Vyautas Landsbergis

Article Bio Projects
crossroads:
Alltag, Dekonstruktion, Ironie
genre(subgenre):
Aktionskunst (Fluxus)
Performing Arts (Happening)
region:
Europe, Baltic
country/territory:
Lithuania
created on:
November 14, 2007
last changed on:
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Vytautas Landsbergis – Präsident in flux

Der ehemalige litauische Präsident und Held der „singenden Revolution“ als Fluxus-Künstler? Recherchiert man zu Landsbergis, so findet man in der deutschen Wikipedia-Ausgabe die gut gemeinte Einschätzung „Prof. Landsbergis ist nicht nur für seine politische Tätigkeit weltweit bekannt. Er ist auch einer der größten Fluxuskünstler der Welt.“ Wer Landsbergis kennt, kann sich sein Lachen, eigentlich mehr ein schalkhaftes Kichern, über diese kulturhistorische Einschätzung lebhaft vorstellen. Tatsächlich verbindet Landsbergis, den litauischen Musikwissenschaftler und Politiker, eine einzigartige Geschichte mit der Kunstbewegung Fluxus, die in den 1960ern und 70ern ihren Ausgang in den USA und Westeuropa nahm, und von dem litauischen Emigranten Jurgis Ma?i?nas (George Maciunas) wesentlich geprägt wurde. In Litauen war Landsbergis in den 1960er, 70er und 80er Jahren der erste und über lange Zeit auch einzige Verbreiter von Fluxus-Ideen und -Werken.
Als Kind war Landsbergis 1939 mit Jurgis Ma?i?nas im litauischen Kaunas in eine Schulklasse gegangen und hatte sich mit ihm befreundet, dann hatten sich beide aus den Augen verloren. Erst 1962, als der Freund und Geschäftspartner von Ma?i?nas Almus Salcius, der das Fluxus-Netzwerk aus den Angeln hob, nach Vilnius reiste und Landsbergis begegnete, um mit seiner Hilfe einen Film zu drehen, ergab sich ein erneuter Kontakt. Das Gespräch zwischen Landsbergis und Salcius ergab, dass man mit Jurgis Ma?i?nas einen gemeinsamen Bekannten hatte. Eine langjährige sporadische Korrespondenz der von dem Begründer der Videokunst Nam June Paik später treffend „mini giants“ genannten Schulfreunde folgte. Die Briefe dokumentieren, dass Ma?i?nas versuchte, neben Fluxus auch von ihm entwickelte Plattenbauten in die litauische Sowjetrepublik einzuführen und dass Landsbergis bemüht war, den Freund von der Fluxus-üblichen Zerstörung von Klavieren abzuhalten. Als Musikwissenschaftler zeigte Landsbergis gegenüber den Fluxus-Ideen dennoch großes Interesse, griff trotz geradezu gegensätzlicher künstlerischer Auffassungen die Anregungen durch Fluxus auf und organisierte 1966 gemeinsam mit Studenten ein kabarettähnliches Fluxus-Konzert am Pädagogischen Institut in Vilnius, für das er ein Manifest verfasste:
„Antikunst ist die einzige reale, volkstümliche und soziale Ausprägung des menschlichen ästhetischen Empfindens. (...) Weg mit der Dodekaphonie, Polyphonie, Harmonie und Kakophonie!
Wir werden die Wahrheit bewundern lernen müssen. Wir werden wieder ästhetische Freude an solchen einfachen Handlungen wie dem Wassertrinken, dem Spucken in den Brunnen oder dem Schnäuzen unserer natürlichen Nase finden.
Der Weg wird lang sein und viele werden uns nicht verstehen. Aber die Zukunft gehört dem Fortschritt, und die ersten Schritte in diese Richtung müssen schon heute getan werden.“ Die radikale und Fluxus-gemäße Sprache des Manifests schließlich wird im gleichen Text relativiert: „Heute werden hier einige experimentelle Werke der Nicht-Kunst aufgeführt, denen wir ausschließlich instruktive Bedeutung beimessen.“

Die von Ma?i?nas zahlreich an ihn geschickten Materialien und Tonbänder vewandte Landsbergis in seinen Vorträgen über Neue Musik. Und schließlich wurde er selbst zum Fluxus-Mitstreiter, indem er Ideen und Partituren für Fluxus-Events an Maciunas sandte – offenbar mehr im Scherz als im Ernst. So schrieb er 1963:
„Wie würde dir ein ‚Gelbes Stück´ für Klavier gefallen? Der Klavierspieler liegt auf dem Bauch und spielt nur mit Pedalen. Die Dämpfer geben verschiedene Dröhnlaute, man kann mit ihnen plötzlich klopfen, man kann mit einem Nagel an das Metall des Pedals schrammen. Und am Ende tritt der Pianist, der sich auf den Rücken gedreht hat, mit beiden Füßen in den Bauch des Klaviers, aus dem Klavier springt unter Druck in die Mitte des Saals ein dünner Strahl Bier heraus, und der ‚Performer´ verschwindet in einer Luke, aus der Rauch hochsteigt. Das kannst du in irgendein Festival aufnehmen. Das ‚Schwarze Stück´ ist elementarer – der Pianist kommt, um am Klavier mit geschlossener Klaviatur zu sitzen, er lehnt sich an den Deckel und schläft ein bisschen schnarchend (eine mögliche Idee ist es, das Licht auszumachen), und nachdem er wach geworden ist, öffnet er die Klaviatur und geht fort. (...) Denke nicht, dass ich scherze. Das sind Zufalls-Ideen, die einem zu Tausenden in den Kopf kommen können, im Geiste von Fluxus.“ Erst als Landsbergis seinen Namen auf Fluxus-Druckmaterial entdeckte, war er besorgt, dass dieses sowjetischen Offiziellen in die Hände fallen könnten.

Ma?i?nas und Fluxus blieb er jedoch verbunden. Er beteiligte sich zum Beispiel an Mieko Shiomis „Spatial Poems" und korrespondierte mit Künstlern wie Ken Friedman. Persönlich begegnete er weiteren Fluxus-Künstlern erst in den 1990er Jahren, als sein einstiger Schulfreund Ma?i?nas schon lange tot war.
Author: Petra Stegmann

Bio

Vytautas Landsbergis studierte Musik am Staatlichen Konservatorium in Vilnius (1950-1955). Von 1952 bis 1990 war er vor allem pädagogisch tätig und lehrte Klavier am Pädagogischen Institut, Vilnius, am Staatlichen Konservatorium und an der ?iurlionis-Musikschule. 1968 promovierte er über ?iurlionis, den frühverstorbenen Helden der litauischen Kunst- und Musikgeschichte, der als Komponist und Maler die Grenzen der Gattungen überschritt und so internationale Bedeutung erlangte. Vytautas Landsbergis gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Unabhängigkeitsbewegung Sajudis und war 1990 als Vorsitzender des provisorischen Parlaments (Seimas) das erste Staatsoberhaupt nach der Wiedererlangung der litauischen Unabhängigkeit. Später war er Parlamentspräsident. Heute ist Landsbergis als Abgeordneter der litauischen Europäischen Volkspartei – europäische Demokraten (EVP-ED) Mitglied des Europäischen Parlaments.

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Europe Now | Europe Next

(01 August 06 - 31 July 07)