Ernest Mancoba

Article Bio Works Projects
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Bildhauerei, Malerei)
region:
Africa, Southern, Europe, Western
country/territory:
South Africa, France
created on:
August 4, 2003
last changed on:
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Die unterbewusste Bewegung der Farben

Ernest Mancoba (1904-2002) ist nicht nur einer der größten Maler und Bildhauer Südafrikas, sondern muss zu den herausragenden Künstlern des 20. Jahrhunderts gezählt werden. Seine erste Ausbildung erhielt Mancoba an der christlichen Schule von Pietersburg, wo er 1929 durch seine „Bantu-Madonna“ einen Skandal erregte. 1938 ging er nach Paris, wurde im Zweiten Weltkrieg interniert, lebte danach eine Weile in Dänemark, um Ende der vierziger Jahre wieder nach Paris zurückzukehren. 1948 gründete er unter anderen mit Asger Jorn und Karel Appel die Künstlergruppe Cobra, eine der wichtigsten Künstlervereinigungen des 20. Jahrhunderts überhaupt. Neben einem außergewöhnlichen Gespür für Farbkompositionen zeichnet sich sein Werk durch eine besondere ornamentale Stofflichkeit und Dynamik aus. Ernest Mancoba starb 2002 im Alter von 98 Jahren in der Nähe von Paris.
Der Lebensweg von Ernest Mancoba ist so verschlungen, dass es schwer fällt, den Maler einer bestimmten Nation oder Kultur zuzuordnen. 1904 in Boksburg am Rande von Johannesburg geboren, absolvierte er zunächst eine Ausbildung als Lehrer am College der Diozöse von Pietersburg und war dort von 1925 bis 1929 als Dozent tätig.

Als Maler und Bildhauer war Mancoba Autodidakt. Allerdings machte er bald durch sein enormes Talent auf sich aufmerksam und verursachte 1928 einen veritablen Skandal: Noch an der christlichen Schule von Pietersburg hatte er die Figur einer Madonna skulptiert – die Mutter Gottes war barfuß und mit negroiden Gesichtszügen wiedergegeben. Darüber hinaus entsprach auch die Handhaltung jener Geste, die junge Bantu-Mädchen vollführen, wenn sie dem Familienoberhaupt entgegentreten. Dieser Traditionsbruch beschränkte sich nicht nur auf die Ikonografie, vielmehr war er geeignet, das gesamte christlich-westliche Weltbild in Frage zu stellen. Sieben Jahre später wurde die „schwarze Madonna“ oder auch: „Bantu-Madonna“ in der anglikanischen Kathedrale St. Mary in Johannesburg aufgestellt.

Zu Beginn der dreißiger Jahre nahm Mancoba ein Kunststudium in Fort Hare auf, das er nach drei Jahren vorzeitig abbrechen musste. In der Zeit war er mehrfach auf Ausstellungen der African Academy in der Selbourne Hall in Johannesburg vertreten. Mancoba war bereits 34 Jahre alt, als ihm ein Stipendium des Bantu Welfare Trust zuerkannt wurde. Dieses Stipendium ermöglichte es ihm, nach Paris zu gehen und dort Kunst zu studieren. Er schrieb sich an der École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs ein und fand rasch Anschluss an die künstlerische Avantgarde der französischen Hauptstadt.

Nach dem Einmarsch der Deutschen Truppen in Paris wurde Mancoba als britischer Staatsbürger für vier Jahre interniert. In einem Lager heiratete er die dänische Bildhauerin Sonja Ferlov, die er noch vor dem Krieg kennengelernt hatte. Nach der Befreiung Frankreichs zogen die beiden für eine Weile nach Dänemark, kehrten jedoch 1948 nach Paris zurück. Im selben Jahr schrieb Mancoba dann zusammen mit Künstlerfreunden wie Karel Appel, Asger Jorn und Constant Kunstgeschichte. Er gründete die Künstlergruppe Cobra, eine Abkürzung für die Städte Kopenhagen, Brüssel und Amsterdam, wo einige der Cobra-Mitglieder lebten. Die Künstlergruppe, die auch eine Zeitschrift herausgab, bestand lediglich drei Jahre, ihr Einfluss auf die Malerei der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aber war so groß, dass er kaum überschätzt werden kann.

Jean-Michel Atlan, in Algerien geboren, doch wie Mancoba in Paris ansässig, wo er vor seiner Hinwendung zur Malerei an der Sorbonne Philosophie studiert hatte, formulierte in seinem Manifest „Abstraktion und Wagnis in der zeitgenössischen Kunst“ die Ziele von Cobra unter anderem folgendermaßen: „1. Die aktuelle Malerei ist sowohl als notwendiges Wagnis wie auch als Schöpfung von zwei Konformismen bedroht, denen wir uns mit aller Schärfe widersetzen: a) der banale Realismus, vulgäre Imitation der Realität; b) die orthodoxe abstrakte Kunst, ein neuer Akademismus, der die lebendige Malerei durch einen Fächer von rein dekorativen Formen ersetzen will. Wir glauben, dass am Rande der offiziellen abstrakten Kunst, und zwar nur am Rand, die gültigsten Werke entstehen, so wie im letzten Jahrhundert die Werke dieser großen Ketzer, van Gogh und Gauguin, am Rande des Impressionismus entstanden.(...).“

Die Cobra-Künstler trachteten danach, unterbewusste Fantasien und kreative Schübe durch Gesten und Farben auszudrücken, ohne die Resultate durch den Intellekt zu steuern. Auch gegenständliche Darstellungen wurden nicht kategorisch ausgeschlossen, wie sonst bei Verfechtern der abstrakten Kunst üblich. Dieses Programm ließ den einzelnen Mitgliedern der Künstlergruppe genügend Spielraum, um ihren jeweils eigenen, unverwechselbaren Stil zu entwickeln.

Ernest Mancobas Werk zeichnet sich, neben einer hohen Meisterschaft in der Farbkomposition, vor allem durch eine Betonung der Ornamentik aus – was nicht mit Oberflächlichkeit oder Gefälligkeit verwechselt werden sollte. Mancobas Gemälde wirken oft, als blicke man aus kurzer Distanz auf einen fein bewebten Stoff, dessen Muster dem Prinzip der Symmetrie folgt.

Diese besondere Stofflichkeit, die man in seinen Gemälden schon lange vor der Cobra-Gründung bemerken konnte, intensivierte Mancoba in den Jahren nach 1948 zu flirrenden, kleinteiligen, virtuos gemalten Abstraktionen, in denen jede einzelne Faser in Bewegung geraten zu sein scheint. In den fünfziger Jahren ließ sich Mancoba dauerhaft in Paris nieder und nahm die französische Staatsbürgerschaft an. Sein Geburtsland besuchte er in der Zeit der Apartheid nicht. Erst nach den ersten demokratischen Wahlen 1994 reiste er nach 56 Jahren im Exil wieder nach Südafrika, um Ehrungen durch den ANC zu empfangen. Trotzdem scheint es, als würde es noch eine Weile dauern, bis man am Kap der Guten Hoffnung den Rang dieses herausragenden Künstlers des 20. Jahrhunderts vollständig erfasst hat.

Ernest Mancoba starb am 25. Oktober 2002 in einem Krankenhaus in Clamart in der Nähe von Paris. Er wurde 98 Jahre alt.
Author: Ulrich Clewing

Bio

1904 in Boksburg/Johannesburg geboren
1920-29 Studium und Lehre am Diocesan Training College Grace Dieu, Pietersburg
1929-32/39 Kunststudium an der Universität von Fort Hare
1938 Auswanderung nach Frankreich, lebte seitdem mit einigen Unterbrechungen hauptsächlich in Paris
1948 Gründung der Gruppe Cobra (mit u.a. Karel Appel, Asger Jorn, Constant et al.)
Annahme der französischen Staatsbürgerschaft
2002 in Clamart in der Nähe von Paris verstorben

Works

Bibliography

Published Written,
2003
Miles, Elza: A Ressource Book Ernest Mancoba, Johannesburg Art Gallery, Johannesburg o.J. Miles, Elza: Lifeline out of Africa, The Art of Ernest Mancoba, Kapstadt 1994 The Short Century (Kat.), München, London, New York 2001

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2001 „The Short Century”, Villa Stuck, München „The Short Century“, Haus der Kulturen der Welt, Berlin „El Tiempo de Africa“, Centro Atlántico de Arte Moderno, Las Palmas de Gran Canaria, Spanien 2000 „Something About Painting“, DCA Gallery, New York, USA 1993 Choix d’Estampes, Paris, Frankreich 1988 Johannesburg Art Gallery, Johannesburg, Südafrika 1987 Nieuwe Kerk, Amsterdam, Niederlande 1982/83 Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, Paris, Frankreich 1951 Galerie Birch, Kopenhagen, Dänemark 1934/35 African Academy Exhibitions at Selbourne Hall, Johannesburg, Südafrika

Ausgewählte Einzelausstellungen

Exhibition / Installation
1994 „Hand in Hand - Retrospective Exhibition”, Johannesburg Art Gallery, Johannesburg, Südafrika 1995 „Hand in Hand - Retrospective Exhibition”, National Gallery, Kapstadt, Südafrika

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

The Short Century

Independence and Liberation Movements in Africa

(18 May 01 - 29 July 01)