Parastou Forouhar

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crossroads:
Heimat, Islam, Politik, Trauma
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation)
region:
Middle East, Europe, Western
country/territory:
Iran (Islamic Republic of), Germany
city:
Teheran
created on:
May 8, 2003
last changed on:
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Parastou Forouhar
Parastou Forouhar

Article

Auf den Wellen der Schrift

Parastou Forouhar, 1962 in Teheran geboren, lebt seit 1991 in Deutschland. Ihre Arbeiten thematisieren die Spannung zwischen der Erinnerung an den Iran und der Gegenwart in Deutschland. Die persische Kultur nimmt dabei die Stelle eines Traumes ein, der umso prächtiger funkelt, je tiefer der Schmerz darunter reicht. Seit Ende der neunziger Jahre engagiert sich die Künstlerin auch mit hohem persönlichen Einsatz für die Demokratisierung im Iran.
Ping-Pong-Bälle kullerten in alle Ecken der Halle der Ausstellung "Heimat Kunst" im Haus der Kulturen der Welt. Sie waren von Parastou Forouhar mit persischen Schriftzeichen beschrieben und stammten aus ihrer Installation am Eingang: Dort zog sich das feine Gespinst der Schrift über Boden und Wände. Das kalligraphische Kunstwerk versetzte den Raum in Schwingung, die Bälle forderten einen vorsichtigen Gang.

"Irgendwann habe ich angefangen, um den Begriff ´Heimat´ eine Illusionsburg zu bauen", schrieb Parastou Forouhar, die 1991 von Teheran nach Deutschland kam, zu der Installation. "Und seitdem wächst meine Heimat unsichtbar und schön in meinen Gedanken. Ich suche sie in der Schrift meiner Muttersprache, die sich sanft, rhythmisch und einladend ausbreitet." Wie Wasser, das Widerständen ausweicht und doch seinen Weg findet, schmiegte sich die Schrift dem Ort an. Die Ängste, die das Leben in einer fremden Kultur erzeugen können, waren darin ebenso verwoben wie der Trost einer Erinnerung, die als leichtes Gepäck überall hin mitgenommen werden kann.

In Frankfurt am Main entstand 1998 in einem leerstehenden Abbruchhaus der erste Raum, in den die Schrift hinflutete und über Wände, Decken, und Türen schwappte. Ihre langgezogenen Bögen bedeckten auch einen Stellschirm und dahinter eine auf eine Tür gemalte Figur, als ob sie auf diese Weise noch einmal vom Primat der Schrift gegenüber den Bildern erzählte. Ein zweiter Raum der Ausstellung "Zwei Zimmer mit Durchblick" dagegen barg poetische und märchenhafte Wandbilder von Tänzerinnen, Musikerinnen, Bäumen und Vögeln, die wie alte Fresken anmuteten. Die Schrifträume verhandeln nicht nur die Erinnerung sondern auch einen Ausbruch aus der Autorität des geschriebenen Wortes und einer schriftlich fixierten Gebots- und Verbotskultur im Iran heute, die vor allem die Bewegungsräume von Frauen einschränkt. Parastou Forouhar hat aus dieser Eingrenzung einen Weg gesucht, als sie sich nach ihrem Kunststudium in Teheran für ein Aufbaustudium in Offenbach entschied.

Im November 1998 wurden ihre Eltern, beide oppositionelle Politiker in Teheran, in ihrem Haus ermordet mit einer Vielzahl von Messerstichen. In einer "Chronik von der Ermordung unserer Eltern" berichtet Parastou Forouhar von ihrer Reise nach Teheran und der Bemühung um Aufklärung. Über 100.000 Menschen nahmen an der Beerdigung teil; die Trauerzeremonien wurden zu politischen Demonstrationen, bespitzelt vom Geheimdienst und von Verhaftungen bedroht. Parastou Forouhar hat für die Ermittlungen gekämpft und zusammen mit Angehörigen anderer Opfer von Morden des Geheimdienstes in der Öffentlichkeit einen Druck erzeugt, der schließlich zum Rücktritt eines Ministers führte. Die "Chronik von der Ermordung unserer Eltern" ist Teil einer Dokumentation der Widerstände gegen die Ermittlungen und der Repression der Öffentlichkeit, mit der Parastou Forouhar ihre politische Arbeit im Kunstkontext über die Tagesaktualität hinaus fortsetzt.

Blickt man von diesem politischen und biographisch schmerzhaften Hintergrund auf ihre im gleichen Zeitraum entstandenen Ausstellungen zurück, erstaunt ihre Kraft und Leichtigkeit umso mehr. Sie tanzen wie die Wellen auf dem Meer, in dessen Tiefe der Schmerz verborgen liegt. In die Ordnung zwischen der Gegenwart im Westen und der Heimat in der Erinnerung ist die Trauer um ihre Eltern eingebrochen und fordert eine Auseinandersetzung mit einer persischen Kultur der Gegenwart ein, die in sich selbst zerrissen ist.

Vögel, Drachen und andere Wundertiere bewegen sich auf den "Teppichen", die Parastou Forouhar auf Hartfaserplatten gemalt hat. Damit greift sie in einfacher, fast volkstümlicher Form die definierten Grenzen zwischen den europäischen und islamischen Kultur an. Zum einen bestreiten die "Teppiche" als gefundene Bilder die Ausschließlichkeit einer bilderfeindlichen Ornamentik. Als gemalte "Teppiche" opponieren sie zudem gegen ein hierarchisches Gefüge, dass die autonome und freie Kunst, zu der ein Markt gehört, der angewandter Kunst überordnet. Mit dieser Wertung hat der Westen die Kulturen des Orients Jahrhunderte lang herabgestuft.

Die Grenzen zwischen der Privatsphäre und der Öffentlichkeit verlaufen für Männer und Frauen im Iran anders als in Deutschland. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Arbeit "Haare", die Parastou Forouhar zusammen mit Phyllis Kiehl verwirklicht hat, ihre Bedeutung. In einer Serie von Fotografien, die teils an Pinwänden in Ausstellungen gezeigt werden, teils auf Plakatwänden im Stadtraum zu sehen sind, spielen die beiden Frauen mit dem Tausch ihrer Haare. Übereinandergebeugt leihen sie sich gegenseitig ihre Haarpracht - eine Maskerade, die sich einerseits über die Klischees von blonden und schwarzhaarigen Frauen hermacht und andererseits das Wissen um die eigene Schönheit selbstbewusst einsetzt. In einem Bild stehen sie nebeneinander und halten sich die langen Haare der anderen wie einen Schleier vor den Mund: Zwei, die über das Verstummen der Frauen nachdenken, hier und dort, selbstironisch und ohne den mitleidigen Gestus westlicher Überheblichkeit.

Das Verstummen der Männer hat Parastou Forouhar auf andere Weise thematisiert. Mit Männern, die eine Mauer des Schweigens bildeten und sie auf labyrinthische Irrwege schickten, hatte sie es in den hartnäckigen Bemühungen um Aufklärung an dem Mord an ihren Eltern zu tun. Für die Biennale in Berlin 2001 entwarf sie ein Plakat, das den mundlosen, stummen Hinterkopf eines Mannes in einem Schador zeigt. In einer fotografischen Serie wird das schwarze flatternde Gewand zu einem schwankenden Fleck, einem undeutlichen Zeichen. Zeichen, Schrift, Sprache haben ihre Basis verloren in dem Prozess der Verschleierung.
Author: Katrin Bettina Müller 

Bio

Parastou Forouhar wurde 1962 in Teheran geboren. Sie studierte Kunst an der Universität in Teheran 1984 - 1990 und setzte ihr Studium 1992 - 1994 an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main fort. 1995 gründete sie mit 11 weiteren Künstlern das Projekt Fahrradhalle, um im Austausch mit anderen zu arbeiten und sich wechselnde Ausstellungsorte zu suchen. Sie engagiert sich in Frauenprojekten und lebt mit ihren zwei Kindern in Frankfurt. Parastou Forouhar war eine der Protagonistinnen des Films "Superwoman oder was", in dem die Frankfurter Filmemacherin Anja Czioska drei Frauen porträtiert, die mit Kindern und wenig Geld leben und trotzdem einen eigenen Weg finden.
Im November 1998 wurden ihre Eltern im Iran ermordet. Seitdem ist sie achtmal in den Iran gereist, hat die für die Aufklärung zuständigen Behörden getroffen,
Fragen gestellt, Pressekonferenzen abgehalten, Briefe an Menschenrechtsorganisationen und Politiker geschrieben. Bisher sind die Morde nicht aufgeklärt.

Works

Persönliche Chronik der Ermordung unserer Eltern

Published Written,
1999
1999 in: Metronome Backwards, Translation, No. 4-5-6, herausgegeben von Clémentine Deliss, Frankfurt am Main/Wien/Bordeaux

GRUPPENAUSSTELLUNGEN (Auswahl)

Exhibition / Installation
2007 Global Feminisms, Brooklyn Museum, NY Retracing Territories, Kunsthalle Fribourg 2006 Eastern Expressway, Evangelische Stadtakademie Frankfurt, Frankfurt Das kritische Auge, Neuer Kunstverein Aschaffenburg Hannah Ahrendt Denkraum, ehemalige jüdische Mädchenschule, Berlin 2005 Intersections, Jüdisches Museum Melbourne/ Jüdisches Museum San Francisco, USA 2004 Gabriele Münter Preis, Martin-Gropius-Bau, Berlin/ Frauen Museum, Bonn Entfernte Nähe, Haus der Kulturen der Welt, Berlin Die Zehn Gebote, Deutsches Hygiene Museum, Dresden Zeitzonen/3.Triennale zeitgenössischer Kunst Oberschwaben, Weingarten 4. Busan Biennale, Busan, Südkorea 2003 M_ARS, Neue Galerie am Landesmuseum, Graz, Österreich Gæstebud – Feast/Hospitality, Århus, Dänemark 2002 Die Quelle als Inspiration, Franckesche Stiftung, Halle Blind Spot, Golestan Art Gallery, Teheran, Iran 2001 Heimat Kunst, Kulturverein Zehntscheuer, Rottenburg Berlin Biennale, Berlin Frankfurter Kreuz, Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main 2000 HeimatKunst, Haus der Kulturen der Welt, Berlin Ex Lux, Kunsthalle Tirol, Österreich 1998 Housewarming II, Kunstprojekt Fahrradhalle, c/o, Offenbach am Main Schreder, Kunstprojekt Fahrradhalle, Altpapierhalle der FES, Frankfurt am Main Neues in Zimmern, c/o, Offenbach am Main 1997 The Art Project, Fahrradhalle, Berlin, Artists Space, Berlin The Art Project Fahrradhalle, Hamburg, Künstlerhaus, Hamburg 1990 Shahnameh and Iranian Modern Artists, Afrand Art Gallery, Teheran, Iran

EINZELAUSSTELLUNGEN (Auswahl)

Exhibition / Installation
2007 Just A Minute, Fondazione Pastificio Cerere, Rom 2005 Parastou Forouhar im Deutschen Dom, Berlin Spielmannszüge, Forum im Dominikanerkloster, Frankfurt 2004 Schuhe ausziehen, Einstein Forum, Potsdam Sprache des Ornaments, Stadtmuseum im Spital, Crailsheim 2003 Tausendundein Tag, Nationalgalerie in Hamburger Bahnhof, Berlin 2002 Schuhe ausziehen, Ausstellungsraum de Ligt, Frankfurt/M. 2001 Blind Spot, Stavanger Kulturhaus, Stavanger, Norwegen Blind Spot, Ausstellungshalle Schulstrasse 1A, Frankfurt/M. Blind Spot, Golestan Art Gallery, Teheran, Iran (wurde verboten) 2000 Schränke, mit Phyllis Khiel, 1822-Forum der Frankfurter Sparkasse, Frankfurt am Main Carpets, Gallery Morgen, Frankfurt am Main Selbstmordserie, Golestan Art Gallery, Teheran, Iran Documentation, Exhibition Room de Ligt, Frankfurt am Main 1999 8. März Frauentag, Deutsch-Iranisches Kulturhaus, Frankfurt am Main 1996 Überirdische Dateibearbeitung, Seyhoon Art Gallery, Teheran, Iran 1995 Pätch Pätch, Fahrradhalle, Offenbach am Main, 1994 Sie geht neben mir, mit Phyllis Khiel, Immobilien am Palmengarten, Frankfurt am Main

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

RE ASIA

Ausstellung, Filme, Literatur, Tanz, Konferenz

(13 March 08 - 18 May 08)

Real Fictions im Projekt Entfernte Nähe

Ein kuratiertes Kapitel in culturebase.net

(19 March 04 - 09 May 04)

Heimat Kunst

Kulturelle Vielfalt in Deutschland

(01 April 00 - 02 July 00)

Www

Parastou Forouhar Portfolio

Homepage der Künstlerin

images
Drag Away (Women´s Museum)
Drag Away (Women´s Museum Exhibition)
Werk: Titel unbekannt