Miguel Rio Branco

Article Bio Works
crossroads:
Gewalt, Ritual, Tod
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Fotografie, Malerei, Videokunst)
Medienkunst (Multimediainstallation)
created on:
April 26, 2003
last changed on:
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Farbe als Fleisch des Lebens

Miguel Rio Branco zählt zu den bedeutenden Farbfotografen der Gegenwart. Sein Thema ist vor allem das Alltagsleben der einfachen Leute Brasiliens in Straßen, Kneipen, Bordellen, im Zirkus und auf dem Land. Seine Aufnahmen halten die Realität nicht in Form von Reportagen fest, sondern zeigen ein eigenes bildnerisches Leben voll ungewöhnlicher Schönheit und Harmonie. Ausschnitte, gewagte Perspektiven, Polyfokalität und Unschärfen spielen eine große Rolle und verleihen dem Dargestellten eine spannungsvolle, mitunter rätselhafte Offenheit. Protagonistin von Rio Brancos Bildern ist die Farbe, ihre Wärme und Vitalität durchdringt alles - sie ist Hauptausdrucksträger.
Miguel Rio Branco verleugnet auch in der Fotografie nicht seine Herkunft aus der bildenden Kunst. Seine Aufnahmen sind von großer malerischer Qualität, selbst wenn er, wie in seinen Anfängen, in Schwarzweiß fotografiert. Damals, in den frühen siebziger Jahren, war die Metropole New York sein Thema. Seine Bilder von Straßen und Innenräumen lassen Elend und Einsamkeit der Großstadt aufscheinen, unspektakulär, aber eindringlich, mit wenigen Details, umrisshaft, atmosphärisch.
Vieles bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen, die sich aus Unschärfen und Grauabstufungen, Dunkelzonen und harten Kontrasten ein Bild formen kann: Müllcontainer als Begrenzung von Straße und Häuserfassaden; ein schlafender Obdachloser auf Bank; ein toter Hund vor düsteren Wohnkasernen; ein laufender Fernseher vor kahler Zimmerwand; Menschensilhouetten auf leeren Fußwegen; tanzende Paare als Torsi, ihre Köpfe vom Bildrand abgeschnitten. Schon damals begann Rio Branco seinen Blick auf Brasilien zu richten. Er fotografierte, noch immer in Schwarzweiß, Dirnen in Rio de Janeiro, eine Gruppe posierender Arbeiter und brettspielende Männer in Carnaíba. Rio Brancos Blick ist hart und offen. Das Leben wird zur Realbühne.

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre verlegte sich Rio Branco immer mehr auf die Farbfotografie. Damalige Aufnahmen aus den Straßen der Stadt Maciel mit ihren bröckelnden Fassaden und streunenden Hunden zeichnen sich noch durch verhaltene, die Oberflächenstruktur der Gegenstände hervorhebende, tonige Farbigkeit aus, die Schmutz und Gestank suggeriert ohne abzustoßen. Mehr und mehr aber werden Rio Brancos Farben leuchtender, kraftvoller - und scheinen alles Dargestellte zu durchdringen. „In seinen besten Bildern erreicht die Farbe eine Intensität, die nur dann auftritt, wenn Licht abstirbt oder geboren wird, in der Dämmerung, im Morgenrot oder zu jeder anderen Zeit, wenn diese Extreme auftreten. (...) In diesen Bildern werden die Farben zu Darstellern mit eigenen Geschichten, Attributen und Rollen" (David Levi Strauss). Sie verleihen den Bildern Wärme und Intensität, Poesie und Würde, ohne die Tragik vieler Szenen zu verleugnen. Häufig haben Kritiker Vergleiche mit Malern gezogen, mit Tizian und Tintoretto, vor allem mit Caravaggio, dessen sinnlicher Naturalismus Rio Branco vielleicht am nächsten steht.

Zahlreiche Fotos von Rio Branco stammen aus dem Milieu von Prostituierten, zeigen nackte Frauen in schäbigen Absteigen, müde und ausgezehrt, doch auch stolz und selbstbewusst. Lichtführung, Farben, Gesten und Haltungen verleihen den Szenen etwas Geheimnisvolles, zugleich Vitales und fast Feierliches. Viele Aufnahmen von Rio Branco geben Thema und Motiv erst allmählich dem Blick des Betrachters frei. Manchmal sind nur Details einer Szene ins Licht gerückt, sieht man einzelne Hände beim Essen, lachende Gesichter, eine Umarmung, eine Steinplatte mit aufgeschnittenen Kokosnüssen und Messer, ein unscharf flimmerndes Fernsehbild neben einem Haarschopf, Palmenblätter mit einer von Händen aufgebrochenen Frucht und nackten Füßen, blutendes Federvieh oder das abgebrochene Horn eines Tieres auf feuchtem Steinfußboden. Es sind Bilder von harter körperlicher Arbeit, von Festen und Riten, von Kampf und Gewalt, von Leben und Tod. Nichts wird direkt dar- oder gar bloßgestellt. Situationen und Handlungen werden symbolhaft angedeutet und in ein rauschhaft-animalisches Farbklima getaucht. Mythisches und Traumhaftes scheint auf. Irreales bricht in den Alltag ein.

Häufig präsentiert Rio Branco seine Fotos im Rahmen von Installationen. Das trifft zum Beispiel für die Fotosequenz über die Boxerschule Santa Rosa in Rio de Janeiro zu, die Mitte der neunziger Jahre in verschiedenen Ausstellungen in Deutschland gezeigt wurde. Die „Von nirgendwoher" genannte Installation bestand aus Fotografien, die getrennt, aber auf schwarzen Tüchern an der Wand hingen, (halbblinden) Spiegeln, die den Betrachter miteinbezogen, und alten Zeitungsausschnitten mit Berichten über Boxprominenz. Die Helden der jetzigen Fotos sind die oft nur schemenhaft erkennbaren männlichen und weiblichen Boxer von Santa Rosa, Schule und sozialer Treffpunkt zugleich. „Der Betrachter wird in das exotische Milieu der verwitterten Räume der Boxerschule versetzt und trotz des speziellen Schauplatzes mit universellen Themen wie Nostalgie, Träume, Schmerz, Niederlage und Erfolg konfrontiert." (Presseerklärung).

Rio Branco stellt sich der Realität, scheut nicht die dunklen Seiten des Lebens wie Armut, Einsamkeit und Gewalt, besonders in Lateinamerika, das weniger motivisch denn atmosphärisch in den Bildern präsent ist. Aber der Fotograf, der mit der Kamera wie mit einem Röntgengerät in das Geschehen eindringt, „beschönigt nichts, offenbart nie eine Sehnsucht nach einem vergangenen Paradies, aber auch kein Mitleid, keine Larmoyanz" (Iris Lenz). Er verleiht dem Einfachen und Vulgären, Alltäglichen und Gewöhnlichen eigene bildnerische Existenz, die sowohl einen emotionalen wie kritischen Zugang ermöglicht. Nichts ist abgeschlossen und eindeutig, alles im Fluss, offen für einen Wandel.


Author: Michael Nungesser

Bio

Miguel da Silva Paranhos do Rio Branco wurde 1946 in Las Palmas auf Gran Canaria geboren. Er betrieb autodidaktische Studien und stellte erstmals 1964 in Bern Bilder und Zeichnungen aus. Von 1966 bis 1968 studierte er am New York Institute of Photography und an der Escola Superior de Desenho Industrial in Rio de Janeiro. Seit 1969 ist er professionell als Fotograf und Regisseur tätig und war in den folgenden zwanzig Jahren Aufnahmeleiter und Kameramann von 14 Kurz- und sieben Dokumentarfilmen. Während eines New York-Aufenthaltes 1970-72 fotografierte er und drehte Experimentalfilme. Seit 1980 ist er Korrespondent für die Fotoagentur Magnum in Paris und New York, seit 1982 deren Mitglied. Fotos von Rio Branco sind in bekannten Zeitschriften wie Aperture, Geo, National Geographic, Paris Match, Paseante, Photo Magazine, Stern und Time erschienen.

Rio Branco gewann zahlreiche Preise, u.a. 1980 den 1. Preis der Fotografie-Triennale in São Paulo, 1981 den Preis des Brasilianischen Film-Festivals, 1982 den Spezialpreis der Jury des XI. Festival International de Court Métrage et du Film Documentaire in Lille für „Nada levarei quando morrer aqueles que mim deve cobrarei no inferno" ("Ich werde nichts mit mir nehmen, wenn ich sterbe. Meine Schuldner bezahlen in der Hölle") sowie den Prix Kodak de la Critique Photographique, Paris (zusammen mit zwei weiteren Fotografen) und 1988 den Preis für beste Aufnahmeleitung und Kamera in den Filmen „Memoria Viva" und „Abolição" des Brasilianischen Film-Festivals. Seine Werke befinden sich u.a. im Museu de Arte und Museu de Arte Moderna, beide São Paulo, im Centre Georges Pompidou in Paris, im Museum of Modern Art in San Francisco, im Stedelijk Museum in Amsterdam und im Museum of Photographic Arts in San Diego/California.

Miguel Rio Branco lebt und arbeitet in Rio de Janeiro und Salvador da Bahia.

Works

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2005 „Mapas abiertos. Fotografía latinoamericana (1991-2002)“, Centro de Fotografia, Santa Cruz de Tenerife, Spanien „Colección de Fotografía Contemporánea de Telefónica”, MARCO. Museo de Arte Contemporánea de Vigo, Vigo, Spanien „The Anniversary Show“, Rena Bransten Gallery, San Francisco, USA „Colecção Nacional de Fotografia: Novas Aquisições”, Centro Portugues de Fotografia, Porto, Portugal 2004 „Shanghai Biennale 2004“, Shanghai Art Museum, Shanghai, China „Relating to Photography“, FFi - Fotografie Forum international, Frankfurt (Main) „Fotografia e Escultura no acervo do mam (1995-2004)”, MAM Museu de Arte Moderna, São Paulo, Brasilien „Mapas abiertos: Fotografía Latinoamericana 1991-2002“, Centro de la Imagen, Mexiko-Stadt, Mexiko „Acquisitions récentes“, MEP - Maison Européene de la Photographie, Paris, Frankreich „Mapas abiertos. Fotografía Latinoamericana 1991-2002“, Palau de La Virreina, Barcelona, Spanien 2003 „Realidad y Representación. Coleccionar paisaje hoy”, Fundación Foto Colectania, Barcelona, Spanien „Calcio di rigore“, Scuderie di Palazzo Santacroce, Rom, Italien „Como si nada - Colección Juan Redón”, Fundación Foto Colectania, Barcelona, Spanien „La Mirada“, Daros Exhibitions, Zürich, Schweiz 2002 „La Mirada“, Daros Exhibitions, Zürich, Schweiz 2001 „Brazil Body and Soul“, Guggenheim Museum, New York, USA ”Virgin Territory”, The National Museum of Woman for the Arts, Washington, USA 2000 „Mostra Brasil +500”, Módulo de Arte Contemporânea, São Paulo, Brasilien 1999 „Biennial of Contemporary Art”, Tate Gallery, Liverpool, Großbritanien 1998 „Mysterious Voyages“, Contemporary Museum, Baltimore, USA „The Garden of the Forking Paths“, Kunstforenningen Copenhagen, Oslo, Norwegen 1997 „Between the Eyes the Desert”, In Site 97, San Diego, USA 1996 “Door into Darkness“, Prospect 96, Kunstverein, Frankfurt 1995 „Panorama da arte brasileira”, Museu de Arte Moderna, São Paulo, Brasilien 1994 „Out of Nowhere”, Ludwig Forum, Aachen „A Hidden View”, Barbican Center Concourse Gallery, London, Großbritanien 1993 „Arte Amazonas“, Kunsthalle, Berlin 1992 „Arte Amazonas“, Museu de Arte Moderna, Rio de Janeiro, Brasilien 1990 „Suadouro“, Galerie 1900-2000, Paris, Frankreich 1989 „Rio Hoje“, Museu de Arte Moderna, Rio de Janeiro, Brasilien 1987 „Latin American Photography”, Australian Center of Photography, Sydney, Australien 1986 „50 Jahre Moderne Farbfotografie“, Fotokina, Köln „On the Line, the New Color Photojournalism”, Walker Art Center, Minneapolis, USA 1985 „Auto retrato do brasileiro”, Museu de Arte, São Paulo, Brasilien „Brazilian Color Photography”, Burden Gallery - Aperture Foundation, New York, USA

Ausgewählte Einzelausstellungen

Exhibition / Installation
2005 „Oeuvres recentes“, Galerie 1900-2000, Paris, Frankreich „Plaisir la douleur“, MEP - Maison Européene de la Photographie, Paris, Frankreich „Miguel Rio Branco“, Groninger Museum, Groningen, Niederlande 2004 „Gritos surdos“, Galeria Millan Antonio, São Paulo, Brasilien „Miguel Rio Branco“, Christopher Grimes Gallery, Santa Monica, USA „Algunas Habaneras, otras no...“, Galeria Oliva Arauna, Madrid, Spanien 2003 „Nakta“, Fnac Montparnasse, Paris, Frankreich „Door into Darkness“, Aperture´s Burden, New York, USA 2002 „Miguel Rio Branco“, Galerie 1900-2000, Paris, Frankreich 2001 „Miguel Rio Branco”, Peggy Guggenheim Museum, Venedig, Italien „Gritos Surdos”, Centro Portugues de Fotografia, Porto, Portugal 2000 „Nature presque Mort“, Galerie Ghislaine Hussenot, Paris, Frankreich „Door into Darkness”, Hellenic American Union, Athen, Griechenland 1999 „Nakta”, Rena Bransten Gallery, San Francisco, USA „Entre los Ojos“, Fundación La Caixa, Barcelona, Spanien 1997 „Between the Eyes, the Desert”, In Site 97, San Diego, USA „Nakta”, D’Amelio Terras Gallery, New York, USA 1996 „Out of Nowhere”, Museu de Arte Moderna, Rio de Janeiro, Brasilien 1995 “Out of Nowhere”, IFA Gallery, Stuttgart 1991 „Petites réflexions sur une certaine bestialité”, Rencontres d’Arles, Arles, Frankreich 1990 „Drawings and Paintings”, Espaço Sergio Porto, Rio de Janeiro, Brasilien 1989 „Paintings”, Galeria Saramenha, Rio de Janeiro, Brasilien 1988 „Heart Mirror of Flesh”, Pallazo Fortuny, Venedig, Italien 1987 „Coração Espelho da Carne”, Fotoptica, São Paulo, Brasilien 1985 „Coração espelho da carne“, Burden Gallery, Aperture Foundation, NewYork, USA 1982 „Fotografias”, Gabinete de Cultura, Bilbao, Spanien 1979 „Negativo Sujo“, Museu de Arte, São Paulo, Brasilien 1978 „Negativo Sujo“, Escola de Artes Visuais, Rio de Janeiro, Brasilien 1977 „Photographs“, Ipanema Gallery, Tel Aviv, Israel 1974 „Photographs“, Galeria Grupo B, Rio de Janeiro, Brasilien