Daniel Alarcón

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crossroads:
Bürgerkrieg, Heimat, Konflikt, Krieg, Menschlichkeit, Migration, Tradition
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Kurzgeschichte, Roman)
region:
America, South
country/territory:
Peru
created on:
September 29, 2009
last changed on:
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Daniel Alarcón
Daniel Alarcón © Sheila Alvarado

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Ein Leben in der Übersetzung

Einfach umgehauen hat es ihn, sagt Daniel Alarcón. Unglaublich aufregend sei es, irgendwie fantastisch. Auf der Longlist des Internationalen Literaturpreises vom Haus der Kulturen der Welt und der Stiftung Elementarteilchen fand er seinen Namen inmitten von 13 anderen wieder. Darunter Autoren, die er schon seit Jahren bewundert. Alarcón hat mit „Lost City Radio“ seinen ersten Roman veröffentlicht. Gleichwohl ist es nicht das erste Buch des 32-Jährigen. Schon mit einem Erzählband hat er prompten Erfolg geerntet und wurde 2006 für den PEN Hemingway Award nominiert.
„Lost City Radio“ – das ist, erzählt er, ein Roman, der in irgendeiner chaotischen lateinamerikanischen Stadt spielt. Zehn Jahre nach einem Krieg, der das Land verwüstet hat. Die einzige Hoffnung für Menschen, die ihre Angehörigen vermissen, ist das titelgebende Radio. Eines Tages kommt ein Junge aus dem Dschungel und bringt der Radiomoderatorin Norma eine Liste mit Verschollenen und Toten, darunter Normas Ehemann. Norma beginnt nach zehn Jahren des Wartens zu suchen: nach ihrem Mann, seiner Identität, nach dem verlorenen Land, nach sich selbst.

Auch Alarcóns literarisches Schaffen begann mit einer Suche. Seit 1980 lebt er im Exil in den USA. Seine Familie gehört zu den wenigen, die 1980 mit Beginn des Peruanischen Bürgerkriegs das Land verlassen haben. Da war Alarcón gerade drei Jahre alt. Er betont, dass das alles ja ein glücklicher Zufall gewesen sei: „Meine Familie verließ das Land 1980, aber wir gingen nicht wegen der politischen Gewalt im Land – ich glaube, das habe ich immer klar ausgedrückt. Es wäre ja auch denen gegenüber nicht fair, deren Werk unmittelbar von der politischen Gewalt beeinflusst ist, zu behaupten, dass wir wegen deswegen gegangen seien. Wir waren in mancherlei Hinsicht sehr privilegierte Emigranten.“

Vielleicht war es ein kurioser Mix aus Überlebenden-Syndrom und schlichter Neugier, meint er, der ihn dann als junger Erwachsener bei seiner Suche nach dem Geschehenen angetrieben hat. Im US-amerikanischen Exil hört der Heranwachsende in den Medien, wie Lima zerstört wird, seine Stadt: „Wissen Sie, der Krieg ... im Anfang war das alles ja sehr weit weg. Schließlich kam der Krieg nach Lima, wo meine Familie vorher lebte. Als der Krieg nach Lima kam, hat er niemanden verschont. Alle waren betroffen …Reich und Arm, Nord-Lima, Süd-Lima, Zentral-Lima – einfach jeder lebte in demselben Zustand der Belagerung.“

Ab 1995 beginnt Alarcón, zurückzukehren in sein altes Heimatland, eigentlich nur das Land seiner Herkunft. 2001 lebt er in der Nähe von Foltergefängnissen, einer No-Go-Zone am Rand der Stadt. Als seine Recherche beginnt, nimmt er es selbst kaum wahr. Denn die Geschichten kommen zu ihm. Die Leute vertrauen sich ihm an und erzählen.

„War by Candlelight” ist sein erster Erzählband. Ursprünglich will er über seinen vermissten Onkel schreiben. Keinen Roman, keine Erzählung. Er will dokumentieren, was geschah. Er interviewt Gewerkschaftsführer, Mitglieder des Peruanischen Kongress, Akademiker und Familienmitglieder. Doch weil die Geschichten sich nicht zu einem Ganzen fügen, beginnt er, Prosa zu schreiben. Elemente dieser Geschichten sind später auch in „Lost City Radio“ eingeflossen.

Aber wie passt ein Buch, in dem es um das Wiederfinden einer verlorenen Sprache und Welt geht – um einen Zustand vor Migration und Hybridität – zu einem Internationalen Literaturpreis, der sich Themen wie Exil, Migration und Mehrsprachigkeit auf die Fahnen geschrieben hat? Alarcóns Antwort kommt prompt. Er hat in „Lost City Radio“ nicht umsonst auf den Namen der Stadt und des Landes verzichtet. Denn seine ganz lokale Geschichte spiegelt sich tausendfach in anderen ganz lokalen Geschichten wider: „Ich habe das Buch in Spanien vorgestellt und es wurde als Buch über Franco verstanden. Als ich es in Kolumbien vorgestellt habe, ging es um den Kolumbianischen Krieg. Als ich es in Argentinien vorgestellt habe, ging es um die Diktatur in Argentinien und als ich es in Chile vorgestellt habe, ging es um Pinochet. In den USA wurde es für ein Buch über den Terrorismus und 9/11 gehalten.“

Eine erleuchtende Erfahrung, wie er sagt, sei das gewesen. Und komisch sei es doch auch. Sein Leben stehe doch geradezu für die Übersetzung. Und da hat er bestimmt recht, denn Alarcón lebt nicht nur zwischen den Welten. Er spricht und denkt auch zwischen den Welten. Daniel Alarcón ist goldrichtig gelandet zwischen den Größen des Internationalen Literaturpreises des Hauses der Kulturen der Welt und der Stiftung Elementarteilchen. Er selbst hat literarische Größe bewiesen. Der Literaturwissenschaftler Ottmar Ette, Jurymitglied des Internationalen Literaturpreises, preist „Lost City Radio“ als „brillant konzipierten und komponierten“ Debütroman, der „von einem unbändigen Willen zum Erzählen vorangetrieben“ ist. „Lost City Radio“, von Friederike Meltendorf herausragend ins Deutsche übertragen, trägt den Preis nachhause.


Aus einem Interview mit dem Autoren im September 2009.
Author: Heike Gatzmaga

Works

Lost City Radio

Published Written,
2008
Wagenbach, Berlin

War by Candlelight: Stories by Daniel Alarcón

Published Written,
2005
Harper Collins Publishers

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Internationaler Literaturpreis

Haus der Kulturen der Welt

(01 January 09 - 30 September 09)

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