Nine Rain

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additional name:
Steven Brown: sax, clarinette, keyboard, piano, song, Alejandro Herrera: blues-harp, guitar, calimba, Nikolas Klau: electronics, bass, José Manuel Aguilera: guitar, song, Genre music
genre(subgenre):
Musik (Jazz, Pop, Rock)
region:
America, South
country/territory:
Brazil
city:
Oaxaca
created on:
May 16, 2003
last changed on:
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Ironische Visionen

Mitte der neunziger Jahre wurde Nine Rain von Steven Brown in Mexico City gegründet. Aber schon lange zuvor, zwischen 1977 und 1985, genoss der Keyboarder und Saxophonist aus San Francisco mit der Gruppe Tuxedomoon in USA und Europa Kult-Status. Damals bewegte sich das progressive Quartett ebenso identifizierbar wie stilsicher zwischen Punk und Kunst, Elektronik und World-Jazz. Nach der Auflösung von Tuxedomoon zog Steven Brown nach Mexiko, wo er tief in die dortige Kultur und das alltägliche Leben eintauchte. Seinem Ruf als Avantgarde-Pop-Pionier wird er bei Nine Rain wiederum gerecht. Zusammen mit dem deutschen Elektronik-Spezialisten Nikolas Klau und den Mexikanern José Manuel Aguilera und Alejandro Herrera spürt er nun Verbindungen von lateinamerikanischen Grooves und europäischem Jazz, Underground-Rock und imaginärer Filmmusik nach.
"In Mexiko ist Leben, hier gibt es viel Seele, etwas, das man in USA nicht findet und das in Europa vom Aussterben bedroht ist", antwortete Steven Brown 1996 auf die Frage, was ihn in das mittelamerikanische Land gelockt hat. Der weit gereiste Kosmopolit erinnerte sich seinerzeit im Interview mit "The News" aus Mexico City: "Ich wollte immer dem amerikanischen Lebensstil entkommen, deswegen ging ich einst nach Europa. Doch auch dort wurden bald die schlechtesten Beispiele Amerikas kopiert. In Mexiko bemerkte ich dagegen etwas einmaliges, eine spezielle Energie, besonders außerhalb der Hauptstadt, die viele Elemente traditioneller Kultur davor bewahrt, von fremden Einflüssen zerstört zu werden."
Kein Wunder, dass Brown kürzlich der tosenden Kapitale adios sagte und nach Oaxaca umsiedelte. Die überschaubare, gleichwohl spannende Hauptstadt der gleichnamigen Provinz mit ihren niedrigen, bunten Häusern, engen, mit Kopfstein gepflasterten Straßen und kolonialen Kirchen ist nicht nur vordergründig attraktiv, sie strahlt auch eine eigenartige, fast magische Aura aus. Ihr bodenständiges, pulsierendes Leben atmet stets eine souveräne Gelassenheit und scheint durchdrungen von jener tiefen Spiritualität der Indígenas, die schon Carlos Castaneda faszinierte.

Mitte der neunziger Jahre in Mexico City wurde Steven Brown schnell Mitglied der aktiven Künstlergemeinde. Er beteiligte sich an Theater- und Filmprojekten, Anti-AIDS- und Pro-Demokratie-Bewegungen. Dann begegnete er Alejandro Herrera, der als einer der ersten eine Radio-Station von und für Indígenas betrieb und neben Blues-Harp die hell klingende klassische Son-Gitarre und Kalimba spielt. Auch der Solo-Gitarrist und zweite Sänger José Manuel Aguilera stammt aus der Metropole, gemeinsam brachten sie mit vielen regionalen Überlieferungen neue Einflüsse in Browns musikalischen Kosmos. "Aber unsere Art zu spielen und Songs zu entwickeln, hat sich seit Tuxedomoon nicht verändert", kommentierte Brown 1996 anlässlich des Debutalbums von Nine Rain, "sie basiert weiterhin auf Improvisationen und Sessions, aus denen wir später Melodien, Basslinien oder Loops herausnehmen und weiter verarbeiten. Die Idee dahinter ist, dass wir uns in Trance spielen, um in jene andere Welt zu gelangen, die in jedem von uns steckt."

Für das zweite Album "Rain Of Fire", erschienen Ende letzten Jahres, ging das Quartett noch weiter. In Havanna suchten sie nach Musikern, die ihre Ideen teilten – nicht, um wie Ry Cooder, Traditionen und Legenden Kubas vor dem Vergessen zu bewahren, sondern um dem alten Ideal des "Crossovers" neue Facetten abzugewinnen. Wie erwartet schlug die Begegnung vermeintlicher Antagonismen Funken. Intellektuelle Underground-Attitüde vereint sich mit karibischer Lebensfreude und entwirft eine originelle musikalische Utopie ohne jede Nostalgie oder plakativen Exotismus.

Lustvoll vagabundieren die Stücke von "Rain Of Fire" durch Stile und Zeiten, getrieben von großen Gefühlen, Experimentierfreude und grandiosem Gespür für Nuancen. Manche Titel klingen wie Soundtracks für noch nicht gedrehte Tex-Mex-Western, suggerieren unheilvolle Spannung oder heimliche Melancholie. Andere vertonen sarkastisch den alltäglichen Wahnsinn Mexico Citys. In "Venus Rising" lädt ein überdrehter Brown seine Hörer ein in die Stadt, "wo die Welt zusammenfällt, wo die Banken einem das Geld nehmen und die Räuber den Rest – komm nach Mexiko und sieh die Welt auf dem Kopf!"

Über nahezu allen Texten und Sounds schwebt eine fast britische Ironie, mit der das Quartett die eigene Dramatik karikiert und gleichzeitig zuspitzt. Jedes der mal transparenten, mal stark verdichteten Arrangements offenbart zudem neue Facetten. Psychedelische Rock- oder fragile Klassikgitarren bestimmen die grundsätzliche Richtung, afro-karibische Perkussion oder programmierte Beats prägen die Grooves. Nahtlos fügen sich Browns mal frei improvisierte, mal kammermusikalische Solos auf Saxophon oder Klarinette ein. Seine sensiblen Melodien und lodernden Ausbrüche auf den Hörnern werden bisweilen zusätzlich aufgeladen von bissigen E-Gitarren-Phrasen Aguilerias. Glücklicherweise hat die Band den Enthusiasmus der Aufnahmesessions in den erdigen Mix gerettet und zudem so geschickt editiert, dass explosive Solos nicht zum Selbstzweck verkommen. Hintergründig, aber doch präsent weht die Moderne in Form von interessanten elektronischen Effekten, schwebenden Klängen und wuchtigen Bässen durch die Stücke. Mitunter fordern sie auch im virtuellen Duell mit schroffen Zäsuren der Gitarre stärkere Aufmerksamkeit.

Als Sänger flirtet Brown fröhlich mit Underdog-Stereotypen, um sie bald wieder durch theatralische Übersteigerung zu brechen. Im ruppigen Titelsong des Albums lamentiert er voller Verzweiflung über Haie im Himmel und die Sünden der Stadt in einer Wolke, in "Lawnmoaner" zitiert er zu Funk-Gitarren und Breitwand-Bläsersätzen Philosophien der Zapatistas. Das epische "Why 2 K" verleitet ihn dagegen zu Phrasierungen à la David Bowie. Dagegen findet Aguileras Stimme einen charakteristischen Mittelweg zwischen mittelamerikanischer Rock- und Flamenco-Expressivität.

Es spricht für die langjährige Erfahrung aller Beteiligten, dass aus ihren vielschichtigen musikalischen Visionen kein Gemischtwarenladen wird. Elegant und im besten Sinn zeitlos entwickeln sie einen Eklektizismus mit viel Witz und Charisma.

Author: Norbert Krampf

Works

Que Viva México!

Published Audio,
2009
A soundtrack for the film by Sergei Eisenstein, Independent Recordings

NINE RAIN VI

Published Audio,
2007
Independent Recordings

Mexico Woke Up

Published Audio,
2006
Double Disc. Independent Recordings

Rain of Fire

Published Audio,
2001
Traumton Records: 2001

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

MEXartes-berlin.de

The Mexico-festival in Berlin

(15 September 02 - 01 December 02)
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Portraitfoto von Nine Rain