Shen Shaomin

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crossroads:
Erinnerung, Geschichte, Moderne, Mythos, Politik
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Bildhauerei, Installation)
region:
Asia, Eastern, Australia and New Zealand
country/territory:
China, Australia
created on:
May 1, 2008
last changed on:
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Article

Im Untergrund des Himmlischen Friedens

Die Installationen des chinesischen Künstlers Shen Shaomin wirken zunächst wie verzerrte Abbilder der Realität. Sie entpuppen sich jedoch als Fassaden, hinter denen ein Netz von Bedeutungen auf historische und politische Hintergründe verweist. Fast immer reichen seine künstlerischen Themen tief in die eigene Kindheit zurück. Indem er Vergangenes mit Gegenwärtigem und Zukünftigem, Reales mit Fiktivem, Wissenschaftliches mit Fabelhaftem, Ernst mit Ironie vermengt, transformiert er Erinnerung und bettet Persönliches in einen kollektiven Kontext. Shen Shaomin, geboren 1956 im Nordosten Chinas, lebt heute in Beijing und Sydney.
Das Holzmodell des Tian’amnen Platzes ist gigantisch und in seiner Mitte gespalten, so dass der Ausstellungsbesucher durch die Kluft hindurch laufen kann. Es wirkt, als hätte jemand die maßstabsgetreue Abbildung haargenau durchgesägt. Das Modell ist mit Liebe zum Detail gefertigt, doch der Anblick ist obskur. Ebenso wie die Dimensionen, die sich unter dem Prachtgebäude des Platzes eröffnen: Hier befinden sich auf mehreren Ebenen puppenhausartige Bunkerräume. An allen Ecken lauern Holzsoldaten mit gezückten Waffen, hier und da stehen Miniaturpanzer. Einige der Holzpuppen liegen auf Pritschen und lassen sich massieren. Da, wo 1989 der Studentenaufstand blutig niedergeschlagen wurde, befindet sich anscheinend ein Waffenlager und ein unterirdisches, geheimes Fitnesscenter. Der Platz des Himmlischen Friedens generiert und regeneriert seine Armee, seine Staatsmacht. Er ist die unterirdische Quelle, eigentlich der Staat selbst.

So oder so ähnlich versteht ein Ausstellungsbesucher wohl die Symbolik des kunstvoll gefertigten Tian’anem Platzes des chinesischen Künstlers Shen Shaomin. Vielleicht ist die Skulptur, 2007 entstanden, heute, im Vorfeld der Olympischen Spiele, in vielen Augen ungewollt ein weiteres Statement zu China und seiner Tibetpolitik.

Shen Shaomin aber hat ein weitaus komplexeres Verhältnis zu der Darstellung, die er in jahrelanger Arbeit zur Perfektion getrieben hat. Es gibt keinen offiziellen, verfügbaren architektonischen Plan, auf den er sich hätte stützen können. Schon um die Maßstabstreue musste er ringen. Also begannen er und seine Studenten einfach, den Platz auszumessen. Trotz allem, so der Künstler, bilden die Entwürfe ihn eigentlich doppelt so groß ab. Er hielt sie zunächst auf 15 Meter langen Papierbahnen fest.

Der hölzerne Tian’amnen Platz, der im Rahmen der Wu Hung kuratierten Ausstellung Re Asia des Hauses der Kulturen der Welt aufgestellt ist, ist trotz dieser Auskünfte Shen Shaomins zu seinen architektonischen Details keineswegs ein Architekturmodell, sondern eine tief in die Erinnerung des Künstlers und der kollektiven Identität Beijings reichende Fiktion. Schon als Kind befasste sich Shen mit dem Ort und versuchte, das Zentrum des Reiches der Mitte in Bildern und Piktogrammen zu erfassen. Heute betrachtet er den Platz des Himmlischen Friedens durch die Schichten seiner Erinnerung und die der Geschichte. Der Platz, sagt er, sei ein Monument seiner Kindheit, aber auch einer Generation. Doch er verändere sich stetig. So gebe es verschiedene Tian’amnen, seine persönlichen Kindheitsorte, die der chinesischen Geschichte und die der persönlichen oder kollektiven Imagination:

„In meinem Leben gibt es verschiedene Tian’amnen. … Früher war der Tien’amen der zentrale Platz unseres Volkes, unserer Geschichte. Es war etwas sehr Positives, und ich habe als Jugendlicher den Tien’amen-Platz immer wieder gemalt. Dann gibt es den Platz von heute, wo sich Touristen und Chinesen fotografieren lassen, der Platz also zu etwas Persönlichem wird. Es werden aber auch viele Geschichten erzählt, wonach der Platz von unterirdischen Gängen untertunnelt ist. Das sind Legenden und Fiktionen, für die es keine Beweise gibt. Ich gehe diesen Mythen nach, stelle mir vor, was sich dort verbergen könnte und zeige es in dem Modell."

Shen Shaomin umkreist seine Themen und verwirft alte Wahrnehmungen nicht, sondern integriert sie in ein immer komplexer werdendes Gesamtwerk. So ist er immer noch stolz darauf, ein Foto von „seinem Tian’amnen“ zu machen, gleichwohl er ihn karikiert. Der Platz sei ein Monument „unserer Kindheit, nicht nur ein Chinesisches und möglicherweise politisches Symbol. Ich denke, es ist auch ein Symbol unserer Generation….in meinem Herzen … extrem wichtig.”

Eine Reihe aus Knochen gefertigter Werke, die er ab 2003 ausstellte, wirft zunächst ein ganz anderes Licht auf den Künstler. Knochen, neu zusammengesetzt zu dreiköpfigen Monstern, gigantischen Jurassic Park Moskitos und anderen bizarren Wesen: Shens fiktive Fossilien, heute in der Londoner Saatchi Galerie zu sehen, erinnern an prähistorische Ausstellungsstücke. Ihre wissenschaftliche Aura aber bleibt eng verwoben mit den Gestalten, die, verdreht oder vielköpfig, aus einer mythologischen Welt zu stammen scheinen. Geheimnisvolle chinesische Schriftzeichenschnitzereien auf den authentischen Knochen verweisen sie abermals in das Reich der Fabel – und schlagen wieder eine Brücke von der Historie und Prähistorie in die gegenwärtige Welt der Zeichen und Codes. Die Bestien selbst sind kodiert. Die Codes sind in einer gentechnisch versierten Welt ebenso entschlüsselbar wie manipulierbar.

Wie schon sein Blick auf den Platz des Himmlischen Friedens ist es auch hier eine weit zurückreichende Erinnerung, die Shen Shaomin im Licht der Gegenwart umdeutet oder re-imaginiert. Seine kindliche Auseinandersetzung mit prähistorischen Ausstellungsstücken tauchte neu auf, als er China verließ und sich in seiner neuen Heimat Australien mit den zweifelhaften Errungenschaften der Gen- und Biotechnik auseinandersetzte. Wie sein Holzmodell spiegeln auch die fossilen Modelle Shens eine Welt, in der präzise, wissenschaftliche Methode und Fiktives und Fabelhaftes koexistieren. Ganz nebenbei nimmt er so auch den Museumsbetrieb auf die Schippe und spielt Gott mit seinen künstlerisch erschaffenen zoologischen Frankenstein-Gestalten.
Author: Heike Gatzmaga

Bio

Shen Shaomin, 1956 in Acheng, einem Ort in der nordöstlichen Provinz Heilongjiang, geboren, lebt heute in Sydney und Beijing. Er stellte international aus, unter anderem in der Liverpool Biennale, im Kunstmuseum Bern und an der West Gallery in Melbourne.

Works

Gruppenausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2008 Die wahren Orte II, Alexander Ochs Galleries, Berlin/Germany, Beijing/China Reasia , Haus der Kulturen der Welt, Berlin New Vista - The Phenomenon of Post-Tradition in Contemporary Art , White Space Beijing, Beijing, China 2007 Soft Power: Asian Attitude , Zendai Museum of Modern Art, Schanghai, China Neue Asiatische Kunst. Thermocline of Art, ZKM / Museum für Neue Kunst und Medienmuseum, Karlsruhe 2005 Two Asias, Two Europes - An International Exhibition of Contemporary Art, Schanghai Duolun Museum of Modern Art, Schanghai, China Mahjong - Chinesische Gegenwartskunst, Kunstmuseum Bern, Bern, Zürich, Schweiz Shen Shaomin / Alexandra Schlund, Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne, Luzern, Schweiz 2004 Asian Traffic, Contemporary Art Center of South Australia, Adelaide, Australien Silknet, Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne, Luzern, Schweiz 2003 Science Fictions, Institute of Contemporary Arts Singapore, Singapur Science Fictions , Earl Lu Gallery, Singapur

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

RE ASIA

Ausstellung, Filme, Literatur, Tanz, Konferenz

(13 March 08 - 18 May 08)

Www

Saatchi Galerie - Werke von Shen Shaomin

CulturE-ASEF - Installation Shen Shaomin

Installation Der Platz zum Himmlischen Frieden
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Project No.1 (Big Model)