Zhang Yimou

Article Bio Works
crossroads:
Demokratie, Gender, Geschichte, Zensur
genre(subgenre):
Film (Spielfilm)
region:
Asia, Eastern
country/territory:
China
created on:
May 30, 2003
last changed on:
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Zhang Yimou
Zhang Yimou © Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.

Article

„Die Wirklichkeit ist härter, dreckiger“

Der 1950 in Xian/China geborene Zhang Yimou ist der international erfolgreichste chinesische Regisseur. Für seine farblich intensiven und hochstilisierten Dramen „Joudou“ und „Die Rote Laterne“ erhielt er viele Auszeichnungen. Ob als Filmkünstler oder „Bauernfilmer“, Zhang Yimou interessiert sich für das Schicksal der Unterdrückten, vor allem für die chinesischen Frauen und das einfache Volk.
Zhang Yimou ist der große Maler unter den Regisseuren. Seine Leinwandwerke beeindrucken durch kunstvolle Licht- und Farbdramaturgie, Filme wie „Rotes Kornfeld“, „Rote Laterne“ oder „Heimweg“ glühen förmlich vor Farbintensität. In seinem 1991 entstanden Film „Rote Laterne“ erzählen Nuancen des Rot die Geschichte beinahe eindrucksvoller als die Handlung selbst. Anfangs ignoriert die junge Songlian, dargestellt von Zhangs langjähriger Hauptdarstellerin und Lebensgefährtin, Gong Li, ihre prunkvolle, rote Hochzeitstrage. Sie geht mit weißem Hemd, schwarzer Hose und einem Koffer in der Hand selbständig den Weg in eine Ehe. Geldmangel der Familie zwang sie zu diesem Schritt. Im Haus des Gebieters erfährt Songlian, die "Vierte Frau", von alten Traditionen: Wo der Meister sich aufhält, sind Hof und Zimmer mit riesigen roten Laternen erhellt. Wenn er das Bett wechselt, löscht eine Schar von Dienern diese Lichter, um sie im Hof einer der Konkurrentinnen wieder rituell zu entzünden. Nach dramatischen Ereignissen emanzipiert sich das Rot schließlich von der Gunst des Mannes. Es ist die Farbe eines eigenen Bereichs geworden, sei es als Kleid beim Singen der chinesischen Opern oder als Beleuchtung des Wahnsinns.
„Rote Laterne“ seziert das „ganz normale“ Eheleben im Nordchina der 20er Jahre. In ruhigen, ritualisierten Bildern werden Leben und Alltag der privilegierten Frauen eines Herren vorgestellt. Sie leben in einem gewissen Luxus, sind jedoch völlig von der Willkür ihres Herren völlig abhängig. Aber auch die Frauen selbst nehmen sich untereinander jede Chance, ihr Joch durch Solidarität zu sprengen: sie machen sich das Leben zur Hölle, betrügen sich gegenseitig und selbst die sanfteste unter ihnen wird bisweilen zur eiskalten Schlange. Selten wurde in einem Film männlicher Chauvinismus so nüchtern und erbarmungslos bloßgestellt wie hier.
Zhang Yimou ist einer der wenigen Regisseure, der ausschließlich Frauen in den Mittelpunkt seiner Filme stellt. Seine Hauptdarstellerin – in „Rote Laterne“ wie auch in seinen ersten sieben Filmen – ist Gong Li, seine langjährige Lebensgefährtin. "Man darf nicht vergessen,“ erklärt er, „dass China eine 2000-jährige, sehr stark feudalistisch geprägte Tradition hat. Innerhalb dieser Tradition stand die Frau an der aller untersten Stelle der Gesellschaft und wurde unglaublich unterdrückt. Und dieser Zustand ist bis heute nicht ganz überwunden. Und so bevorzuge ich Frauen für die Hauptrollen in meinen Filmen, weil man anhand von Frauenschicksalen den Unterdrückungsmechanismus in China am besten entlarven und anprangern kann. Und mit dieser Entlarvung lassen sich auch Emotionen freisetzen und ansprechen."
„Rote Laterne“ ist eine klassische Tragödie, höchst artifiziell gestaltet, wobei die Stilisierung nie zum Selbstzweck gerät. Zhang Yimou reagiert damit ästhetisch auf das Massaker an der Demokratiebewegung auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking. Wenn die statischen Filmbilder wie Tableaus wirken, ist das Ausdruck der rigiden Zwanghaftigkeit, der starren Ordnung, die das Leben der Protagonistinnen im Film wie auch der chinesischen Bürger im wirklichen Leben bestimmen. Über 1.000 Menschen wurden in China kurz vor Drehbeginn hingerichtet. Wenn Gong Li dann im Film wiederholt entsetzt "Ihr Mörder!" schreit, ist das als direkte Reaktion auf die Massaker zu interpretieren. Die chinesische Regierung verstand die Botschaft und verbannte den Film von den heimischen Leinwänden.
Wie die Protagonistinnen seiner Filme hat Zhang selbst beharrlich und zäh um freie Selbstbestimmung und schöpferische Unabhängigkeit gekämpft. Erst spät, nach vielen Jahren der Unterdrückung vor und während der Kulturrevolution, erhielt er, mittlerweile Mitte 30, beim Filmstudio in Xian die Gelegenheit zur beruflichen Selbstverwirklichung als Regisseur. Zhangs Regiedebüt „Rotes Kornfeld“ ist ein mitreissendes Drama voller Kraft und revolutionärem Pathos. Es zeugt von Zhangs Liebe zum einfachen Leben und den Leuten auf dem Land, das er während der Kulturrevolution, als er aufs Land verbannt wurde, selbst kennen gelernt hat. Nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem "Platz des himmlischen Friedens" in Peking 1989 wurden Zhangs Filme pessimistischer und er befand sich im ständigen Clinch mit den kommunistischen Zensoren.
Er erhielt Ausreise- und Arbeitsverbot und verhandelte verbissen um die Möglichkeit, weiter Filme drehen zu dürfen. Seine nächste Arbeit „Die Geschichte der Qiuju“ (1992) sieht nach einem Kompromiss mit den kommunistischen Kulturwächtern aus: Zwar entlarvt die Komödie den Machtmissbrauch eines kleinen Kaders und die Unterdrückungsstrategie der Herrschenden. Aber der Film läßt sich auch als subtile Propaganda betrachten: Die kommunistischen Uniformträger und höheren Funktionäre werden durchweg als Menschenfreunde dargestellt, die sich selbstlos und langmütig um die Sorgen der armen Landfrau Qiuju kümmern. Die Pekinger Kulturfunktionäre scheint das befriedigt zu haben, nach Fertigstellung des Films wurden auch die früher verbotenen Werke Zhangs zur Vorführung freigegeben
Mit seinem 1994 publizierten Film „Leben!“ begannen für Zhang Yimou erneute Kämpfe mit der Kulturbürokratie. In diesem Film skizziert er die chaotische Geschichte Chinas während der vierziger bis siebziger Jahre anhand des Schicksals eines Puppenspielers. Während des Bürgerkriegs wird er von Kuomintang-Truppen zwangsrekrutiert zum Kampf gegen die Kommunisten. Orientierungslos irrt er über die Schlachtfelder, bis er in Gefangenschaft gerät und im Dienst der Kommunisten zu arbeiten beginnt. Nach Maos Machtübernahme wirkt er zusammen mit seiner Frau willfährig bei den verschiedenen "revolutionären" Programmen mit - auch dann noch, als sein Diensteifer dem einzigen Sohn das Leben gekostet hat. Dem Terror der Kulturrevolution entgeht der Mann unter anderem deshalb, weil er seine Tochter mit einem Mitglied der "Roten Garden" vermählt. "Die Chinesen haben soviel durchgemacht im Leben, aber trotzdem glauben die meisten, dass es irgendwann besser wird. Das ist das Hauptthema des Films, dessen chinesischer Originaltitel übersetzt einfach ´am Leben bleiben´ heißt. Darum geht es. Das ist einerseits normal, andererseits aber bedeutender als heldenhafte Taten."
In „Leben!“ geht es genauso wie in „Joudou“, „Rote Laterne“ und in „Shanghai Serenade“ um den Verlust der individuellen Unschuld von Menschen, die einem ungeheuren Anpassungsdruck ausgesetzt sind in einer frauenfeindlichen Gesellschaft, in der Gewalt und Geld regieren, in der die Schwachen von den Mächtigen gnadenlos ausgebeutet werden. Mit den erzählerischen Mitteln der Parabel und Allegorie übt Zhang Kritik an der chinesischen Kultur und Gesellschaft, aber auch an den kommunistischen Herrschern, die die althergebrachten, starren, konfuzianistisch-feudalen Strukturen unter anderem Namen beibehalten.
Seine beiden aktuellen Filme „Keiner weniger“ und „Heimweg“ schlagen einen versöhnlichen Ton an und idealisieren das Leben auf dem Lande. „Heimweg“ wirkt streckenweise wie ein touristischer Werbefilm für China. Zhangs Vorliebe für schöne Bilder droht, die kritische Botschaft seiner Filme zu unterminieren. So prangert er in „Keiner weniger“ Armut und Mängel im Schulwesen der chinesischen Provinz an, taucht das Dorf dabei jedoch in ein so warmes Licht, dass das baufällige Schulgebäude und selbst die Lehmhütte einer notleidenden Witwe in pittoresker Schönheit erscheinen. In „Heimweg“ verklärt er Leben und Umwelt armer Dorfbewohner mit leuchtenden Herbstfarben zur märchenhaften Idylle.
"Wenn man diese entlegenen Dörfer in dieser Bergregion Chinas besucht, sieht man, dass die Leute dort noch nicht von der Hektik der Industrialisierung getrieben werden. Da gibt es tatsächlich so eine idyllische Landschaft, die noch nicht durch Zivilisation und Technik verunstaltet wurde. Die Menschen dort sind noch relativ autark, sie folgen noch dem Rhythmus der Natur und überlieferten Lebensweisen. Das hat mich sehr angesprochen. Und das Bild habe ich reflektiert, es gab keine vorweg in meinem Kopf vorhandene Idylle, die ich da auf die Landschaft projiziert habe." Doch Zhang gesteht ein: "Die Wirklichkeit ist härter, dreckiger."
Die Metamorphose vom ambitionierten Filmkünstler zum „Bauernfilmer“ erklärt sich auch durch Zhangs Ablehnung des Materialismus in den chinesischen Metropolen. "Meiner Meinung nach wird im chinesischen Film zu selten das Schicksal der kleinen Leute dargestellt. Sie kennen sicher die Filme der Regisseure der fünften Generation. Viele Jahre haben sie fast einheitlich Filme produziert mit schöner Verpackung, sehr stilisiert und mit sehr tiefsinnigem Inhalt. Ich interessiere mich jetzt mehr für einfache Leute aus dem Volk. Das ist übrigens ein Trend, der heute im chinesischen Kino allgemein zu beobachten ist. Dass diese neue Richtung eingeschlagen wird, ist eigentlich nur natürlich. Wir haben vorher nicht abgesprochen, dass wir nun andere Filme drehen wollen. In den Städten Chinas sind die Leute heute besessen davon, jede Menge Geld zu machen. Dabei verlieren sie die wahren Werte aus den Augen. Mit meinen Filmen will ich wieder ein Gefühl für das Volk, für Natürlichkeit und Bodenständigkeit vermitteln."


Veranstaltungen im HKW:
21. August 1999
Cinema TriContinental
Die großen Regisseure Afrikas, Asiens, Lateinamerikas
Dahong Denglong Gaogao Gua / Die rote Laterne
Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt

Bio

Zhang Yimou wurde am 14. November 1951 in der Provinz nahe der Stadt Xian, China, geboren. Er ging noch zur höheren Schule, als 1966 die Kulturrevolution ausbrach. Der Sohn einer Ärztin und eines ehemaligen Offiziers der nationalistischen Kuomintang-Armee galt als politisch nicht zuverlässig und musste seine Ausbildung abbrechen, obwohl er mitgeholfen hatte, seine Lehranstalt zu zerstören. 1968 wurde er zur Umerziehung aufs Land deportiert. Drei Jahre lang arbeitete er auf Bauernhöfen in der Provinz Shanxi, von 1971 bis 1978 war er Arbeiter in einer Textilfabrik. In seiner Freizeit entwickelte er sein Talent als Zeichner und als Fotograf.
Als die Pekinger Filmakademie nach dem Ende der Kulturrevolution 1978 wieder ihre Pforten öffnete, bewarb sich Zhang um einen Studienplatz. Er bestand die Aufnahmeprüfung mit guten Noten, wurde aber trotzdem nicht immatrikuliert, weil er bereits 27 war - das zulässige Höchstalter für Studienanfänger an der Akademie betrug 22 Jahre. Nach zwei vergeblichen Versuchen, die Ablehnung in Peking rückgängig zu machen, schrieb Zhang direkt an den Kultusminister und machte geltend, dass er zwangsweise zehn Jahre seiner Jugend durch die Kulturrevolution verloren habe. Zwei Monate später erhielt er Bescheid, dass er an der Filmakademie im Fachbereich Kinematographie studieren darf.
Nach dem Examen 1982 wurde Zhang dem Filmstudio in Guangxi als Kameramann zugeteilt und drehte die Filme „‘One‘ and ‚Eight‘“ (1982, Regie: Zhang Junchao) sowie „Yellow Earth“ (1983) und „The Big Parade“ (1985), beide unter der Regie von Chen Kaige. Dabei hegte Zhang selber Regie-Ambitionen, und 1985 gelang es ihm, zum Filmstudio in seiner Heimatstadt Xian versetzt zu werden.
Doch bevor sein Traum in Erfüllung ging, sollte er zunächst einmal vor der Kamera arbeiten: als Hauptdarsteller bei „Old Well“ (1987, Regie: Wu Tianming). Für diese Rolle wurde er beim Internationalen Filmfestival in Tokio prompt als "Bester Schauspieler" ausgezeichnet. In der Hongkong-Produktion „A Terra Cotta Warrior“ trat er 1990 noch einmal als Darsteller in Erscheinung.
1987 war es endlich soweit: Zhangs erste Regiearbeit „Das rote Kornfeld“ erschien, gewann den Goldenen Bären bei der Berlinale und machte den Regisseur schlagartig berühmt.
Während sein zweiter Film „Codename Cougar“ (1989) im Westen kaum Beachtung fand, wurde sein dritter Film „Judou“ (1990) in Hollywood für den Oscar in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" nominiert.
Für seine folgenden Werke erntete Zhang in den nächsten Jahren zahlreiche Preise: „Rote Laterne“ erhielt 1991 den Silbernen Löwe in Venedig und eine Oscar-Nominierung, „Die Geschichte der Qiuju“ bekam 1992 den Goldenen Löwenin Venedig. „Leben!“ wurde 1994 mit dem Großen Preis der Jury in Cannes und „Shanghai Serenade“ wurde 1995 mit dem Preis für die beste technische Gestaltung in Cannes ausgezeichnet.
Nach der Inszenierung seines achten Films „Keep Cool“ (1996) wendete sich Zhang der Opernregie zu: 1997 setzte er in Florenz die Puccini-Oper "Turandot" in Szene, Dirigent war Zubin Mehta. Im Jahr darauf führten Zhang und Mehta die Oper auch in der "Verbotenen Stadt" in Peking auf.
Zhangs folgender Film „Keiner weniger“, das erste Projekt der Columbia Pictures Filmproduktion Asien (ein Unternehmen von Sony Pictures Entertainment), wurde mit dem begehrten Goldenen Löwen, dem Hauptpreis bei den Filmfestspielen in Venedig 1999, ausgezeichnet.

“Heimweg“ brachte Zhang Yimou 2000 einen Silbernen Bären in Berlin ein.
Zusätzlich inszenierte Zhang Yimou Werbefilme für die Firmen Marlboro und McDonald’s.

Works

Turandot

Film / TV,
1999

Keiner weniger

Film / TV,
1999

Heimweg

Film / TV,
1999

Keep Cool

Film / TV,
1996

Shanghai Serenade

Film / TV,
1995

Leben!

Film / TV,
1994

Die Geschichte der Qiuju

Film / TV,
1992

Rote Laterne

Film / TV,
1991

Judou

Film / TV,
1990

Codename Cougar

Film / TV,
1989

Das rote Kornfeld

Film / TV,
1987