Javier Téllez

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crossroads:
Überschreitung, Außenseiter, Ausgrenzung, Erinnerung, Macht, Wahrnehmung
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Film, Videokunst)
region:
America, North, America, South
country/territory:
United States of America, Venezuela
created on:
November 4, 2008
last changed on:
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Javier  Téllez
Javier Téllez. Courtesy of Hitomi Iwasaki

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Die Kollaborateure des Künstlers

„Patienten“, sagt Javier Téllez, „sind die besseren Übersetzer. Sie können die Sprache der Psychiater und des Klinikpersonals sehr gut nachahmen. Auf der anderen Seite ist diese Fähigkeit sehr selten. Die Sprache der Institutionen ist nicht in der Lage, diejenigen nachzuahmen, die Objekt ihres dominanten Diskurses sind.“
Sprache ist ein Herrschaftsinstrument zwischen Ärzten und Patienten. Diese Macht auszuhebeln und die hierarchischen Ordnungen umzudrehen, ist eine der Strategien, die Javier Téllez in seinen Filmen verfolgt. Seine Projekte entstehen meist in enger Zusammenarbeit mit Menschen, die von einer normalen Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Er hat mit psychisch Kranken gearbeitet (2004 in Sidney „La Passion de Jeanne d`Arc“, 2005 in Mexico „One Flew over the Void“, 2008 in Berlin „Caligari und der Schlafwandler“), mit Blinden (2007 in New York „Letter on the Blind For the Use of Those Who See“) und mit Familien in Venezuela, die schon seit mehreren Generation an Chorea Huntington, auch Veitstanz genannt, leiden (2001 „Choreutics“).

Ein Akt der Empathie sind die Filme und Projekte von Javier Téllez dabei immer, aber über ein hilfloses Mitleiden und Bedauern, das so oft das Verhältnis der funktionierenden Gesellschaftsteile zu ihren marginalisierten Randgruppen bestimmt, gehen sie weit hinaus. Denn er bietet seinen Mitspielern eine andere Art der Repräsentation und Stellvertretung an und ein Rollenspiel, das ihnen einen neuen Blick auf sich selbst ermöglicht. Zu Recht sagt er deshalb, dass das „Wichtigste die Kollaboration“ ist. Und den möglichen Verdacht, dass er seine Akteure voyeuristisch benutzt, setzen seine Arbeiten schnell außer Kraft.

Sein Film „Caligari und der Schlafwandler“ entstand im Auftrag des Haus der Kulturen der Welt für die Ausstellung „Rational / Irrational“ 2008 in Berlin. Er greift hier auf den berühmten expressionistischen Stummfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (Regie: Robert Wiene, Produzent: Erich Pommer, 1919), den filmgeschichtlich ersten Film über eine psychiatrische Anstalt zurück, wie Javier Téllez betont. Auch bei ihm taucht Dr. Caligari als ein Hypnotiseur auf, der mit Cesare, dem „Schlafwandler vom Sklavenstern“ arbeitet, aber anders als in der historischen Vorlage geht es nicht um ein Verbrechen. Téllez hat die Rollen des Films mit Patienten einer Klinik aus Berlin Neukölln besetzt, die man auf der Leinwand zugleich als Zuschauer des Films in einem großen Kinosaal sitzen sieht. Im Off kommentieren sie die Zustände und verschobenen Wahrnehmungen ihrer Protagonisten und setzen sich selbst dazu ins Verhältnis. „Wenn die Angst kommt, dann bin ich plötzlich im falschen Film“, erzählt der Darsteller des Caligari und benutzt dabei eine sehr populäre Redewendung, die auf merkwürdige Weise das Unbewusste und das Kino zusammenbringt.

Als Drehort hat Téllez den von Erich Mendelsohn in Potsdam gebauten Einsteinturm genutzt, eine Ikone der expressionistischen Architektur. So stellt sein Film auch die Verbundenheit zu einer Epoche der Kunst dar, die sich von pathologisierten Störungen der Wahrnehmung inspirieren ließ und sie in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg auch für die Beschreibung einer aus den Fugen geratenen Welt benutzte. In der Kameraführung und der Komposition der Filmbilder hingegen verzichtet Téllez auf jegliche Nachahmung des Expressionismus.

Das Interesse an dem großen Thema, wie eine Gesellschaft mit ihren Außenseitern umgeht, ist für den 1969 in Valencia (Venezuela) geborenen Künstler biografisch bedingt. Seine Eltern waren beide Psychiater. So erinnert er sich daran, dass sein Vater auch zuhause Patienten empfing und seinen Sohn in Krankenhäuser mitnahm: „Und ich glaube, das führte zur Auflösung der Unterscheidung zwischen dem, was als „normal“ und dem, was als „pathologisch“ empfunden wird“, so Téllez. Aber auch, dass sein Vater ein sehr gebildeter Mann war, in dessen Bibliothek „mehr Bücher standen als in der Staatsbibliothek“, habe ihn geprägt.

Tatsächlich sind seine Werke voller bildungsbürgerlicher Bezüge auf die Geschichte von Kunst, Literatur, Philosophie und Film. Der ungewöhnliche Umgang mit brisanten Themen liegt bei ihm so offensichtlich auf der Hand, dass eine Auseinandersetzung mit seinen Formen darüber leicht ins Hintertreffen gerät. Es ist nicht zuletzt künstlerische Neugier, die ihn antreibt. Denn er erforscht mit jeder Arbeit auch ästhetische Funktionsweisen, analysiert Filmgeschichte und die Bedingungen ihrer Rezeption. Die Auseinandersetzung mit dem Medium findet in der Umschreibung der Geschichten und der Komposition der Bilder statt, die einen cineastischen Meta-Diskurs führen.

In der Rezeption werden die Werke von Téllez leicht als eine Kritik an den Institutionen verstanden, in denen er seine Protagonisten findet. Eine solche Lesart übersieht, dass er deren Notwendigkeit gar nicht in Frage stellen will. Ihn interessieren vor allem die eigene Sprache und die darstellerischen Fähigkeiten der zu Patienten geworden Menschen: Er erfährt und erhält von ihnen etwas, das er anders nicht finden könnte.

Das lässt sich besonders an der Videoinstallation „Letter on the Blind For the Use of Those Who See“ verdeutlichen, die eine gleichnamige Erzählung von Diderot aufgreift. In dieser Erzählung ertasten Personen ohne Augenlicht Teile eines Elefanten und liefern davon sehr unterschiedliche Beschreibungen ab. Die klassische Interpretation der Geschichte zielt auf die Relativierung der Erkenntnis und die Unzuverlässigkeit subjektiver Wahrnehmung. Anders in Téllez’ Film, findet er doch in den fünf blinden Männern und einer Frau ein bereicherndes Spektrum der Wahrnehmung im Berühren, Riechen und Hören. Der Film entstand in einem aufgegebenen Schwimmbad im New Yorker Stadtteil Williamsburg und seine Bilder vermitteln neben der Geschichte auch etwas vom sozialen Niedergang eines Stadtteils.

Nahaufnahmen des Elefanten hingegen verwandeln den Tierkörper in ein fast abstraktes Feld von Oberflächen. Diesen Filmbildern setzt Téllez Skulpturen entgegen, die er nach den verschiedenen Beschreibungen der Blinden geschaffen hat und die jeweils taktile Eigenschaften in ein anderes Medium übersetzen. Mit dieser Arbeit war Téllez 2008 zur New Yorker Whitney Biennale eingeladen und er zeigte sie in seiner Züricher Galerie Peter Kilchmann.

Javier Téllez, der heute in New York lebt, ist seit Ende der neunziger Jahre mit seinen Filmen und Installationen in Soloshows, auf vielen Biennalen und in thematischen Ausstellungen weltweit vertreten. Seine Inszenierungen passen zu den Trends des Re-Staging und Re-Acting, ihrem Vermessen der Vergangenheitsbezüge, ihrem Befragen des kollektiven Gedächtnisses, ihrer Re-Lektüre einst bedeutungsstiftender Momente der Kunst- und Geistesgeschichte. In diesem Sinn ist Téllez’ Werk sehr ambitioniert und verlangt vom Betrachter, sich in diesem anspruchsvollen, fast elitären „Kanon“ zu bewegen. Dies geht vielleicht nicht ganz konform mit der Sehnsucht nach einer Zusammenarbeit mit meist sozial Benachteiligten. Aber gerade in diesem Widerspruch wird eben jene Grenze wieder fühlbar, deren Überwindung Javier Téllez sich so leidenschaftlich verschrieben hat.
Author: Katrin Bettina Müller

Works

Gruppenausstellungen (Auswahl)

Established
200816th Biennale of Sydney, Sydney, cur. Carolyn Christov-Bakargiev, Australien / Amateurs, CCA Wattis Institute for Contemporary Arts, San Francisco, cur. Ralph Rugoff, USA / Mimétisme, Extra City – Center for Contemporary Art, Antwerpen, Belgien / Whitney Biennial, Whitney Museum of American Art, New York, USA / Mimétisme, Extra City, Antwerpen, Belgien/ Manifesta7, Palazzo delle Poste, Trentin, Italien / Sydney Biennial, Sydney, Australien / 2007 2nd Moscow Bienniale of Contemporary Art, Moscow, Russland / Between two Deaths, ZKM, Karlsruhe / Espacio 414, Coleccion Berezvidin, San Juan, Puerto Rico / Doppelgänger, MARCO, Vigo, Spanien / CE3, MCA, Sydney, Australien / 2006 Limites - Estrecho Dudoso, ARS TEOR/éTica, San José Norte, Costa Rica / First Architecture, Art and Landscape Biennial of the Canaries, Kanarische Inseln / postEr, Hydra School Project, Hydra, Griechenland / On Mobility II, De Appel, Amsterdam, Niederlande / Die Kunst erlöst uns von gar nichts, ACC Weimar, Weimar / Capital Culture, prometeogallery di Ida Pisani, Milano, Italien / Dark Places, Santa Monica Museum of Art, Los Angeles, USA / When Artists Say We, Artists Space, New York, USA / 2005 Un Nuevo y Bravo Mundo”, Sala de Alcalá, Madrid, Spanien / T1 Pantagruel Syndrome”, Castello di Rivoli, Museo d´ Arte Contemporanea, Turin, Italien / InSite_05, San Diego/Tijuana, USA und Mexiko / Biennale 2, Section: Acción Directa, Prague, Tschechische Republik / Jump Cuts – Venezuelan Contemporary Art”, Americas Society, New York, USA / 2004 Settlements, Musée d¹Art Moderne, Saint-Etienne, Frankreich / Emotion Eins, Fankfurter Kunstverein, Frankfurt / ARCO, Ziegler Modern & Contemporary, Madrid, Spanien/ Produciendo Realidad, Prometeo Associazione per l¹arte contemporanea, Lucca, Italien / Biennale of Sydney, Sydney, Australien / On Reason and Emotion, Biennale of Sydney, Museum of Contemporary Art, Sydney, Australien / Emotion eins, Frankfurter Kunstverein, Frankfurt am Main / 2003 Dreamscapes, Deutsche Bank, New York, USA / Biennale di Venezia, Venedig, Italien / Estação bienal, Fortaleza , Brasilien / Royal Hibernian Gallery, Dublin, Irland / Surveillance, Moore space, Miami Beach, Miami, USA / Serge Ziegler Galerie in collaboration with griedervonputtkamer, Berlin, USA / 2002 Bienal Iberoamericana de Lima, Lima Biennial, Lima, Peru / Ideal House, Gallery 400, University of Illinois, Chicago, USA / 2001 Yokohama Triennale, Yokohama, Japan / Loop – Alles auf Anfang, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München / 2000 Kwangju Biennale, Kwangju, Süd-Korea / Greater New York: New Art in New York, P.S.1 Museums and MOMA, New York, USA

Einzelausstellungen (Auswahl)

Established
2008 Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Schweiz / 2007 Production-in-Residence-program, Baltic Art Centre, Visby, Schweiz / Oedipus Marshal, Galerie Figge von Rosen, Köln / 2006 Distinguished Artist in Residence: Javier Téllez, Aspen Art Museum, Aspen, USA / La Passion de Jeanne d’Arc (Rozelle Hospital), Galerie Peter Kilchmann, Zürich / Schweiz / 2005 La Passion de Jeanne d´Arc (Rozelle Hospital), The Power Plant Contemporary Art Gallery, Toronto, Kanada / S-t-e-r-e-o-v-i-e-w, Bronx Museum of the Arts, Bronx, New York, USA / Musée d¹Art Moderne, Saint-Etienne, Frankreich / Limmerick Art Gallery, Dublin, Irland / 2004 Un artista del hambre, Museo d´Arte Carrillo Gil, Mexico City, Mexiko / La Galerie Ghislaine Hussenot a le plaisir d´invite la Serge Ziegler Galerie, Zürich, Schweiz / A Hunger Artist, Museo Carrillo Gil, Mexico City, Mexiko / 2002 You Are Here, Art Basel Miami Beach, Statements, Serge Ziegler Galerie, Zürich, Schweiz / A Hunger Artist, Sala Mendoza, Caracas, Venezuela / Alpha 60 (The Mind-Body Problem), White Box, New York, USA / 2001 LC4/R-Machine, Art Unlimited, Serge Ziegler Galerie, Basel, Schweiz / Bedlam, Rufino Tamayo, Mexico City, Mexiko / La Panaderia, Mexico City, Mexiko / 2000 Bounced, Serge Ziegler Galerie, Zürich, Schweiz

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Rational/Irrational

(08 November 08 - 11 January 09)
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Caligari und der Schlafwandler
Caligari und der Schlafwandler
Caligari und der Schlafwandler