María Novaro

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crossroads:
Gender, Grenze, Identität, Metropole
genre(subgenre):
Film (Spielfilm)
region:
America, Central
country/territory:
Mexico
city:
Mexico City
created on:
May 26, 2003
last changed on:
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María Novaro
María Novaro By courtesy of "Más de cien años de cine mexicano"

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Einfühlsame Frauen-Porträts

Die 1951 in Mexiko-Stadt geborene María Novaro gehört zu jener Frauen-Generation, die in den achtziger Jahren endlich im mexikanischen Kino Fuß fassen kann. Konsequenterweise hat sie sich seit ihren ersten Kurzfilmen mit der Selbstbehauptung der Frau in der mexikanischen Gesellschaft beschäftigt und das Thema der Emanzipation zum Leitfaden ihrer Spielfilme gemacht, für die sie, anfangs zusammen mit ihrer Schwester Beatriz Novaro, auch die Drehbücher schrieb.
Die in Mexiko-Stadt geborene María Novaro gehört zu jener Frauen-Generation, die in den achtziger Jahren endlich im mexikanischen Kino Fuß fassen kann. Denn bis dahin hatten es nur zwei Frauen geschafft, sich in der vom Sexismus besetzten und vom Syndikalismus verriegelten Kinematografie zu behaupten: Matilde Landeta (in den vierziger Jahren) und Marcela Fernández Violante (seit den Siebzigern). Konsequenterweise hat sich María Novaro seit ihren ersten Kurzfilmen mit der Selbstbehauptung der Frau in der mexikanischen Gesellschaft beschäftigt und das Thema der Emanzipation dann auch zum Leitfaden ihrer Spielfilme gemacht. Deshalb schreibt sie auch, anfangs zusammen mit ihrer Schwester Beatriz Novaro, ihre Drehbücher selbst.

Ein Jahrzehnt lang hat sie das Filmhandwerk in vielfältigsten Funktionen studiert und sich Ende der achtziger Jahre an den ersten langen Spielfilm „Lola“ gewagt, mit der ihr sogleich der Durchbruch gelingt. Lola ist eine junge Straßenhändlerin, die ihren Platz sucht zwischen Mann und Kind und Job, eine Frau, deren Gefährte ihr in Los Angeles abhanden kommt. Ihr Verhältnis war ohnehin nicht beglückend. Andere Beziehungen, die sie nun eingeht, bieten ebenfalls keine Erfüllung. Sie vernachlässigt ihre siebenjährige Tochter, fast kommt es zur Katastrophe. Lola ist ein Gegenbild zu den starken, opferbereiten Müttern, die im traditionellen mexikanischen Film triumphieren und sterben. Ein realistisches Bild der Frau, die zu früh ein Kind bekommt, noch bevor sie zu sich selbst gefunden hat.

María Novaro, selbst Mutter dreier Töchter, forscht nicht in den gesellschaftlichen Verhältnissen nach der Ursache von Lolas Schwierigkeiten, sondern verweist auf die Selbstbestimmung des Lebens. Die Gesellschaft erscheint im Hintergrund, in den Ruinen von Mexiko-Stadt, Folge des Erdbebens und Sinnbild für die sozialen Beben im Land. Ein Film, der sich ganz allmählich erklärt und sensible Mittel verwendet: eine stille Demonstration gegen die sonst üblichen dramatischen Effekte aus Sex und Gewalt.

Mit „Danzón“ beweist María Novaro zwei Jahre später erneut ihr Talent für die einfühlsame Gestaltung eines Frauen-Schicksals, diesmal im Kontext populärer Kultur, des Danzón, eines seit über einem Jahrhundert in Mexiko gepflegten und geradezu klassisch-lateinamerikanischen Tanzes. Wieder geht es um eine junge Mutter mit Kind, die von ihrem Lebens- und in diesem Fall auch Tanzpartner sitzen gelassen wird. Diesmal braucht sie den Typ, denn sie will am Wochenende tanzen, also macht sie sich auf, um ihn zu suchen. María Novaro strukturiert die Geschichte im Rhythmus des Tanzes, beschleunigt und verlangsamt die Tempi dieser Chronik einer Telefonistin mit bescheidenen Ansprüchen und einer einzigen Obsession: im Tanz die Erfüllung zu finden.

Auch hier überträgt die Regisseurin der Stadtlandschaft, es ist Vera Cruz, eine besondere Rolle, vor allem den Bewohnern, denen die Protagonistin mit Offenheit begegnet und bei denen sie auf Indifferenz, ja sogar Ablehnung stößt, auf ein lähmendes Umfeld. Dennoch verfällt die Hauptdarstellerin dem Schäbigen des volkstümlichen Ambientes, dem auch María Novaro einen besonderen Reiz abzugewinnen vermag. Der Danzón wird zum Ausdruck der einfach nicht versiegenden Vitalität und des Muts zum Leben – trotz aller Frustration.

In ihrem dritten Spielfilm „El jardín del Edén“ (Der Garten Eden, 1994) wählt sie mit Tijuana einen ganz anderen Schauplatz: die konfliktreiche Grenze zu den USA, wo der Zugang zum ‘gelobten Land’ mit einer zwanzig Kilometer langen Mauer aus Stahl verrammelt ist. Hier trifft eine Gruppe von Individuen mit ganz verschiedenen Träumen zusammen. Serena hat gerade ihren Mann verloren und muss nun allein mit ihren drei Kindern zurechtkommen, darunter dem rebellischen Julián, der nur bei seiner Tante Verständnis findet (diese ‘tía Juana’ ist die pragmatische Essenz von Tijuana). Jane, eine naive US-Amerikanerin, sucht ihre Freundin Elizabeth, eine junge Chicana, und ihren Bruder Frank, einen Schriftsteller, der nicht schreiben kann und deshalb die Sprache der Waale studiert. Und alle drei suchen nach einem Sinn im Leben, nach einem Garten Eden, und wollen nicht begreifen, dass es keinen anderen als den gibt, in dem sie bereits wohnen.

Filme der Suche sind die Werke von María Novaro, auch der jüngste mit dem symbolträchtigen Titel „Sin dejar huella“ (Ohne eine Spur zu hinterlassen, 2000). Er ist das Ergebnis einer tiefen Existenzkrise der Regisseurin: einer Flucht zu sich selbst. Zwei Frauen begegnen sich. Aurelia ist die alleinstehende Mutter zweier Kinder und möchte ihnen ein ähnliches Los wie das ihre als Näherin in Ciudad Juárez, der wirklich letzten Ausbeutungsstätte Mexikos, ersparen. Also türmt sie im Wagen irgendeines Typen, der nur zufällig zur Drogenmafia gehört, und trifft unterwegs die attraktive Ana, eine Spezialistin des verbotenen Handels mit präkolumbischen Antiquitäten. Auch sie auf der Flucht und zwar vor einem Polizeisergeanten, der sich nicht so recht entscheiden mag, an wen er sich zuerst vergreifen soll: an der schönen Ana oder den alten Skulpturen.

Die ungewöhnliche Konstellation sorgt für bisher bei María Novaro ungewohnte Turbulenzen und lange Fluchtwege, die das Werk zu einem Roadmovie quer durch das faszinierende Mexiko machen. So haben die beiden ungleichen Frauen Zeit, sich kennen und verstehen zu lernen, den anderen zu täuschen und doch zu lieben. Und immer wieder festzustellen, dass nur das selbstbestimmte das wirkliche Leben ist.
Author: Peter B. Schumann

Bio

María Novaro wird am 11. September 1951 in Mexiko-Stadt geboren. Sie studiert von 1971 bis 1977 Soziologie an der Autonomen Universität Mexikos (UNAM) und gehört von 1979 bis 1981 zum ersten mexikanischen Filmkollektiv von Frauen Cine-Mujer. 1980 bis 1985 studiert sie am CUEC, der Filmhochschule der UNAM. Hier dreht sie als Regisseurin ihre ersten Kurzfilme: „Conmigo la pasarás muy bien“ und „7 a.m.“ (beide 1982), „Querida Carmen“ (1983), „Una isla rodeada de agua“ (Ariel für den besten mexikanischen Kurzfilm 1984), „Pervertida“ (1985). 1988 beteiligt sie sich mit der Episode „Azul celeste“ an dem Film „Historias de ciudad“. Damit beginnt ihre professionelle Filmarbeit. Weitere Kurzfilme: „Otoñal“ (1992), „Santa: Cuando comenzamos a hablar“ (1998, Episode zu „Enredando sombras“). In ihren ersten Spielfilmen „Lola“ (1989) und „Danzón“ (1991) erweist sie sich als eines der hoffnungsvollsten Talente des mexikanischen Kinos.

Für „Lola“ gewinnt sie auf dem Internationalen Festival des Neuen lateinamerikanischen Films in Havanna die Koralle für das beste Spielfilmdebüt und in Mexiko den Ariel für das beste Erstlingswerk, außerdem zahlreiche weitere Preise. „Danzón“ wird vor allem für die beste Hauptrolle (María Rojo) mehrfach ausgezeichnet. Auch für ihren nächsten Spielfilm „El jardín del Edén“ (1993) erhält sie Preise in Havanna und Cartagena. „Sin dejar huella“ (2000), ihr jüngster Spielfilm, ist ihre bisher risikoreichste Produktion, „ein einziges Abenteuer, ständig an der Grenze des Abbruchs“ – wie sie selbst betont.

Works

Sin dejar huella

Film / TV,
2000

El jardín del Edén

Film / TV,
1993

Danzón

Film / TV,
1991

Lola

Film / TV,
1989

Una isla rodeada de agua

Film / TV,
1985

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

MEXartes-berlin.de

The Mexico-festival in Berlin

(15 September 02 - 01 December 02)

Www

Informationen zu "Sin dejar huella" und "Danzòn"

Infos auf Spanisch zur Filmografie und den Filmen "Sin dejar huella" und "Danzòn"