Harmonia

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genre(subgenre):
Musik (Ambient, elektronische Musik)
instruments:
Gitarre, Harfe, Keyboard, Schlagzeug, Syntheziser
region:
Europe, Western
country/territory:
Germany
created on:
November 26, 2007
last changed on:
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 Harmonia
Harmonia. © Christine Roedelius

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Weder Krautrock noch kosmisch

Harmonia zählen zu den bedeutendsten Formationen der elektronischen Musik der 70er Jahre. Entstanden 1973 aus Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius Duo Cluster, welches vom Neu! Gitarristen Michael Rother verstärkt wurde, waren sie fast schon eine Supergruppe der experimentellen deutschen Rock-Szene. Ihre Konzerte und die beiden Alben "Musik von Harmonia" und "Harmonia Deluxe" markierten eine neue Entwicklung einer Musik, die weder Krautrock noch "kosmisch" sein wollte. Aus Alltagsgeräuschen, rauhem Experiment und Soundwellen gestalteten sie eine zusehends strukturiertere Musik bis hin zum Pop-Song, während sie gleichzeitig in gemeinsamen Sessions mit Brian Eno eine ausufernde, frühe Version ambienter Musik schufen. Nach 1976 trennten sich die Wege der Drei und fanden in dieser Konstellation erst 2007 wieder zusammen. Ihr Einfluss prägte Generationen von Bands weltweit.
Sie waren die Pioniere der zweiten Phase. Harmonia formierte sich inmitten des großen Aufbruchs der deutschen elektronischen Musikszene als stilistisches Experiment. Das Trio verschrieb sich weniger dem Erobern ungehörten Neulandes als denn einer Zusammenführung zweier, bereits ausgeprägter Stilistiken. Hans-Joachim Roedelius (*1934, Berlin )und Dieter Moebius (*1944, Schweiz) hatten seit 1969, zuerst mit Conrad Schnitzler als Kluster und dann, ab 1971 zu zweit unter dem Namen Cluster ihren musikalischen Bereich abgesteckt. Tatsächlich neue Klänge zwischen elektronischer Avantgardemusik, freier Improvisation und den jüngsten Errungenschaften des experimentierfreudigen Rocks prägten ihre langen, sowohl konzeptuell strengen, wie neugierig forschenden Stücke, bis Cluster ab 1972 immer mehr mit der komponierten Form arbeiteten.

Als sie 1973 auf Michael Rother (*1950, Hamburg) trafen, um gemeinsame Sache zu machen, war allerdings er es, den man als ordnende Komponente im Sound von Harmonia ausmachte. Rother hatte bei Kraftwerk 1971 für eine kurze Zeit Gitarre gespielt und in dieser Funktion während eines Beat-Club Auftritts erstmals Cluster kennengelernt. Doch seine nächste Station hieß Neu!, das Duo mit dem ebenfalls Kraftwerk entstiegenen Schlagzeuger Klaus Dinger. Er verstand sich darauf einen Rhythmus zu kreieren der sowohl im besten frühsiebziger Duktus als "fetzig" beschrieben werden konnte, im gleichen Moment aber jenes repetive Spiel fortsetzte, das von Bo Diddleys Drummer erdacht, unter Maureen Tuckers Händen bei Velvet Underground eine ganz eigene, artifizielle Qualität bekam. Dinger ließ diesen Groove nun mechanisch poltern und spielte (sich selbst overdubbend) zusammen mit Rother dünn-zerrende Gitarrenjams oder Loops dazu.

Auch wenn Rother noch bis 1975 Neu! Mitglied war, so suchte er dennoch bald nach einem neuen Freiraum und erinnerte sich an die Begegnung mit Cluster. Er besuchte das Duo auf ihrem so schönen wie renovierungsbedürftigen (was die minimale Miete garantierte) "Alten Weserhof" in Forst. Bald zog man nebst Freundinnen zusammen, baute eine alte Scheune zum Tonstudio aus und begann mit Aufnahmen. 1974 erschien "Musik von Harmonia" auf dem legendären Brain-Label. Schlicht betitelt und auf dem Cover gleich einem Haushaltsprodukt angepriesen, widersetzte sich das Trio bereits ästhetisch der mittlerweile zum Stil herangewachsenen "kosmischen" deutschen Elektronik. "Sehr kosmisch" verheißt lakonisch Titel Nummer zwei und spielt mit dem Effekt der gewohnten Floskel, welcher das "s" im zweiten Wort fehlt. Dabei entwickelt gerade dieses Stück eine differenzierte, nahezu nüchterne Intensität. Bedrohliche, an die Industrial-Musik der späten 70er erinnernde Passagen kontrastieren die Drei aber stets mit Klängen freundlicher Beschaulichkeit. Beide Stimmungen haben wenig gemein mit dem Berliner Elektropomp von Tangerine Dream und Konsorten. Harmonia verband allerdings auch den Berlinern unbekannte Elemente: Fluxus Kunst und Velvet Undergrounds New Yorker Vision einer so dünnhäutigen wie schneidend scharfen Pop-Musik hatten ihre Spuren hinterlassen. Daß man in England bei Roxy Music auf die Deutschen aufmerksam wurde, war da nur folgerichtig. Auch Moebius dandyesker Kleidungsstil musste den Briten gefallen (die allerdings statt Fluxus, Pop-Art als aktuelle Kunst-Referenz hatten und somit flamboyanter Selbstinszenierung weit stärker verschrieben waren, als die bundesdeutschen Tonfrickler).

Mit internationaler Aufmerksamkeit bedacht, fungierte "Musik von Harmonia" als erste vollende Arbeit auf Basis der beindruckenden Forschungen von Kraftwerk, Neu! und K/Cluster. Dabei rückten Moebius und Roedelius ein wenig auseinander, gewannen als Einzelmusiker Kontur und formten mit Rother ein standfestes, dreibeiniges Fundament. Seltsam, daß dem nur noch ein weiteres Werk hinzugefügt wurde. Offenbar war die Zeit noch nicht bereit für eine sich anbahnende Klassik der elektronischen Sounds. Das im Folgejahr 1975 ebenfalls auf Brain erscheinende "Harmonia deluxe" addiert sogar einen menschlichen Schlagzeuger zum charakteristischen Tuckern von Clusters alter Rhythmusbox. Mani Neumeier von Guru Guru begleitet die Musik hin zu zusehends melodischeren, ja songartigen Strukturen. Sehr konturiert und nun mit Gesangseinlagen überholt die Musik im Titelstück Kraftwerks stilistische Evolution, ist den Düsseldorfern gut zwei Jahre voraus. Seit dem Album der britischen BBC-Radioworkshop-Pioniere White Noise hatte es keinen neuen Ansatz einer rein elektronischen Popmusik mehr gegeben, Harmonia lieferten nun den nächsten Schritt und Brian Eno folgte ihnen auf seinen Solo Platten. Nun hatte die Band einen großen, von bunten Glühbirnen illuminierten, Sonnenschirm im Gepäck und demonstrierte eine so hausgemachte wie wegweisende laid-back Elektronik, als vollendetes Experiment. Zahm war diese Musik nicht, auch nicht voraussagbar, sie hatte sich einfach das Formale des Pop-Songs mittels ihrer eigenen Klänge erobert. In der Zukunft würden immer wieder elektronische Bands an diesen Punkt kommen: Suicide mit ihrem zweiten Album, Human League mit "Dare", Throbbing Gristle mit "20 Jazz Funk Greats" oder Der Plan mit "Golden Cheapos". Sehr wohl nährten sich die Genannten dabei an Harmonias Alben. So hatten Harmonia mit nur zwei Werken die komplette Evolution einer nun nicht mehr ziellos ins Blaue wuchernden Pop-Elektronik geschaffen und dabei mehr Möglichkeiten offenbart als alle anderen elektronischen Bands bis 1975.

1976 folgte (endlich) die gemeinsame Arbeit mit Eno, an elf Tagen ergänzte er Harmonia für einige Sessions die dabei allerdings ihre Konturschärfe tendenziell einer ambienten Weite opfern, welche sich auf den Studiowerken "Cluster & Eno" fortsetzt. Erst 1997 werden einige der Aufnahmen unter dem Titel "Tracks & Traces" veröffentlicht. Wie Harmonia klangen, als Eno sie bei einem Konzert in Hamburg kennenlernte, davon gibt das kürzlich erschienene "Harmonia Live 1974" Album Zeugnis. Hier laufen die Soundimprovisationen noch in langen Schleifen um die taktgebende Monotonie der Beatbox deren Gleichmut die Sounds verankert und stilistisch doch im Rock-Idiom verortet, so daß Enos damaliger Kommentar "die wichtigste Rockmusik, die heutzutage gemacht wird" nur im Hinblick auf die heutige, klischeeüberfrachtete Realität des Begriffs erstaunt.

Wenn sich das Trio nun zu einer Reunion trifft, berührt ihre von nunmehr mehreren Musikergenerationen aufgegriffene Musik im spannungsarmen 2007 die Rückkehr eines grundlegenden Prinzips. Als Harmonia in eine von Kraftwerk, Kluster und Neu! vorgeprägte Szene folgte, verstanden sie es, aus den vorgefundenen Klängen einen eigenen Stil zu extrahieren. Fast alles was folgte kann man auf das Schaffen jener Bands zurückbeziehen und die Häufigkeit in der alle diese Bands von anderen Musikern als Referenz genannt werden, unterstreicht diese grundlegende Qualität ihres Schaffens. Heute könnten Harmonia einen wieder entstehenden Freiraum vorfinden, einer, der die dicken Schichten aus festgefügten Stilen und Sounds überbrückt und ein neues Experiment generiert: Welche Mittel werden gewählt? Wohin wird die Reise gehen? Rekonstruktion oder Neuland? - Diese Fragen lassen einen mit Spannung auf die Reunionkonzerte von Harmonia warten.

Author: Oliver Tepel

Works

Harmonia Live 1974

Production / Performance,
2007
Grönland (Cargo Records)

Harmonia ´76 - Tracks & Traces

Published Audio,
1997
Sony

De Luxe

Published Audio,
1975
Brain

Musik von Harmonia

Published Audio,
1974
Lilith

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Worldtronics 2007

Festival of Electronic Music

(27 November 07 - 01 December 07)

Www

Michael Rothers MySpace-Site

Joachim Roedelius´ MySpace-Site

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Arabesque

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