Julia Kristeva

Article Works
crossroads:
Ausgrenzung, Exil, Gender, Geschichte, Identität, Philosophie, Psychoanalyse, Sprache
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Essay, Literaturkritik, Roman, Vorlesung)
region:
Europe, Eastern, Europe, Western
country/territory:
Bulgaria, France
created on:
March 27, 2011
last changed on:
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Julia Kristeva
Julia Kristeva © ZfL

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Von der Notwendigkeit, zu glauben

Das erste, was ich von Julia Kristeva sehe, ist ihr pinkfarbener Blazer. Als wir in die Ledersessel des Hotelcafés sinken und das Gespräch beginnen, blickt sie mich an. Sie hält den Blick– für die nächsten 30 Minuten. Gestern Abend noch hat die vielfach preisgekrönte Psychoanalytikerin, Literatur-, Kulturtheoretikerin und Autorin im Haus der Kulturen der Welt über die „Notwendigkeit zu glauben“ gelesen, konzentriert über ihren Text gebeugt und ohne auch nur an ihrem Wasserglas zu nippen. Mir erzählt sie aus ihrem Leben. Als ich mich aus dem Sessel erhebe, steht mein Cappuccino noch da. Eine dünne, erkaltete Wolke Schaum treibt oben. Julia Kristeva ist ebenso intensiv wie erfrischend, ganz wie ihre slawischen, seewasserfarbenen und irgendwie hypnotisierenden Augen.
Als Julia Kristeva 1965 das erste Mal Pariser Boden betritt, ist es eiskalt. Schnee fällt – so viel, dass die Räumkommandos ihn nicht räumen können. Sie hat fünf Dollar in der Tasche. Was ihr fehlt, ist ein Rückticket in ihre Heimat Bulgarien. Denn der Familienfreund, der sie vom Flughafen abholen soll, kommt nicht. „Ich war ratlos. Also wartete ich in der Botschaft. Ich dachte, er hat mich am Flughafen vielleicht verpasst, aber dort war er auch nicht. Bald begann ich zu weinen. Doch dann passierte etwas Seltsames: Ein Mann kam auf mich zu, der sagte, er hieße Albert Cohen. Wer ich sei? ‚Julia Kristeva? Sie sind Julia Kristeva? Ich dachte, Sie seien eine alte Lady. Was machen Sie hier?‘“ Albert Cohen, der Fremde, der ihr in einem fremden Land begegnet, kennt sie zu diesem Zeitpunkt bereits.

Heute träumt Kristeva nicht mehr in ihrer Muttersprache Bulgarisch. „Ich habe einige archaische Aspekte meiner Kindheit in Französisch formuliert. Das war der Punkt, ab dem ich angefangen habe, Französisch zu träumen. Es war eine Art der Wiedergeburt ins Französische. Die zweite Wiedergeburt habe ich als Mutter erfahren, ich habe mir Französisch erneut angeeignet.“ Zu verdanken hat sie all dies vielleicht Albert Cohen, der ihr an diesem Tag zwischen Weihnachten und Silvester 1956 in der Bulgarischen Botschaft begegnet. Ganz sicher aber ihrer eigenen Courage. Albert Cohen ist zu dieser Zeit Korrespondent eines bulgarischen kommunistischen Blattes in New York – ein Revisionist. Als er ein Buch mit Stalin-kritischen Artikeln herausgibt, scheuen sich die Medien im kommunistischen Ostblock, es zu rezensieren. Die 24-jährige Julia Kristeva tut es. Kurz nach Erscheinen ihres Artikels diffamiert ihr Herausgeber sie als Spionin, Zionistin, Kosmopolitin. Eine Zeitlang fürchtet sie Repressionen, bangt um sich und ihre Familie. Doch das Regime verschont sie. Für sie bleibt ein Weg, den ihr die Sprache bereitet hat. Denn Kristeva, 1941 geboren in Sliwen, einer Industrie- und Garnisonstadt am Balkangebirge, besucht früh einen französischen Kindergarten, der von dominikanischen Nonnen betrieben wird. Nach dem Kindergarten können die Kinder ihre zweisprachige Ausbildung nicht fortsetzen, ihr Vater ist nicht in der Kommunistischen Partei. Die Schwestern gehen vormittags auf eine gewöhnliche bulgarische Schule – und nachmittags zu Kursen der Alliance française: „Meine Eltern wollten es so. Mein Vater sagte immer: ‚Wir sind hier in der Hölle. Der einzige Weg, der uns aus der Hölle führt, ist es, Sprachen zu lernen.“

Tatsächlich öffnet ihr die Sprache die Welt. Charles de Gaulles, getrieben von der Vision, „ein Europa von Atlantik zum Ural“ zu schaffen, schenkt jungen, Französisch sprechenden Bulgaren Stipendien. Die bulgarische Regierung vergibt sie an nicht Französisch sprechende Alte. „Niemand konnte Bulgarien verlassen“, so Kristeva. Am Weihnachtsabend 1965, kurz nach der Affäre um ihre Rezension, umgeht sie das normale Prozedere und reicht ihr Stipendiengesuch direkt bei der Französischen Botschaft ein. Ihr gelingt das fast Unmögliche. Die fünf Dollar sind die letzten, die ihr Vater findet, als sie kurz darauf ihre Heimat verlässt. Zwischen ihrer Abreise und ihrem Stipendium liegt ein ungewisser Monat.

Das Frankreich, in das sie kommt, steht noch unter dem Schock des Algerienkrieges. Die Stimmung „knistert“, Ausländer werden beäugt. „Es war schwierig, da hineinzublicken, ich fühlte mich in der ersten Zeit etwas ausgeschlossen“, sagt Kristeva, „Schließlich kam ich in Berührung mit den intellektuellen Welten. Ich fand hier ein anderes Frankreich – ein Frankreich, das aufgeschlossen war gegenüber Osteuropäern, gegenüber Ausländern und Frauen. Es gab hier keine Diskriminierung, keine Skepsis, weil ich eine Frau war. Sie haben mich einfach willkommen geheißen.“ Die Eindrücke ihrer Ankunft in Paris hat sie später in den Roman „Samurai“ (1992) einfließen lassen.

Die junge Frau, die ihre Abschlussarbeit schreiben und in Paris ihre Semiologie- und Psychoanalyse-Kenntnisse vertiefen will, begegnet Größen wie Roland Barthes, Lucian Goldmann und Philippe Sollers, dem Herausgeber der Literaturzeitschrift „Tel Quel“. Noch 1965 tritt sie der gleichnamigen Gruppe bei, die sich mit der Politik der Sprache befasst und Geschichte als lesbaren, interpretierbaren Text begreift. 1967 erscheinen ihre ersten Artikel, unter anderem in dem Journal „Critique”. Im selben Jahr prägt sie, fußend auf der Texttheorie von Michael Bachtin, den Begriff der Intertextualität mit ihrem Aufsatz „Gep Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman“. 1969 erscheint, angeregt von ihren linguistischen Studien und den Seminaren des Psychoanalytikers Jacque Lacan „Séméiotiké: Recherches pour une sémanalyse“, 1970 „Le Texte Du Roman“, 1974 ihre Doktorarbeit „La Revolution du langage poetique“. Im selben Jahr erhält sie den Lehrstuhl für Linguistik an der Université Paris. Das intellektuelle Herz Europas schlägt für sie.

1974 ist für Kristeva in vielerlei Hinsicht ein Wende- und Höhepunkt. Die Welt öffnet sich weiter, der Hölle ist sie ferner denn je. Roland Barthes, der Herausgeber der Éditions du Seuil Francois Valle, Philippe Sollers und Julia Kristeva reisen als erste französische Delegation in das frisch von den Vereinten Nationen anerkannte kommunistische China. Zwar wird Kristeva die Reise nach Tibet verwehrt, die sie zu diesem Zeitpunkt gerne antreten möchte. Auch kann sie sich kein Bild davon machen, wie in China mit Psychosen und Geisteskrankheiten umgegangen wird. Es gibt hier keine Geisteskrankheiten, sagen die Kulturrevolutionäre.

Doch die Frauen im Land, ihre soziale Situation fesseln sie: „ Es gab da eine Form der Unabhängigkeit, eine Art Weisheit und Kreativität, die ihre soziale Ausbeutung transzendiert hat.“ Gleichzeitig trifft sie im maoistischen China zahlreiche Frauen in verantwortlichen Positionen an. Kristeva ist inspiriert und sieht eine lange Tradition der Frauenrechte im Taoismus und dem protestantischen chinesischen Suffragettentum. Das linke Europa giert nach Futter zur maoistischen Revolution, dem chinesischen Feminismus und seinen historischen Hintergründen. 1974 erscheint „Des Chinoises“ (dt. Die Chinesin. Die Rolle der Frau in China) in einem französischen Frauenverlag. 1974 bringt auch eine Wende in ihrem persönlichen Leben, sie heiratet den französischen Schriftsteller Philippe Sollers.

China bleibt ihre Obsession und gerät zu einer Konstante. 2009 werden erstmals zwei Chinesinnen mit dem 2007 von ihr begründeten Preis Simone de Beauvoir pour la liberte des femmes bedacht. 2011 erscheint die chinesische Übersetzung von „De Chinois“. Auch die Beschäftigung mit der Religion, dem Glauben, dem Christentum und Humanismus zieht sich wie ein Faden durch ihr Leben und ihre Werke. Ihre Energie scheint ungebrochen. Noch in diesem Monat referiert sie, geladen vom Vatikan bei einem Treffen von Humanisten und Katholiken in der Sorbonne. Parallel dazu organisiert sie eine Konferenz, den internationalen psychoanalytischen Kongress Französisch sprechender Psychoanalytiker zu Fragen der Mutterschaft. „Sie wissen“, sagt sie lächelnd und blickt mir immer noch in die Augen, „Freud hat diesen Begriff nicht wirklich vertieft. Manche Leute meinen, die Psychoanalyse entwickelt sich nicht weiter, aber sie tut es.“

Dann beginnt sie zu leuchten. „Außerdem arbeite ich an einem Roman. An einem Roman über weibliche Zeit, über die Zeit, in der wir heute leben, über die kosmische Zeit und die menschliche. Ich werde nicht viel verraten, aber nur so viel: Als ich vor einigen Jahren mit meinem Sohn in Versailles war, sah ich im Kabinett von Louis XV. eine astronomische Uhr. Man sieht auf ihr die Positionen der Planeten des Sonnensystems. Ihre Stunden, Minuten, Sekunden von 1749 sind programmiert. Können Sie sich vorstellen, bis wann?“ Sie lacht. „Bis 9999! Es war 50 Jahre vor der Französischen Revolution. Alles war im Umbruch, die Menschen haben ihren Glauben verloren, da war die Libertinage, Voltaire, all diese Dinge – und dieser Mann stellte sich die Ewigkeit vor, eine kosmische und wissenschaftliche Ewigkeit, keine göttliche. Also begann ich, herauszufinden, wer dieser Mann war, der diese Uhr gebaut hat.“

Julia Kristeva, Ritterin der Ehrenlegion, hat eine halbe Stunde gesprochen. Auch über mich hat sie einiges erfahren. Als ich aufstehe und auf die dünne Cappuccino-Wolke blicke, ist eine Ewigkeit vergangen. Eine göttliche oder kosmische, ganz bestimmt keine, die in Sekunden gezählt werden könnte.

Aus einem Interview der Autorin mit Julia Kristeva im März 2011.
Author: Heike Gatzmaga

Works

Hatred and Forgiveness

Published Written,
2010
New York: Columbia University Press

Murder in Byzantium

Published Written,
2006
New York: Columbia University Press

Hannah Arendt: Life is a Narrative

Published Written,
2001
Toronto: University of Toronto Press

Female Genius: Life, Madness, Words: Hannah Arendt, Melanie Klein, Colette: A Trilogy

Published Written,
2001
3 vols. New York: Columbia University Press

Reading the Bible

Published Written,
2001
In: David Jobling, Tina Pippin & Ronald Schleifer (eds). The Postmodern Bible Reader, pp. 92–101. Oxford: Blackwell

Crisis of the European Subject

Published Written,
2000
New York: Other Press

Possessions: A Novel

Published Written,
1998
New York: Columbia University Press

New Maladies of the Soul

Published Written,
1995
New York: Columbia University Press

The Old Man and the Wolves

Published Written,
1994
New York: Columbia University Press

Nations without Nationalism

Published Written,
1993
New York: Columbia University Press

The Samurai: A Novel

Published Written,
1992
New York: Columbia University Press

Strangers to Ourselves

Published Written,
1991
New York: Columbia University Press

Black Sun: Depression and Melancholia

Published Written,
1989
New York: Columbia University Press

In the Beginning Was Love: Psychoanalysis and Faith

Published Written,
1987
New York: Columbia University Press

The Kristeva Reader

Published Written,
1986
Edited byToril Moi. Oxford: Basil Blackwell

Powers of Horror: An Essay on Abjection

Published Written,
1982
New York: Columbia University Press

About Chinese Women

Published Written,
1977
London: Boyars

La Révolution Du Langage Poétique: L´avant-Garde À La Fin Du Xixe Siècle, Lautréamont Et Mallarmé

Published Written,
1974
Paris: Éditions du Seuil

Séméiôtiké: recherches pour une sémanalyse

Published Written,
1969
Paris: Edition du Seuil