Liu Dan

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crossroads:
Identität, Natur, Schönheit
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Zeichnung)
region:
Asia, Eastern, America, North
country/territory:
China, United States of America
city:
Beijing, New York
created on:
March 15, 2005
last changed on:
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Article

Moderner Tuschemaler

Liu Dan materialisiert steinernen Mikrokosmos und überbordende Fantasien, kombiniert dabei brillant westliche und asiatische Techniken. Einerseits tief in der chinesischen Tradition verwurzelt, sucht er andererseits nach einer neuen Maltechnik. Daher sprengen Liu Dans Arbeiten sämtliche Kategorisierungen und sind einer enormen Spannung ausgesetzt.
„Spirit Rocks“, Geistersteine mit Löchern und Furchen in den seltsamsten Formen wurden in alten Zeiten von chinesischen Künstlern bemalt, von Steinliebhabern gesammelt und in Gärten zur Schau gestellt. Felsen sind die Wurzeln der Wolken und stehen stellvertretend für bestimmte organische und psychische Phänomene. Für Taoisten sind sie ein Symbol für Langlebigkeit. Betrachtet man nur lange genug die zerklüfteten Oberflächen von Felsen, kristallisieren sich wundersame Vertiefungen heraus, zeichnen sich merkwürdige Figuren und Silhouetten ab. Die Löcher in den Steinen indes, so Liu Dan, erlaubten den Gedanken, frei umherzuschweifen und einen Bezug zwischen Materie und Zeit herzustellen. Wenn man Dinge durch Löcher beschaut, kann man diese Beziehung manipulieren, sich in den Zustand der Trance versetzen. Im alten China glaubte man gar, auf diese Weise die Erleuchtung zu erlangen.

Liu Dan gehört zu den wenigen chinesischen Künstlern, die sich der Tradition der Steinmalerei wieder angenähert und sie gleichzeitig weiterentwickelt haben, weshalb er auch „ Meister der modernen Steinmalerei“ genannt wird. Das Projekt „Zwölf Ansichten eines Steins“ wurde ursprünglich von dem amerikanischen Kunstsammler Ian Wilson im Jahr 1994 angeregt, selbst ein Steinfanatiker, wie er von sich sagt. Als der rechte Stein schließlich gefunden wurde, fertigte Liu Dan zunächst detaillierte Skizzen an. Seiner Meinung nach führe nur eine eingehende Analyse und ernsthafte Auseinandersetzung mit der Materie zu ihrer Beherrschung, nur dann ließe sich eine ausgefeilte Technik entwickeln. „Zwölf Ansichten eines Steins zu malen offenbart die Schönheit der sichtbaren und imaginären Beziehung zwischen verschiedenen Aspekten des Selbst, wie sie von eben jenen Aspekten des Steins verkörpert werden.“

Während sich chinesische Künstler aus der Ming-Dynastie wie beispielsweise Wu Bin (1568–1626) ebenso wie Liu Dan von den zeitgenössischen populären Kunsttrends absetzten und auch Wu Bin zehn Ansichten eines Steins zu Papier brachte, ging es ihm und anderen Künstlern seiner Zeit um die Beschäftigung mit der Natur. Liu Dan hingegen bemüht sich, über die Natur mit sich selbst in einen Dialog zu treten. Seine Herangehensweise unterscheidet sich noch in einem weiteren Punkt:
Früher hatten chinesische Künstler Steine und Felsen recht expressiv mit Tusche bemalt, Liu Dan hingegen scheint sich mit der Lupe an die Materie heranzumachen und zeichnet jede auch noch so kleine materielle Verschiebung auf. Dies komme nicht von ungefähr, gesteht Liu Dan in einem Interview dem Kunstkritiker und Kurator des Jiangsu Museums of Art Xu Lei, denn die Entdeckung der DNA, digitale Technologien und genetische Forschungen hätten unsere Wahrnehmung von den Dingen beeinflusst. „Insofern täuschen meine Steinzeichnungen zunächst etwas vor, was man zu kennen meint, doch dann spürt man, dass sie anders sind, dass sie sich vom Makrokosmos weg- und zur mikroskopischen Welt hinbewegen.“
Um eben die Erforschung des Mikrokosmos, der sich auch in dem Projekt „Zwölf Ansichten eines Steins“ manifestiert, geht es Liu Dan. „Der Mikrokosmos ist etwas, das durch tiefes Versenken in die Materie erfahrbar gemacht werden kann. \... Bei der Überwindung der Todesfurcht entdeckt man unweigerlich unbekannte und wesentliche Aspekte seiner selbst. Dies erklärt auch, weshalb ich es selten genieße, wenn ich male, sondern mich viel öfter in einem Zustand der Trauer und der Ekstase befinde.“

Liu Dans innovativer Umgang mit dem kulturellen Erbe Chinas, dem er sich verpflichtet fühlt, zeigt sich auch in der Art und Weise, wie er die chinesische Malerei vorantreibt. Kunsthistoriker betrachten ihn als jemanden, der die chinesische literati-Tradition fortführt. Das heißt seine Tuschmalerei nimmt durchaus Elemente der traditionellen chinesischen Malerei auf und hält sich an „ Tugenden“ aus der Vergangenheit, um sie der Gegenwart als Spiegel vorzuhalten. Vergebens aber wird man bei Liu Dan nach den weisen Männern, nach Booten auf stillen Gewässern, nach Pagoden und Brücken suchen, die chinesische Tuschgemälde bevölkern und die Rangordnung (nicht nur) innerhalb des Bildes festlegen.
„Meine Generation kam in China krank zur Welt, litt an einer geistigen Krankheit: Es ging um Wahrheit oder Leben. Wenn du betrügst, überlebst Du; wenn du die Wahrheit verteidigst, dann stirbst du. Der psychologische Schaden, den wir davontragen, ist wie ein dunkles Loch, das wir nicht erfassen können. Einige wurden durch diese Narben zu Helden, andere haben die Hoffnung aufgegeben, und ein paar wenige versuchen, zu ergründen, wieso das alles passieren konnte. Ich habe mich für den Pinsel als Werkzeug entschieden, weil der Strich das Papier nicht belügen kann. Jeder Strich ist wie ein Satz aus meinem Gedächtnisprotokoll. Im Genesungsprozess braucht man sehr viel Geduld ... vielleicht male ich deshalb so, wie ich male“ (zitiert nach: Alexandra Munroe, Liu Dan - Alternative Visions, S.9). Diese Aussage verwundert nicht weiter, denn in der chinesischen Kunst, so sagt man, gibt der Strich des Pinsels den Zustand des Geistes wieder und zeugt von der intellektuellen, psychischen und spirituellen Stärke des Malers.

Liu Dans „Aceldama“ (1987) besteht aus sechs hängenden Rollbildern, das siebte aber sprengt den Rahmen und rollt über den Fußboden. Gereizt habe ihn der Vorstoß in die dritte Dimension, der einem radikalen formalen Bruch mit der chinesischen Malerei gleichkommt. Mit expressivem Strich skizziert er in „Ink Handscroll“ (1991) eine Symphonie, eine Fülle von Formen, die Variationen scheinen unendlich zu sein, die Pinselstriche geben die Textur des Abgebildeten vor: ein steiler Berg, eine Wolke dahinter, die sich wieder in wenigen Strichen auflöst.
Die expressionistisch anmutenden Felsen, die gezackten Bergzüge, immer unterbrochen von weißen, wild wuchernden Flächen. Berge, Wolken und Flüsse erzählen sich, lösen sich auf, formen sich wieder neu. Das Chaos sucht die Form, die Form die Bedeutung, die sich immer wieder verflüchtigt, verändert, sich erhebt, um erneut hineinzustürzen in ein Fluidum aus Zeit und Raum. Der Blick gleitet über „Ink Handscroll“, versucht die Bedeutung eines Gipfels, einer Felsspalte zu erfassen, nur um von der gesamthaften Bewegung fortgerissen zu werden. „Die Fantasie führt die Abstraktion zur Form, manifestiert sich in einer imaginierten Landschaft“, beschreibt die Kunsthistorikerin Caron Smith die Gestaltungskraft des Liu Danschen Strich, der die ganze Bildrolle durchzieht. Dieser Strich resultiert aus dem jahrelangen Kalligraphiestudium: der Pinsel, vertikal gehalten, die Spitze, mal das Papier nur berührend, mal ganz durchgebogen. Einerseits also in der chinesischen Tradition verwurzelt, andererseits auf der Suche nach einer neuen Technik: in diesem Spannungsfeld sind Liu Dans Gemälde angesiedelt. Seine berühmte „Ink Handscroll“ stellt sowohl für westliche als auch asiatische, moderne als auch traditionelle Wahrnehmungsgewohnheiten eine Herausforderung dar. Allein schon durch die Größe (18 Meter lang und einen knappen Meter hoch) verweigert sich dieses Bild wie überhaupt Liu Dans Gemälde, die meistens durch ihre außerordentliche Größe auffallen, jeglicher Inanspruchnahme durch den westlichen Kunstmarkt, und sie passen auch nicht in den zu eng gesteckten Rahmen der traditionellen chinesischen Malerei. „Es geht mir um Kunst allein, um nichts als Kunst. Ich möchte nicht an der Oberfläche mit Variationen der chinesischen traditionellen Malerei spielen, sondern aus dem Kern heraus einen Durchbruch versuchen“, sagt Liu Dan in einem Gespräch.

So spielt sein Hadern mit der chinesischen Kultur und seine Skepsis dem Westen gegenüber eine zentrale Rolle bei seiner eigenen Verortung. Zum einen beharrt er auf der Achtung des Individuums, und die sah er in China gefährdet. Und er hegt großen Respekt für die chinesische Tradition, die er in China selbst verloren glaubt. Zum anderen schätzt er durchaus den amerikanischen Luxus und das Recht auf Individualität. Dennoch: „Ich kann nicht einfach westliche Kleider überstreifen und irgend etwas von Bedeutung malen. Es käme nicht aus meinem Innersten“, sagt Liu Dan, der während seiner Zeit an der Kunstakademie in Jiangsu mit Dada liebäugelte, sinnlose Wortgebilde konstruierte und moderne Kunst nach europäisch-amerikanischem Konzept forderte. Gleichwohl war er schon damals ein vielversprechender traditioneller chinesischer Künstler und sah nach seiner Übersiedelung in den Westen und in der ersten Phase der Orientierungslosigkeit eine Chance für sich in der Wiederbelebung der Tradition, die während der Kulturrevolution beinahe vollständig zerstört worden war.
Author: Alice Grünfelder

Bio

1953 geboren in Nanjing/ China. Von seinem Großvater wurde er in den klassischen chinesischen Künsten wie Lyrik, Malerei und Kalligraphie unterwiesen. 1968 wurde die Familie während der Kulturrevolution auseinandergerissen, Liu Dan und seine Schwester verbrachten zehn Jahre auf dem Land, kümmerten sich um Wasserbüffel und Reisfelder. Von 1978 bis 1980 studierte Liu Dan an der Jiangsu Chinese Painting Academy. Liu Dan gab in dieser Zeit u.a. literarische und künstlerische Untergrundzeitschriften heraus und gehörte zu den führenden Figuren in der Kunstszene Chinas. 1981 verließ er China, lebte zunächst in Honolulu und zog später nach New York.

Works

GRUPPENAUSSTELLUNGEN (Auswahl)

Exhibition / Installation,
2005
2005: Contemporary Chinese Landscapes, Shanghai Contemporary Museum, Shanghai/ China 2004: The Art of the Garden, Harvard University, Harvard/ USA 2003: Up Down Left Right – Modern Perception in Chinese Calligraphy, Plum Blosssom Galery, New York/ USA 2001: China Without Borders – An Exhibition of Chinese Contemporary Art, Goedhuis Gallery, New York/ USA 1999: Spirit Stones of China, The Art Institute of Chicago, Chicago/ USA 1999: Worlds within Worlds, Yale University Art Gallery, New Haven/ USA 1997: Sensuality in the Abstract, Municipial Art Gallery, Los Angeles/ USA 1985: Amerasianesia, The Art Loft, Honolulu

EINZELAUSSTELLUNGEN (Auswahl)

Exhibition / Installation,
2005
2005: Twelve Views of Little Openwork, Museum für Ostasiatische Kunst in Kooperation mit dem Haus der Kulturen der Welt, Berlin/ Germany 2000: Still Expression, The Chinese Porcelain Company, New York/ USA 1999: Ink Handscroll, San Diego Museum of Art, San Diego, CA/ USA 1993: Liu Dan – Recent Paintings, The Contemporary Museum, Honolulu 1989: Works by Liu Dan, Honolulu Academy of Arts, Honolulu

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Über Schönheit

Ausstellung, Tanz, Workshops, Konferenz

(18 March 05 - 15 May 05)
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Twelve Views of Little Openwork (Detail)