Tan Kai Syng

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crossroads:
Geschichte, Postmoderne, Realität
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Videokunst)
region:
Asia, Eastern, Asia, Southeast
country/territory:
Japan, Singapore
created on:
September 26, 2005
last changed on:
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Tan Kai Syng

Article

Die manische Sammlerin

Die in Singapur geborene Künstlerin Tan Kai Syng fügt in ihren Videoarbeiten mikroskopische Erzählungen zusammen, die keine kohärente Geschichte ergeben. Damit stellt sie sowohl hegemoniale Erzählstrukturen als auch die Oral History-Schule in Frage, die durch die Sammlung subjektiver Erinnerungen Geschichte rekonstruieren will. Ihr Publikum wird gezwungen, einen Dialog mit dem Werk aufzunehmen und den disparaten Geschichten einen eigenen roten Faden hinzuzufügen.
Das Wort Fülle kommt einem sofort in den Sinn, wenn man den Raum von Tan Kai Syng in der Ausstellung „Politics of Fun“ im Haus der Kulturen der Welt betritt. Auf zahlreichen Monitoren kann man Videoarbeiten von Interviews oder Dokumentationen betrachten. Dazwischen liegen hunderte groß- und kleinformatiger Bücher, Eintrittskarten, Broschüren, Stadtpläne, Notizen und Skizzen. Manche wirken bedeutend, andere völlig unbedeutend – hier liegt offenbar alles, was die Künstlerin Tan Kai Syng während ihres dreijährigen Aufenthaltes in Japan gesammelt hat. Auch in ihrer Videoarbeit „Islandhopping 2002-2005 Japan“ ist Tan Kai Syng offenbar ähnlich vorgegangen. „Islandhopping 2002-2005 Japan“ ist wie ein Pool unstrukturierter, disparater und gleichzeitig inhaltlich dichter Erzählungen und Reiseberichte, der den interessierten Betrachter zwingt, in einen aktiven Dialog mit dem Werk zu treten. Die Herausforderungen sind dabei oftmals die Leerstellen. Der Betrachter ist aufgefordert, den Erzählungen rote Fäden hinzuzufügen und muss selbst einen Ausgangspunkt erfinden.

Auch wer per E-Mail den Kontakt zu Tan Kai Syng aufnimmt, wird mit einem Gefühl der Fülle konfrontiert. Schon im Vorfeld der eigentlichen Kommunikation verdichtet sich der Eindruck, dass diese Künstlerin nicht öffentlichkeitsscheu ist, sondern regelrecht kommunikationswütig. Tan Kai Syng versteht es, ähnlich wie in ihren Produktionen, jederzeit von einer definierten Rolle in undefinierbare Positionen zu schlüpfen. Entsprechend vielfältig sind ihre Antworten. So fällt es leicht, gleich drei, vier oder fünf divergierende Bilder von ihr zu gewinnen – das der humorvollen Zynikerin oder das der aufmerksamen Zuhörerin zum Beispiel. Unabhängig davon, ob sie gerade sammelt, produziert oder kommuniziert, entsteht das Bild einer manischen Frau.

Seit zwölf Jahren nutzt die 1975 geborene Tan Kai Syng, die von 1994 bis 1998 an der Slade School in London Bildende Kunst studierte, vor allem Videos als ein Medium, die Wirklichkeit durch Bilder in Frage zu stellen, die die offizielle Geschichtsschreibung oder andere „große Erzählungen“ durch bruchstückhafte Erlebnisse und Erinnerungen kontaminieren. Nach einem Studium der Malerei und Skulptur entschied sie sich für eine „labyrinthische“, freie Darstellungsweise – und zwar, als es laut Tan Kai Syng in Singapur noch Mode war, „Tote in Bronze zu gießen (je toter je besser und größer) und herumrennende Hühner in Wasserfarben zu malen – (…) als noch niemand von der Vogelgrippe sprach, obwohl es sie schon gab.“ Sie entschied sich, mikroskopische Geschichten zu sammeln, die niemals eine einzige, kohärente Erzählung ergeben können und sonst auf dem „Müll der Geschichte“ landen. Deshalb nennt sie sich „gurung guni“ – auf Malaysisch „Müllsammlerin“.

Eine zentrale Arbeit, die ihre Methode des Sammelns und Zusammenstellens sichtbar macht, ist die Videoinstallation „Spring. Beauty. Love – Her Story Of Trying To Tell The 3 Sisters’ Stories“ aus dem Jahr 2001. Hierfür hat Tan Kai Syng ihre Mutter und deren zwei Schwestern zu ihren Lebensläufen interviewt – heraus kamen nach Aussage der Künstlerin „interessante Geschichten“, geprägt davon, dass der Vater, ein 1922 nach Singapur immigrierter Chinese, nach seiner gesellschaftlichen Etablierung als Schulgründer während der japanischen Besetzung Singapurs in den Widerstand ging und in der Folge eine seiner Töchter zur Adoption freigab. Tan Kai Syng zeigt, wie sie während der Interviews auf Blockaden stößt, auf Amnesien, selektierte Erinnerung, auf Nostalgie und Sentimentalität. Die drei Schwestern werden auf drei Leinwände projiziert, so dass ihre Geschichten eine Kakophonie ergeben. Als ein Mittel der Distanzierung dient ihr der Blick auf die Münder der drei Frauen. Dabei mischt sich die Künstlerin inhaltlich und ästhetisch ein, indem sie Fragen stellt, Kommentare abgibt, unerwartet Schnitte vornimmt und Untertitel einblendet. Am Ende reicht sie die Kamera an ihre Mutter weiter und gerät so selbst in das Bild. Mit „Spring Beauty Love“ gelingt es Tan Kai Syng, nicht nur singuläre, hegemoniale Erzählstrukturen zu problematisieren, sondern auch den Ansatz der Oral History-Schule, durch subjektive Erinnerungen einer objektiven Wahrheit nahe kommen zu können, fragwürdig zu machen.

Auf die Frage, warum Tan Kai Syng jahrelang zwischen Japan und Singapur lebte, antwortet sie ironisch: „Ich bin eine coole, postkoloniale, mobile Bürgerin unseres globalen Dorfes und schaue mich immer gern nach unberührten Territorien um, die ich ausbeuten und ausgraben kann.“ Wie viele Nichtjapaner habe sie sich durch den exotischen fernen Osten schon immer sehr angezogen gefühlt, sagt sie, und setzt damit der Gefahr, von westlichen Betrachtern als exotisch gefunden zu werden, den eigenen exotischen Blick entgegen. Gesammelt hat sie in Japan wie überall, wo sie sich aufhält, eigene und fremde subjektive Erinnerungen, ein „verschmutztes Repertoire aus Dichtung, Ketzerei, Anekdote, Subjektivität, Fragment“, wie sie sagt. Sortiert hat sie es nur vorsichtig – indem sie für diese Arbeit etwa hauptsächlich auf die Auseinandersetzung Japans mit dem Krieg fokussierte.

Ein Kapitel von „Islandhopping 2002-2005 Japan“ trägt den Titel „A Phletora of Histories, 15. February 1942 – 15. August 1945“. Es zeigt „hart“ geschnittene Gespräche mit einem älteren Verwandten der Künstlerin, der sich stoisch und distanziert an die drei Jahre der japanischen Besetzung Singapurs erinnert, Demonstrationen linker Gruppierungen am kontrovers diskutierten Yasukuni Schrein in Japan, und auch den dortigen, alljährlich stattfindenden Aufmarsch nationalistischer Veteranen. Zusätzlich hat sie Fetzen eines nationalistischen Propagandafilms in dieses Kapitel hineinmontiert sowie Filmaufnahmen von Besuchern der Friedenszeremonie in Hiroshima, die sehr emotional auf Bilder des Bombenabwurfs reagieren. Durch die teilweise widersprüchlichen Interpretationen kollektiver oder subjektiver Geschichten erreicht Tan Kai Syng ein schillerndes Panorama multipler Positionen, die niemals ein Ganzes ergeben können. Allein das zu erkennen, so die Künstlerin, könnte „zur Heilung beitragen.“

Aus einem Interview der Autorin mit der Künstlerin im September 2005.


Author: Susanne Messmer

Works

Ausgewählte Ausstellungen/ Projekte

Exhibition / Installation
2007 „DomestiCity“ City Art Museum Ljubljana - Mestna Galerija 2, Ljubljana, Slowenien „Asia - Europe Mediations“, IF Museum Inner Spaces, Poznan, Polen 2006 „2006 Move on Asia - Clash and Network“, Shanghai Duolun Museum of Modern Art, Shanghai, China „Biennale of Sydney 2006“, Sydney, Australien 2006 Move on Asia : Clash and Network „Arario Beijing“, Peking, China 2005 “Digital Paradise” , Daejeon Museum of Art, Daejeon, Korea ”Räume und Schatten - Zeitgenössische Kunst aus Südostasien”, Haus der Kulturen der Welt, Berlin ”Asian Experimental Film” (mit CHLORINE ADDICTION), Aichi Cultural Centre, Tokio, Japan "Fantastic Asia", SungKok Art Museum, organisiert vom Feminist Artists´ Network, Seoul, Korea Einzelausstellung und Live Performance, TAKI KENTARO, Tokio, Japan TAKI KENTARO X KAI SYNG TAN X RYOTA HAMAZAKI session 1: Oblivion/Tenacity: A videodiscourse, Morishita Studio, Tokio, Japan Einzelausstellung und Lecture Performance, ISLANDHOPPING, Institute of Contemporary Arts (im Rahmen von Singapore Season), London, Großbritannien MFA Examensausstellung, Musashino Art University, Japan (January 2005), ISLANDHOPPING (2002-2005), Tokio, Japan 2004 Japanese Experimental Programme, Wanderausstellung u.a. bei New York Film Anthology, MOMA und dem Irvine College, USA SENI Biannual (mit "The Big Big 21st century Sci-Fi Disaster Horror Movie"), Singapur Screening von SemiillogicalSpores im öffentlichen Raum, Cineboards 2004, organisiert von Stitching Picos, Rotterdam, Niederlande Solo Show ISLANDHOPPING (fall variation), The illustrious Gallery, Tokio, Japan Documentary Dream Show, Yamagata In Tokyo 2004, Tokio, Japan FEELING SO WHAT (CONTRADICTORY IN TERMS), Singapore Art Museum, Singapur PRE-TEXTS: Preformulated Structures, ein Projekt von Studenten der Beaux-Arts École de Paris und der Musashino Art University, Paris, Frankreich Einzelausstellung ISLANDHOPPING, ASK gallery, Ginza,Tokio, Japan ”Twilight Tomorrow”, Singapore Art Museum, Singapur ”Twilight Tomorrow” Eröffnung (Kuratorin), Einführung der Live-Video/Music Performance to Singapore, Singapur Ausstellung, Uplink Gallery (Dying For installation), Tokio, Japan Live Videokunst Performance (Paroxysms & Non Continuous Whiles begleitet von Christophe Charles), Ebisu, Contemporary Photography Museum, Tokio, Japan Digital ‘live’ Debüt beim Phaidros Videoart Café/ Shibuya’s VJ & Videoart Performance Night. Premiere von Sampling Spores /Performing Pulaus and neue Kollaboration mit Masayukiu Kawai und Yasu Kobayashi, Tokio, Japan Nippon International Performance Art Festival (NIPAF ’04), Die Pratze, Tokio, Japan “Artists’ Night Vol. 3”, (Screenings, Live Performance, Gespräche), Tokyo Wonder Site gallery, Tokio, Japan 2003 "Cities." AVICON 2003 (Asia Video Art Konferenz), organisiert vom Video Center Tokio, Tokio, Japan "Windy Small Heart Attacks", ein Werk in Kollaboration mit dem Pianisten Keiko Sato, Christophe Charles u.a., Sony Building, Tokio, Japan "Dying For…", in Kollaboration mit Christophe Charles, Performance eines 40-minütigen Werkes, Art & Environment Symposium in Iwaki, Japan "PRE-TEXTS", Performance mit live audio mix Video (von Christophe Charles), Tokyo Designers Week, Tokio, Japan "Open 2003", 6. Internationale Ausstellung von Skulpturen und Installationen mit FEELING SO WHAT (CONTRADICTORY IN TERMS), Venedig, Italien "Young Talents Exhibition", Singapore Art Museum (SAM), Singapur 2002 "Sonic Process", Centre Georges Pompidou, Paris, Frankreich Chlorine Addiction tours “Yamagata in Kansai” Festivals in Osaka & Kioto, Japan "Parthenon Tama Asian Documentary Festival", Tama Center Cultural Complex, Tokio, Japan Installation MOBILITY bei Site & Sight, Teil des Singapore Arts Festival, Earl Lu Gallery, LASALLE-SIA College of the Arts, Singapur "60s Now!", Singapore Art Museum (SAM), Singapur 2001 "I Am Fit For Life", Video-Installation, Nokia Singapore Arts 2001, Singapore Art Museum (SAM), Singapur "InThe Face", Earl Lu Gallery, LASALLE-SIA College of the Arts, Singapur Yamagata International Documentary Film Festival’s New Asian Currents, Japan "Open Singapore Arts Festival 2001", Jubilee Hall, Singapur "A Blue & A Yellow Movie", Transmediale.01, Berlin 2000 "D E N S E", Videoausstellung, The Alliance Française de Singapour, Singapur. 1999 "PARDON MY FRENCH", Soloausstellung, The Alliance Française de Singapour, Singapur 1997 Brookfield Zoo (short film), British Short Film Festival, Empire Leceister Square, Großbritannien, 1997

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Postkarten Projekt

(01 March 07 - 31 December 08)

Räume und Schatten

Zeitgenössische Kunst aus Südostasien

(30 September 05 - 20 November 05)
images
ISLANDHOPPING 2002-2005 Japan