Raoul Peck

Article Bio Works Projects
crossroads:
Exil, Geschichte, Globalisierung, Kolonialismus, Rassismus
genre(subgenre):
Film (Dokumentarfilm, Essayfilm, Spielfilm)
region:
America, Caribbean, Europe, Western, Africa, Central
country/territory:
Haiti, France, Democratic Republic of the Congo (former Zaire)
city:
New York, Paris, Port-au-Prince
created on:
May 27, 2003
last changed on:
Please note: This page has not been updated since July 2, 2003. We decided to keep it online because we think the information is still valuable.
information provided by:
Other languages:

Article

„Film ist Guerillaarbeit“

Immer wieder versucht der 1953 in Haiti geborene Regisseur Raoul Peck in seinen Filmen zu verstehen, warum in Afrika der Demokratisierungsprozess nur zäh oder gar nicht vorankommt. Mit seinem Spielfilm „Der Mann auf dem Quai“ präsentierte er 1993 den ersten Beitrag aus der Karibik im Wettbewerb von Cannes. In seinem international erfolgreichen Spielfilm „Lumumba“ (2000) wendet er sich zum zweiten Mal den Ereignissen Anfang der sechziger Jahre im Kongo zu, wo er einige Jahre seiner Kindheit verbrachte. Der vielgereiste Kosmopolit und ehemalige Kulturminister von Haiti absolvierte sein Filmstudium an der DFFB in Berlin und lebt heute in Paris.
Der 1953 in Haiti geborene Filmemacher Raoul Peck verbrachte einen Teil seiner Kindheit im Kongo, wo sein Vater als landwirtschaftlicher Berater arbeitete. Er ist acht Jahre alt, als 1961 Patrice Lumumba, der erste demokratische Premierminister des unabhängigen Kongo, ermordet wird. „Wir waren schwarz, aber auch weiß. Ich nutzte das aus“, beschreibt Peck im Kommentar zu seinem ersten essayistischen Dokumentarfilm „Lumumba - Tod des Propheten“ (1991) seine Kindheit, die nie ein klares Zugehörigkeitsgefühl aufkommen ließ.
Peck verließ das Land als Jugendlicher, um in den USA, Frankreich und Deutschland, wo er in Berlin an der Deutschen Film- und Fernsehakademie studierte, Ausbildungen als Wirtschaftsingenieur, Journalist, Fotograf und Regisseur abzuschließen. In den Jahren 1996/97 war er als Kulturminister seiner Heimat Haiti tätig. Heute lebt Raoul Peck als Regisseur und Präsident der Commission d’Aide au Cinéma Fonds Sud in Paris.

Die Spuren seiner Biografie finden sich in vielen Bereichen seines künstlerischen Schaffens: “Der Filmemacher und politische Denker Raoul Peck \... hat die seltene Befähigung, zwischen Alter, Neuer und Dritter Welt hin und her zu pendeln und die globalen Auswirkungen in New York und Brüssel getroffener Entscheidungen aus erster Hand zu betrachten”, urteilt die Journalistin Marcy Goldberg (www.humanrightsfilmfestival.org).

Nach mehreren Kurzfilmen konnte Raoul Peck 1988 seinen ersten langen Spielfilm realisieren: “Haitian Corner”. Der Film spielt in New York, doch schon der Titel signalisiert, dass Peck sich mit dem Land seiner Herkunft beschäftigt. „Haitian Corner“ ist der Name einer kleinen haitianischen Buchhandlung in New York, die zugleich ein Treffpunkt für die vor der Diktatur Duvaliers geflohenen Haitianer ist. Joseph, der Held der Geschichte, ist einer von ihnen. Sieben Jahre hatte er in den Kerkern seines Landes zugebracht, ehe er fliehen konnte. Nun glaubt er in New York einen jener Männer entdeckt zu haben, die ihn dort quälten und folterten.

Den Themen, denen Raoul Peck in „Haitian Corner“ nachgeht, bleibt er auch in seinen weiteren Filmen treu: Kolonialismus und das Erbe nachkolonialer Diktatur, offener und unterschwelliger Rassimus, die persönliche Haltung und Verantwortung des Einzelnen gegenüber Diktatur, Willkür und Menschenrechtsverletzungen.

Mit dem dokumentarischen Filmessay “Lumumba - Tod des Propheten” wendete sich Peck 1991 zum ersten Mal den politischen Ereignissen Anfang der sechziger Jahre im Kongo zu. Da es aufgrund der Herrschaft Mobutus für Peck damals unmöglich war, direkt an den ehemaligen Schauplätzen der Ereignisse zu drehen, entschied er sich dafür, eine sehr persönliche Lumumba-Geschichte zu erzählen und Bilder aus dem historischen Archiv mit Bildern aus dem Familienalbum zu montieren. Subjektive Erinnerungen werden auf diese Weise eng mit dem objektiven Gang der Geschehnisse verwoben und bilden ein dichtes Geflecht sich gegenseitig erhellender Bezüge und wechselseitiger Verweise. Der Film wurde auf zahlreichen internationalen Festivals ausgezeichnet und erleichterte damit den Start für Pecks zweiten langen Spielfilm „L’homme sur les quais“ / “Der Mann auf dem Quai” (1993).

Mit „L’homme sur les quais“, der die Geschichte einer von der Diktatur Duvaliers bedrohten Familie aus der Erinnerung der etwa achtjährigen Sarah erzählt, gelang Raoul Peck ein Meisterwerk. Mit hervorragenden Schauspielern und athmosphärisch dichten Bildern lässt der Regisseur die Zuschauer seines Films sowohl die Bedrohungen durch die Diktatur als auch die Solidarität und den Mut jener Menschen spüren, die ihr widerstehen. Das Schicksal einer Familie verdichtet sich zu einer Parabel auf die alle gesellschaftlichen Bereiche Haitis durchdringenden Folgen der Willkür und des Terror durch den Diktator François Duvalier.

Der für den Sender arte produzierte TV-Film “Corps plongés” / „Nicht aus Liebe“ (1997) spielt in New York und ist wiederum geprägt von den Erinnerungen Raoul Pecks an seine Jugendjahre in Haiti. Die Geschichte: Die bislang erfolgreiche Gerichtsmedizinerin Chase gerät beruflich und privat in eine Krise, aus der sie zunächst keinen Ausweg sieht. Als sie ihre Jugendliebe Dimitri trifft, mit der sie einst in Haiti ihr Medizinstudium begonnen hatte, wird sie, die weiße Karriere-Medizinerin, mit dem Schicksal eines schwarzen Haitianers konfrontiert, dem nach Verfolgung und Folter die Flucht ins Exil gelungen ist.

Zur Zeit der Dreharbeiten zu “Corps plongés” war Peck bereits als Kulturminister Haitis im Amt. Als er realisierte, dass der Demokratisierung seines Landes unüberwindbare Widerstände und Hindernisse gegenüber stehen, quittierte er 1997 - um eine Hoffnung ärmer - sein Amt.

Er wendete sich wieder ganz dem Filmemachen zu und realisierte, acht Jahre nach seinem ersten Lumumba-Werk, den Spielfilm "Lumumba". „Das ist spannend, unterhaltsam und unendlich weit entfernt von den fragenden Bildern der früheren Filme Pecks. An die Stelle ausgestellter Stilisierung ist nunmehr ein inszenatorischer Realismus mit Willen zur Perfektion getreten: Szenen, von denen dokumentarische Aufnahmen existieren, sind bis zum winzigsten Detail nachgestellt worden; fast jeder Dialog ist historisch belegt. Wo vorher die Linie zwischen Dokumentation und Fiktion verwischt wurde, wird jetzt die Idee der historischen Wahrheit rehabilitiert“, schrieb Karsten Kredel in der taz (29. Juni 2001).

Raoul Peck geht es auch hier nicht um Heldenverehrung oder um die rückwärts gewandte Frage was denn gewesen wäre, wenn sich die Dinge damals anders entwickelt hätten. Nein, es geht ihm um das Exemplarische dieser historischen Figur, die unter den gegebenen Umständen geradezu scheitern musste, aber in deren Scheitern dennoch etwas Zukunftsweisendes liegt. Lumumba war offen für Kompromisse - und er hatte auch Fehler, die der Film nicht verschweigt - aber er war zu keinem Zeitpunkt bereit, die für richtig erkannten, historisch notwendigen und mit der Unabhängigkeit verknüpften politischen Ziele aufzugeben. Damit ist die politische Richtung, die Lumumba damals eingeschlagen hatte - nach den langen und dunklen Jahren der Diktatur Mobutus und dem kurzen Zwischenspiel Kabilas - wieder von höchster Aktualität. Und deshalb kann Peck den in Rückblenden erzählten Film auch mit dem Kommentar des toten Lumumbas beginnen lassen: “Selbst tot fürchteten sie mich noch”.

Für seinen bisher letzten Film „Le profit et rien d’autre“ / “Profit, nichts als Profit!” (2001) wählte Raoul Peck wieder die Form des dokumentarischen Filmessays. „Ich komme aus einem Land, das theoretisch nicht existiert“ - so eröffnet der Kommentar des Regisseurs Raoul Peck seinen Film zu Haiti. Teils ironisch, teils polemisch und wütend sind die Attacken gegen einen zum Dogma erhobenen Wirtschafts- Liberalismus. Alltagsszenen wechseln mit Archivaufnahmen und Gesprächen, Interviews mit Wirtschaftswissenschaftlern, Schaubildern und Straßenbefragungen. Der augenfälligste Kontrast ist die Gegenüberstellung des auf Spekulation fußenden makroökonomischen Systems der internationalen Währungsinstitute und Wirtschaftsexperten auf der einen Seite und der Mikroökonomie der Fischer und Bauern von Port-à-Piment auf der anderen, die den Tauschhandel als Wirtschaftsform für sich neu entdeckt haben.

Begonnen wurde mit der Produktion des Filmes als die Börse einen Boom sondergleichen erlebte, die Neuen Märkte Triumphe feierten und der normale Mann auf der Straße davon träumte, ohne Arbeit reich zu werden. Als der Film im Frühsommer 2001 ausgestrahlt wurde, lagen die Neuen Märkte schon am Boden, NASDAQ und NEMAX hatten Tiefstände erreicht, die erst nach dem Attentat in New York noch weiter nach unten sackten.

In einem Interview, das Raoul Peck der taz zum deutschen Kinostart von „Lumumba“ gab, sagte der Regisseur: „Mich interessiert an der Geschichte Lumumbas das Beispielhafte, der Bezug zur Gegenwart. \... Es geht um heute. Der Film lässt dem Zuschauer genug Spielraum, sich sein eigenes Bild der Geschichte zu machen. Und das ist das Wichtigste für mich, dieser Gedankenprozess, der freigesetzt wird. Ich will Diskussion provozieren.“ (taz, 12. Juli 2001)

Über die Rezeption seines Films in Europa berichtete Peck: „Ich glaube, in Europa herrscht keine afrikafreundliche Stimmung, sodass so ein Film es schwerer hat. Unter Lehrern ist die Reaktion großartig. Sie arbeiten mit dem Film, es gibt Dossiers für den Schulunterricht. Auch die Filmkritik war zu 90 Prozent ziemlich gut. Aber gerade von linker Seite gab es auch Gegenstimmen, weil sie eingefahrene Positionen beziehen. In Frankreich hat Le Monde den Film stark kritisiert. Und Le Monde hat zusammen mit Libération und Inrockuptibles eine Meinungshoheit. Wenn man kein Budget für eine US-amerikanische Werbekampagne hat, ist man nach so einem Artikel durchgefallen. Es gibt viele Franzosen, die denken, Afrika habe nur ein Gesicht, und die akzeptieren nur bestimmte Afrikafilme. Es hieß in Frankreich nach einer Pressevorführung, Lumumba sei nicht Afrika. Die Franzosen glauben immer genau zu wissen, was Afrika ist. Sie haben ein Problem mit schwarzen Figuren, die glaubwürdig spielen, Französisch ohne Akzent sprechen und über Politik reden. Es gibt leider eine negative Tradition des afrikanischen Films in Frankreich. \...
In Amerika sagt man: ‚Ihr Film sieht nach 20 Millionen Dollar aus, Sie haben ihn mit vier Millionen gedreht, wie haben Sie das gemacht?’ \... Für mich hat Deutschland zum Glück keine allzu große kommerzielle Bedeutung. Die Leute vom Evangelischen Zentrum für Entwicklungsbezogene Filmarbeit, das den Film mit finanziert hat, zeigten ihn praktisch sämtlichen Verleihern, großen und kleinen. Keiner war interessiert. Ich zeige ihn jetzt hier nur, damit ihn ein paar Leute sehen können. Eigentlich lohnt es sich aber überhaupt nicht. Mir wäre es lieber, man wartet, bis er hier anerkannt wird und in den richtigen Verleih kommt.“


Veranstaltungen im HKW:
Donnerstag, 4. November 1993
Filmwelt Afrika
Lumumba, la Mort d’un Prophèt
Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt in Zusammenarbeit mit den Freunden der Deutschen Kinemathek e.V.

Mittwochskino
Jenseits Afrikas

17. November 1993
Haitian Corner

Mittwoch, 26. Januar 1993
L’Homme sur les Quais

Mittwochskino
Dokumentarfilme
Lumumba – La Mort du Prophète – Tod des Propheten

Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt


Author: Bernd Wolpert und Bärbel Mauch 

Bio

Raoul Peck wurde 1953 in Port-au-Prince, Haiti, geboren. Weil sein Vater eine Stelle im früheren Belgisch-Kongo annimmt, zieht die Familie für einige Jahre nach Kinshasa (damals Léopoldville). Als Kind erlebt Raoul Peck die damaligen politischen Ereignisse um die Unabhängigkeit. Er verlässt Zaire als Jugendlicher. Ausbildung und Studium in den USA, Frankreich und in Deutschland. In Berlin studiert er Film an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB). Er ist zudem ausgebildeter Wirtschaftsingenieur, Journalist und Fotograf.
1994/95 lehrt er an der Tisch School of the Arts an der Universität New York.
1996/97 ist er Kulturminister in Haiti. Seit April 2000 amtierender Präsident der französischen Commission d’Aide au Cinéma Fonds Sud.
Sein erster langer Spielfilm „Haitian Corner“ (1988) wird beim Festival in Locarno ausgezeichnet. Mit dem vielfach preisgekrönten Filmessay „Lumumba - Tod des Propheten“ (1991) gelingt ihm der internationale Durchbruch. Pecks Film „L’homme sur les quais“ / „Der Mann auf dem Quai“ (1993) ist der erste Film aus der Karibik, der im Wettbewerb von Cannes uraufgeführt wird. Der Film erhält - wie auch sein letzter Spielfilm „Lumumba“ (2000), der seine Premiere bei der „Quinzaine des réalisateurs“ beim Festival de Cannes 2000 feierte - viele internationale Preise . Raoul Peck ist Mitglied der Internationalen Jury der Berlinale 2002 und lebt in Paris .

Works

Haiti, le silence des chiens

Film / TV,
2003

Le profit et rien d’autre/ Profit, nichts als Profit!

Film / TV,
2001

Lumumba

Film / TV,
2000

Chère Catherine

Film / TV,
1997

Corps plongés

Film / TV,
1997

Desounen: Dialogue with death

Film / TV,
1994

Haiti, Warten auf die Rückkehr

Film / TV,
1994

L’homme sur les quais / Der Mann auf dem Quai

Film / TV,
1993

Lumumba: La mort du prophèt / Lumumba: Tod des Propheten

Film / TV,
1991

Haitian Corner

Film / TV,
1987

Le Ministre de l’Iintérieur est de notre côté

Film / TV,
1984

Merry Christmas Deutschland

Film / TV,
1984

Leugt

Film / TV,
1983

Exzerpt

Film / TV,
1983

Burial

Film / TV,
1983

De Cuba traigo un cantar

Film / TV,
1982

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

The Short Century

Independence and Liberation Movements in Africa

(18 May 01 - 29 July 01)