Kwame Anthony Appiah

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crossroads:
Konflikt, Kosmopolitanismus, Menschenrechte, Menschlichkeit, Multikulturalität
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Debatte)
region:
Europe, Western, Africa, Western, America, North
country/territory:
England (UK), Ghana, United States of America
created on:
September 11, 2009
last changed on:
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Article

Kosmopolitismus, differenziert durchdacht

Kwame Anthony Appiah verkörpert den Kosmopolitismus, den er vertritt, selbst am besten. Der Moralphilosoph ghanaisch-britischer Herkunft ist auf drei Kontinenten zuhause: Er ist in Europa geboren und ausgebildet, in Afrika aufgewachsen und lebt in den USA. Kulturelle Differenz und das Zusammenleben verschiedener Kulturen sind ihm auch ein persönliches Anliegen: „Denkt daran, dass ihr Bürger der Welt seid!“ – diese Worte gab Appiahs Vater, der ghanaische Politiker und Jurist Joseph Emmanuel Appiah, seinen Kindern noch kurz bevor er starb als Botschaft mit auf den Weg.
Sein Konzept des Weltbürgertums entwickelte Appiah in seinem Buch „Cosmopolitanism. Ethics in a World of Strangers“. Appiahs Ausgangspunkt sind die universellen Werte und das Huntingtonsche Szenario eines „Clash of Civilizations“, das er entschieden kritisiert. Appiah geht davon aus, dass es zumindest einige Werte gibt, die von allen Menschen geteilt werden, so die Unterscheidung von Gut und Böse, Recht und Unrecht – und unabhängig davon andere Werte eher lokaler Bedeutung. Da sein Konzept keinesfalls darauf zielt, kulturelle Differenzen zu nivellieren, spricht er von einem „rooted cosmopolitanism“, dessen Formel „Universalität plus Unterschied“ lautet. Der Kosmopolit ist sich seiner Verpflichtung gegenüber anderen Menschen bewusst, er achtet die lokalen Unterschiede zwischen den Kulturen, die ja immer auch ein Ergebnis der Beeinflussung durch andere Kulturen sind, und hat keine Veranlassung, seine eigene Kultur aufzugeben.

Damit eine Annäherung zwischen Menschen entstehen kann, ist das Gespräch von herausragender Bedeutung. Nicht etwa der professionell organisierte und institutionalisierte Dialog: „Eine Sache, die ich an Institutionen wie dem Parlament der Weltreligionen wirklich nicht mag ist, dass es ihnen darum geht, Differenz verschwinden zu lassen. Ihre Äußerungen beziehen sich alle auf die Dinge, bei denen sie einer Meinung sind und diese Dinge sind im Resultat sehr, sehr abstrakt, da sie konkret bei allem möglichen doch nicht einer Meinung sind.“ Im Gegensatz dazu, ist das Gespräch, das Appiah vorschwebt, die eher beiläufige, alltägliche Konversation: „Für mich ist das kosmopolitische Gespräch Konversation. Es hat keine Agenda.“

Es geht zunächst also darum, sich mit den uns umgebenden Menschen auszutauschen, Gespräche zu führen, die Kulturen, Religionen und Grenzen überschreiten. Bei dieser Konversation ist es wichtig, sich auf den Gesprächspartner einzulassen, seine Erfahrungen zu hören, Ansichten zur Kenntnis zu nehmen, Fragen zu stellen, Anteil zu nehmen. Wenn verschiedene Positionen miteinander ins Gespräch kommen, wird nach und nach auch deutlich, wo Differenzen verschwinden und wo sie bestehen bleiben. Ziel des Gesprächs ist nicht der große und unerreichbare Konsens – „bei Konversation geht es nicht um Übereinstimmung“, so Appiah. Es gehe darum, dass sich „die Menschen aneinander gewöhnen. Sind sie erst einmal miteinander im Gespräch, können nach und nach auch heiklere Themen angesprochen werden und Praktiken kritisch hinterfragt werden.“

Als Gespräch zählt für Appiah nicht nur der persönliche Austausch von Menschen, sondern auch die Auseinandersetzung mit Literatur und Kunst fremder Kulturen: „Im kosmopolitischen Leben hat man zu einigen Differenzen eine schwächere, zu anderen eine stärkere Beziehung. Manchmal geschieht es durch buchstäbliche Konversation, aber öfter durch Filme, Romane, Zeitungen und das Internet.“ Schließlich ist Kosmopolitismus eine Frage des Gemüts: „Letztendlich erfordert Kosmopolitismus ein bestimmtes Temperament – und das ist ein Temperament, das zufällig unter den Menschen verteilt ist.“

Auch wenn die wirtschaftliche Situation eines Menschen grundsätzlich nicht mit seiner Bereitschaft, kosmopolitisch zu denken und zu handeln zusammenhängen muss, sieht er die größte Bedrohung für das Weltbürgertum in sich drastisch verschlechternden wirtschaftlichen Bedingungen: „Die Menschen sind immer dann sehr anfällig für xenophobe, chauvinistische Antworten, wenn sie sich materiell bedroht fühlen“.

Natürlich spricht Appiah aus privilegierter Position und ist sich dessen bewusst: „Manchmal werfen mir Leute vor, dass meine Vorstellung von Kosmopolitismus sehr bourgeois ist. Und ich denke, sie ist sehr bourgeois, aber dessen schäme ich mich nicht. Ich würde mir wünschen, dass jeder auf der ganzen Welt die Möglichkeit hat, so zu leben wie eine Person mit mittlerem Einkommen. Ich möchte, dass jeder die Möglichkeit hat, sich zurückzulehnen und sich zu unterhalten und sich nicht darum zu sorgen, wo seine nächste Mahlzeit herkommt. Ich möchte, dass jeder in einer Gesellschaft lebt, in der er darauf vertrauen kann, dass seine Regierung ihn nicht einsperrt, weil er etwas gesagt hat, dass der Regierung nicht gefällt.“

Parallel zu seinen philosophischen Arbeiten – sein neues Buch „Ethische Experimente. Übungen zum guten Leben“ erscheint in Kürze auf Deutsch – ist Appiah auch Schriftsteller und veröffentlichte bislang drei Romane, in denen er sich zumeist mit Fragen der Identität auseinandersetzte: „Es gibt fast keine Verbindung zwischen meiner Arbeit als Schriftsteller und meiner Arbeit als Philosoph. Ich halte sie beide für lohnenswerte Aktivitäten. Ich hatte lange Zeit nicht die Gelegenheit, einen Roman zu schreiben, da ich damit beschäftigt war, andere Dinge zu schreiben.“ Kein Wunder, dass er für die schriftstellerische Arbeit wenig Zeit findet, steht doch so vieles auf der Agenda unserer Zeit, was ihm dringlicher vorkommt.


Aus einem Interview der Autorin mit Kwame Anthony Appiah am 2. September 2009 in Berlin.
Author: Petra Stegmann

Bio

Kwame Anthony Akroma-Ampim Kusi Appiah wurde 1954 in London geboren. Kurze Zeit später zog seine Familie nach Kumasi, Ghana. Seine Schulzeit verbrachte er zum Teil in Ghana und in England. Später studierte er am Clare College an der Cambridge University, wo er in Philosophie über die Grundlagen wahrscheinlichkeitstheoretischer Semantik promovierte. Nach seiner Zeit in Cambridge unterrichtete Appiah an den Universitäten von Yale, Cornell, Duke und Harvard. Seit 2002 hat er in Princeton eine Professur für Philosophie am University Center for Human Values inne.

Seine Forschungsinteressen umfassen afrikanische und afrikanisch-amerikanische Geistesgeschichte und Literaturwissenschaften, ebenso wie Ethik, die Philosophie des Geistes und der Sprache. Darüber hinaus unterrichtet Appiah über traditionelle afrikanische Religionen. Seine derzeitige philosophische Arbeit konzentriert sich auf die philosophischen Grundlagen des Liberalismus und auf methodische Fragen, Wissen über Werte zu erlangen.

Appiah publizierte neben seinen philosophischen Werken zu afrikanischer und afrikanisch-amerikanischer Literatur und Kulturwissenschaften und ist Autor dreier Romane.

Er ist Mitglied zahlreicher Akademien und erhielt für seine Werke zahlreiche Auszeichnungen. Seit März 2009 ist er Präsident des PEN American Center.

Er lebt in New York City und Pennington, New Jersey.

Works

The Life of Honor: Incidents in the Genealogy of Morals

Published Written,
2009
Erscheint in Kürze.

The Politics of Culture, the Politics of Identity

Published Written,
2008
Eva Holtby Lecture on Contemporary Culture No. 2. Toronto: Institute for Contemporary Culture at the Royal Ontario Museum

Che cos’è l’Occidente?

Established,
2008
Modena: paginette festivalfilosofia, Fondazione San Carlo di Modena

Mi Cosmopolitismo

Published Written,
2008
Buenos Aires/Madrid: Katz Editores

El meu cosmopolitisme/My cosmopolitanism

Published Written,
2008
Barcelona: Centre de Cultura Contemporània de Barcelona

Experiments in Ethics

Published Written,
2008
The Mary Flexner Lectures Series of Bryn Mawr College. Cambridge: Harvard University Press

Cosmopolitanism: Ethics in a World of Strangers

Published Written,
2006
New York: W. W. Norton, 2006; London: Allen Lane

The Ethics of Identity

Published Written,
2005
Princeton: Princeton University Press

Thinking It Through: An Introduction to Contemporary Philosophy

Established,
2003
New York: Oxford University Press

Bu Me Bé: The Proverbs of the Akan

Published Written,
2002
Mit Peggy Appiah, Assistenz von Ivor Agyeman-Duah. Accra: The Center for Intellectual Renewal, 2002

Color Conscious: The Political Morality of Race

Published Written,
1996
Mit Amy Gutmann. Einleitung von David Wilkins. Princeton, NJ: Princeton University Press

Another Death in Venice

Published Written,
1995
Roman. London: Constable

Nobody Likes Letitia

Published Written,
1994
London: Constable

In My Father’s House: Africa in the Philosophy of Culture

Established,
1992
London: Methuen; New York: Oxford University Press

Avenging Angel

Established,
1990
Novel. London: Constable, 1990; New York: St. Martin’s Press, 1991

Necessary Questions: An Introduction to Philosophy

Established,
1989
New York: Prentice­-Hall/Calmann & King

For Truth in Semantics

Published Written,
1986
Oxford: Blackwell’s

Assertion and Conditionals

Published Written,
1985
Cambridge: Cambridge University Press, 1985; Digitaldruck 2008

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

The Spirit of the Haus (deutsch)

20 Jahre Haus der Kulturen der Welt

(02 September 09 - 30 September 09)

Www

Appiah Net