Ulrike Ottinger

Article Bio Works Merits Images www
crossroads:
Alltag, Erinnerung, Exotismus, Gender, Geschichte, Mystik, Mythos, Reise, Ritual, Tradition, Transformation
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Fotografie, Installation, Videokunst)
Film (Doku-Fiktion, Dokumentarfilm, Spielfilm)
region:
Europe, Western
country/territory:
Germany
created on:
October 23, 2011
last changed on:
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Ulrike Ottinger
Ulrike Ottinger. © Anne Selders

Article

Der Artefakt und das Artifizielle, das Dokumentarische und das Fantastische

„Mich den Dingen anzuverwandeln, gleichsam mitzufließen, dies war schon immer mein künstlerisches Prinzip“, sagt Ulrike Ottinger. Das klingt so einfach und ist doch verblüffend. Als ob nicht sie die Regisseurin wäre, die etwas inszeniert, nicht die Kamerafrau, die ihren Blick auf etwas richtet, nicht die Fotografin, die aus ihren Bildern auswählt. Sondern als ob sie, die Künstlerin, zurücktreten könnte hinter ihren Gegenstand, um ihm das Spiel zu überlassen und zu warten, bis die Dinge sich selbst erzählen. Aber genau das ist es, was sie in jenen Filmen versuchte, die auf ihren Reisen entstanden sind.
Ulrike Ottinger, 1942 in Konstanz geboren, ist Filmemacherin seit den 1970er Jahren. In der Ausstellung „Floating Food“, die sie im Herbst 2011 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zeigte, blickt sie selbst in einer Weise auf ihr Werk aus vier Jahrzehnten zurück, die das große Interesse an den Dingen in der Vordergrund stellt. Zu fünf thematischen Motiven wählte sie Ausschnitte aus ihren Spiel- und Dokumentarfilmen aus: das Ritual, Fahrradfahrten, die Zubereitung von Speisen, Leben am Wasser, die Taiga. Dabei zeigte sich nicht nur, dass sich einige dieser Motive wie ein roter Faden durch ihr Werk ziehen und erstaunlicherweise Bilder, die Ulrike Ottinger in ihren frühen Spielfilmen (aus den 1970er und 1980er Jahren) als Teil einer artifiziellen und symbolisch konstruierten Welt inszeniert hat, auf ihren späteren Reisen wiederfand als Teil von archaischen und vorindustriellen Kulturen. Sondern sichtbar wurde in den Loops und Samples quer durch ihr Werk auch, dass Ulrike Ottinger in ihren Filmen immer auch bildende Künstlerin ist. Sie sammelt Schönheit. Und während sie die in den Spielfilmen eher in exzentrischen und exaltierten Figuren fand, die meist aus Zitaten der Kunst, der Literatur und der Kulturgeschichte zusammengesetzt waren, entdeckte sie die Schönheit in den letzten 20 Jahren vor allem auf ihren Reisen nach China, in die Mongolei und nach Japan.

Es sind oft die einfachen Handlungen, die sie anziehen. Wenn sie den Transporten von Menschen und Waren mit Fahrrädern in China zuschaut, dem Falten von Kräuterpäckchen in einer chinesischen Apotheke, wenn sie das Schlachten eines Schafes bei den Nomaden dokumentiert, vom ersten Schnitt bis zum Verzehr der endlich gegarten Fleischstücke, wenn sie zuschaut, wie ein junger Mann in Istanbul Getränke aus einem Bauchladen verkauft, die verschiedensten Gefäße geschickt um seinen Körper verteilt, dann scheint das Leben in all diesen Vorgängen einen beneidenswert selbstverständlichen Rhythmus anzunehmen. Die Dinge dauern, so lange sie eben dauern. Ihre dokumentarischen Filme sind bis zu acht Stunden lang.

Alles, was die Menschen tun, entfaltet vor ihren Augen seinen eigenen Klang, seine eigene Choreografie und Ästhetik. Der Schlachtvorgang bei den Nomaden zum Beispiel, die sie Anfang der 1990er Jahre in einem entlegenen Tal der Mongolei aufsuchte, findet unter einem weiten Himmel statt und unter reger Beteiligung der gesamten Gemeinschaft. Er hat so gar nichts Grausames und Obszönes, nichts, was den Blicken verborgen werden muss. Die Bilder entsprechen nicht denen, die sich unsere westliche Gesellschaft davon macht. Vielmehr scheint jeder Handgriff einer Notwendigkeit zu folgen.

Was an den Tätigkeiten, die Ottinger beobachtend festhält, so fasziniert, ist auch, dass sie ohne jeden Zweifel ausgeübt werden. Die Handelnden gehen in ihren Arbeiten auf und werden nicht selten zu Virtuosen ihres Faches. Im Grunde schaut die Künstlerin Ulrike Ottinger Künstlern des Alltags zu, die in ihrem Handeln eins sind mit ihrer Welt und sich mit keiner Sinnfrage herumplagen. Sie blickt aus einer Gesellschaft, in der die Kunst voller Fragen an die eigene Funktion steckt und mit der Melancholie derjenigen, die wissen, dass Teile dieser Kulturen verschwinden werden. Ihnen wenigstens ein Bild zu bewahren, ist denn auch ein starker Impuls für die Arbeit von Ulrike Ottinger.

Zugleich aber tut sie Dinge, die ein Ethnologe oder Wissenschaftler eben nicht machen würde. Für die Ausstellung „Floating Food“ im Haus der Kulturen der Welt etwa hat sie einerseits Artefakte aus ethnologischen Sammlungen – wie Boote und Kultgegenstände – ausgeliehen, und andererseits Altäre nachgebaut, um damit ihre Filmbilder zu rahmen. Auch Kostüme sind Teil der Ausstellung, etwa von einer Schamanin und einem Samurai, die aus unterschiedlichen Quellen stammen: einmal aus dem Fundus ihrer Filme, geschaffen von Kostümbildnern, dann aber auch frei gestaltet von befreundeten Künstlern und von ihr selbst ergänzt. Ein sogenannter „Samurai“ trägt so einen Panzer aus Dollarnoten, ursprünglich eine Skulptur von Anne Jud, die Ulrike Ottinger mit Fundstücken aus Eisen als den Waffen des Ritters weitergebaut hat.

Der Artefakt und das Artifizielle, das Dokumentarische und das Fantastische gehen dabei ungewohnte Verbindungen ein. Sich dabei um Genregrenzen nicht zu scheren, sich als Künstlerin auf ethnologische Recherche zu begeben, oder, wie in ihren früheren Filmen, kulturhistorische Materialsammlungen noch einmal in Fleisch und Blut zu übersetzen, hat Ulrike Ottinger von jeher einen besonderen Status in der Film- und Kunstwelt gegeben.

Fast nie kommentiert Ulrike Ottinger die Bilder ihrer dokumentarischen Filme, es sei denn, durch Mythen, Märchen oder traditionelle Theaterformen, die neben die Bilder des Alltags gestellt werden. Das Verzichten auf eine sprachliche Deutung oder Erklärung unterscheidet ihre Filme vom großen Markt des Dokumentarischen und macht sicher einen Teil dessen aus, was sie als das „Sich-den-Dingen-anverwandeln“ meint. In dieser Offenheit des Zuschauens liegt auch etwas sehr Liebevolles, eine Zuwendung zu denen, die man betrachtet. Dass zwischen ihr, ihrem Team und ihren Protagonisten immer ein besonderes Vertrauensverhältnis bestand, scheint Voraussetzung aller Bilder. Wie sehr sie mit ihrem Zeigen der Menschen auch die Welt umarmen möchte, wurde in „Floating Food“ besonders deutlich.

Eine Wand in der Ausstellung war mit Zitaten von Dichtern und Wissenschaftlern beschrieben. Ottinger zitiert zum Beispiel den französischen Ethnologen Marcel Mauss: „Es gehört zum Wesen der Nahrung, geteilt zu werden; wer den anderen nichts abgibt „tötet ihr Wesen“ und zerstört sie für sich und die anderen. Wer ohne Wissen isst, tötet die Nahrung und gegessen tötet sie ihn.“ Auch das ist eine Rahmung, mit der die einfachen Dinge, denen sie in ihren Bildern so viel Raum gibt, eine Überhöhung erfahren, ja fast zum Ritual geraten.

Schon in ihren Spielfilmen war ein Hunger nach Ritualen und spirituellen Techniken zu spüren, nach Zeremonien im Alltag und einer besonderen Formgebung. „Bildnis einer Trinkerin“ (1979), „Freak Orlando“ (1981) und „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“ (1983/84) sind in Berlin entstanden, teils in surreal anmutenden Landschaften, die Ottinger in den Brachen der eingemauerten Stadt entdeckte. Ihre Darsteller, Schauspieler und Laien, agieren in einer noch heute fremd anmutenden Mischung aus einem expressivem, dem Stummfilm verwandten Stil, einem zeichenhaften Posieren und naivem Laienspiel. Die Handlungen und Erzählungen sind aufgeladen mit Verweisen auf historische Prozesse. Zu „Freak Orlando“ zum Beispiel schrieb Ottinger in einem gleichnamigen Bilderbuch: „Eine Irrtümer, Inkompetenz, Machthunger, Angst, Wahnsinn, Grausamkeit und Alltag umfassende „Histoire du monde“ von den Anfängen bis heute als kleines Welttheater in fünf Episoden erzählt“.

Ein an den feministischen Analysen der Geschichte geschulter Blick prägte dabei Ulrike Ottingers Inszenierungen. Gender-Crossing und eine überspitzte oder parodistische Stilisierung von Weiblichkeit durchzieht viele ihrer Bilder. Dieses Wurzeln im feministischen Diskurs der 1970er Jahre zeigt sich auch heute wieder an dem Publikum, das zu Ulrike Ottinger kommt. Als sie im Haus der Kulturen der Welt eine Führung durch ihre Ausstellung anbietet, kommen erstens viel mehr Leute, als sie überhaupt hören können, über 100 sicher, gut zwei Drittel davon Frauen über 50, einige davon selbst Künstlerinnen.

Zum anderen sind ihre Spielfilme den verleugneten Geschwistern des Kinos, dem Theater und dem Jahrmarkt, nahe. Das übertrieben Inszenierte hat auch etwas von der Zurschaustellung der Wurzeln der Geschichte des Spektakels. In diesem Umgang mit dem Material steht Ulrike Ottinger von heute aus betrachtet den Filmen des amerikanischen Künstlers Matthew Barney womöglich näher als den deutschen Spielfilmen ihrer Regiekollegen. Dass ihr die Stadt Berlin 2011 den Hannah-Höch-Preis verleiht, benannt nach einer frühen Berliner Collage-Künstlerin, zeigt, dass sich die Anerkennung für die ästhetische Vielschichtigkeit Ulrike Ottingers allmählich durchgesetzt hat.

Author: Katrin Bettina Müller

Bio

Ulrike Ottinger, 1942 geboren, wuchs in Konstanz am Bodensee auf. Im Alter von 20 Jahren ging sie nach Paris, besuchte Vorlesungen an der Sorbonne in Kunstgeschichte und Ethnologie. 1969 nach Konstanz zrückgekehrt, gründete sie einen Filmclub und eine Galerie.

Seit Anfang der 1970er Jahre dreht sie Filme und lebt in Berlin. Ab 1979 entstand ihre Berlin-Trilogie „Bildnis einer Trinkerin“, „Freak Orlando“ und „Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse“. Der Film „China. Die Künste – Der Alltag“, der 1985 herauskam, ist der erste in einer Reihe langer Dokumentarfilme, für die Ulrike Ottinger nach Asien reiste.

Parallel zu ihren Filmen hat Ulrike Ottinger zahlreiche Bücher herausgegeben und Ausstellungen gestaltet.

Im November 2011 erhält sie den Hannah-Höch-Preis, den die Stadt Berlin verleiht. Ihre Filme wurden bereits ausgezeichnet mit einem Preis der Publikumsjury in Montreal, dem Bundesfilmpreis und dem Preis der deutschen Filmkritik.

Works

Faces, Found Objects, and Rough Riders

Exhibition / Installation,
2011
ArtPace, San Antonio/Texas, USA und Museo Reina Sofia, Centro de Arte, Madrid, Spanien

Ulrike Ottinger. Bild Archive.

Exhibition / Installation,
2011
Witte de With. Center for Contemporary Art, Rotterdam, Niederlande

Die Blutgräfin

Film / TV,
2011

Unter Schnee

Film / TV,
2011

fast forward 2. The Power of Motion. Media Art Sammlung Goetz

Exhibition / Installation,
2010
ZKM Karlsruhe

Wir waren so frei ... Momentaufnahmen 1989/1990

Exhibition / Installation,
2009
Museum für Film und Fernsehen, Berlin

Glass.China

Exhibition / Installation,
2009
Alexander Tutsek-Stiftung, München

Still Moving

Film / TV,
2009

Shanghai Biennale

Exhibition / Installation,
2008
Exil Shanghai, ausgewählte Fotografien

Brussels Biennial

Exhibition / Installation,
2008
Post Sorting Center Brüssel, Belgien

Die koreanische Hochzeitstruhe

Film / TV,
2008

Seoul Women Happiness

Film / TV,
2008

film.kunst: Ulrike Ottinger

Exhibition / Installation,
2007
Museum für Film und Fernsehen, Berlin

Prater

Film / TV,
2007

Totem

Exhibition / Installation,
2005
Fotografien und Objekte. Salzburger Kunstverein und Das Kino, Salzburg

Imagen de Archivo

Exhibition / Installation,
2005
Espai d´Art Contemporani de Castellón, Spanien

En Face

Exhibition / Installation,
2005
Ursula Blickle Stiftung, Kraichtal-Unteröwisheim

3. berlin biennale für zeitgenössische kunst,

Exhibition / Installation,
2004

Museum für Ausländische Kunst, Riga

Exhibition / Installation,
2004
und Kino Riga in Kooperation mit dem Goethe-Institut, Riga

Zwölf Stühle

Film / TV,
2004

Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit

Exhibition / Installation,
2003
Schirn Kunsthalle Frankfurt und Haus der Kunst, München

Südostpassage

Exhibition / Installation,
2003
The Renaissance Society , University of Chicago, USA

Documenta 11

Exhibition / Installation,
2002
Kassel

Südostpassage

Film / TV,
2002

bild-archive

Exhibition / Installation,
2001
Kunst-Werke, Berlin in Kooperation mit Filmkunsthaus Babylon und Arsenal, Berlin

Sessions

Exhibition / Installation,
2001
Contemporary Fine Arts Galerie, Berlin

The Museum of Modern Art

Exhibition / Installation,
2000

Stills

Exhibition / Installation,
2000
David Zwirner Gallery, New York, USA

Exil Shanghai

Film / TV,
1997

Taiga

Film / TV,
1992

Countdown

Film / TV,
1990

Johanna d´Arc of Mongolia

Film / TV,
1988

Europa Totem

Exhibition / Installation,
1987

Usinimage

Film / TV,
1986

Superbia – Stolz

Film / TV,
1986

China – die Künste – der Alltag. Eine filmische Reisebeschreibung

Film / TV,
1985

Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse

Film / TV,
1984

Freak Orlando - Eine künstlerische Gesamtkonzeption

Exhibition / Installation,
1981
Installation und Fotografien. DAAD-Galerie, Berlin

Freak Orlando

Film / TV,
1981

Bildnis einer Trinkerin

Film / TV,
1979

Madame X – Eine absolute Herrscherin

Film / TV,
1978

Die Betörung der blauen Matrosen

Film / TV,
1975

Berlinfieber. Dokumentation Ulrike Ottinger

Film / TV,
1973

Laokoon & Söhne

Film / TV,
1972

Merits

1980: 2. Publikumspreis beim Filmfestival von Sceaux für Bildnis einer Trinkerin

1983: 2. Publikumspreis beim Filmfestival von Sceaux für Freak Orlando

1984: Spezialpreis der Jury des Filmfestivals Florenz für künstlerische, formale und inhaltliche Geschlossenheit des Oevres

1986: Preis der deutschen Filmkritik für China – die Künste – der Alltag

1987: Kurzfilmpreis des HDF Hauptverband deutscher Filmtheater

1989: Filmband in Gold (Visuelle Gestaltung) für Johanna d´Arc of Mongolia

1989: Preis der Publikumsjury Montréal für Johanna d´Arc of Mongolia

2006: Kunstpreis Konstanz

2008: Preis der deutschen Filmkritik in der Kategorie Dokumentarfilm für Prater

2010: Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland

Www

Webseite der Künstlerin

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Korean Wedding/Die koreanische Hochzeitstruhe
Freak Orlando
Superbia - Der Stolz
Taiga