Seyla Benhabib

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crossroads:
Gender, Kolonialismus, Migration, Multikulturalität, Philosophie, Politik
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Debatte)
region:
Middle East, America, North
country/territory:
Turkey, United States of America
created on:
April 26, 2006
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Seyla Benhabib
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Article

“Meine Nervenenden reagieren empfindlich auf diese Dinge”

Rückwärts gelesen wirkt ihre Karriere wie vorgegeben. Seyla Benhabib wurde in den fünfziger Jahren in der damals multikulturellen Metropole Istanbul geboren. Auch ihr familiärer Hintergrund liest sich wie ein europäisches Multikulti-Puzzle. Als sie Anfang der siebziger Jahre mit einem Stipendium in die USA kam, wurde sie politisch sensibilisiert. Benhabib, heute Professorin für Politische Philosophie an der Yale University, New Haven/Connecticut, befasste sich in ihren jüngeren Arbeiten mit Fragen des Asylrechts, der Staatsangehörigkeit, des Multikulturalismus, der Nationalität und kulturellen Konflikten. Als Folie für ihre Thesen dienen ihr unter anderem deutsche Vordenker wie Kant, Hegel und Arendt.
Rückwärts gelesen wirkt ihre Karriere wie vorgegeben. Seyla Benhabib verbrachte ihre Kindheit im Istanbul der fünfziger Jahre, dem alten Zentrum Europas. Damals war Istanbul eines der großen kosmopolitischen Zentren, eine Multikulti-Metropole, in der fünf oder sechs Sprachen gesprochen wurden. „Istanbul“, sagte Benhabib in einem Interview, „war eine Stadt ..., in der es viele Wohngegenden gab, verschiedene Arten, Essen zuzubereiten und verschiedene Geschmäcker.“

Wie ein europäisches Multikulti-Puzzle wirkt auch ihr familiärer Hintergrund. Ihre Vorfahren, sephardische Juden, flohen im späten 15. Jahrhundert vor den christlichen Zwangskonvertierungen im spanischen Festland in die Türkei, wo die Ottomanen ihnen Asyl gewährten. Benhabib spricht die Sprache dieser von der iberischen Halbinsel stammenden Juden, das Ladino. Neben Türkisch und Ladino lernte sie früh Französisch, Englisch und Italienisch. Ihre Mutter hatte eine französische Grundschule und eine italienische Hochschule besucht und machte es zur Gepflogenheit, zwischen den Sprachen zu wechseln. Ihrer Tochter öffnete dies die westliche europäische Welt, in der sie sich auch heute noch beheimatet fühlt.

Ihr politisches Denken, so Benhabib, sei ein Resultat der Entfremdung, die sie als Kind verspürt habe im Spagat zwischen einer „westlichen“ und einer „orientalischen“ Welt, dem Gefühl, in der Türkei zu sein, ohne sich im ethnischen oder nationalen Sinn als „türkisch“ zu empfinden. Als sie Anfang der siebziger Jahre als junge Stipendiatin in den USA in den Sog der Bilder des Vietnam-Krieges geriet und sich in der Türkei eine unabhängige linke Bewegung formierte, erwachte ihr politischer Geist. Ihr Interesse an Philosophie und ihr Hang zur Abstraktion haben sie dann nicht auf die Straße getrieben, sondern in die Wissenschaft.

Die politische Philosophie betrachtet sie seitdem als „passion and vocation“ – Leidenschaft und Berufung. Es sei unabdingbar, in ihrem Beruf eine Leidenschaft für die Politik zu haben. „You must care about the world around you“, sagt sie hierzu. Es ist diese Mischung aus Interesse an und Sorge um die Welt, die Benhabib anzutreiben scheint und die sie dazu bewegt, die Welt nicht aufzugeben, sondern die Prinzipien der Philosophie auf sie anzuwenden.

Die Welt und ihre politischen Institutionen empfindet sie als zerbrechlich und unvorhersehbar. Die Philosophie wirkt dagegen wie ein verlässliches Regelwerk. Benhabib setzte sich in ihrer Dissertation mit Hegel und seiner Rechtsauffassung auseinander. Mit Hegel war sie bei der existentiellen Frage angekommen, die sie auch heute noch für das grundlegende Motiv ihrer Philosophie hält: „Bereits in dieser Arbeit begann für mich die Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich universalistische Prinzipien der Menschenrechte, der Autonomie und Freiheit mit unserer ganz besonderen, konkreten Identität als Angehörige bestimmter menschlicher Gemeinschaften anwenden lassen, die durch Sprache, durch Ethnizität, durch Religion getrennt sind.“

Damit hatte sie nicht nur ihr Thema gefunden, sondern auch die Quellen, aus denen sie in den kommenden Jahren schöpfen würde. Mit ihrer Dissertation hatte sie sich von der „orientalischen“ Welt und Philosophie abgewandt und war in Zentraleuropa angekommen. Ihre dabei erworbenen Deutschkenntnisse ermöglichten ihr später eine Auseinandersetzung mit weiteren deutschen Denkern, die ihr Werk maßgeblich geprägt haben.

Hegel, Kant, Arendt und andere dienen ihr als Folie, durch die sie die wechselhaften Prozesse der Zeitgeschichte betrachtet. Dabei beschreibt sie diesen Prozess der Aneignung und Übertragung als „iteration“, einen Wiederholungsprozess, der komplex sei, weil er eine Wandlung der alten Grundlagen bedinge. Es handele sich um eine „kreative Reartikulation“, sagt sie, beim Wieder-Lesen entstehe neue Bedeutung und dies sei die Voraussetzung für den Fortbestand rechtlicher Doktrinen wie von Kultur oder Tradition überhaupt.

Ihre Leidenschaft für Kant begann mit dessen Aufsatz „Zum Ewigen Frieden“ von 1795, in dem er ein allgemeines menschliches Recht auf Gastfreundschaft formuliert. Dieses universale Recht auf Gastfreundschaft nimmt Benhabib zum Ausgangspunkt für ihre Überlegungen zu Migration, Exil- und Flüchtlingsproblemen. Sie würde, sagt sie, dieses menschliche Recht gern ausdehnen. Schließlich sei es ein Besuchsrecht und nicht ein Recht auf langfristigen Aufenthalt.

Ähnlich verfährt sie mit Arendts menschlichem „Recht auf Recht“ und deren Überlegungen zur Staatenlosigkeit. Trotzdem anders als zu Arendts Zeiten Rechte wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Genfer Konvention international verankert seien, gelten Grenzüberschreitungen immer noch als krimineller Akt. „Moralisch vertretbar“ sagt sie, sei eigentlich nur „eine Welt ohne Grenzen“. Das mag nicht machbar sein, fügt sie hinzu, trotzdem müssten diese Grenzüberschreitungen entkriminalisiert werden. Asyl- und Flüchtlingsrechte müssten weitaus internationaler festgelegt werden als bisher. Das sei die Quadratur des Kreises, meint sie dann, eine grenzenlose Welt mit dem Prinzip der Demokratie zu vereinbaren. Kann man, fragt sie, Kosmopolitismus und demokratische Selbstregierung versöhnen?

Seyla Benhabib stellt alle Fragen, auch die großen und unbeantwortbaren. Es verwundert daher nicht, dass sich im Internet eine Flut von Veröffentlichungen und Artikeln unter ihrem Namen anfindet. Offenbar wird dabei auch, dass die Theoretikerin nicht unterwegs ist, um ewige Formeln zu finden, sondern um von der Abstraktion zum politischen Geschehen zurückzukehren. In ihrem Aufsatz „Unholy Politics“ zu den Terroranschlägen des 11. September beschreibt sie den Islamismus als Nihilismus, der Politik zu apokalyptischen Symbolen reduziert. Gleichzeitig bezieht sie Stellung zur Politik der US-Regierung und der NATO gegenüber der islamischen Welt und warnt vor einer weiteren Unterstützung von Militärdiktaturen zur Sicherung der Ölreserven. Stattdessen, mahnt sie, müssten demokratische Bewegungen in den aufkeimenden zivilen Gesellschaften der Regionen unterstützt werden

Benhabibs Überlegungen treffen den Kern des so genannten „Karikaturenstreits“. Gleichheit der Bürger einer Nation, so lautet eine ihrer zentralen Thesen, sollte nicht als Gleichsein wahrgenommen werden, sondern müsse als eine Gleichheit der Andersseienden verstanden werden. In dem Aufsatz “Turkey’s growing pains” (2005) kehrte sie mit dieser These in die Türkei zurück und rief zu einer Anerkennung der multikulturellen und multireligiösen Herkunft der türkischen Gesellschaft auf.

Überhaupt, sagte sie schon 2005 in Berkeley, schreibe sie zunehmend über Fragen des Asylrechts, der Staatsangehörigkeit, über kulturelle Konflikte, Multikulturalismus und Nationalität. Sie habe da selbst so viel einzubringen. Und, fügt sie hinzu: „Meine Nervenenden reagieren empfindlich auf diese Dinge.“


Die verwendeten Zitate stammen aus einem Interview am 18. März 2004 in der Berkeley Universität.
Author: Heike Gatzmaga

Bio

Seyla Benhabib, geboren 1950 in Istanbul, ist Eugene-Meyer-Professorin für Politikwissenschaft und Philosophie an der Yale University, New Haven/Connecticut, und Direktorin des Yale-Programms Ethik, Politik und Ökonomie. 1970 kam sie mit einem Wien International Scholarship in die USA, wo sie zunächst an der Brandeis University in Massachusetts Philosophie studierte. Später ging sie nach Yale, wo sie 1977 promovierte. 1993-2000 unterrichtete sie in Harvard. Dem folgte ein Baruch de Spinoza Distinguished Professorship an der Universität Amsterdam. Von 2000-2001 erhielt sie ein Russel Sage Fellowship. Benhabib befasst sich unter anderem mit Fragen des Multikulturalismus und nationaler Identität. Ihre Abscheu gegenüber kollektivistischen Ideologien leitet sie aus der Erfahrung des Vietnam-Krieges und ihrer Biografie ab. Ihre Vorfahren waren sephardische Juden, die im 15. Jahrhundert vor der spanischen Reconquista in die Türkei flohen.

Works

Another Cosmopolitanism

Published Written,
2007
Oxford University Press: New York (Dt. Kosmopolitismus und Demokratie. Eine Debatte, Campus Verlag, 2008)

The Rights of Others: Aliens, Residents, and Citizens

Published Written,
2004
Cambridge University Press: Cambridge (Dt. Die Rechte der Anderen, Suhrkamp, 2008)

The Claims of Culture: Equality and Diversity in the Global Era

Published Written,
2002
Princeton University Press: Princeton and Oxford

Democracy and Difference: Contesting the Boundaries of the Political

Published Written,
1996
\Ed., Princeton University Press: Princeton \Dt.: Kulturelle Vielfalt und demokratische Gleichheit: politische Partizipation im Zeitalter der Globalisierung. Fischer: Frankfurt am Main, 1999

The Reluctant Modernism of Hannah Arendt

Established,
1996
Sage: London (Dt.: Hannah Arendt : die melancholische Denkerin der Moderne. Rotbuch: Hamburg, 1998)

Feminist Contentions: A Philosophical Exchange

Published Written,
1995
(Together with J. Butler, N. Fraser, D. Cornell). New York : Routledge

Situating the Self. Gender, Community and Postmodernism in Contemporary Ethics

Published Written,
1992
Routlegde: New York (Dt.: Selbst im Kontext : kommunikative Ethik im Spannungsfeld von Feminismus, Kommunitarismus und Postmoderne. Frankfurt: Suhrkamp, 1996)

Critique, Norms and Utopia: A Study of the Foundations of Critical Theory

Published Written,
1986
Columbia University Press: New York

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Bilderkriege - Bruchstellen der Moderne

Internationale Konferenz

(01 May 06 - 01 May 08)

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Seyla Benhabib/ Yale University