Sajid & Zeeshan

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crossroads:
Frieden, Gleichgewicht, Liebe
genre(subgenre):
Musik (Alternative, Electro Pop, elektronische Musik)
region:
Asia, Southern and Central
country/territory:
Pakistan
created on:
December 19, 2008
last changed on:
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 Sajid & Zeeshan
Sajid & Zeeshan, courtesy of the artists

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Flowerpower aus Peshawar

Es flowerpowert. Ausgerechnet aus dem pakistanischen Peshawar, dem Herz der turbulenten North-West Frontier Province Pakistans. Da, wo Afghanistan nah ist, die Paschtunenclans miteinander kungeln und einem ständig und überall menschliche Bomben um die Ohren fliegen können. „Unsere Welt, das sind Drogen, Selbstmordattentäter und Target Killings. Klar, wir haben Probleme und wir müssen irgendwie eine Lösung für sie finden“, sagt der smarte und westlich gestylte Sajid Ghafoor, einer der musikalischen Köpfe des Duos Sajid & Zeeshan. „Die Lösung beginnt aber nicht bei anderen, sondern zuallererst bei dir. Du musst an dir arbeiten. Wenn du dein eigenes System reinigst, kannst du rausgehen und mit anderen reden. Schau her – das ist, was ich bin. Ich bin jetzt sehr viel ausgeglichener. Ich kann dich respektieren. Ich werde dich nicht töten. Also töte mich auch nicht, respektiere mich.“
Reinige dich selbst! Für das Duo sind ihre Sounds eine Art Waschanlage der Seele. Irgendwo zwischen REM, Sting und elektronischer Lounge-Musik und absolut frei von Ethno und Paschtu schwingen die Jungs aus Peshawar sich auf, um sich freizumachen. Kein leichtes Ansinnen, denn schon ihre englischen Lyrics machen sie hier zur Underground-Band. Selbst Musik ist in einigen Kreisen verpönt, Video und Music Stores sind vor Anschlägen nicht sicher. „Musik bekommt bei uns nicht diesen Respekt, also erhalten wir ihn auch nicht. Aber dagegen kämpfen wir doch. Selbst wenn der Künstler nicht den Respekt erhält, sollte die Musik ihn bekommen.“

Umso erstaunlicher, dass Sajid & Zeeshan eine Erfolgsgeschichte schreiben, auch in Pakistan. Sie begann vielleicht mit Sajids Vorliebe für U2, Counting Craws und Pink Floyd, spätestens aber, als seine Mutter ihm eine Gitarre schenkte – keine Selbstverständlichkeit in Pakistan. Die „verdammte Gitarre“, sagt er, ließ sich nicht stimmen. 1989 gelingt ihm dann ein persönlicher Coup d’Etat: Er kauft eine neue Gitarre und vor allem ein Buch betitelt „How to play a Guitar“. Drei Monate später schreibt er den ersten Song, weitere zwei Monate später entsteht „My Happiness“, ein Lied, das auch heute noch zum Bühnenvokabular der Band gehört.

My Happiness – es könnte das Glück einer gestimmten Gitarre gewesen sein, die dem damaligen Jura-Studenten so rasant eine eigene musikalische Stimme verliehen hat. Denn westliche Instrumente zu finden ist schwer in Peshawar und Musiklehrer gibt es schon gar nicht. „Wir sind alle Autodidakten“, sagt Sajid, „es war überhaupt nicht einfach für uns, ein Trial and Error. Das geht, das geht nicht, das geht, das geht nicht, es war wie so viele Dinge, die bei uns passieren.“ Die Instrumente stammen alle vom Schwarzmarkt, Wegwerfware aus Japan, die über den Himalaja schwappt. Hier kaufen sie schon mal einen Synthesizer für neun, zehn Euro, erzählen sie fast übermütig. Zeeshan oder Sajids Bruder Sarmad reparieren die Instrumente, oft sind sie kaum beschädigt, ist es nur eine Schramme, die wegpoliert werden muss. So kommt es, dass sie mit einem Synthesizer aus den 70ern auf der Bühne stehen, um die neuesten coolen Elektro-Sounds aus Pakistan ertönen zu lassen. Sounds, die auch auf ihrem neuen Album zu hören sein werden.

Peshawar, ein brodelnder Ort mit fast drei Millionen Einwohnern, klingt aus dem Mund der Musiker wie eine Kleinstadt. „Wenn du eine Gitarre kaufst, dann wissen das alle, in einem Tag oder so“, erzählt Sajid. Zeeshan Parwez, ein fülliger Marketing-Mann mit Henriquatre und Techniker-Look, wohnt gleich bei ihm um die Ecke, 35 Sekunden mit dem Auto, eineinhalb Minuten zu Fuß. Mitte der 90er kommen sie und einige Freunde zusammen und formieren sich als Underground-Band Still. Als 2004 der Gitarrist zu einer Band in Lahore überläuft, der Perkussionist sich in den Kongo absetzt und der Bassist nach England auswandert, bleiben Sajid und Zeeshan zurück. Kein Grund für sie aufzugeben, denn beide sind Allrounder. Der Alternative-Fan Sajid und Zeeshan, der mehr auf lässige Club-Sounds und Radiohead steht, entscheiden sich, weiterzumachen und ihre Stile zusammenzuwerfen. Ihr Mix ist einzigartig in Pakistan. Nach einigen Clubauftritten entsteht ihr erster low budget Video-Track „King of Self“ unter Regie von Zeeshan Parwez. „King of Self” (You’ve got a fast car, you’re not a rockstar) schlägt ein wie eine Bombe. Das Video läuft 22 Mal in 24 Stunden in den pakistanischen Channels. „Was für ein Glück“ sagt Zeeshan Parwez, der neben den Synthies und Videos auch die Musikproduktion macht. „Andere Leute, die ihre Musik auf Englisch machen, wurden schon von Journalisten belagert. Gott sei Dank, wir hatten das Problem nicht.“

Auch sonst läuft es smooth für die zwei. Sajid & Zeeshan bewegen sich in Superlativen. Mit „Freestyle Dive“ machen sie das erste voll animierte Musikvideo Pakistans, das gleich mehrere Preise für den Song und als Best Video einheimst. Dann folgt das erste englischsprachige Album Pakistans bei EMI Pakistan: „One Light Year at Snail Speed". 2004 schaffen sie den Sprung unter die Finalisten des Song Contests Song of the Year (www.songoftheyear.com/) in der Kategorie Electronic/Dance.

Der Auftritt im Haus der Kulturen der Welt ist ihr erster internationaler Gig, sie sind aufgeregt. Für den „ethno flavour“ singen sie einen Song auf Paschtu. Plötzlich blickt Sajid ernst und greift zum Mikrofon. „Wir kommen mit einer Botschaft“, sagt er mit seiner weichen Stimme. „Hass ist ein sehr extremes, sehr starkes Wort. Aber es gibt ein stärkeres Wort und eine stärkere Emotion - das ist die Liebe. Die meisten von uns sind nicht so, wie ihr uns im Fernsehen seht. Wir sind nicht alle Terroristen!“ Dann groovt das Duo weiter, locker, ein bisschen Synth Pop, etwas Alternative mit etwas Flowerpower in seiner Message.


Aus einem Interview der Autorin mit Sajid & Zeeshan im November 2008.
Author: Heike Gatzmaga

Works

One Light Year at Snail Speed

Published Audio,
2006

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Worldtronics 2008

Festival of Electronic Music

(26 November 08 - 30 November 08)

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Have to Let Go Sometime

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