Marina Abramoviç

Article Bio Works Merits Projects Images www
crossroads:
Gender, Gewalt, Grenzerfahrung, Sexualität
genre(subgenre):
Performing Arts (Performance)
region:
Europe, Southern, Europe, Western
country/territory:
Serbia and Montenegro, Germany, Netherlands
city:
Amsterdam, Belgrad, Paris
created on:
May 20, 2003
last changed on:
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Marina Abramoviç
Marina Abramoviç www.cca-kitakyushu.org/project/ abramovicdet.html

Article

"Mein Körper ist Kunst"

Die 1946 in Belgrad geborene Marina Abramoviç ist eine der bedeutendsten Performance-Künstlerinnen unserer Zeit. Sie testet in ihren Kunstaktionen die Grenzen der Belastbarkeit des eigenen Körpers genauso aus wie gesellschaftliche Tabus. Der Körper ist für Abramoviç Rohstoff künstlerischer, ästhetischer und ethischer Praxis. Nach jahrelanger Zusammenarbeit mit dem deutschen Künstler F. Uwe Laysiepen, genannt Ulay, arbeitet sie seit den neunziger Jahren wieder allein. Für ihre Performance "Balkan Baroque" erhielt sie 1997 den internationalen Preis der Jury auf der Biennale in Venedig.
Körperliche und seelische Grenzerfahrungen sind das zentrale Thema der Künstlerin Marina Abramoviç, die in ihren Performances Aktionen gestaltet, die bis zur physischen Erschöpfung und Selbstgefährdung führen. Der Körper ist für Abramoviç Rohstoff künstlerischer, ästhetischer und ethischer Praxis. Ihre Aktionen leitet sie her aus den Erfahrungen politischer Gewalt, mit denen sie schon früh in ihrem Heimatland Jugoslawien unter Tito in Berührung kam, und persönlicher Konfrontation, wie sie zwischen den Geschlechtern erlebt wird. Marina Abramoviçs Performances sind von außergewöhnlicher Eindringlichkeit. Der Künstlerin gelingt es, durch die Gestaltung einfacher, aber sprechender Bilder und den Einsatz ihres Körpers in der Kunstaktion mit ihren Performances eine Brücke zwischen leiblicher und ästhetischer Erfahrung zu schlagen.

Sie erstickte beinahe in einem Flammenmeer, ritzte sich mit Rasierklingen den Körper auf, schrie sich heiser, peitschte sich aus, legte sich auf Eisblöcke oder ließ Schlangen über ihren Körper kriechen. Seit nunmehr 30 Jahren nähert sich die "Großmutter der Performance" (Marina Abramoviç über Marina Abramoviç) in ihren Kunstaktionen immer wieder den Erschöpfungs- und Schmerzgrenzen des Körpers an, um sie mit unbeugsamem Willen zu überwinden. Seit ihrem Debüt als Performance-Künstlerin mit 27 Jahren in Belgrad, sagt Abramoviç, habe sie realisiert, "dass die Grenzen des Körpers das Grundthema meiner Arbeit bilden musste". Dabei sind ihre multiplen Techniken der Entäußerung und Entblößung weder Spiel mit dem Schmerz - "es geht nicht um Schmerz, es geht um Entschlusskraft" - noch mit dem Schock: "Ich hatte niemals ein Interesse daran zu schockieren. Mein Interesse bestand darin, die physischen und mentalen Grenzen des menschlichen Körpers und Geistes zu erreichen. Diese Grenzen wollte ich gemeinsam mit dem Publikum erfahren. Ich könnte das niemals allein vollbringen. Stets brauchte ich ein Publikum als Zuschauer, da dieses einen Energie-Dialog erzeugt."

An ihrem eigenen Körper zeigt die Künstlerin Tabus und gesellschaftliche Zwänge auf. "Rhythm 5" nennt sie 1974 eine ihrer spektakulären Performances: Sie übergießt einen Sowjet-Stern mit Benzin, legt sich hinein, lässt ihn anzünden - und wird ohnmächtig, weil das Feuer den Sauerstoff verbraucht. Bei der zweistündigen Performance "Thomas Lips" ritzt sie sich mit einer Rasierklinge einen kommunistischen Stern als blutige Chiffre in den Bauch.

Als sie nach 1975 Jugoslawien verlässt, spürt sie auch im Westen die Abgründe der Gesellschaft und der Menschen auf. In einer Galerie in Neapel überlässt sich Marina Abramoviç für sechs Stunden dem Publikum - nachdem sie vorher 72 Objekte, darunter Messer, Beile, Nadeln, Spritzen und Peitschen - auf einem Seziertisch ausgebreitet hatte. Die Performance wird für die Künstlerin zum Horrortrip. Die Männer reißen ihr die Kleider vom Leib, schlagen und traktieren sie. Die Performance gerät völlig außer Kontrolle, als ein Mann eine Pistole auf Abramoviç richtet. "Wenn nicht im letzten Augenblick ein anderer Gast eingegriffen hätte", erinnert sie sich, "wäre ich erschossen worden."

1975 lernt Marina Abramoviç in einer Amsterdamer Galerie den deutschen Künstler Uwe Laysiepen, genannt Ulay, kennen. Die gemeinsamen Performances des Traumpaars der Kunstszene sind Legende. 1976 beginnen die beiden ihr "Relationwork". Über Jahre hinweg beschäftigen sich ihre Kunstaktionen in Museen und Galerien mit der Beziehung der Geschlechter: Sie starren einander tagelang schweigend über einen Tisch hinweg an, ohrfeigen einander bis zur totalen Erschöpfung. 1988 gipfelt die Beziehungs-Performance in einem Marsch auf der Chinesischen Mauer: "The Great Wall Walk". Über jeweils 1.000 Kilometer gehen die Liebenden aufeinander zu. Marina Abramoviç startet am Gelben Meer, Ulay in der Wüste Gobi. Doch das Wiedersehen nach drei Monaten bringt die Trennung. "Bye bye extremes, bye bye Ulay", fasst Marina Abramoviç später das Ende ihrer Beziehung in der Performance "The Biography" zusammen.

"Nach 20-jähriger Arbeit als Künstlerin verspüre ich zum jetzigen Zeitpunkt meines Lebens die Notwendigkeit, mein Leben und meine Arbeit in einem autobiographischen Rahmen zu präsentieren. Ich entschied, verschiedene Ereignisse vom Augenblick meiner Geburt bis zum heutigen Tag chronologisch darzustellen. Ich stelle mir dieses Stück als eine Mischung von Performance und Theater vor. Der Titel ist nicht ´Autobiography´, er heißt ´Biography´. Der Grund dafür ist, dass ich etwas Distanz zu mir halten möchte, um mich selbst zu spielen."

Seither arbeitet die Künstlerin wieder alleine. Anfang der neunziger Jahre setzt sie in einer Serie von Performances ihren Körper dem der Erde gleich: Fünf Schlangen kriechen über ihren Körper, quetschen ihr Gesicht zur Grimasse. 1992 zeigt sie auf der Documenta ihr Werk "Departure". Die Besucher sollen kiloschwere Amethyst-Schuhe tragen, um die Wirkung der Steine an sich selbst zu erfahren. Seit 1996 bezieht sie auch Klanginstallationen und Videoarbeiten in ihre Performances ein.

1997 sorgt Marina Abramoviç mit ihrem Beitrag "Balkan Baroque" auf der Biennale in Venedig für Furore. Aufgewühlt durch den Krieg in Jugoslawien, sitzt sie an vier Tagen jeweils sechs Stunden auf einem Berg blutiger Rinderknochen, singt klagende Lieder und schrubbt die Fleischfetzen vom Gebein. Auf den Videoleinwänden flimmern die Bilder von Vater und Mutter. Für ihre beklemmende Allegorie auf den Krieg wird sie mit dem Internationalen Preis der Jury ausgezeichnet.

1998 schreibt sie gemeinsam mit Pierre Coulibeuf das Drehbuch zu dem Film "Balkan Baroque", den Coulibeuf realisiert. Der Film ist ebenso beklagend, fragmentiert und diskontinuierlich wie das Gedächtnis selbst. Die chronologische Erzählung bricht immer wieder in autonome Bild- und Tonschichten auf. Der Film wirft ein neues Licht auf das Werk von Abramoviç, weitet es in andere Bereiche aus und erlaubt neue Sensationen für den Betrachter.

Im Januar/Februar 2000 stellt der Kunstverein Hannover Videoskulpturen und -installationen, Objekte und Textarbeiten von Abramoviç aus. 2001 ist sie künstlerische Beraterin von Regisseur Michael Laub, für dessen schwedisches Ensemble "Remote Control" sie schon bei "Planet Lulu" und "Frankula" die Bühnenräume entworfen hatte. Zur Eröffnung des Berliner Festivals "Tanz im August" wird ihr Stück "Total Masala Slammer / Heartbreak No. 5" im Berliner Hebbeltheater aufgeführt. Für die Produktion dieser Version des Werther als indische Soapopera waren Laub und Abramoviç als künstlerische Beraterin eigens nach Indien gereist, um von den Bollywood-Produktionen zu lernen.

Wenn sie nicht auf der oder für die Bühne arbeitet, unterrichtet Marina Abramoviç. Zur Zeit hat sie eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Sie lebt und arbeitet hauptsächlich in Paris und Amsterdam.
Author: Haus der Kulturen der Welt

Bio

Marina Abramoviç wird 1946 in Belgrad geboren. 1965-70 studiert sie an der Hochschule der Bildenden Künste in Belgrad Malerei, doch schon bald wandte sie sich akustischen Arbeiten zu, die ihr Schaffen von 1970-73 bestimmten. 1973 beginnt sie mit ihren Performances und der Hinwendung zu körpergestützten Arbeiten. 1976 beginnt ihre Zusammenarbeit mit dem deutschen Performance-Künstler Ulay, die bis 1988 dauert. 1980-83 unternimmt sie Reisen in verschiedene Wüsten, u.a. in die Zentralaustralische Wüste und die Sahara. 1988 bereist sie China. Abramoviç folgt während ihrer künstlerischen Karriere verschiedenen Lehraufträgen: Von 1973-75 lehrt sie an der Akademie der Schönen Künste in Novi Sad, 1990-91 ist sie als Gastdozentin an der Hochschule der Künste in Berlin sowie an der Académie des Beaux Arts in Paris tätig. 1992 erhält sie eine Professur an der Hochschule der Bildenden Künste in Hamburg. Im gleichen Jahr ist sie auf der "documenta 9" in Kassel vertreten, 1997 repräsentiert sie die Niederlande auf der "45. Biennale" von Venedig. Von 1997 bis 2004 war sie Professorin an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. 2005 zog sie nach New York und gründete dort die Marina Abramovi? Foundation for the Preservation of Performance Art.

Works

The Life and Death of Marina Abramovic, Manchester

Production / Performance,
2011
Manchester International Festival

The Artist is present, New York

Production / Performance,
2010
Museum of Modern Art

Balkan Epic

Production / Performance,
2006

Entering the Other Side, New York

Production / Performance,
2005
Guggenheim Museum

Seven Easy Pieces, New York

Production / Performance,
2005

The House with the Ocean View

Production / Performance,
2004

The Biography of Biographies, New York

Production / Performance,
2002
Sean Kelly Galerie

Human Nests, Cádiz

Production / Performance,
2001

Public Body: Installations and Objects 1965-2001

Production / Performance,
2001

Marina Abramovic, Kunstverein Hannover

Production / Performance,
2000

Balkan Baroque, Venedig

Production / Performance,
1997

The Biography, Frankfurt

Production / Performance,
1993

Documenta, Kassel

Production / Performance,
1992

Departure, Paris

Production / Performance,
1991

Boat Emptying/Stream Entering, Düsseldorf

Production / Performance,
1990

The Great Wall Walk

Production / Performance,
1988

Nightsea Crossing, Berlin

Production / Performance,
1982

Rest Energy, Dublin

Production / Performance,
1980

Relation in Space, Venedig

Production / Performance,
1976

Freeing the body, Berlin

Production / Performance,
1975

Rollentausch, Amsterdam

Production / Performance,
1975

Rhythm 20, Rom

Production / Performance,
1974

Rhythm 10, Edinburgh

Production / Performance,
1973

Merits

2011
Cultural Leadership Award der American Federation of Arts

2009
Ehrendoktorwürde, University of Plymouth,UK

2003
Niedersächsischer Kunstpreis

New York Dance and Performance Award (The Bessies)

Best Show in a Commercial Gallery Award von der International Association of Art Critics

1997
Goldener Löwe, XLVII. Biennale von Venedig

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Heimat Kunst

Kulturelle Vielfalt in Deutschland

(01 April 00 - 02 July 00)

Www

Artikel auf Süddeutsche.de

"Fuck them!". Von Alexander Menden (12.07.2011)

Page der Künstlerin auf Artfacts.Net

Kommende und laufende Ausstellungen

Interview im Stern

"Die härteste Künstlerin der Welt". (11.3.2010)

Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

"Marina Abramovi?: Leben für die Vergänglichkeit". Von Jordan Mejias (16.3.2010)

Interview in der ZEIT

"600 Stund
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Werk: Titel unbekannt