Angélica Liddell

Article Bio Works Projects www
crossroads:
Gefühl, Grenzerfahrung, Körper, Sexualität
genre(subgenre):
Performing Arts (allgemein)
region:
Europe, Southern
country/territory:
Spain
created on:
June 10, 2011
last changed on:
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Angélica  Liddell
photo: courtesy of the artist.

Article

„Zurzeit habe ich keine Liebe. Ich habe Wut.“

Ein Interview von Friedhelm Teicke mit Angélica Liddell

Angélica Liddell tobt. Die spanische Performerin schreit und schnaubt. Flüche und vulgäre Kraftausdrücke entströmen pausenlos ihrem Mund, sie entblößt ihren Hintern, trinkt, rülpst, spuckt und uriniert. Willkommen im Verausgabungstheater der Angélica Liddell. Subtiles Spiel ist ihre Sache nicht, keine wohldosierten Emotionen sondern die volle Breitseite. Ihr Monolog „El Año de Ricardo“ ist ein Parforceritt aus Wut und Hysterie. Liddell spielt Shakespeares Richard III als das, was er ist: Archetypus eines grausam-zynischen Ungeheuers an der Macht, unflätig, bestialisch, monströs. Richard III ist Hitler, ist Mao Zedong, Kim Il-Sung, Gaddafi und Syriens Assad, er steht für alle Despoten, Schurken und Bestien dieser Welt. Aber auch für den Schuft im demokratischen System. „Ricardo ist eine Mischung aus klinischem Fall und Ehrgeiz“, sagt die 1966 im katalonischen Figueras geborene Künstlerin. „Wir identifizieren uns mit ihm. Ricardo erzählt uns, wie demokratische Mechanismen benutzt werden, um Macht zu missbrauchen, Leiden zu verursachen, und um persönliche Mängel zu kompensieren“ „El Año de Ricardo“ ist der dritte Teil ihrer „Trilogía de actos de resistencia contra la muerte“ (Trilogie der Widerstandshandlungen gegen den Tod). Liddell untersucht nicht nur in diesen Arbeiten die dunkle Seite unserer Wirklichkeit. Sex und Tod, Gewalt und Macht, Wahnsinn und Erkenntnis sind ihre Themen, die sie mit obsessivem Furor umsetzt.
FT: Frau Liddell, die Verausgabung des Körpers bis zur Erschöpfung ist ein Markenzeichen Ihrer Aufführungen. Es ist wie eine Mischung aus S&M und Seelenstriptease. Keine Gnade möglich?

AL: Der Versuch physischen Widerstands ist eine Ebene des geistigen Widerstands. Die Erschöpfung unterstützt mich auf der Bühne und im Leben.

FT: Wieso arbeiten Sie so gerne mit Schmerz und Scham in Ihren Performances?

AL: Nicht, weil ich Schmerz und Scham so mag. Ich finde es unvermeidlich, mit ihnen zu arbeiten – mit dem, was übrig bleibt, wenn ich die Tür meines Zimmers schließe.

FT: Manche bezeichnen Ihre Arbeit als pornografisch.

AL: Ich sage immer, ich mache Seelen-Pornografie. Das ist das große Thema seit Gilgamesch, hau´ die Seele in die Pfanne, wildere im menschlichen Bewusstsein, befreie dich vom antrainierten Diskurs, um dich auf das Tiefe im Leben der Menschen einzulassen.

FT: Würden Sie sich selbst als Feministin bezeichnen?

AL: Ich bin keine Feministin. Ich arbeite nicht aus Ideologien heraus. Ich fühle mich dem menschlichen Leiden verpflichtet, weil ich in der Lage bin, es zu verstehen. Ich kann nicht über andere Dinge als das menschliche Wesen sprechen, oder seine Verkommenheit, den Wunsch nach Einsamkeit, Isolation, einem mangelnden Gefühl der Zugehörigkeit zu Menschen.

FT: Der Zuschauer steht im Zentrum des InTransit-Festivals 2011, auf dessen Eröffnung Sie „El Año de Ricardo“ zeigen. Wie ist Ihre Beziehung zum Publikum?

AL: Ich möchte das Publikum in einen Konflikt bringen zwischen seiner Realität und der geschaffenen Wirklichkeit. Ich möchte, dass es den Konflikt, am Leben zu sein, besser versteht. Ich möchte, dass es die Dinge versteht und es über die menschlichen Möglichkeiten in Erstaunen versetzen. Ich möchte geliebt werden. Wenn dein Leben scheiße ist, hast du nur die Liebe des Publikums. Die Beziehung zum Publikum ist unglaublich komplex, aber sie besteht, um zum anderen zu gelangen, was natürlich ist.

FT: Wie schwer ist es, aggressiv und schamlos zu sein. Oder, anders gefragt, ist Kunst für Sie eine Art von Schutz?

AL: Alles hat seinen Preis. Das Leben infiziert die Kunst und die Kunst das Leben. Das beste Beispiel ist ‚Opening Night‘ von John Cassavetes.

FT: Ein Film über die Lebenskrise einer gealterten Schauspiel-Diva, die erkennen muss, dass es hinter all ihren Rollen keine Wirklichkeit mehr gibt.

AL: Wenn diese Zersetzung zwischen dem einen und dem anderen nicht stattfinden würde, ergäbe es keinen Sinn. Ich kann nicht unversehrt den Probenraum oder die Bühne verlassen, wenn uns die Existenz nicht unversehrt lässt.

FT: Sie spielen auf den großen Theaterfestivals der Welt. Halten Sie sich selbst immer noch für ‚Underground‘?

AL: Ich habe kein Zugehörigkeitsgefühl, auch nicht zum Underground. Meine Arbeit hängt nicht von den großen Bühnen ab, sie findet auf ihnen statt. Ich bin abhängig von der ganzen Scheiße in mir.

FT: Verraten Sie uns etwas über ihren kulturellen Hintergrund? Haben Sie künstlerische Vorbilder?

AL: Viele, viele, da kann ich keinen herausstellen, es sind hunderte.

FT: Wie wichtig sind Ihnen Familie und Freundschaft?

AL: Das einzige was zählt, ist die Liebe. Ohne sie haben weder Familie noch Freunde eine Bedeutung. Zurzeit habe ich keine Liebe. Ich habe Wut.



Aus einem Interview von Friedhelm Teicke mit Angélica Liddell kurz vor Eröffnung des Festivals InTransit 2011 per E-Mail.
Author: Friedhelm Teicke

Bio

Geboren in Figueras, Gerona/Spain, 1966.

Works

Maldito sea el hombre que confía en el hombre: Un projet d’alphabetisation

Production / Performance,
2011

La casa de la fuerza

Production / Performance,
2009

Te haré invencible con mi derrota

Production / Performance,
2009

La desobediencia

Production / Performance,
2008

Angfaestelse

Production / Performance,
2008

Perro muerto en tintorería: Los fuertes

Production / Performance,
2007

Boxeo para células y planetas

Production / Performance,
2006

El año de Ricardo

Production / Performance,
2005

Y como no se pudrió: Blancanieves

Production / Performance,
2005

Yo no soy bonita

Production / Performance,
2004

Broken Blossoms

Production / Performance,
2004

Lesiones incompatibles con la vida

Production / Performance,
2003

Y tu mejor sangría

Production / Performance,
2003

Y los peces salieron a combatir contra los hombres

Production / Performance,
2003

Hysterica passio

Production / Performance,
2003

Once Upon a Time in West Asphixia. Hijos mirando al infierno

Production / Performance,
2002

El matrimonio Palavrakis (Tríptico de la Aflicción)

Production / Performance,
2001

La falsa suicida

Production / Performance,
2000

Frankenstein

Production / Performance,
1998

Dolorosa

Production / Performance,
1994

El jardín de las Mandrágoras. Pequeña tragedia sexo-metafísica divida en nueve escenas y cinco lirios

Production / Performance,
1993

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

IN TRANSIT 2011

(15 June 11 - 18 June 11)

Www

Official Website

Angélica Liddell on Twitter

http://twitter.com/#!/angelicaliddell