Aleš Šteger

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crossroads:
Reise, Wahrnehmung
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Dichtung, Essay, Reisebericht)
region:
Europe, Southern
country/territory:
Slovenia
created on:
May 7, 2007
last changed on:
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Aleš Šteger
Aleš Šteger. Courtesy of the artist

Article

Der Blick der Dinge auf die Welt

Aleš Šteger ist nicht nur einer der wichtigsten slowenischen Lyriker seiner Generation, er ist auch eine zentrale Figur des slowenischen kulturellen Lebens. Ein kluger Macher mit großem Charisma hat er 1996 das internationale Lyrikfestival „Days of Poetry and Wine“ im slowenischen Medana mitbegründet und viele Jahre geleitet. 2007 gestaltete er den Gastauftritt Sloweniens auf der Leipziger Buchmesse entscheidend mit. Er ist ein ausgezeichneter, tiefsinniger Übersetzer und Vermittler zwischen den Kulturen, dessen besondere Liebe der deutsch- und spanischsprachigen Poesie gehört und ist als Verlagslektor bei Študentska založba für das geisteswissenschaftliche und philosophische Programm verantwortlich. Šteger ist ein weltoffener Grenzgänger, der gerne über den eigenen Tellerrand hinausschaut und den Austausch mit Künstlern anderer Sparten sucht – mit Komponisten, Musikern und bildenden Künstlern.
Aleš Šteger ist in vielen Sprachen und Ländern zu Hause – seine Heimat aber ist das Land der Lyrik, dessen unbekannte Räume mit den vielen Tapetentüren, Möbiusschleifen, Zwischenwelten er aushorcht und erkundet. Vier preisgekrönte Gedichtbände hat er seit seinem frühen Debüt „Šahovnice ur“ („Schachbretter der Stunden“) im Jahr 1995 vorgelegt, die ihn zu einem bedeutenden Lyriker seiner Generation und zu einem weit über Slowenien hinaus bekannten Autor gemacht haben. Das Symbolhafte der Dinge, das Interesse an Zwischenräumen sowie die Suche nach Erkenntnis über das Dasein sind von Anfang an in Aleš Štegers Gedichten erkennbar: in „Šahovnice ur“, in „Kašmri“, in Protuberance und in „Knjiga re?“i.

In „Kašmir“ („Kaschmir“, 1997) kartografiert Aleš Šteger den Kosmos der schattigen Übergänge, der Träume, des Schlafs: „Wenn du die Augen schließt, siehst du ein Gedicht. / Es entbehrt der Greifbarkeit jener Dinge, nach denen du dich heimlich sehnst. / Es erinnert dich an ein frisch geweißtes Zimmer, / in dem der Sommer vergaß, Fenster und Türen zu schließen. / Aber auch dies eine unglückliche Anspielung auf Formen der dinglichen Welt. / Es gibt keine Eingänge oder Ausgänge in diesem Gedicht. / Es befindet sich in einem eher flüchtigen Zustand. / Die Figuren, die es schwebend bevölkern, seine Metaphern, / gerahmt an den Wänden, / kann ein Luftzug aus dem All / sofort auseinanderwirbeln und in etwas anderes verwandeln. (…)“ Es sind „nach innen gekehrte Reisetexte“, die Aleš Šteger in „Kašmir“ sammelt, es ist die „Topografie einer Landschaft jenseits von Zeit und Raum und der Versuch, die Schwerkraft und Gnade der Sprache zu erfassen.“ (Josip Osti)

„Protuberance“ („Protuberanzen“, 2002) bringt die Entstellungen unserer Welt zur Sprache. Aleš Šteger ist sich dessen bewusst, dass die Welt unveränderlich ist, „blutig und habgierig“, dass ihre „Verstümmelungen kaum heilbar sind“; aber er „zeichnet sie auf, damit wir ihre Namen erkennen“ – so Dane Zajc, der große slowenische Lyriker, einer der literarischen Väter Aleš Štegers, in seinem Vorwort zu „Protuberance“. „Protuberanzen. / Protuberanzen. // Werde die Wortlänge der Lichtwellen, / die durch die Erinnerung und das Fleisch reisen, / um mit dem Aufzeichnen der Wunden / die Namen für die Entstellungen dieser Welt zu heilen.“ „Protuberance“, das ist der kühle, sezierende Blick des Chirurgen bei der OP, das ist das Hantieren mit scharfen Skalpellen, denn, mit Gottfried Benn gesprochen, der das Eingangsmotto für den Gedichtband liefert: „Die Welt ist kein erweiterter Uterus, / so warm liegt sich’s da nicht.“ Von allen slowenischen Dichtern der jüngeren Generation ist Aleš Šteger am stärksten von der deutschsprachigen Dichtung beeinflusst worden. Gottfried Benn und Paul Celan waren seine frühen poetischen Ahnherren, Gottfried Benn, Ingeborg Bachmann, Peter Huchel sowie „Einbahnstraße“ von Walter Benjamin hat er ins Slowenische übersetzt, und ohne den Dichter und Arzt Gottfried Benn, ohne seine Rattenfamilie wäre der Gedichtband nicht denkbar. Doch „Protuberance“ ist auch ein Buch des Unterwegsseins, das Spuren trägt von Reisen in den Jemen, nach Berlin und Paris, und es ist ein Buch der Heimkehr ins Dorf, in die Welt der Kindheit und der Verwandten.

In „Knjiga re?i“ („Buch der Dinge“, 2005) schließlich lässt Aleš Šteger die Dinge aus ihrer Erstarrung treten und selbst das Wort ergreifen: das Ei, das sich Aug in Auge mit einem an den Tisch setzt und Fragen stellt, die Schippe, die in der Erde gräbt und dort Erkenntnis schürft, die Scheibenwischer, zwei Knechte in schwarzen Gummistiefeln, die wieder und wieder über Schlammspritzer, Tropfen und verschmiertes Ungeziefer fahren, ohne sie je tilgen zu können, der Regenschirm in seinem engen Smoking, von Pfeilen durchbohrt, voll süßen Schmerzes, ein sexy Märtyrer. „Knjiga re?i“ ist ein Gedichtband mit anspruchsvollem Konzept. Er betrachtet die Dinge hier nicht von einer menschlichen Warte aus, sondern nimmt eine Verschiebung des Zentrums vor und horcht, was die Dinge uns zu sagen haben – über sich und über das Leben. Dieser erstaunliche Blickwinkel ist dem slowenischen Originaltitel bereits als Programm eingeschrieben: „Knjiga re?i“ („Buch der Dinge“) lautet er, wobei „re?i“ nicht nur der Genitiv Plural von „Dinge“ ist, sondern etymologisch zugleich auch das Verb „re?i“ in sich trägt, etwas „sagen“ oder „sprechen“ bedeutet, so dass im Slowenischen die Dinge per se eine Sprache zur Verfügung haben und einen kompletten Lyrikband als Darsteller auf der Bühne bestreiten können, ohne dass es eines lyrischen Ichs bedürfte. „Knjiga re?i“ ist der Versuch, von der persönlichen Perspektive, vom lyrischen Ich Abstand zu nehmen, sich ganz in die Dinge hineinzuversetzen und so weit es geht von der Wahrnehmung her in ihnen zu verharren; der Versuch, einen unbekannten Raum zu betreten, ihn auszuhorchen und mit sprachlichen Bildern zu füllen. Mit Leichtigkeit, Witz, Ironie, Ernst und einem Sensorium auch für das Unterschwellig-Bedrohliche fördert Aleš Šteger Eigenschaften der Dinge zutage, die wir ihnen nie zugetraut hätten: Die Demut der schrumpeligen Rosinen etwa mit ihren zahllosen Falten, ganz wie eine Handvoll Wallfahrtsrentner auf Bustour; das Oberaufseherhafte der Heuharfe, der Hüterin Sloweniens, die aufpasst, „dass niemand dem Spiel entschlüpft“; die Gleichgültigkeit der Minze, die auf Feldern, Ackerwegen, Massengräbern wächst, aus den Knochen der Toten, „aus dem Daumen der Nachbarin, aus dem Schienbein des Unbekannten“. Es geht also nicht um eine möglichst realistische Beschreibung von außen, wie sie Francis Ponge unternommen hat, sondern um eine Durchdringung bis hinein in den Kern der Dinge und um ihren Blick auf die Welt. Die Passagen von außen nach innen geschehen in „Knjiga re?i“ fast unmerklich, als würden wie von Magierhand einige Schraubbewegungen vollzogen. Auf einmal befindet man sich in den unbekannten Falten der Zwischenräume, in der Schwebe des flirrenden Entweder-Oder, in der Welt hinter den Spiegeln. Wobei die Passage ins „Dazwischen“ für den Leser nicht nur mit aufregenden Entdeckungen verbunden ist, sondern auch mit Verunsicherung.

Außer diesen vier Gedichtbänden hat Aleš Šteger zwei essayistische Reisebücher veröffentlicht: 1999 „V?asih je Januar sredi poletja“ („Manchmal ist Januar mitten im Sommer“) über seine Reisen durch Peru auf den Spuren von César Vallejo sowie 2007 „Berlin“ , ein Buch, das in seiner zwischen Prosa, Essay und Lyrik changierenden Form verwandt ist mit Walter Benjamins „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“. Hier reflektiert Šteger seinen einjährigen Aufenthalt in Berlin als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD (2005/2006).
Author: Katharina Narbutovic

Bio

Aleš Šteger, 1973 in Ptuj, Slowenien, geboren, lebt in Ljubljana. Er studierte Komparatistik und Germanistik in Ljubljana, war 1996 Mitbegründer und lange Jahre Leiter des internationalen Lyrikfestivals „Days of Poetry and Wine“ in Medana. Šteger arbeitet als Verlagslektor sowie literarischer Übersetzer aus dem Deutschen und Spanischen und hat einige vielfach ausgezeichnete Bücher verfasst, wie „Schachbetter der Stunden" (1995), „Kaschmir" (1997), „Manchmal ist Januar mitten im Sommer (1999), „Protuberanzen" (2002), „Buch der Dinge" (2005) und „Berlin" (2007).

Works

Berlin (Berlin)

Published Written,
2007

Knjiga re?i (Buch der Dinge)

Published Written,
2005

Protuberance (Protuberanzen)

Published Written,
2002

V?asih je Januar sredi poletja (Manchmal ist Januar mitten im Sommer)

Published Written,
1999

Kašmir (Kaschmir)

Published Written,
1997

Šahovnice ur (Schachbretter der Stunden)

Published Written,
1995

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Europe Now | Europe Next

(01 August 06 - 31 July 07)