Jin Xing

Article Bio Works Projects www
crossroads:
Gender, Grenzerfahrung, Identität
genre(subgenre):
Performing Arts (Tanz)
instruments:
Bass
region:
Asia, Eastern
country/territory:
China
city:
Shanghai
created on:
May 23, 2003
last changed on:
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information provided by:
Jin Xing
Jin Xing

Article

Sich selbst erfinden

Die Tänzerin, Choreografin und Kulturmanagerin Jin Xing lebt und arbeitet in Shanghai. Dort leitet sie seit 2000 ihre eigene Kompanie, das Jin Xing Dance Theatre. Auch aufgrund ihrer besonderen Biografie, zu der eine Geschlechtsumwandlung gehört – die erste, welche in China mit offizieller behördlicher Genehmigung erfolgte –, zählt Jin Xing heute zu den prominentesten Kulturschaffenden in einer Gesellschaft, die sich in rasantem Tempo neuen Werten, Lebensstilen und ästhetischen Ausdrucksformen öffnet.
Jin Xing, die 1969 als einziger Sohn einer aus Korea stammenden Familie zur Welt kam, erhielt ihre tänzerische Ausbildung bei der Armee. Denn die beste Tanzausbildung gab es im damaligen China beim Militär. Jin Xing absolvierte alle militärischen Ausbildungsstufen, trainierte gleichzeitig klassisches russisches Ballett, klassischen chinesischen Tanz und Akrobatik – und erlitt jahrelang das Drama, mit dem falschen Geschlecht im falschen Körper zu leben. Doch Jin Xing betrieb mit langem Atem und vielen Entbehrungen ihre Geschlechtsumwandlung – im obrigkeitlichen und konservativen China ein schwieriges Unterfangen.

Mit der chirurgischen und medizinischen Geschlechtsumwandlung, die sich zwischen 1994 und 1995 über mehrere Monate hinzog, ging auch eine Neuerfindung ihrer gesamten Existenz einher. Jin Xing ist heute die einzige freischaffende Choreografin und Direktorin einer unabhängigen Tanzgruppe in ganz China. Mit kommerziellen Auftritten aller Art, von Modeling und Fernsehgigs bis zu Werbespots verdient sie das Geld, um ihr mondänes Leben mit eigenem Haus und Auto zu finanzieren. Auch für den Film arbeitet sie inzwischen, und sie betreibt eine Gaststätte und ein kleines Theater.
Gleichzeitig mit dieser Kehrtwende im Lebensstil hat Jin Xing sich im Tanz von ihrem technischen Vermächtnis losgesagt. Sie tanzt heute keine großen Partien im chinesischen Stil, keine Revolutionsballette und lyrischen Figuralsequenzen mehr. „Früher war ich eine Tanzmaschine”, sagte sie bei einem Gespräch mit leicht amüsiertem Unterton. Jetzt tanzt sie, wann immer es geht, nur noch die Rollen, Partien und Themen, die sie wirklich interessieren – zunehmend auch in regem Austausch mit westlichen Choreografen und Ensembles.

In „Person to Person“ etwa, entstanden 2002 für das Festival „In Transit” im Haus der Kulturen der Welt, wollten die Berliner Gruppe Rubato und Jin Xing ursprünglich über Gender-Aspekte tänzerischer Bewegung arbeiten. Aber Jin Xing hatte letztlich keine große Lust auf die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema; es war, als wolle sie sieben Jahre nach ihrer Geschlechtsumwandlung und der mehr oder weniger geglückten Befreiung aus gesellschaftlichen Normen und ökonomischem Zwang endlich das Weibliche ihrer Bewegungen behaupten, nicht problematisieren. So kam es weder zu einem exotischen Blick auf „chinesisches Ballett”, noch zu einer Zurschaustellung Shakespeare’scher Geschlechterverwirrung nach dem Motto: ein Mann tanzt eine Frau, die einen Mann spielt, der sich als Frau verkleidet hat. Wohl aber hatte „Person to Person“ darüber zu berichten, wie geschlechtliche und soziale, künstlerische und politische Identität verändert, wie gerade der Tanz zum Medium einer selbst bestimmten Lebensform werden kann. Die ist laut Jin Xing nicht ohne hohen Preis zu haben, aber sie verkörpert mit ihrer gesamten Existenz den Willen, diesen Preis auch zu zahlen. „Das vollkommene Glück kostet den absoluten Schmerz – nur wer leidet, kann leben”, wird sie in einem Porträt Axel Brüggemanns zitiert (Quelle: Die Welt, 14. Februar 2005). Und an anderer Stelle findet man ihr Credo: „There is always enough space to accomplish something incredible.”


Author: Franz Anton Cramer

Bio

Jin Xing wurde 1969 in Shenyang/ China, Provinz Liaoning, als Kind koreanischer Einwanderer geboren. Mit neun Jahren setzte er gegen den anfänglichen Willen seiner Eltern durch, eine Militärschule mit angeschlossener Tanzausbildung zu besuchen. Mit 17 erreichte er den militärischen Rang eines Colonels und die Ernennung zum besten Tänzer Chinas. Weitere Auszeichnungen im Rahmen nationaler Tanzwettbewerbe folgten. 1988 erhielt er ein Einjahres-Stipendium der Modern Dance Company und ging nach New York, wo er unter anderem bei Murray Louis studierte. Die Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Beijing 1989 bewirkte, daß Jin Xings Visum verlängert wurde und er zunächst in den USA bleiben konnte. 1991 gewann Jin Xing den „Best Choreographer Award“ auf einem amerikanischen Tanzfestival. Ab 1991 unterrichtete er in einem Zentrum für Ausdruckstanz in Rom und hielt sich bis Ende 1993 als Tänzer und Choreograf in New York, Rom und Brüssel auf. Noch vor der Geschlechtsumwandlung hatte Jin Xing in Beijing das Beijing Modern Dance Ensemble gegründet, auf das 2000 das Shanghaier Jin Xing Dance Theatre folgte. Jin Xing lebt heute mit ihren zwei adoptierten Kindern in einer historischen Villa im Kolonialdistrikt Shanghais.

Works

Shanghai Tango: Mein Leben als Soldat und Tänzerin

Published Written,
2006
Autobiografie. Blanvalet Verlag: München

Eidos / Tao

Production / Performance,
2005

Shanghai Tango

Production / Performance,
2003

Person to Person

Production / Performance,
2002

Cross Border

Production / Performance,
2002

The Eternal Present Tense

Production / Performance,
2001

The Last Red Butterfly

Production / Performance,
1999

Red and Black

Production / Performance,
1998

Sun Flower

Production / Performance,
1996

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

China - Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Ein Projekt zur zeitgenössischen Kunst Chinas

(24 March 06 - 14 May 06)

Über Schönheit

Ausstellung, Tanz, Workshops, Konferenz

(18 March 05 - 15 May 05)

IN TRANSIT 2002

Transforming the arts

(30 May 02 - 14 June 02)

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