Nazizi

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crossroads:
Drogen, Gender, Identität, Verbrechen
genre(subgenre):
Musik (HipHop, Rap)
region:
Africa, Eastern
country/territory:
Kenya
created on:
November 12, 2011
last changed on:
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 Nazizi

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Die inoffiziellen Hymnen Nairobis

Es war wohl tatsächlich ein notwendiger Lärm, den die kenianische Rapperin Nazizi mit ihrer HipHop- und Reggae-Crew Necessary Noize um die Jahrtausendwende machte. In den letzten zehn Jahren wurde Nazizi, in Begleitung und als Solistin, nicht nur zur prominentesten Figur der lokalen HipHop-Szene Kenias, sondern weit über die Grenzen hinaus zur vielleicht wichtigsten Stimme des ostafrikanischen Pop. Schon dem ersten Album von Necessary Noize gelang 2001 das Kunststück, nicht nur die Singles, sondern alle Songs in die Radiosender zu bringen. Und der Nachfolger „Kenyan Gal, Kenyan Boy“ schob stattliche vier Tracks auf die Spitzenposition der Charts – ein bis dahin unerhörter Erfolg für einen einheimischen Act. Mit heute gerade 30 Jahren hat sie beinahe jeden Preis gewonnen, den das subsaharische Afrika zu vergeben hat: vom Kora, dem afrikanischen Grammy, über den staatlich-kenianischen Nachwuchs-Preis Chaguo la Teeniez bis hin zu den ostafrikanischen Kisima Awards.
Singles wie „Kenyan Gal, Kenyan Boy“ wurden zu inoffiziellen Hymnen auf den Straßen Nairobis, wo sie wie die Solo-Tracks „Jeshi“ oder „Jump and Shout“ als Dauerbrenner in den Matatu genannten Kleinbussen des ostafrikanischen Nahverkehrs liefen – ein größerer Beweis ihrer Popularität als jeder Chartserfolg.

Doch so bedeutsam ihr Erfolg für den kenianischen HipHop und dessen Selbstbewusstsein sein mag: Ihr eigentliches Verdienst liegt tiefer. Nazizi ist ein mächtiges Role Model in einer patriarchal organisierten Kultur. Anfang des Jahrtausends unterbrach sie ihre musikalische Karriere, um Psychologie zu studieren. Seit letztem Jahr ist sie Mutter eines Sohnes. Die offenbar glückliche Verbindung von beruflichem Erfolg und Familienleben schien kenianischen Hochglanz-Magazinen aufregend genug, Nazizi auf ihre Titel zu setzen.

Aber Nazizi gehört auch zur ersten Generation von Musikern, die sich nicht nur von der kolonialen Amtssprache Englisch, sondern auch dem nationalen Suaheli lösten und für ihre Songs die Getto- und Jugendsprache Sheng benutzten. Was besonders in ihrem Fall keine Selbstverständlichkeit scheint.
Anders als die männlichen Pioniere von Kalamashaka, Mitte der 1990er die wichtigste kenianische HipHop-Gruppe, oder die militanten Ukoo Flani, stammt Nazizi Hirji nicht aus berüchtigten Gettos wie Dandora oder Kibera. Als sie mit 16 zu rappen begann, schien sie den zornigen Gettokids wegen ihres bürgerlichen Hintergrunds zunächst verdächtig – Vorbehalte, die sie 1999 mit ihrer ersten, weitgehend auf Sheng gehaltenen Single „Ni Sawa Tu“ schnell erledigte.

Dabei unterscheidet Nazizis Rap sich von grelleren Stilen wie etwa dem Genge, einer kenianischen Variante des US-amerikanischen Gangsta-Rap. Deren lautstarken Partyraps stellt sie selbstbewusst positive Conscious-Raps entgegen, Texte, die weder in Wut verharren, noch die glamourösen Accessoires des Gangsta-Reichtums verherrlichen. Schon „Ni Sawa Tu“ inszeniert einen Dialog zwischen Mutter und Tochter, in dem es um Selbstbestimmung, Bildung und Hoffnungen geht. Vorbild dabei sind nicht allein US-Rapper wie Tupac Shakur oder MC Lyte. Nazizis Verehrung für Bob Marley, des noch immer einflussreichsten Künstlers der panafrikanistischen Sphäre, zeigt sich seit der Arbeit mit Necessary Noize, nicht nur in den immer wieder in die HipHop-Beats rappelnden Reggae-und Dancehall-Rhythmen. Nazizi nimmt auch Marleys Tradition auf, sich zugleich solidarischen und kritisch einzumischen.

So geht es in ihren Texten um Kriminalität, AIDS und Drogen, aber auch um nationale Identität und afrikanische Selbstfindung. Entsprechend sucht sie die Zusammenarbeit mit Musikern aus Nachbarstaaten wie Tansania, wo sie eine Zeitlang lebte, und Uganda, mit dessen Ragga-Star Bebe Cool sie als East African Bashment Crew produzierte. Zuletzt wiederum hörte man sie auf den Tracks, die im Rahmen des „Translating HipHop“-Projekts im Haus der Kulturen entstanden. Dort rappt sie zu den Beats von Clubproduzenten wie Modeselektor oder den Teichmann-Brüdern mit Kolleginnen wie der Berlinerin Pyranja und Malikah aus Beirut – die bedeutendste weibliche Stimme Afrikas in der HipHop-Welt.
Author: Markus Schneider

Works

Monkey Flip

Published Audio,
2011
Modeselektor Feat. Nazizi & Abbas. Vinyl LP. Monkeytown Records

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Translating Hip Hop

(10 November 11 - 12 November 11)

The Spirit of the Haus (deutsch)

20 Jahre Haus der Kulturen der Welt

(02 September 09 - 30 September 09)