Chiharu Shiota

Article Bio Works Projects
crossroads:
Angst, Körper, Transformation
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation)
Performing Arts (Performance)
region:
Asia, Eastern, Europe, Western
country/territory:
Japan, Germany
city:
Berlin, Osaka
created on:
May 8, 2003
last changed on:
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Article

Die Erde dreht sich weiter, während wir schlafen

Chiharu Shiota, 1972 in Osaka geboren, lebt seit 1999 in Berlin. In Performances und Installationen beschäftigt sie sich mit Erinnerung und Vergessen. Erde und Wasser verweisen auf das Bleibende und das Vergängliche. Dabei geht es der Künstlerin um das Driften zwischen den Kulturen Asiens und Europas ebenso wie um den Abschied von der Kindheit.
Großzügig geht die junge japanische Künstlerin Chiharu Shiota mit ihren Träumen um. In den Schlaf, die Nacht und die Selbstvergessenheit des träumenden Körpers führen ihre Installationen und Performances. Weit weg von Japan hat sie den Verlust der Orientierung und die Angst vor dem Verschwinden der Konturen des Eigenen als ein Motiv ausgemacht, das sie immer wieder zu neuen Bearbeitungen anregt. Dabei entstehen theatralische Bilder, in die sich die Vorstellungskraft des Betrachters leicht einklinken kann.

Da gab es 1999 die Installation „Dreaming Time": Aus dem Rahmen eines Hauses, dessen Dach und Wände teilweise aus gekreuzten Essstäbchen gebildet waren, strebte ein Heer von Schuhen heraus. Alle waren mit roten Fäden an das Zentrum des Hauses gebunden und in ihrem Aktionsradius gefesselt - und doch zeigte keine einzige Schuhspitze zurück. Das Schlimmste aber war: Jeder Schuh hatte seinen Partner verloren und musste sich einsam durchschlagen.

Aus Japan brachte Chiharu Shiota Kisten mit altem Spielzeug mit und vergrub es. Später holte sie die beerdigten Puppen und Kuscheltiere wieder an die Oberfläche und band sie mit Fäden am Fußboden und an den Wänden fest: „bondage (die Angst anbinden)" hieß die Arbeit. Fast muten solche Aktionen wie ein exorzistisches Ritual an, das Heimweh und den Verlust der Geborgenheit in der Familie zu bekämpfen.

„Vielleicht kann ich ohne Angst keine Kunst mehr machen, und wenn ich keine Kunst mehr machen kann, dann werde ich noch ängstlicher", hat sie einmal geschrieben. Doch wie ein Märchenerzähler die Gespenster der Nacht auf Abstand hält, bannt sie die Furcht in ihren Arbeiten. Sie hat sich in Installationen mit schwarzen Wollfäden eingesponnen wie in einen Kokon. Sie hat in Ausstellungen geschlafen, gefangen in diesen Gespinsten, die zwischen einem Bett und den Wänden ein undurchdringbares Dickicht bildeten. Die flirrenden Raumzeichnungen aus schwarzen Linien wirkten bedrohlich und tröstlich zugleich. Sie boten Schutz und setzten sie fest. Sie bildeten aber auch labyrinthische Strukturen, die an jedem Punkt neue Entscheidungen verlangten. Die Angst vor dem Ende der Kindheit war ebenso hinein verwoben wie Metaphern für eine Technologie, die dem Leben der Gegenwart seine Konturen gibt. Elektronische Netze, neuronale Bahnen, Beziehungsgeflechte: Von allen Seiten bedrängen den Menschen heute Forderungen nach Flexibilisierung.

Ein Foto zeigt die abgeschnittenen Fäden einer früheren Installation. Mehr bleibt nicht, wenn die Gespinste wieder abgebaut werden. Chiharu Shiota macht vorher weder Zeichnungen noch Notizen - aus Furcht, ihre inneren Bilder dabei zu verlieren. In Berlin, wo sie seit 1999 lebt, hat sie kein Atelier, sondern arbeitet nur vor Ort. Es ist eine seltsame Ökonomie, die nur das Vergängliche zulässt.

Biografische und kulturelle Transformationen berühren sich in der Arbeit von Chiharu Shiota. „Erinnerungen kann man nicht wegspülen", sagt die Künstlerin. Das Standhalten gegen den Fluss der Zeit übersetzt sie in poetische und eindringliche Bilder. In der Installation „Under the skin" hängen acht Kleider, die fast bis unter die Decke reichen, über einem Wasserbecken. Sie fassen sich an den Ärmeln wie acht Schwestern aus einem Märchen, die zusammen ein Abenteuer bestehen müssen. Erde haftet an ihnen, Wasser läuft an ihnen herab. Weit war ihr Weg bisher, und die Flecken in ihren Kleidern verzeichnen die Karte der Erfahrungen.

Chiharu Shiota, 1972 in Osaka geboren, begann ihre Ausbildung in Kioto. Sie hat als Malerin angefangen, malt aber zur Zeit nur noch „in der Luft" mit ihren Fäden. Ein Austauschsemester brachte sie nach Canberra in Australien, bevor sie 1996 nach Deutschland kam. Sie studierte bei den Performance-Künstlerinnen Marina Abramovic und Rebecca Horn, die sie auf ihrem Weg, mit den Wahrnehmungen des Körpers und seinen Erfahrungen im Raum zu arbeiten, bestärkten.

In Deutschland wurde sie schon als Kunststudentin bekannt durch die Teilnahme in Gruppen- und Einzelausstellungen, die sie innerhalb von zwei Jahren von Orten der Off-Kultur in größere Institutionen brachten. Durch Ausstellungen im Ludwig-Forum, Aachen, im Haus der Kulturen der Welt, Berlin, im Queensland Art Museum, New York und ihre Beteiligung an der Triennale of Contemporary Art in Yokohama ist sie auf dem Weg zu internationaler Anerkennung.

„Wo ich bleibe, was ich esse, wen ich treffe, all das beeinflusst meine Kunst", sagt Chiharu Shiota, die nach viereinhalb Jahren in Deutschland allmählich die Sicherheit verspürt, in Berlin „Wurzeln zu schlagen und zu grünen." Gleichzeitig bringt ihre schnelle künstlerische Karriere ihr das Gefühl, dass sich ihre Umgebung schneller verändert als sie selbst. In diesem Spannungsgefüge steckt noch viel Stoff für die Entwicklung der Künstlerin.
Author: Katrin Bettina Müller

Bio

1972 - geboren in Osaka, Japan
1992 bis 1996 - Art School, BA, Kyoto Seika University
1993 - Semester Exchange to Canberra School of Art, Australian National University
1996 - Hochschule der Bildenden Künste, Hamburg/ Marina Abramovic
1997 bis 1999 - Hochschule der Bildenden Künste, Braunschweig/ Marina Abramovic
1999 - Hochschule der Bildenden Künste, Berlin/ Rebecca Horn

Works

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2005 „Dreaming Now”, The Rose Art Museum, Waltham, USA „Parallel Realities: Asian Art Now”, 3rd Fukuoka Asian Art Triennale 2005, Fukuoka, Japan „Fairy Tales Forever”, ARoS Aarhus Kunstmuseum, Aarhus, Dänemark 2004 „Oogstrelend Schoon - Shining Beauty”, Apeldoorns Museum, Apeldoorn, Niederlande „Embroidered Action”, Herzliya Museum of Art, Herzliya, Israel „The Joy of my Dreams”, 1. International Biennial of Contemporary Art of Seville, Sevilla, Spanien „Senatsstipendiaten”, Kunstbank, Berlin 2003 „Rest in Space”, Künstlerhaus Bethanien, Berlin „Solitude, Theatre”, Akademie Schloss Solitude, Stuttgart „Paysages féminins et grondements du monde”, Institut franco-japonais de Tokyo, Tokio, Japan „Eine Bilanz”, Kulturverein Zehntscheuer e.V., Rottenburg am Neckar „Walking on Art”, Kunstverein, Ludwigsburg „All Alone”, Centre for Contemporary Art Ujazdowski Castle, Warschau, Polen 2002 „Some Kind of Dream”, Contemporary Art Museum of North Carolina, Raleigh, USA „The First Move”, Tokyo Kokusai Forum, Tokio, Japan „Another World-Twelve Bedroom Stories”, Kunstmuseum Luzern, Luzern, Schweiz „Miss You”, Museum für Neue Kunst, Freiburg „Translated Acts”, Museo de arte alvary carment, Carrillogil, Mexiko „A Need For Realism”, Centre for Contemporary Art, Warschau, Polen „Rest in Space”, Kunstnernes Hus, Oslo, Norwegen 2001 „Heimat Kunst”, Kulturverein Zehntscheuer, Rottenburg „Exit 2001”, Maison Arts Créteil, Paris, Frankreich „Translated Acts”, Haus der Kulturen der Welt, Berlin „VIA”, Theatre du Maubeuge, Maubeuge, Frankreich „MEGA-WAVE”, Yokohama Triennale 2001, Yokohama, Japan „Translated Acts”, Queens Museum of Art, New York, USA „Marking The Territory”, Irish Museum of Modern Art, Dublin, Irland 2000 „Heimat Kunst”, Haus der Kulturen der Welt, Berlin „Continental Shift”, Ludwig Forum, Aachen „Strange Home”, Historische Museum, Kestner Museum, Hannover „Yume no Ato”, Haus am Waldsee, Berlin „Yume no Ato”, Staatliche Kunsthalle, Baden-Baden „Dorothea von Stetten-Kunstpreis”, Kunstmuseum, Bonn 1999 „..und ab die Post!“, Postfuhramt, Berlin „Unfinished Business“, Marina Abramovic & Students, Haus am Lützowplatz, Berlin „Fresh Air“, E-Werk, Weimar 1998 „Finally“, Kunstverein Hannover, Hannover „Untersicht“, Kulturamt Mitte, Galerie Weisser Elephant, Berlin „Notes Across Asia“, Konzerthaus Berlin, Schauspielhaus, Berlin 1997 „Objekte und Stelen im Dorfpark“, Dorfpark, Buchholz 1996 „Textil Exhibitions“, Meguro museum of Art, Tokio, Japan 1995 „White Asia“, Kyoto City Conference Center, Kyoto, Japan

Ausgewählte Einzelausstellungen

Exhibition / Installation
2005 „Zerbrochene Erinnerung“, Kenji Taki Gallery, Tokio, Japan „When Mind Become Form“, Gallery Fleur, Kyoto Seika University, Kyoto, Japan „During Sleep (2005)“, Museum Moderner Kunst, Kärnten, Österreich „RAUM / Room“, Haus am Lützowplatz, Berlin 2004 „Du côté de chez“, Sainte Marie Madeleine, Lille, Frankreich „Dialogue from DANN“, Manggha, Centre of Japanese Art and Technology, Krakau, Polen „In Silence“, Hiroshima City Museum of Contemporary Art, Hiroshima, Japan „Solo Show“, Kenji Taki Gallery, Tokio, Japan 2003 „The Way Into Silence“, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart „Bleibend von der Stimme ...“, Kenji Taki Gallery, Tokio, Japan „In Silence (2003)“, Kenji Taki Gallery, Nagoya, Japan „Dialogue from DANN“, Centre for Contemporary Art Ujazdowski Castle, Warschau, Polen 2002 „Uncertain Daily Life“, Kenji Taki Gallery, Tokio, Japan „In Silence (2002)“, Akademie Schloss Solitude, Stuttgart 2001 „Chiharu Shiota Exhibition“, Kenji Taki Gallery, Nagoya, Japan „Under the Skin“, Prüss & Ochs Gallery, Berlin 2000 „Breathing from Earth“, Kunstraum Maximillianstrasse, München „Bathroom & Bondage“, Projectroom ARCO, Madrid, Spanien 1999 „Dialogue from DANN“, Prüss & Ochs Gallery, Berlin „Where are you from?“, K&S Galerie, Berlin 1998 „From Memory to Memory”, Kunsthaus Tacheles, Berlin 1997 „Gods Play”, Galerie C. Delank, Bremen 1996 „Similary“, Akiyama Gallery, Tokio, Japan „Direction of Consciousness“, HfbK, Hamburg „Return to Consciousness“, Galerie im Vorwerkstift, Hamburg 1995 „My Existence as a Physical Extension“, Hounenin Temple, Kyoto, Japan 1994 „Becoming Painting“, A.N.U. Canberra School of Art, Canberra, Australien „Accumulation“, Hoya Galery, Canberra, Australien 1992 „Five Paintings”, Shunjukan Gallery, Kyoto Seika University, Kyoto, Japan „Native-600Masks”, Gallery Preview, Kyoto, Japan

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Translated Acts

Performance Art from East Asia

(09 March 01 - 06 May 01)

Heimat Kunst

Kulturelle Vielfalt in Deutschland

(01 April 00 - 02 July 00)