Charles Lim

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crossroads:
Grenze, Identität, Medien
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Fotografie, Multimedia)
region:
Asia, Southeast
country/territory:
Singapore
city:
Singpapur
created on:
September 22, 2005
last changed on:
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Die Regeln der Freiheit

Der Künstler Charles Lim, 1975 in Singapur geboren, befasst sich in seinen Arbeiten mit den Machern, Orten, Strukturen und Regeln freier, unsichtbarer oder virtueller Räume wie denen des Internet oder internationalen Gewässern. In seiner frühen Kindheit wuchs Lim in einem Dorf auf. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie änderten sich, nachdem sein Vater eine Firma gegründet hatte. So kam Lim im Alter von 12 Jahren auf ein Internat nach England. Erst nach dem Militärdienst in Singapur und einer Karriere als professioneller Segler entschied er sich, in England Kunst zu studieren. Für sein Internet-Projekt tsunami.net begab sich Lim auf einen einmonatigen Fußmarsch zum Server der Documenta.
Wenn man Charles Lim zum ersten Mal begegnet, ist man perplex: Dieser Künstler wirkt nicht wie der misstrauische, sublime Denker, den man sich angesichts seines Werkes vorstellt. Er bewegt sich unbehelligt wie ein Sunnyboy durch die Ausstellungshallen des Hauses der Kulturen der Welt. Doch schon als er beginnt, seine Arbeiten in mit an Überschall grenzender Geschwindigkeit zu erklären, revidiert sich dieser Eindruck. Charles Lim geht simplen Erklärungsmodellen nicht auf den Leim. Er ist ein Künstler, der die Dinge auf ihren Kern reduziert, ihre Strukturen freilegt, bis nicht mehr als ein Gerüst stehen bleibt.

Der 1975 in Singapur geborene Charles Lim ist in einem kampong aufgewachsen – in einer dörflichen Struktur aus Holzhäusern, wie man sie heute nur noch in Malaysien vorfindet. Als der Vater reich wurde, verließ die Familie den kampong und zog in eine bessere Wohngegend um. So spielte er wochentags im kampong mit den alten Spielkameraden und am Wochenende im Segelklub mit weißen Kindern. „Das hat mir die Augen geöffnet“, sagt Lim in einem Gespräch in der Cafeteria des Hauses der Kulturen der Welt. „Bis dahin war es für mich ohne Bedeutung, dass ich Chinese bin – später, als ich in England ins Internat kam, nach meinem Militärdienst professioneller Segler wurde und schließlich am St. Martins College in London Kunst studierte, wurde das immer wichtiger.“ Erst kürzlich, sagt Lim, hat er sich nach seinen alten Spielkameraden aus dem kampong umgehört und hat herausgefunden, dass es den meisten schlecht ergangen ist: Ein Freund hat Selbstmord begangen, ein anderer lebt noch immer mit seiner Mutter zusammen – einer Prostituierten.

Lim erzählt, wie er bei seiner Großmutter aufwuchs, die wie viele Chinesen aus Südchina nach Singapur kam und weder lesen noch schreiben konnte. Ihre gemeinsame Sprache war Teocheu, ein südchinesischer Dialekt, bis die Regierung Singapurs gegen Ende der achtziger Jahre eine Kampagne zur Wiederbelebung der kulturellen Wurzeln startete und die chinesische Hochsprache Mandarin zum Pflichtfach in den Schulen erhob. Wie viele seiner Altersgenossen spricht Charles Lim deshalb heute kein Teocheu mehr – allerdings auch kaum Hochchinesisch. Heute muss er sich in Singapur den Vorwurf gefallen lassen, seine kulturellen Wurzeln vergessen zu haben. „Das macht keinen Sinn, oder?“, fragt er lachend.

„Aber im Grunde hat das alles nichts mit meiner Kunst zu tun“, fügt er an, als er nach den Einflüssen dieser bewegten Vergangenheit auf sein Werk befragt wird. „Vielleicht fragen mich die Leute immer nur deshalb nach meiner Biografie, weil sie wissen wollen, warum ich so bin, wie ich bin“, spekuliert er. Als das Gespräch auf die Ausstellung „Räume und Schatten“ im Haus der Kulturen der Welt kommt, wird er konkreter. Gerade seine Foto-Installation „Inside Ouside“, die er hier zeigt, hat durchaus etwas mit seiner Herkunft zu tun.

Für „Inside Outside“ hat Charles Lim Bojen fotografiert, Markierungen in den „freien Gewässern“ an den geografischen Grenzen Singapurs. Jede Boje nahm er aus zwei Perspektiven auf, einmal mit dem Blick nach innen auf Singapur gerichtet und dann mit dem Blick nach außen auf das offene Meer. Wenn man diesen Blick auf das Meer verlängern könnte, würde man nach Indonesien gelangen. Räumlich nicht weit entfernt von Singapur, ist es von seiner wirtschaftlichen und technischen Entwicklung Lichtjahre entfernt. Anders als Lim und andere Künstler in Singapur befassen sich viele Künstler hier nicht mit der Dekonstruktion der Technik, sondern rekonstruieren sie aus einer eher positiv-affirmativen Haltung heraus. Charles Lim erwähnt Venzha Christ, einen Künstler aus Java, und erzählt wie sich dieser mit Industriemüll behängt, als Cyber-Wesen oder Cyborg neu erfindet und die Grenzen seines Körpers zu überschreiten versucht. Er lacht, als er sagt: „Es ist vielleicht Entropie. Man will immer mehr von dem, was man zuwenig hat und weniger von dem, was reichlich vorhanden ist.“ So gesehen hat seine Biografie möglicherweise stärkere Auswirkungen auf seine Arbeit als er zu thematisieren bereit ist.

Es ist vor allem die Rückbindung des Internet an die Wirklichkeit, die Charles Lim in der Arbeit an dem teilweise gemeinsam mit Tien Woon geschaffenen tsunami.net interessiert. Während Philosophen, Medientheoretiker und Künstler in den neunziger Jahren das Internet für einen grenzenlosen Raum hielten, über seine Körperlosigkeit nachdachten und die Demokratisierungsprozesse, die es auszulösen im Stande wäre, reflektierte Charles Lim darüber, wie das Netz gemacht wird, wo es sich befindet, wer seine Regeln erfindet und es kontrolliert. Eine seiner spektakulärsten Arbeiten untersuchte die angeblich blitzartige Geschwindigkeit des Internet. Mit tsunami.net wurde er auf die Documenta 2002 eingeladen und ging mit Tien Woon mit einem Satellitennavigationsgerät zu Fuß von Kassel an den Ort, an dem der Server der Documenta stand. Mit dem Mobiltelefon übermittelten sie ihre Bewegung an eine Basisstation, die diese Positionsangaben in Navigationsschritte im Netz umwandelte. „Wenn man zum Beispiel etwas im Netz sucht, findet man es in der Regel durch einen Mausklick. Es gibt im Internet kein Element, das einen zwingt, etwas zu durchlaufen“, sagt er. Und erzählt dann, wie er während dieser Aktion oftmals so langsam ging, dass die Leute in den Dörfern stehen blieben und ihm unterwegs Essen anboten.

Auf die Frage, ob das Internet nicht viele Dinge vereinfacht hat, ob der Zugang zu Wissen nicht demokratischer geworden ist, antwortet er: „Meine Arbeiten enthalten keine Wertungen.“ Und auf die Frage, was er von feministischen Theorien hält, die in der Künstlichkeit des Cyborg utopisches Potenzial sehen und hoffen, damit die Grenzen des biologischen Körpers zu überschreiten, antwortet er: „Auch wenn man sich in einem Computerspiel seine Identität aussuchen kann, bleibt man doch immer an die Regeln des Spiels gebunden. Wenn man sich mit unbekannten Personen in ein Computerspiel einwählt, kann man genau erkennen, wie weit diese jeweiligen Teilnehmer gerade vom Server entfernt sind. Je weiter er weg ist, desto langsamer wird ein Mitspieler, desto häufiger gibt es Stockungen und Verzögerungen im ganzen Spiel. Oft werden dann die langsamen Spieler, die High Ping Bastards, wie sie genannt werden, von den anderen Mitspielern aus dem Spiel geworfen. Das Netz ist also alles andere als ortlos.“

Vor dem Hintergrund des sauberen und hochmodernen, aber von Zensur und Pressebeschränkungen geprägten Singapur wirkt Charles Lim wie jemand, der mit seiner Kunst Dinge an das Licht holen, richtig stellen und entmachten will. „Nein“, wehrt Lim diese Interpretation lachend ab. „Ich bin kein Aufklärer. Ich will niemanden belehren. Wenn ich mich für ein Projekt entscheide, dann meist aus ganz naiven Gründen: Weil ich mehr darüber wissen will. Also kläre ich allenfalls mich selbst auf.“

Aus einem Gespräch der Autorin mit dem Künstler im September 2005.
Author: Susanne Messmer

Works

Ausgewählte Ausstellungen

Established
2005 “President’s Young Talents Exhibition,” Singapore Art Museum, Singapur “Insomnia,” ICA, London, England 2001 “Wait for Me,” The London Institute Gallery, London, England

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Räume und Schatten

Zeitgenössische Kunst aus Südostasien

(30 September 05 - 20 November 05)
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sea state1: Inside Outside/Series