Tim Sharp

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crossroads:
Identität, Politik, Rassismus
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Fotografie, Installation, Videokunst)
region:
Europe, Western, America, North, Europe, Western, America, South
country/territory:
Austria, Scotland (UK), Canada, France, Argentina
created on:
August 31, 2004
last changed on:
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Tim Sharp
Tim Sharp. Courtesy of the artist

Article

Das andere Casablanca

KÜNSTLERSTATEMENT/ POSTKARTENPROJEKT HAUS DER KULTUREN DER WELT 2007 „Zu meinen Hauptanliegen gehört eine Vielzahl von Themen, die lose um die Idee der Geschichte als einer bestimmten Erinnerungsform gruppiert werden kann. Mein Fokus liegt dabei auf dem Untersuchen und Offenlegen der Erinnerungsmechanismen, die wir gebrauchen, um eine Erinnerung zu konstruieren, die zu unserer Gegenwart passt - sei es auf der persönlichen Ebene oder der einer Gruppe oder Gesellschaft. Für mich zeigt der Blick auf diese Mechanismen viel von den Machtstrukturen und Interessengruppen, die daran beteiligt sind, bestimmte Standpunkte, Bilder oder Stereotypen zu schaffen und zu erhalten - und zwar als Teil eines normativen Regimes mit seinen Implikationen eines moralisch überlegenen Zentrums und einer im Verhalten und sozial in Frage zu stellenden Peripherie. In anderen Worten: Es geht um die Machtstrukturen, die mit der Kontrolle der Vergangenheit zu tun haben und die dazu dienen, die Zukunft zu bestimmen, oder, um einen zeitgenössischeren Begriff zu verwenden, um Wahrnehmungsmanagement. Dies beinhaltet sowohl die Untersuchung von Gebieten so genannten ‚exakten Wissens’, das einen kreativen Anreiz gibt, wie auch entgegen gesetzte Prinzipien der Organisation des Materials. Obwohl es die Unterschiede zwischen einer professionellen historischen/ politischen Debatte und dem eines künstlerischen Diskurses voll anerkennt, befasst sich mein Werk mit Kunst als Vehikel für die Wissensgenerierung und -bedeutung und gründet sich oftmals auf tatsächlichen Spuren der Vergangenheit wie etwa gefundenem Filmmaterial, Fotografien und Industrieruinen." (Tim Sharp) Er ist nicht nur einer der politisch am stärksten engagierten Künstler in Österreich, sondern auch als Autor, Aktivist, Übersetzer und Ausstellungsmacher aktiv. Seit mehr als 25 Jahren in Wien ansässig, dreht der 1974 in Perth in Schottland geborene Tim Sharp seine Filme oft unter Verwendung von historischem dokumentarischen und cineastischen Material. Sharps Arbeiten handeln von Minderheiten und gesellschaftlichen Außenseitern, von latentem Rassismus und dumpfen Klischees, vom Fremden und der Darstellung des Fremden und bestechen vor allem durch ihre suggestive Montagetechnik.
Der seit über einem Vierteljahrhundert in Wien lebende Schotte Tim Sharp ist ein Künstler, der seine kreative Arbeit ausdrücklich politisch versteht und sie daher auch auf Bereiche ausdehnt, die dem landläufigen Verständnis nach nicht unbedingt direkt in die künstlerische Sphäre gehören. In seiner Wahlheimat Wien tritt Sharp regelmäßig mit anti-rassistischen Aufrufen an die Öffentlichkeit, er ist engagiert in verschiedenen Migranten-Initiativen und Projekten.

In seinen Filmen behandelt Sharp bevorzugt Themen, die sich um den Begriff des Fremden drehen, wobei er keinen Zweifel daran lässt, dass das Fremde und das in den meisten europäischen Kulturen vorherrschende Bild vom Fremden zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Die Differenz zwischen einer Lebensform und ihrer Darstellung ist das Grundmotiv in Arbeiten wie den 2003 entstandenen, 13 Minuten langen Video „Traveller’s Tales“, in dem sich Sharp unter anderen am Beispiel des Volkes der Tuareg zeigt, wie westliche Stereotype die Wahrnehmung lenken, in die Irre führen und auch auf die Dargestellten zurück wirken.

Durch die Art, wie Sharp die auf einem Flohmarkt gefundenen, historischen „Dokumentar“-Aufnahmen zusammen schnitt, wird die Absurdität der Konstruktion von Exotik besonders deutlich. Die vermeintlich objektive Wiedergabe der Lebensumstände und Gewohnheiten der Tuareg entlarvt Sharp in seinen „Traveller’s Tales“ als überhebliche und dabei im Kern grundsätzlich naive Klischeevorstellungen. „Vielleicht“, so Sharp, „hatten die Filmemacher den Anspruch, die Wirklichkeit der Tuareg darzustellen. Aber ihre Aufnahmemethoden machen aus den Tuareg Schauspieler, die auf ihr Stichwort warten, „typische“ Tuareg-Dinge in einer ästhetisch akzeptablen Weise zu tun.“

In einer anderen Arbeit mit dem Titel „I_D_Entities/SCRAM“ hat Sharp die Geschichte der Insel Helgoland zum Ausgangspunkt einer Serie von handkolorierten, collagierten Fotografien benutzt. 1890 wurde Helgoland, das bis dahin zu Großbritanien gehört hatte, vom damaligen Deutschen Reich gegen die Insel Sansibar eingetauscht und dem eigenen Machtbereich einverleibt. Sharp manipulierte nun eine Reihe von historischen Postkarten dergestalt, dass er die Figur einer Scharzafrikanerin ins ursprüngliche Bild hinein kopierte, dazu stellte er Auszüge aus den aktuell gültigen Einwanderungsvorschriften, angeblich der „Schlüssel“ zu einer neuen Identität.

Die Verwendung von historischem Material ist ein Grundzug von Sharps künstlerischem Schaffen. In der Video-Arbeit „Dar-el-Beida“ (1996, 2.40 min) bezieht sich der Künstler auf einen der berühmtesten Filme der Kinogeschichte, auf Michael Curtiz’ „Casablanca“ von 1942. Durch eine rasante, stark verdichtete Montage von Szenen aus dem Film intensiviert Sharp die bedrohliche Atmosphäre des Vorbildes zu einem allgegenwärtigen Schreckensbild von Willkür, Abhängigkeit und totalitärer Macht. Heldentum und Männerfreundschaft hat hier, anders als in der historischen cineastischen Vorlage, keinen Platz mehr. Insofern ist Dar-el-Beida, übrigens der marokanische Name der Stadt, auf seine Weise ein Gegenbild zu „Casablanca“.

Neben seiner Tätigkeit als Filmemacher, Fotograf und Graphiker arbeitet Tim Sharp auch als Autor, Übersetzer und Kurator von Ausstellungen. Er stellte aus und nahm an Projekten des vom tschechisch-österreichischen Schriftstellers Robert Jelinek ins Leben gerufenen „mikronationalen Staats der Sabotage“ (SOS) teil. Ziel des ironischen, anti-nationalen Projekts ist es, innerstaatliche Konventionen zu unterminieren und zu karikieren. Bei verschiedenen, Performance-artigen Happenings wurden Pässe ausgestellt, Staatsflaggen entworfen, außerdem ist ein Verfahren zur Anerkennung der staatlichen Souveränität von SOS angestrebt (www.sabotage.at). Tim Sharp lebt und arbeitet in Wien.
Author: Ulrich Clewing

Bio

Geboren 1947 in Perth (Schottland)
1966-72 Jurastudium in Nottingham und London
1974-78 Reise und Studium in USA, Mexiko, Zentral- und Südamerika
Seit 1978 in Wien; seit 1980 Ausstellungen künstlerischer Arbeiten (Malerei, Objekte, Installationen)

Works

Exhibition (choice)

Exhibition / Installation
2004 Haus der Kulturen der Welt, Berlin; O.K. Centrum für Gegenwartskunst, Linz; Villa Arson, Nice 2002 A9-Forum Transeuropa, Vienna; Quartier 21, Vienna; Grazer Kunstverein 2000 Kunsthalle Wien; Schikaneder Kino, Vienna 1999 Haus Wittgenstein, Vienna

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Postkarten Projekt

(01 March 07 - 31 December 08)

Black Atlantic

(17 September 04 - 15 November 04)

Www

CD «ImagiNative»

Auszug
produziert im Rahmen des Black Atlantic -Projektes des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin, 2004