Ea Sola

Article Works
crossroads:
Geschichte, Moderne, Tradition
genre(subgenre):
Performing Arts (Performance, Tanz, Tanz / Choreografie)
region:
Asia, Southeast, Europe, Western
country/territory:
Viet Nam, France
city:
Paris
created on:
May 30, 2003
last changed on:
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Ea Sola – Die wichtigste Botschafterin der Avantgarde

Sie gehört zur Avantgarde der internationalen Tanzszene und ist eine der wichtigsten Kultur-Botschafterinnen Vietnams: die Performancekünstlerin und Choreographin Ea Sola. In den letzten zehn Jahren arbeitete die Künstlerin an einer Serie von Inszenierungen, in denen sie die traditionelle vietnamesische Musik, die Poesie und das Theater erforschte, aufarbeitete und mit Elementen des modernen Tanzes verband. Ea Sola wurde in Vietnam geboren und lebt heute in Paris.
Ea Sola wuchs als Tochter eines vietnamesischen Vaters und einer polnisch-französischen Mutter in den Bergwäldern nördlich von Saigon auf. Ihr Vater wurde als Kommunist und Widerstandskämpfer in Südvietnam verfolgt. Als Kind geriet Ea Sola in den Strudel eines Krieges, der sie mit der Mutter über Saigon nach Kambodscha und von dort durch die halbe Welt nach Frankreich führte. 1978 kam sie nach Paris. Sie hatte keine Schule besucht, war vollkommen isoliert und fand dennoch ihren Weg, den man als ästhetischen Widerstand charakterisieren könnte. Sie arbeitete mit Min Tanaka und Takuya Ishide zusammen und gehörte sehr bald zum Kreis einer internationalen Szene von Künstlern und Intellektuellen. Ende der achtziger Jahre ging sie nach Vietnam zurück, zunächst nach Saigon, später nach Hanoi.

Hier begann sie eine ebenso existentielle wie künstlerisch außergewöhnliche Recherche zur Kultur ihrer Heimat. Ea Sola sah die Verwüstungen des Krieges, die Zerstörung der Natur, der Menschen, des Sozialgefüges, der Kultur. Auf der Suche nach dem Reichtum und der Schönheit, die sie als Kind in den Wäldern ihrer Heimat kennen gelernt hatte, begann sie mit ihren Forschungen in den Dörfern. Ea Sola recherchierte die traditionellen Musikformen, die Rituale, die Alltagsgesten der Menschen, ihre Körperhaltungen und Bewegungen. Mit großem Aufwand gewann sie eine Gruppe von Frauen zwischen 50 und 75 Jahren, die das alte Wissen bewahrt hatten und es mit Ea Sola für die Bühnen der Welt neu vermitteln und inszenieren konnten.

Das Stück „Sécheresse et pluie“ (Trockenheit und Regen) war das erste Ergebnis dieser Forschungsarbeit. Ea Sola stellte jene Frauen, die noch niemals ihre Heimatdörfer verlassen hatten, auf die Bühnen der westlichen Avantgarde. Durch ihren radikalen und minimalistischen Inszenierungsstil und den tiefen Respekt für die Menschen veränderte sie schlagartig das Verhältnis von Tradition und Moderne in ihrem Werk. Die Europatournee 1995 wurde ein überwältigender Erfolg.

In der Strenge der Inszenierung von „Sécheresse et pluie“ kommt die Schönheit und die künstlerische Konsequenz einer so pur wie möglich erhaltenen Tradition zum Vorschein. Das bedeutet auch eine Antwort auf jede Form von Exotismus, von globaler Mischkultur und auf die Vorherrschaft westlicher Kriterien.

1997 setzte Ea Sola ihre Auseinandersetzung mit Tradition und Moderne in der Produktion „Il à été une fois“ (Es war einmal) fort, einem Stück, in dem junge Menschen alle Variationen des Abschieds tanzen. In dieser rund einstündigen Arbeit greift die inzwischen wieder in Frankreich lebende Choreographin und Performerin auf eine Legende ihrer vietnamesischen Heimat zurück: Der Verbindung zwischen Au-Cô, der Vogelprinzessin der Berge, und Lac-Long Quan, dem Drachenprinzen der Wasser, sind hundert Kinder entsprungen. Eines unschönen Tages beschließt der Prinz, sich mit den fünfzig Knaben in sein Wasserreich zurückzuziehen. Beim letzten Zusammentreffen der Geschwister setzt „Il a été une fois“ ein. Acht junge Frauen und acht junge Männer stehen einander in Reih und Glied gegenüber, den Rücken dem Publikum zugewandt. Die Frauen tragen lange, traditionelle Kleidung aus roter Seide und haben die glatten schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die Männer tragen lediglich rote Hosen.

Zwischen den beiden Gruppen, die je von einem Lichtrechteck eingefasst werden, sitzen fünf Musiker mit Saiteninstrumenten am Boden, sie bilden eine unüberwindbare Grenze. Vergebliches Warten. Langsam, langsam, als stünde ihr alle Zeit der Welt zur Verfügung, dreht sich eine Frau um und hebt zu einem Gesang an. Die Gruppen geraten in Bewegung, finden in dem ihnen zugewiesenen Lichtrechteck ohne Hast zu unterschiedlichsten Formationen zusammen. Das Bewegungsvokabular ist reduziert und äußerst stilisiert: ein Wiegen des Oberkörpers, ein Heben, Anwinkeln oder Verschränken der Beine und Arme, ein Schütteln der Hände. Wer auf Sprünge und Pirouetten wartet, wartet vergebens.

Zusammen mit den Einzel- und Gruppengesängen, verfasst vom zeitgenössischen Dichter Nguyên Duy, und der Musik entsteht eine meditative Atmosphäre, welche den Trennungsschmerz zwar vermittelt, aber keine sentimentale Rührseligkeit aufkommen lässt und eine eigentümliche Faszination ausübt.

Über ihre Arbeit berichtet Ea Sola: „Der Weg, den ich während meiner Studien in Vietnam entwickelt habe, umfasst zwei Blickwinkel: ein Studium der Erinnerungen: ,Sécheresse et pluie‘ und ‚Il a été une fois‘ genau wie ‚Requiem‘ sind Ergebnisse einer Erforschung der Erinnerungen an die Kindheit. Eine Entwicklung von der Tradition zur Moderne: bei ‚Sécheresse et plui‘ und ‚Il a été une fois‘ gibt es eine Entwicklung von einer ästhetischen und musikalischen Perspektive aus. Diese beruht auf der Tatsache, dass die intellektuellen und kulturellen Grundlagen dieses Landes von den Menschen auf dem Lande, vom ländlich geprägten Leben stammen, dass die Landwirtschaft und der Rhythmus der Jahreszeiten die Identität dieses Volkes geformt haben.“

1998 erhielt Ea Sola von der Stadt Paris den Auftrag, ein Programm traditioneller vietnamesischer Musik zusammenzustellen. Das Ergebnis ist „La rizière des musiques“ (Das Reisfeld der Musiken), eine Produktion, in der die Regisseurin die drei wichtigsten Musiktraditionen ihrer Kultur, „Chêo“ „Tuông“ und „Ca Trù“ auf einer Bühne inszeniert. Diese Tradtionslinien der nordvietnamesischen Musik verschmelzen mit modernen Elementen zu einer eindrucksvollen zeitgenössischen Komposition.

Mit der Choreographie „Voilà, voilà“ – der ersten Inszenierung Ea Solas, die als Koproduktion des Hebbel-Theaters und des Hauses der Kulturen der Welt in Deutschland uraufgeführt wurde – setzte Ea Sola ihre Erforschung der traditionellen vietnamesischen Musik, der Poesie und des Theaters fort. Sie beschreibt „Voilà, voilà“ als Synthese ihrer zehnjährigen Arbeit, in der sie die entlegensten Dörfer Vietnams bereist hat, um so viel Material wie möglich zusammenzutragen. Anders als in den Stücken zuvor greift Ea Sola in „Voilà, voilà“ nicht auf konkrete Mythen zurück, erzählt keine Geschichte, sondern spannt einen Bogen aus Stimmungen und Empfindungen, der auf einer traditionellen Kommunikationsform der ländlichen vietnamesischen Kultur basiert, dem mündlichen Austausch von Gedanken in Gedichtform, Meditation über Einsamkeit, das Verhältnis zu Natur und Tod. Eine Folge von traditionellen Gesängen bildet das Rückgrat dieser Aufführung mit sieben Tänzerinnen und Sängerinnen und zehn Musikern an traditionellen Instrumenten. „Dem Stück liegen drei musikalische Traditionen des 11. und 13. Jahrhunderts zugrunde“, erläutert Ea Sola. „Tuông, die höfische, Chêo, die bäuerlich naturverbundene und Ca Trù, die das Individuelle und die Einsamkeit betonende“, erklärt Ea Sola.

Diese Traditionen bringt sie in Zusammenhang mit der langen Geschichte Vietnams, die für Jahrhunderte von Kolonisierung durch Chinesen oder Europäer, durch Feudalismus und Krieg bis in die jüngste Gegenwart gekennzeichnet ist. Das Dioxin in den Nahrungsmitteln, das auf den Einsatz der chemischen Waffen der USA zurückzuführen ist, macht die Leute bis heute krank. „Verwegen wirkt diese Collage aus Geschichte und Kultur des Landes und dennoch konsequent.“, urteilte die Zeitschrift „tanz aktuell“.

Ea Sola ist davon überzeugt, dass jemand, der heute in der so genannten Moderne lebt, sich selbst zerstört, wenn er die Tradition und die Geschichte vergisst. „Tradition ist Gedächtnis, ist Zivilisation, sind meine Eltern. Aber die Tradition, das bin auch ich. Wenn es mich nicht interessieren würde, käme das meinem Tod gleich. Die Moderne, das bin ich auch.“ Ihr sind allerdings weniger die technischen Errungenschaften von heute wichtig, sondern eher modernes Denken, Konzepte, ästhetische und rhythmische Wahrnehmungen. Deren Verbindungen zur Tradition spürt sie nach. „Das Gedächtnis bezüglich Kunst und Kultur ist eine Sache, aber es gibt auch das Gedächtnis der Geschichte. Ich glaube, es gibt Menschen, die nie vergessen werden und nie vergessen können: Kriege, Massaker, die sie erlebt haben. Selbst wenn sie heute in einer modernen Welt leben.“

Mit der Uraufführung ihres „Requiems“ im EXPO-Theater in Hannover (September 2000) ist Ea Solas Erinnerungsarbeit vorläufig beendet. Konzentriert auf ein Minimum an Bewegungen, ist dieses Werk von der Trauer über Verlorenes überschattet. „Mit dem Tod ist für uns das Leben nicht beendet, er schafft die Möglichkeit für ein neues. Meine Totenklage handelt also gleichzeitig vom Leben.“ Und wenn am Ende des Stückes die Frauen immer wieder sagen: „Es ist lange her, dass ich dich geliebt habe. Aber ich werde dich niemals vergessen, niemals, niemals“, dann kann diese Liebeserklärung ebenso gut für Ea Solas Lebensgefährten, den französischen Künstler Roland Topor, wie für ihren Vater und ihre Großmutter gelten, die alle kurz nacheinander verstorben sind. „Requiem“ ist ein sehr persönliches Sück Ea Solas. Es ist zudem, bei aller Verankerung in Traditionen, das aktuellste.


Veranstaltungen im HKW:
9. Mai 1999
20.00 Uhr
Ort: Hebbel-Theater, Berlin
„La Rizière des Musiques“ de Ea Sola
Stück für elf Musiker aus Vietnam

19. – 22. Mai 1999
20.00 Uhr
Ort: Hebbel-Theater, Berlin
„Voilà voilà“
Stück für sieben Tänzer und Sänger und neun Musiker aus Vietnam.

Eine europäische Koproduktion zwischen dem Haus der Kulturen der Welt (Berlin) dem Théâtre de la Ville (Paris) und dem Hammoniale Festival (Hamburg).

Works

Drought and Rain Vol.2

Production / Performance,
2006

Requiem

Production / Performance,
2000

Voilà, voilà

Production / Performance,
1999

La Rizière des Musiques

Production / Performance,
1998

Il à été une fois

Production / Performance,
1997

Sécheresse et pluie

Production / Performance,
1995