. Ihr zweiter Roman "Die Brücke vom Goldenen Horn" erscheint 1998 und bringt ihr 1999 den Adelbert von Chamisso-Preis und den Preis der LiteraTour Nord. 2001 erscheinen ihr drittes Theaterstück "Noahi", eine Arche-Noah-Geschichte im Rahmen des Projektes "Mythen für Kinder", und ihr zweiter Erzählband "Der Hof im Spiegel".

Works

Anderssprachige Titel siehe englische Version

Established

Theaterstücke

Published Written
Noahi, 2001 Keloglan in Alemania, die Versöhnung von Schwein und Lamm, 1991 Karagöz in Alemania, 1982 Perikizi. Ein Traumspiel, in: RUHR.2010, Uwe B. Carstensen, Stefanie von Lieven (Hrsg.): Theater Theater. Odyssee Europa. Aktuelle Stücke 20/10. Fischer: Frankfurt/Main 2010

Romane

Published Written
Seltsame Sterne starren zur Erde, 2003 Der Hof im Spiegel, 2001 Die Brücke vom Goldenen Horn, 1998 Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus der einen kam ich rein, aus der anderen ging ich raus, 1992 Mutterzunge, 1990

Merits

Ingeborg-Bachmann-Preis (1991)
Walter-Hasenclever-Preis der Stadt Aachen (1993)
New York-Stipendium des Literaturfonds Darmstadt (1995)
Adelbert-von-Chamisso-Preis (1999)
Künstlerinnenpreis des Landes NRW (2001)
Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim (2003)
Kleist-Preis (2004)
Fontane-Preis (2009)
Carl-Zuckmayer-Medaille (2010)

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

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Debates, lectures, concerts, readings

(26 March 98 - 24 January 99)

Www

Porträt in der taz

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Artikel in der taz

Die Frau, die ich sein sollte