Béatrice Kombé Gnapa

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additional name:
Compagnie Tchétché
crossroads:
Gender, Identität, Moderne, Tradition
genre(subgenre):
Performing Arts (Tanz, Tanz / Choreografie)
region:
Africa, Western
country/territory:
Côte d'Ivoire
city:
Abidjan
created on:
June 10, 2003
last changed on:
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 Béatrice Kombé Gnapa
Compagnie Tchétché © Latronche /Jeet´ys

Article

Neue Sprache und alte Formen

Mit freundlicher Unterstützung von Ginka und Jörg A. Henle

Die Tänzerin und Choreografin Béatrice Kombé Gnapa gehört zur zweiten Generation der zeitgenössischen afrikanischen Tanzavantgarde. 1997 gründete sie die ausschließlich aus Frauen bestehende Tanzcompany “Tchétché“, zu deutsch “Adler“. Damit ist bereits das Motto der Arbeit von “Tchétché“ gegeben: Es geht um choreografische Befreiung von Tradition, ohne die Herkunft zu verraten, um eine “hoch fliegende freie schöpferische Kraft" und auch um eine Konfrontation mit repressiven Strukturen der Gesellschaft. So vollzieht die Truppe einen international viel beachteten Brückenschlag zwischen afrikanischer Tradition und tänzerischer Innovation, der bereits mit zahlreichen regionalen und internationalen Preisen ausgezeichnet wurde.
In der stürmischen Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes in Afrika, die sich in den neunziger Jahren vollzogen hat, nimmt Béatrice Kombé Gnapa einen wichtigen Platz ein. Gemeinsam mit Salia Sanou, Seydou Boro, Sophiatou Kossoko oder Opiyo Okach zählt sie zu jener Generation global und großstädtisch geprägter Westafrikaner, die sich mit viel Selbstbewusstsein auf ihre afrikanische Herkunft berufen, ohne aber den im Westen geprägten ästhetischen Vorstellungen verständnislos gegenüberzustehen. “Eine neue Generation von Künstlern, aufgewachsen in den modernen afrikanischen Metropolen, geprägt von traditionellen Werten in gleicher Weise wie von internationalen Entwicklungen, verkörpert ein neues Bild afrikanischer Gegenwartskultur", schreibt Johannes Odenthal in der Zeitschrift ballett international/tanz aktuell. ( Heft 12/1999) Und weiter: “Während die Europäer in ihren Erwartungen Afrika weitgehend reduzieren auf Trommelrhythmen und dörfliche Ursprünglichkeit, spiegeln junge Künstler wie Salia Sanou, Seydou Boro oder Beatrice Kombé diese Erwartungen zurück. In ihren Arbeiten verkörpern sie eine Auseinandersetzung mit der vielfältig gebrochenen Identität in den Metropolen, emanzipieren sich aus den Klischees der eigenen Sozialisierung und Fremdbestimmung durch Europa. Ihre künstlerische Basis kommt aus dem unendlich erscheinenden Reichtum der afrikanischen Performing Arts." (a.a.O.)

Der schwierige Umgang mit dem Klischee, der so genannten regionalen Tanzkulturen im Westen immer noch zu schaffen macht, ist bei der Arbeit von “Tchétché“ gleichsam weggewischt. Waren Choreografinnen wie Germaine Acogny oder Elsa Wolliaston auf ihren tanzästhetischen Erkundungsfahrten zwischen amerikanischer Moderne, europäischer Reflexion und afrikanischer Bodenständigkeit noch Pionierinnen im Kampf gegen exotistische Erwartungshaltungen, die sie doch selbst bisweilen bedienten, so gehört Béatrice Kombé mit ihrem Ansatz zu einer eigenständigen, gleichsam unabhängigen Kategorie.

Ihr bisher wichtigstes Stück, “Dimi" (1997/98), verhandelt die heutigen Zerrissenheiten und inneren Konflikte einer Generation, die unter gesellschaftlichen Missständen, repressiver Moral oder patriarchalen Strukturen zu leiden hat – und genau das zu ihrem Thema macht. Gegen die vielgestaltige Gewalterfahrung moderner Gesellschaften setzt Tchétché die Begegnung, die Verständigung, die Solidarität. “Dimi" gerät so mit vier Tänzerinnen und zwei Musikern zu einem kompakten Tanzpoem. Die kraftvoll-geschmeidige Bewegungssprache, die unerhört präzise rhythmische Artikulation und die sauber geführten Stimmungen lassen niemals vermuten, man wohne hier etwas Ungefährem bei. Genau kalkuliert ist das choreografische Zusammenspiel von Musik, Raum und Personenführung. Und doch strahlt die Arbeit eine ganz und gar ungewohnte Wirkung aus. Alles ist eigentümlich konkret und durchpulst. Die Intellektualismen der westlichen Tanzavantgarde fehlen völlig.

“Dimi" heißt zu Deutsch “Schock“ oder “plötzlicher Schmerz“, und genau darum geht es, im übertragenen wie auch im Wortsinne. Die komplizierten Begegnungen zwischen Menschen und all ihrer Sehnsüchte, Abstoßungen, Feindseligkeiten, aber auch Nähe und Solidarität werden eindringlich dargestellt. Das funktioniert rein tänzerisch mit räumlichen Arrangements, dynamischen Hebungen, rasanten Schrittfolgen, manchmal aber auch detailverliebt und illustrativ: eine innige Umarmung, ein Paartanz, ja selbst die pantomimische Darstellung eines Adlerfluges (Anspielung auf das Freiheitsmotiv im Namen der Kompanie).

Demgegenüber bleibt Vieles, was aus traditionellen Tänzen der Region entlehnt wurde, dem ungeübten westlichen Blick verborgen. Doch loben etwa afrikanische Kritiker einhellig Gnapas souveränen Umgang mit traditionellen lokalen Formen und Rhythmen wie etwa dem Gbégbé, dem Abodan oder dem Boloï. “Folkloristisch" aber ist “Dimi" an keiner Stelle. Was manch ein euopäischer Kritiker bemängelte: Allzu tanztheatral, zu sehr auf Ausdrücklichkeit bedacht sei Tchétchés Formensprache. Doch kommt ein solches Verdikt einer erneuten Entmündigung gleich – als hätten die Tanzschöpfer Afrikas nicht das Recht, eine eigene Identität und Intensität zu suchen. Denn damit ist der zeitgenössische Tanz Afrikas vor allem befasst. Auch in Westafrika – v.a. Senegal, Elfenbeinküste, Burkina Faso – hat er noch keine “eigene Geschichte", sondern ist weiterhin im Begriff, sich selbst zu erfinden. Persönlichkeiten wie Béatrice Kombé Gnapa tragen – auch durch ihre Thematisierung von Frauenrechtsfragen und Geschlechteremanzipation, Identitätsfindung und gesellschaftlicher Relevanz – zu dieser Entwicklung maßgeblich bei.
Author: Franz Anton Cramer 

Bio

Als Tochter eines Tanzmeisters aus Elfenbeinküste war Béatrice Kombé Gnapa bereits als Kind mit den traditionellen Bewegungskulturen ihrer Heimat vertraut. Ohne eine reguläre Ausbildung zu durchlaufen, erwarb sie sich ihr professionelles tänzerisches Wissen zwischen 1984 und 1997 als Mitglied mehrerer Kompanien in Elfenbeinküste: zuerst am “Ballet de la Marahoné“, dann mit “Djalem“, “Lakimado“ und “Tenzo“ sowie “N´Soleh“. Ihre erste längere Eigenchoreografie, “Le Kasso", entstand 1997 für die Gruppe “Lakimado“. 1998 erhielt sie als Tänzerin mit dem Ensemble “N´Soleh“ einen Preis auf der Tanzbiennale in Luanda (Angola) für ihre Leistung in “Corps actif". Mit Jean Guillaume Bridji Lébri gründete sie 1997 die “Compagnie Tchétché“. Das erste Stück “Dimi" trug der Gruppe und ihrer Choreografin nationale und internationale Auszeichnungen ein, darunter 1998 den Prix UNESCO pour la promotion des arts, 1999 die Einladung zur afrikansichen Tanzplattform MASA (Marché des arts du spectacle africain) in Abidjan. Das Stück “Sans repères" (1998) wurde bei den 3ème Rencontres de la Création chorégraphique de l´Afrique et de l´Océan Indien in Madagsakar mit dem zweiten Preis bedacht und u. a. 1999 beim Festival International de Nouvelle Danse de Montréal gezeigt.

Works

Sans repères

Production / Performance,
1999

Le Kasso

Production / Performance,
1997

Dimi

Production / Performance,
1997
1997/ 1998

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

IN TRANSIT 2004

The Third Body

(02 June 04 - 13 June 04)

Africa on the Move

(16 March 00 - 16 June 00)
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aus einer Peformance