Guo Xiaolu

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crossroads:
Einsamkeit, Identität
genre(subgenre):
Film (Doku-Fiktion)
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Roman)
region:
Asia, Eastern, Europe, Western
country/territory:
China, England (UK)
city:
London
created on:
March 7, 2006
last changed on:
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information provided by:
Guo Xiaolu
Guo Xiaolu; Copyright: Rao Hui

Article

Unbehaust im Leben unterwegs

Guo Xiaolu wurde 1973 in einem südchinesischen Fischerdorf geboren und ist Schriftstellerin und Filmemacherin zugleich. Ihr erster im Westen erschienener Roman „Village of Stone” wird von Kritikern als viel versprechender Export aus Chinas junger Literaturszene bewertet. Guo Xiaolu lebt seit 2003 in London.
„Ich sehe mich auf einem Boot, das aufs Meer hinausfährt, aufs Meer der Stadt der Steine. In meiner Erinnerung türmen sich die Wellen immer deutlicher vor mir auf, je weiter ich mich von dieser ungeheuerlichen Stadt mit ihren ungeheuerlichen Gebäuden und ungeheuerlichen Menschen entferne. Unterwegs feuere ich Torpedos ab, stürme die geheimen Festungen meiner Seele, bis sie eine nach der anderen fallen. (...) Das Meer färbt sich rot, und ich leide – all die Fische. Ich wollte sie nicht sterben lassen, ich wollte es wirklich nicht. Weinend stehe ich auf dem Boot und sehe meine Tränen ins Meer tropfen, ins Meer der Stadt der Steine, dem Ort, an dem ich meine Fische begrabe, meine Erinnerungen, meine Kindheit und alle Geheimnisse meines früheren Lebens."

So poetisch und beklemmend beginnt der stark autobiografische Roman „Village of Stone”, in dem die Autorin sich auf die Suche nach ihrer Kindheit macht, eine Kindheit voller Verlorenheit, sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt. Als Erwachsene in Peking, wo sie sich weit weg von den Geschehnissen ihres Heimatortes glaubt, holt die Vergangenheit sie ein, als sie aus der „Village of Stone” ein Paket mit einem getrockneten Aal erhält. Mahlzeit für Mahlzeit erinnert sie sich an das kleine Mädchen Carol, genannt „Little Dog”, das sie einst gewesen ist. Moderner Pekinger Alltag und das Leben in einem abgeschiedenen Dorf stehen für die immensen Ungleichzeitigkeiten im heutigen China.

„Little Dog” wächst als Einzelkind bei Großeltern auf, deren Ehe aus Schlägen, Kälte und vor allem Sprachlosigkeit besteht. Die Unfähigkeit, durch Kommunikation Gemeinsamkeiten zu schaffen, zieht sich wie ein roter Faden durch einen sehr wortgewaltigen Roman: „Es gibt keinen Weg, meinen Beginn oder mein Ende im Kreis eines anderen zu finden. Zwei Menschen zusammen ergeben niemals mehr als eine Person plus einer anderen.“

Fassbinder, sagt Guo Xiaolu, ist ihr großer Held des Films. Wie er in „Angst essen Seele auf” das Verhältnis der Protagonisten zueinander porträtiert, habe sie sehr fasziniert: ein dunkles, verzweifeltes Nicht-Zueinanderfinden. Das Einzige, was die Einsamkeit der Ich-Erzählerin in „Village of Stone” mit Wärme erfüllt, ist Guo Xiaolus glühende poetische Sprache. Es ist, als ob sie sich schreibend das Leben zurückholt. Am besten wird sie da, wo das Grauen am intensivsten ist: „Little Dog” wird als Siebenjährige von dem Stummen im Dorf entführt, wochenlang vergewaltigt und in einem Erdloch festgehalten, bevor ihr die Flucht gelingt. Die abgrundtiefe Verzweiflung des Mädchens gipfelt in ihrer halb herbeidelirierten Verwandlung in einen Einsiedlerkrebs: „Weil ich Angst hatte, weggespült zu werden, zog ich meinen Kopf in die Muschelschale zurück und blockierte mit meinen Scheren den Eingang. Als die Flut wieder zurückging und alles sicher war, steckte ich den Kopf aus meinem Muschelhaus und sah, dass der Strand sich weit in alle Richtungen erstreckte. Wie wunderbar, endlich hatte ich mein eigenes Muschelhaus!" Plötzlich steht der Stumme vor ihr am Strand. „Oh, nein, hatte er mich etwa doch erkannt? Nein, nein...das war nicht möglich. Ich bin nicht Kleiner Hund, ich bin nicht Coral. Ich bin ein Einsiedlerkrebs. Siehst du das nicht? Ich bin nur ein kleiner Einsiedlerkrebs. (...) Hilfe, was war mit mir los? Meine Schale schien zerbrochen zu sein. Er war es, er, er...er war auf meine Schale getreten und hatte sie zerbrochen, und jetzt war mein Haus kaputt, und ich hatte keinen Platz mehr, an dem ich leben konnte."

Doch auch in dieser abgründigsten Episode bleibt ein angespannter Lebenswille präsent und das ist es vielleicht, was das Buch fast hoffnungsvoll enden lässt: „Während ich die Straße entlanglaufe, fallen mir die Worte meiner Großmutter ein: ‚Jeder Mensch hat eine Vergangenheit, eine Zukunft und eine Gegenwart.´ Wenn das stimmt, hat meine Gegenwart gerade begonnen."

„Es gibt Schriftsteller,” sagt Guo, „deren Selbst ihr Schreiben ist. So geht es mir.” Auch „A Concise English-Chinese Dictionary for Lovers.”, eine Liebesgeschichte im Lexikonformat, das 2007 erscheinen soll, ist stark autobiografisch gefärbt. Sie handelt von einer Chinesin, die nach England kommt, ohne Englisch zu können und deshalb beginnt, ihr eigenes Lexikon der Liebe zu schreiben.

Zurzeit arbeitet sie an einem Film, der halb dokumentarisch und halb fiktiv werden soll. In seinem Mittelpunkt steht ein Schriftsteller, für den sein Schreiben mehr Realitätscharakter hat als die Wirklichkeit. Dass auch diese Geschichte Guo Xiaolus Leben widerspiegelt, nimmt man ihr, die sich bei aller Ernsthaftigkeit im Gespräch stets in weiter Ferne zu befinden scheint, sofort ab.

Ob sie sich vorstellen kann für immer in England zu leben? Sie zögert. Paris gefällt ihr besser -wegen der lebendigen Literaturszene, den Cafes, in denen Leute sitzen und schreiben. „Aber eigentlich kann ich überall leben, solange ich nur schreiben kann.”

Zitiert aus einem Interview mit der Autorin im März 2006
Author: Dr. Hanne Chen

Bio

Guo Xiaolu wurde 1973 in Shi Tang im Süden Chinas geboren. Sie wuchs in einer kleinen Stadt am Chinesischen Meer auf und ging mit 18 Jahren nach Beijing, wo sie an der Filmhochschule studierte. 2002 zog sie nach London.

Works

A Concise Chinese-English Dictionary for Lovers

Published Written,
2007
Roman. Tuttle Publishing: London

Stadt der Steine

Published Written,
2005
Roman. Knaus: München

The Concrete Revolution

Film / TV,
2004
Dokumentation (62 Min.). Chinesisch mit englischen Untertiteln. China

Far and Near

Film / TV,
2003
Poetische Dokumentation (22 Min.). Englisch und Mandarin mit englischen Untertiteln

A Boat in the Sea

Film / TV,
2000
Drehbuch (Fernsehserie). Taiwan

Love in the Internet Age

Film / TV,
1999
Drehbuch. China

House

Film / TV,
1999
Drehbuch. China

Knowledge Can Change Your Fate

Film / TV,
1998
Drehbuch (TV-Serie). China

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

China - Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Ein Projekt zur zeitgenössischen Kunst Chinas

(24 March 06 - 14 May 06)

Www

Homepage of the Author

extra

culturebase.net interview

culturebase.net interview mit Guo Xiaolu im April 2006 in London
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