Salah Saouli

Article Bio Works Projects Images
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Bildhauerei, Installation, Malerei)
region:
Middle East, Europe, Western
country/territory:
Lebanon, Germany
city:
Beirut, Berlin
created on:
May 9, 2003
last changed on:
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Article

Geschichten wie aus Glas

KÜNSTLERSTATEMENT/ POSTKARTENPROJEKT HAUS DER KULTUREN DER WELT 2007 „Oversite", 2007 5000 shoes „Wir blicken hier auf tausende Schuhe von Leuten, die wir nicht kennen. Die Rückstände ihres Gebrauchs sind immer noch offensichtlich. Das ist vergleichbar mit kollektiven Erinnerungen. Die Zuschauer, die bei diesem Werk mitmachten, gaben ihre Schuhe für die ‚Oversite’-Installation, und trugen zur Performance bei, indem sie auf den Schuhen liefen. Dieser Prozess vollendet das Werk. Leute schaffen üblicherweise Umstände, Zustände oder Persönlichkeiten, dann verschwinden sie und nehmen ihre Geschichten mit sich. Die diesen Akt vollziehen, verschwinden gewöhnlich in ihrem Schatten. Die Schuhe in dieser Installation verändern ihre funktionelle Form. In diesem Kontext werden sie Objekte mit menschenähnlichen Dimensionen. Wenn wir auf diesen Schuhen laufen, vollbringen wir einen barbarischen Akt, dieser Gang erinnert uns an menschliche Tragödien, die täglich stattfinden. Wir wehren uns dagegen, wir wollen schnell vergessen und zu unserer täglichen Routine zurückkehren. Wenn wir versuchen, über diese Barbarei nachzudenken, stellen wir fest, dass wir dabei sind, in den vielen Beispielen der Tatsachen zu ertrinken." (Salah Saouli) Seit fast zwanzig Jahren beschäftigt sich der libanesische Installationskünstler Salah Saouli, geboren 1962, mit der Gegenwart des Krieges. Seine Ausstellungen in Beirut und Berlin sind dabei auch der Lesbarkeit der Städte und ihrer Geschichte gewidmet. Seit 1985 lebt Salah Saouli in Berlin.
Salah Saouli war 13 Jahre alt, als 1975 in seiner Heimatstadt Beirut der Bürgerkrieg im Libanon begann. Wie die Stadt sich im Krieg verändert hat, wie es zum Alltag wurde, jeden Tag zu hören, welche Strassen passierbar sind und welche nicht, wie das ungeklärte Verschwinden von Menschen den Umgang miteinander belastet hat, wie Zonen des Ungesagten und Unsagbaren sich überall zwischen das Wahrnehmbare schieben: All das wurde später zu seinem Thema in der Kunst.

1983 kam Salah Saouli nach Berlin, um an der Hochschule der Künste sein in Beirut begonnenes Studium fortzusetzen. Sein Interesse für Geschichte und seine Sensibilität gegenüber den Zeugnissen der Vergangenheit fand auch in dieser Stadt immer wieder Material. Sein Beitrag zur Ausstellung „DisORIENTation“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt 2003 bezog sich auf beide Städte, Berlin und Beirut. Auf Fahnen, die er für die Masten vor dem Haus der Kulturen der Welt geschaffen hatte, waren
goldfarbene Zitate der Siegessäule in Berlin und eines Märtyrermonuments aus Beirut zu sehen. Sie sollten mit dem symbolischen Programm von Hoheitszeichen und Denkmälern, das im Tiergarten-Viertel zwischen Regierungsbauten, diplomatischen Vertretungen und dem Park besonders stark besetzt ist, in Kontakt treten. In beiden Denkmälern leistet die Ikonografie der Verklärung des Krieges Vorschub. Beide haben ihre Sprache und ihre Formen der Kunst der Vergangenheit entliehen, der griechischen und römischen Antike. Diese Verschiebung aus einem Kontext in einen anderen hat Salah Saouli auf die Spitze getrieben, indem er nun einzelne figürliche Motive isoliert und wie Logos auf den farbigen Flächen der Fahnen sampelt.

Seit sieben Jahren, erzählt Salah Saouli, warte das Märtyrermonument aus Beirut im Hof einer Kunsthochschule auf seine Restaurierung. Das Denkmal mit dem geliehenen Pathos der römischen Antike wurde während des Bürgerkrieges von verfeindeten Gruppen als Orientierungspunkt im umgekämpften Gebiet genutzt und schließlich beschädigt. Sein Verschwinden aus der Stadt ist für Saouli zu einem Symbol der Tabuisierung des Krieges geworden. „In Beirut haben viele die Nase voll vom Krieg und wollen in Ruhe leben“, schildert er die Stimmung. „Sie scheuen sich, nach den Ursachen zu fragen und fliehen vor dem Thema. Es passt nicht in ein neues Image vom Libanon als der Schweiz des Ostens.“

Im Abwesenden aufzuspüren, woran die Gegenwart leidet und Fehlstellen zu markieren: Das ist seit langem der Weg, dem er in seiner Kunst folgt. In vielen Ausstellungsprojekten hat er sich mit den Gesichtern und Namen von Vermissten aus dem Krieg im Libanon beschäftigt und Archive aufgebaut. Darüber hinaus hat er vielfach kriegsbeschädigte Hausfassaden gemalt und auch den Grundriss einer Stadt ins Bild gesetzt, deren Straßen täglich gesperrt und wieder freigegeben werden. Doch so schwer die Geschichte auch wiegt, Saouli sucht fast immer nach einer leichten Form. Bilder und Texte auf Folien, die labyrinthisch im Raum hängen, Silhouetten und Schatten, Guckkästen und Schreine: Die Materialien der Bilder und Dokumente erwecken den Eindruck von Transparenz, von einem Zustand des Schwebens. Einmal liegen Glasscherben auf dem Boden und über ihnen hängen gläserne Bilder. Erst nach und nach erkennt man darin die Formen von Tieffliegern. Das wirkt klirrend destruktiv, aber ist auch poetisch und abstrakt formuliert. Um sich mit dem Katastrophalen auseinandersetzen zu können, sucht Saouli nach Formen, die Blockaden lösen, einen neuen Umgang ermöglichen, eine andere Perspektive. Möglicherweise ist das transparente Element seiner Kunst als eine Beschwörung gegen etwas Undurchsichtiges gemeint, ein Beharren auf dem Wunsch, zu den Menschen durchzudringen.

Immer wieder hat Salah Saouli in Beirut gearbeitet und ausgestellt, auch wenn Berlin zu seinem Hauptwohnsitz wurde. Durch den wiederkehrenden räumlichen Abstand ist sein Blick geschärft für die Veränderungen beider Städte und ihre Bemühungen, Imagewandel herbeizuführen. Die wiederum offenbaren, was man von der Vergangenheit sehen will und was nicht. „Vor zwanzig Jahren war das Bewusstsein in Beirut noch ein ganz anderes“, erinnert er sich. Zum Beispiel die Wachheit gegenüber der Zensur und die Thematisierung des Mangels in der Öffentlichkeit. Heute dagegen verdecke die Arbeit am Image der wiederaufgebauten Stadt als Zentrum eines teuren Edel-Tourismus das Gespür für die blinden Flecken.

In seinen Arbeiten „Crossword“ und „Bestseller“ verwies er auf das Fehlende, das Nichtgesagte und Nichtgelesene. „Crossword“, im Goethe-Institut von Beirut gezeigt, bestand aus zum Skelett ausgedünnten, wie hingehauchten Zeitungsseiten. Ende der sechziger Jahre, so erinnert sich der 1962 geborene Künstler, waren einzelne Artikel in den Zeitungen grau abgedeckt und mit einem Stempel der Zensur versehen. Das war ein fühlbarer Schnitt. Heute ist die Kontrolle perfekter und unauffälliger geworden, darum gibt ihr Saouli das Bild des Einschnitts zurück.

In Hamra, einem früheren Viertel der Intellektuellen in Beirut, stellte er in einem seit dem Bürgerkrieg geschlossenen Kino die Bücherarbeit „Bestseller“ vor. Bücher waren zu Säulen verleimt, die das Dach des Eingangs trugen, sie lagerten als unlesbare, nicht zu öffnende Blöcke auf Tischen oder hielten den Leser von den geöffneten Seiten mit spitzen Glasscherben und Glühbirnen in Augenhöhe fern. Die Angst vor dem Text wurde in diesen Inszenierungen ebenso spürbar wie das Nichtgelesene als Gewicht. „Obwohl Beirut als das wichtigste Verlagszentrum im arabischen Raum gilt, nimmt die Zahl der zensierten Bücher nach und nach zu“, informiert Saoulis Katalog. 12.000 Bücher brauchte Saouli für seine temporären Skulpturen, zwei Monate hat er gesammelt. Das war im Jahr 2000, als er für ein halbes Jahr nach Beirut zurückgekehrt war.

Die Fahnen im Haus der Kulturen der Welt sind nicht die erste Arbeit, die mit Material aus Berlin und Beirut arbeiten. Die forcierte Erneuerung von Berlin in den letzten zwölf Jahren wurde für Saouli zum zweiten Beobachtungsfeld über den Umgang mit der Geschichte. Seine Installationen und Bilderspeicher sind für den Betrachter oft nicht so genau zu verorten. Ein „Verlassenes Haus“, das er letztes Jahr (2002) im Tacheles in Berlin als eine große Skulptur installierte, war in verschiedenen Kontexten vorstellbar. Ob Gewalt und Vertreibung oder Verfall und Vernachlässigung die Bewohner davon getrieben hatte – ob dies gestern oder vor hundert Jahren geschehen war: Die Form ließ das offen.
Author: Katrin Bettina Müller 

Bio

Salah Saouli wurde 1962 in Beirut geboren, studierte Malerei am Institut des Beaux-Arts, Beirut, Malerei und Bildhauerei an der Hochschule der Künste Berlin und Printmaking an der Chelsea School of Art, London. Seit 1985 lebt er als freischaffender Künstler in Berlin.

Works

Ausgewählte Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2005 „Origins & Nations“, Galerie Nord, Berlin 2004 „Ortstermin -Offene Ateliers und Galerien“, Galerie Nord, Berlin 2003 „DisORIENTation", Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2002 „Transperency", Bergkerk, Hannema-de-Stuers Fundatie, Deventer, Niederlande „Paradise Lost", Schloss Nackel, Brandenburg „8 Künstler 8 Länder", Galerie im Rathaus Tempelhof, Berlin „Bi-Rout, Zeitgenössische Kunst aus dem Libanon“, Kunsthaus Tacheles, Berlin „Montags", UdK, Berlin 2001 „5. Internationale Sharja Biennale“, Shaja Biennale, Shaja, Vereinigte Arabische Emirate „Werkschau 7“, Neues Kunstquartier Berlin, Berlin „multiplicatas", Artena, Marseille, Frankreich 2000 „Best Seller", Hamra Street Project, Beirut, Libanon 1999 „Expressions", Galerie Maraya, Beirut, Libanon 1998 „Mediterranea", Art Contemporain des Pays Méditerranéens, Brüssel, Belgien „Bilder von Sieb, aktuelle deutsche Grafik", Goethe Institut, Beirut, Libanon „Wassertor, Sternentor", Müritzer Nationalpark, Waren 1997 „Internationale Sharja Biennale", Sharja Biennale, Sharja, Vereinigte Arabische Emirate „Kontraste", Galerie Maraya, Beirut, Libanon 1996 „Ortstermin", Perlebergerstraße, Berlin „Multiple Box", Editionen, Frankfurt am Main 1994 „Kunstlight", Weekend Galerie, Berlin 1993 „Junge Berliner Kunst", Technisches Museum, Prag, Tschechien „Rapid Eye Movement", Sala de Archivo Diputacíon Foral de Bizkaia, Bilbao, Spanien 1992 „Farbzwischenraumding", Haus am Lützowplatz, Obere Galerie, Berlin „Von Menschenhand", Umweltbundesamt, Berlin „Bilbao-Berlin, 16 Begegnungen", Künstlerwerkstatt Bahnhof Westend, Berlin 1990 „Ade West-Berlin", Weekend Galerie, Berlin

Ausgewählte Einzelausstellungen

Exhibition / Installation
2005 „Salah Saouli“, Galerie OU, Osaka, Japan 2002 „Beirut - Berlin via Marseille", Salon Port Pin Terminal 2, Marseille, Frankreich 2001 „Crossword", Goethe Institut, Beirut, Libanon „Marseille Imaginée Marseille Réalité", Artena, Marseille, Frankreich 2000 „Labyrinth", Heilandskirche, Berlin „Das Labyrinth ll", Centre Culturel Français Beyrouth, Beirut, Libanon 1999 „Das Labyrinth l", Darat al Funun, Amman, Jordanien 1998 „Greetings from Beirut", Galerie Maraya, Beirut, Libanon 1997 „Details", Libanesischer Kunstverein, Beirut, Libanon „Schallmauer", Galerie Perron1, Delden, Niederlande „Tableau", Berlin-Brandenburgerische Akademie der Wohnungswirtschaft, Berlin 1995 „Rückblick nach vorn", Panorama Museum, Bad Frankenhausen 1994 „Die Geheimnisse der Götter", Goethe Institut, Beirut und Tripoli, Libanon „Timeout", Galerie Vierte Etage, Berlin „Ritus", Théâtre de Beyrouth, Beirut, Libanon 1993 „Zwischen der Zeit", Dia Projektion Hausfassade Lübeckerstr. 21, Berlin „Am Anfang war der Tod", Straßenbahndepot, Berlin „Licht-Echo", Märtyrer Platz, Beirut, Libanon 1987 „One Man - One Day Exhibition", Chelsea Park, London, Großbritannien

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Postkarten Projekt

(01 March 07 - 31 December 08)

DisORIENTation

Contemporary Artists from Middle East

(20 March 03 - 11 May 03)
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