Nazareth Pacheco

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crossroads:
Schmerz
genre(subgenre):
Bildende Kunst (Installation)
region:
America, South
country/territory:
Brazil
created on:
June 26, 2006
last changed on:
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Nazareth Pacheco - Der Schmerz als Thema ist ihr Schlachtfeld

„Schmerz als Thema ist mein Schlachtfeld. Ich verleihe der Frustration und dem Leid Bedeutung und Form. Was auch immer meinem Körper passiert, hat oder erhält eine formal abstrakte Form. Man könnte deshalb sagen, dass Schmerz der Preis ist, der für die Erlösung vom Formalismus bezahlt werden muss,“ zitiert Nazareth Pacheco die französisch-amerikanische Künstlerin Louise Bourgeois. Dabei fasst dieser Satz im Nachwort eines Kapitels ihres 1999 verfassten Master-Abschlusses zur visuellen Poetik unter dem Titel „Objetos sedutores“/„Seductive Objects“ das Territorium zusammen, auf dem die 1961 in São Paulo geborene Künstlerin kämpft.
Begann sie ihre Karriere noch mit Führungen auf der 18. Biennale von São Paulo 1985, so wurde Nazareth Pacheco dort bereits 1998 in der Sektion „Um e/ entre Outro/s“/„One and/between Other/s“ selbst ausgestellt und 1999/2000 zu den berühmten Sonntags-Salons von Louise Bourgeois eingeladen.

Nazareth Pacheco transformiert in ihren Objekten und Installationen den am eigenen Körper und seinen angeborenen Behinderungen erfahrenen Schmerz in eine Strategie der Verführung. Sie legt die Paradoxie des Begehrens offen, des Begehrens nach Schmerz und des Schmerzes, den das Begehren verursachen kann. Wenn Nazareth Pacheco ihre köperbezogenen Objekte ausstellt, findet sie eine Sprache für ihren Körper, gibt dessen Schmerzen einen neuen Körper in der Kunst und erfindet so Körperbilder für den Schmerz ihrer Betrachterinnen, entstammen Pachecos Objekte und Installationen doch dem weiblichen Universum.

Schon ihre ersten Objekte aus Kautschuk – wie fast alle späteren Werke ohne Titel – Ende der 80er Jahre sind aggressiv aufgeladen und verweisen auf Folterobjekte. Es sind in den Worten des Kritikers Tadeu Chiarelli aus São Paulo „abhängige Objekte“. Ihre Formen sind einer gewaltsamen Manipulation geschuldet. Das 1988 entstandene Dreieck aus Eisenplatten, auf die Gummidorne gedübelt sind, erinnert an ein Bestrafungsinstrument. Die vier Meter lange Kautschukschlange von 1989 wirkt noch bedrohlicher durch ihre zahlreichen Stacheln. Nazareth Pacheco nennt diese Phase ihrer Arbeit „Haut ... natürlicher Gummi“. Sie empfindet den Widerstand, den es zu überwinden gilt, wenn Kautschuk in eine Bleiform gegossen wird, als einen „Ringkampf“, als einen Kampf mit der Formlosigkeit des Materials. Sie vergleicht die Freuden des Metallschneidens, Drillens und Dübelns mit dem Vergnügen, das sie hatte, als ihre Großmutter ihren Enkelinnen Nähen beibrachte.

Ihre 1993 geschaffenen „Ready-Mades“ beschäftigen sich nicht mehr nur abstrakt mit Gewalt und Folter. Diese „Eingekerkerten Objekte“ verweisen in archivartigen Vitrinen mit Röntgenbildern, Rezepten, Gips-Masken und Pillendosen direkt auf die medizinischen-ästhetischen Prozeduren, denen sie unterworfen war. In den darauf folgenden Jahren erweitert Nazareth Pacheco ihre autobiografischen Erfahrungen auf die Thematisierung des weiblichen Körpers als Ort dieser korrektiven Praktiken und auf die Manipulation (nicht nur) des (weiblichen) Körpers in der Gesellschaft. 1994 stellt sie erstmals 80 transparente gynäkologische Specula im Museu de Arte Moderna de São Paulo“ aus, aus denen eines in kaltem Stahl herausragt. Die Transparenz, die Pacheco noch oft benutzen soll, verweist auf den Versuch, die Dinge, die uns Schmerz bereiten, unsichtbar zu machen. Das altertümliche Stahlspeculum ragt wie eine „Vagina dentata“ aus der durchsichtigen Unauffälligkeit heraus, zerstört die Heimlichkeit der Transparenz und betont die Bedrohlichkeit der weiblichen Potenz.

Diese Bedrohlichkeit der Verführung steigert sie ab 1997 noch durch die Verwendung von Skalpellen und Rasierklingen, Nähnadeln und Angelhaken, die sie zusammen mit Glasperlen zu immer wieder neuen Ketten, Schmuckstücken und Kleidern zusammenfügt. Halsketten, die von weitem sehr verführerisch und filigran aussehen, entpuppen sich so als sehr gefährlich für ihre Trägerin, wie für alle, die sie berühren wollen. Die Angst einflößende Verführung, die sie mit ihren Ketten begann, setzt sie mit Kleidern fort. In den Folgejahren arrangiert sie ihre Objekte immer wieder zu Ensembles, die sich im theoretisch von de Sade und Bataille, Leiris und Breton, von Lacan und Foucault vermessenen Raum bewegen. Schmerz paart sie mit Erotik, in der Jouissance, dem Genießen à la Lacan, lauert der Tod. Es gibt kein „Appeasement“, das Leben besteht aus permanenter Gewalt. Selbst eine Kinderschaukel wird bei Nazareth Pacheco zu einem Folterinstrument. Wer sich die Schmuckstücke Nazareth Pachecos anlegt verliert seine Haut, sein Haut-Ich, seine regulierende Instanz zwischen Innen und Außen, seine Identität. Die Psychoanalytikerin, Autorin und Dokumentarfilmerin Miriam Chnaidermann aus São Paulo schreibt in ihrem Essay im Katalog „Nazareth Pacheco“: „Wer genießt wessen Jouissance? Sind unsere Körper (alle) Subjekte einer sadistischen Jouissance? Genau daraus entsteht das Erhabene, wenn man sein Selbstbild in Frage stellt, sogar wenn die Haut durch Klingen zerfetzt oder das Gewebe aufgerissen wird durch Skalpelle, die die Eiterbeulen unseres elenden Alltagslebens aufschneiden.“

Als sie mit ihren Arbeiten begann, kannte Nazareth Pacheco Louise Bourgeois, die in ihren Installationen, ebenfalls autobiografisch inspiriert, ihre inneren Bilder und psychischen Prozesse szenisch umsetzt, noch nicht. Nachdem Bourgeois sie im Juli 1999 zu ihrem Sonntags-Salon in New York eingeladen hatte, nahm Pacheco im folgenden Jahr auch an der Ausstellung „Selections from Louise Bourgeois’ Salon“ teil, für die sie ein „gerade befruchtetes Ei, ein Spermium und eine sich teilende Eizelle“ schuf, die sie bei ihrer Rückkehr nach Brasilien auf Anraten Bourgeois’ in Bronze goss.

Den Kulminationspunkt ihrer bisherigen Arbeiten fand Nazareth Pacheco in der 15 qm Installation (ohne Titel, 2003) eines Acrylbettes, das von einem verwirrend glitzernden Vorhang umgeben ist. Auf dieses Bett kann man sich nicht legen. Denn auch dieser Vorhang besteht aus mit Perlen verknüpften Rasierklingen. Sieht man genauer hin, spiegeln sich in der Transparenz des Bettes noch einmal die Rasierklingen. Das Begehren wird kalt wie auf einem Sektionstisch seziert. Wer dort eintreten will, muss die Sicherheit seiner Identität aufgeben.

Alle Zitate stammen aus dem Katalog: Nazareth Pacheco (Juni 2003)
Author: Ulrich Joßner

Bio

1961 geboren in São Paulo, Brasilien
1983 Bachelor of Fine Arts der Universidade Mackenzie in São Paulo
2002 Master’s Degree in "Visual Poetics" von der Universidade São Paulo –USP –SP

Works

Gruppenausstellungen

Exhibition / Installation
2005 Dor, Forma, Beleza, Estação Pinacoteca, São Paulo, SP, Brasilien Coletiva de Acervo Galeria Murilo de Castro, Belo Horizonte, MG, Brasilien O Corpo na Arte Contemporânea Brasileira, no Itaú Cultural, São Paulo, SP, Brasilien 2004 Arte Contemporânea no Acervo Municipal -Centro Cultural São Paulo, SP, Brasilien Casa Triângulo, São Paulo, SP, Brasilien O Preço da Sedução: do espartilho ao silicone – Itaú Cultural, São Paulo, SP Plataforma São Paulo 450 anos, Museu de Arte Contemporânea - USP, São Paulo, SP, Brasilien 2003 “Apropriações”, Museu de Arte Contemporânea de Niterói, Rio de Janeiro, Brasilien “Meus amigos” – Curadoria Caetano de Almeida, Espaço Mam Villa-Lobos, São Paulo, SP, Brasilien “A arte atrás da arte” – Curadoria Guto Lacaz, Espaço Mam Villa-Lobos, São Paulo, SP, Brasilien 2002 “Entre Líneas” - La Casa Encendida, Caja de Madrid, Spanien The Thread Unraveled, Malba, Buenos Aires, Argentinien O Mapa de Agora – Instituto Tomie Ohtake, São Paulo, Brasilien O Mapa de Agora – Museu de Arte Contemporânea de Niterói, RJ, Brasilien Dangerous Beauty, JJC Manhattan, New York, NY, USA 2001 Virgin Territory, National Museum of Women in the Arts, Washington, DC, USA The Thread Unraveled, El museu Del Barrio, New York, NY, USA Espelho Cego, Museu de Arte Moderna de São Paulo, SP, Brasilien Deslocamentos do eu, Itaú Cultural, Campinas, SP, Brasilien Espelho Cego, Paço Imperial, Rio de Janeiro, Brasilien Recortes, Galeria Brito Cimino, São Paulo, SP, Brasilien Trajetória da Luz na Arte Brasileira, Itaú Cultural, São Paulo, SP, Brasilien O espírito da nossa época, Museu de Arte Moderna de SP, SP, Brasilien Louise Bouegeois’ Salon, Artists Space, New York, NY, EUA Mostra de Arte Contemporânea Brasileira. MAM de Buenos Aires, Argentinien PER-VERSUS, Obra Aberta, Porto Alegre, RS, Brasilien 2000 XII Mostra da Gravura de Curitiba, Paraná, PR, Brasilien III - Galeria Brito Cimino, São Paulo, SP, Brasilien Messagers de la Terre, Rur’Art Cript Poitou - Charentes, Rouillé, Frankreich Cutting Edge, ARCO’00, Madrid, Spanien Ars Erótica - Sexo e Erotismo na Arte Brasileira, MAM, São Paulo, SP, Brasilien Mujeres de las dos orillas -Centre Valencià de Cultura Mediterrània, Spanien Entre a Arte e o Design, Museu de Arte Moderna, São Paulo, SP, Brasilien Panorama de Arte Brasileira, Museu de Arte Moderna São Paulo, SP, Brasilien Acima do Bem e do Mal, Paço das Artes, São Paulo, SP, Brasilien Sweet and Sour, Art & Public, Genf, Schweiz A Vueltas con los Sentidos, Casa da América, Madrid, Spanien O Objeto anos 60 - 90, Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro, RJ, Brasilien Noturnos, Museu de Arte Moderna de São Paulo, SP, Brasilien Transcendência, Casa das Rosas, São Paulo, SP, Brasilien 1998 XXIV Biennial of São Paulo, SP, Brasilien Cutting Edge, ARCO 98, Madrid, Spanien Feminino/Plural - Museu Nacional de Belas Artes, Buenos Aires, Argentinien Panorama de Arte Brasileira, Museu de Arte Contemporânea de Niterói, Rj, Brasilien Medidas de Si, Museu de Arte Moderna de São Paulo, SP, Brasilien Arte de Expor Arte, Museu de Arte Moderna de São Paulo, SP, Brasilien Panorama de Arte Brasileira, Museu de Arte Moderna, Salvador, BH, Brasilien A Gravura Como Escultura, Museu de Arte Moderna de São Paulo, SP, Brasilien Panorama de Arte Brasileira, Museu de Arte Moderna, Recife, PE, Brasilien III Biennial Barro de América, Maracaibo, Venezuela III Biennial Barro de América, Museu Brasileiro da Escultura, São Paulo, SP, Brasilien Arte Brasileira no Acervo do Museu de Arte Moderna de São Paulo, Brasilien Centro Cultural Banco do Brasil, Rio de Janeiro, Brasilien Faltas, Valu Ória Galeria de Arte, São Paulo, SP, Brasilien Espelho da Biennial, Museu de Arte Contemporânea de Niterói, RJ, Brasilien Anos 90, Museu de Arte Moderna, Rio de Janeiro, RJ, Brasilien 1997 Cutting Edge, ARCO, Madrid, Spanien Novas Aquisições, Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro, RJ, Brasilien Intervalos, Paço das Artes, São Paulo, SP, Brasilien Experiências e Perspectivas, Museu Casa dos Contos, Ouro Preto, MG, Brasilien Panorama de Arte Brasileira, Museu de Arte Moderna de São Paulo, SP, Brasilien 1996 O Único, O Mesmo, O Afundamento, Valu Oria Galeria de Arte, São Paulo, Brasilien Nazareth Pacheco/Rosana Mariotto, CEMIG, Belo Horizonte, MG, Brasilien 1995 Espelhos e Sombras, Centro Cultural Banco do Brasil, Rj, Rj, Brasilien O objeto gravado, Museu da Gravura da Cidade de Curitiba, Pr, Brasilien 1994 Espelhos e Sombras, Museu de Arte Moderna de São Paulo, SP, Brasilien A Foto Contaminada, Centro Cultural São Paulo, SP, Brasilien 1991 Projeto ABC, Pinacoteca do Estado, São Paulo, SP, Brasilien Panorama de Arte Atual Brasileira, Museu de Arte Moderna de São Paulo, SP, Brasilien 1990 Centro Cultural São Paulo, SP, Brazil Macunaíma 90, IBAC, Rio de Janeiro, RJ, Brasilien 1988 Panorama de Arte Atual Brasileira, Museu de Arte Moderna de São Paulo, SP, Brasilien

Einzelausstellungen

Exhibition / Installation
2005 Galeria Murilo de Castro, Belo Horizonte, MG, Brasilien 2004 Entre o Tato e a Visão, Sesc São Carlos, SP, Brasilien 2003 Galeria Brito Cimino, São Paulo, SP, Brasilien Unicid, São Paulo, São Paulo, Brasilien Mercedes Viegas Arte Contemporânea, Rio de Janeiro, RJ, Brasilien 2002 Mulher – Pinacoteca Benedicto Calixto – Santos, SP, Brasilien Centro Universitário Maria Antonia – USP, São Paulo, SP, Brasilien 2000 Museu Universitário de Uberlândia, Uberlândia, MG, Brasilien Galeria Canvas, Porto, Portugal 1999 Maison du Brèsil, Bruxelas, Belgien ICBRA, Brasilianisches Kulturinstitut, Berlin 1997 Valu Oria Galeria de Arte, São Paulo, SP, Brasilien 1993 Gabinete de Arte Raquel Arnaud, São Paulo, SP, Brasilien 1991 Projeto Macunaíma, IBAC, Rio de Janeiro, RJ, Brasilien 1990 Itaú Galeria de Brasília, DF, Goiânia, GO e Vitória, ES, Brasilien Centro Cultural São Paulo, SP, Brasilien 1989 Itaú Galeria de Ribeirão Preto, SP e Belo Horizonte, MG, Brasilien 1988 AB. OHM Galeria de Arte, São Paulo, SP, Brasilien

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Brasil - Copa da Cultura

(14 June 06 - 14 June 08)
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