Chandralekha

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crossroads:
Gender, Körper, Moderne, Tradition
genre(subgenre):
Performing Arts (Tanz, Tanz / Choreografie)
region:
Asia, Southern and Central
country/territory:
India
created on:
May 21, 2003
last changed on:
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Chandralekha © www.indian-express.com/ flair/20010909/2.html

Article

Pionierin des neuen indischen Tanzes

"A life lived entirely on one´s own terms" – ein Leben ganz nach den eigenen Regeln, so kann man das Leben und das Werk der 1929 geborenen Tänzerin und Choreografin Chandralekha überschreiben. Die kontroverseste der indischen Choreografinnen, heute eine Legende nicht nur in ihrem Heimatland, gilt als die Erneuerin des Bharatnatyam, eines der fünf klassischen indischen Tanzstile. Die Suche nach neuen Formen – ausgehend von den alten – ist für Chandralekha eine Suche nach den Wurzeln der Weiblichkeit.
Für den ersten öffentliche Auftritt junger Tänzer gibt es in Indien ein besonderes Wort: arangetram. Ein großes Fest und wichtiges Ereignis im Leben jedes Tänzers. An ihr arangetram erinnert sich Chandralekha mit gemischten Gefühlen: Der Rahmen war eine Wohltätigkeitsaufführung für Katastrophenopfer. Ohne große Beachtung des Anlasses bot Chandralekha den alten rituellen Tanz "Mathura Nagarilo", eine Darstellung des Flusses Yamuna. Chandralekha stellte in ihrem Tanz den lebensspendenden und heiteren Fluss dar, doch vor ihrem geistigen Auge entstand plötzlich die aufspringende, alles verschlingende Erde. Und zum ersten Mal empfand sie den Widerspruch, in dem Kunst und Leben zueinander standen. Diese Erkenntnis sollte ihre gesamte künstlerische Laufbahn prägen.

Chandralekha war bereits ein Bharatnatyam-Star, als sie ihre Solokarriere abbrach und zwölf Jahre lang nicht mehr tanzte. Der Stil des Bharatnatyam in seiner traditionellen Form erschien ihr starr und nicht mehr zeitgemäß. In den Jahren, in denen sie nicht tanzte, schrieb sie, gestaltete Plakate und Bücher, arbeitete bei Multimediaprojekten mit und engagierte sich in der Frauen- und in der Umweltbewegung.

Die Wende kam 1984, als Chandralekha im Max-Mueller-Bhavan in Bombay, einer Zweigstelle des Goethe-Instituts, an einem Zusammentreffen indischer und europäischer Tänzer teilnahm. Die "East-West-Encounter" betitelte Veranstaltung wurde zum Start ihrer neuen Karriere, und nur ein Jahr nach dem Workshop brachte sie ihre erste neue Produktion, "Angika" heraus. In dieser Inszenierung, die heute als Meilenstein in der neuen Tanzgeschichte Indiens gilt, fusioniert Chandralekha den klassischen Bharatnatyam mit dem Kalarippayyat, der Martial Arts-Tanzform Keralas, und Yoga.

Wie auch in allen späteren Inszenierungen geht es Chandralekha in "Angika" vor allem um die Suche nach der weiblichen und der männlichen Energie. Ihre Choreografien bezeichnet sie als "Celebrations of the human body", als Huldigungen an den menschlichen Körper. Der Körper, so glaubt Chandralekha, ist genauso wichtig wie der Geist.

In den folgenden Jahren bringt sie kontinuierlich neue Produktionen heraus und macht sich mit ihren klaren und radikalen Positionen einen Namen. In Indien rufen ihre innovativen Ideen und Arbeiten heftige Proteststürme hervor. Konservative Kritiker bescheinigen ihr Regelverletzungen und die Reduktion des Bharatnatyam auf ein banales Niveau. Das hält die kontroverseste Choreografin Indiens jedoch nicht davon ab, den klassischen indischen Tanz auch weiterhin zu beeinflussen und zu erneuern.

Chandralekhas Tänzer tragen nicht das klassische Bharatnatyam-Makeup und sind so einfach wie möglich gekleidet. Ihr Tanz geht vom Bharatnatyam aus, verschmilzt ihn mit anderen indischen Tanzstilen, nimmt aber auch Formen auf, die Chandralekha in zahlreichen Kooperationen mit europäischen Künstlern wie Pina Bausch und Susanne Linke entwickelte. Das Zusammenspiel von Männern und Frauen nimmt eine wichtige Rolle in ihrer Arbeit ein. Als Zeichen ihrer distanzierten Haltung zum traditionellen indischen Tanzgeschehen lässt Chandralekha vor den Aufführungen ihre Tänzer niemals das traditionelle "Pranam", das Gebet vor der Performance, verrichten.

Chandralekha lebt ihr Leben strikt nach eigenen Plänen, sie ist – für Indiens Mittelschicht auch heute noch ungewöhnlich – unverheiratet geblieben. Sie gilt als Feministin, auch wenn sie sich selbst nicht so sieht. "Ich bin keine Feministin, ich bin eine Frau – und daher fühle ich mich verantwortlich für die Gleichberechtigung von Frauen."

In ihrem Stück "Sri”, das Chandralekha 1992 im Rahmen der Indischen Festspiele auch im Berliner Haus der Kulturen der Welt aufführte, geht es um die Rechte der indischen Frauen. Auf drei Ebenen zeigt diese Choreografie uralte weibliche Machtmythen. Es geht um Gleichberechtigung bei der Vereinigung und im Schöpfungsakt, um weiblichen Machtverlust und um die Wiedergewinnung eines starken Rückgrates .

Das drei Jahre später produzierte Stück "Yantra" zeigt die Essenz von Chandralekhas weiblichem Tanzkonzept: "Es ist ein Stück über Sexualität, Sensibilität, Spiritualität und die weiblichen Prinzipien unserer Kultur", sagt die Künstlerin. "Yantra" präsentiert, so Jochen Schmidt in der Zeitschrift Ballett international im September 1994, "die für den indischen Tanz neue Botschaft einer Schönheit, die aus dem erotischen Miteinander weiblicher und männlicher Körperlichkeit erwächst. Wenn Chandralekhas Beispiel Schule macht wie seinerzeit das der Pina Bausch in Deutschland, kann die Erneuerung des indischen Tanzes Realität werden."

1999 entwickelte Chandralekha für das Hamburger Festival "Hammoniale" ein meditatives Tanzpoem über die unversiegbar sich erneuernden Energien des Weiblichen in den Körpern von Frauen und auch von Männern. Chandralekha, die von ihren Tänzern vor allem Offenheit verlangt, durchbricht in dieser Inszenierung erneut ein Tabu des Bharatnatyam. Hingebungsvoll berühren und umarmen sich in dieser Choreografie zwei Männer. Ihr Tanz, ohne jede homosexuelle Konnotation, beschwört Brüderlichkeit, Einfühlsamkeit, Trost und Verständnis. Weiblichkeit, erläutert die Choreografin vor einer Vorstellung, existiert, "tief verborgen in männlichen Körpern, wartet darauf, wachgerufen und beschworen zu werden". (für die Übersetzung: deep down in the bodies of men, waiting to be evoked, waiting to be invoked.)

Chandralekha wurde für ihre Arbeit mit zahlreichen Preisen geehrt, so u.a. 1992 mit dem Sangeet Natak Academy Award, der internationalen Auszeichnung Time Out/Dance Umbrella Award für die beste Tanzperformance in Großbritannien und dem GAIA Award in Italien.

Bis heute ist Chandralekha in ihrem Heimatland umstritten, international hat sie schon lange die ihr gebührende Anerkennung gefunden. Ihre neueste Arbeit, "Sharira – Fire and Desire", in der sie wiederum das Verhältnis zwischen Körper und Gefühlen thematisiert, stellte sie sowohl beim Deutschen Festival in Indien wie auch im Rahmen einer viel beachteten internationalen Konferenz in Chicago vor.

"Chandralekha ist eine Legende. Geliebt, gehasst, bewundert, kritisiert. Man kann ihre Arbeit als obszön brandmarken oder sie als Priesterin des Erotischen verehren. Aber man kann sie nicht vergessen. Irgendwo hinterlassen diese lebendigen Augen in dem nicht mehr jungen Gesicht ihre Spur. Ganz ähnlich wie die Asche, die noch lange glimmt, nachdem das Feuer erloschen ist", schrieb 1999 Anupama Bhattacharya.


Veranstaltungen im HKW:
27. September 1992
Indische Festspiele
Sri
Zeitgenössischer Tanz aus Indien

Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt in Zusammenarbeit mit dem Ministry of Human Resource Development, New Delhi, und dem Indian Council for Cultural Relations, New Delhi


The Chandralekha Group
Zeitgenössischer Tanz aus Indien

Samstag, 3. Juni 1994
Yantra – Dance Diagrams

Sonntag, 4. Juni 1995
Lecture Demonstration

Montag, 5. Juni 1995
Mahakal – Invoking Times

Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt
Author: Anna Jacobi 

Bio

Der 1929 geborenen indischen Tänzerin und Choreografin Chandralekha ist die Modernisiererung des klassischen indisches Tanzes gelungen. Ausgebildet im klassischen Bharatnatyam, Schülerin des berühmten Bharatnatyam-Lehrers Guru Kancheepuram Ellappa Pilla, war sie schon in den fünfziger Jahren in ihrer Heimat eine Tanzlegende. Ihre ausgesprochen religiöse Mutter, ihr religiösen Fragen eher skeptisch gegenüberstehender Vater, die für höhere Töchter reservierte Tanzausbildung in Bharatnatyam und eine große Liebe zu dem Schauspieler und Dichter Harindranath Chattopadhyay prägen ihre frühe Lebensgeschichte. 1962 beginnt sie, selbst zu choreografieren. Doch 1972 folgt der große Bruch. Chandralekha hört auf zu tanzen, zweifelt an den festen Normen des klassischen Bharatnatyam. Sie verdient ihren Lebensunterhalt zwölf Jahre lang durch Schreiben und das Entwerfen politischer Plakate. Zudem engagiert sie sich in der indischen Frauen- und der Umweltbewegung.

1984, im Rahmen eines vom Max-Mueller-Bhawan-Institut in Bombay organisierten East-West Dance Encounter beginnt sie wieder zu tanzen und startet eine neue Karierre. Chandrealekha bringt seitdem in jedem Jahr eine neue Produktion heraus, tritt mit ihrer "Chandralekha Dance Group" international erfolgreich auf und bleibt in Indien heftig umstritten. Sie arbeitet mit europäischen Tänzern zusammen, u.a. mit Susanne Linke und Pina Bausch.

Die Ikone des indischen Tanzes starb 2006.

Works

Sharira – Fire and Desire

Production / Performance,
2000

Sloka: Self and Renewal

Production / Performance,
1999

Raga: In Search of Feminity

Production / Performance,
1998

Mahakaal

Production / Performance,
1995

Yantra - Dance Diagrams

Production / Performance,
1994

Sri

Production / Performance,
1991

Prana

Production / Performance,
1990

Lilavati

Production / Performance,
1989

Request Concert – Solo

Production / Performance,
1989

Angika

Production / Performance,
1985

Navagraha

Production / Performance,
1972

Devadasi

Production / Performance,
1961

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Festival of India

(07 September 91 - 17 March 92)
images
Chandralekha Dance Company
video

Programmausschnitt

aus "Mahakal - Invoking Time"
Haus der Kulturen der Welt, 05.06.1995

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