Catherine David

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crossroads:
Kolonialismus, Politik
region:
Europe, Western
country/territory:
France
created on:
January 16, 2008
last changed on:
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Remapping des Nahen Ostens - Vision statt Diversion

Wenn es um grenz- und genreüberschreitende Gegenwartskunst geht, laufen bei ihr oft alle Fäden zusammen: Spätestens seit Catherine David als Kuratorin der Documenta X von 1994 bis 1997 multimedialen Visualisierungen neue Bahnen brach und den politischen Diskurs auf die Kunst-Agenda setzte, ist die Französin mit Wohnsitz in Paris eine gefragte globale Spielerin im internationalen Kulturgeschäft.
Am erweiterten Mittelmeerraum als „vielfach verkannter, vereinfachend dargestellter, spannender Region“ entzündet sich schon seit Jahrzehnten das Interesse der 53-jährigen Kunsthistorikerin. „Ich habe niemals so empfunden, als würde der arabische Raum auf dem Mond liegen. Aber er fand jenseits gefälliger Orientalismen, im 17. Jahrhundert endender Traditionen und überlieferter kulturhistorischer Denkmäler wie der ägyptischen Pyramiden und der Felsenstadt Petra in Jordanien einfach nicht statt. Schon gar nicht auf der Landkarte moderner Kunst. Das wollte ich ändern!“

So war es kein Zufall, dass Catherine David den sechswöchigen Schwerpunkt „Di/Visions. Kultur und Politik im Nahen Osten“ am Haus der Kulturen der Welt zu ihrem Programm machte. Hatte sie im Rahmen der „Contemporary Arab Representations“ in Barcelona, bei „The Iraqi Equation“ in den Berliner Kunstwerken und im Rahmen von „Middle East News“ im Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin noch vornehmlich bildliche Zeugnisse ausgestellt, rückte sie bei „Di/Visions“ (8.12. 2007 – 13.1. 2008) das gesprochene Wort in den Vordergrund. Im „Resonanzraum“ des restaurierten Kongresshallen-Foyers erklärten von 13 Monitoren herab in mit ihr geführten Film-Interviews Künstler, Intellektuelle und politische Akteure etwa aus Ägypten, Libanon, Palästina, Irak und Syrien ihre Sicht auf die Verhältnisse in ihren Herkunftsländern. Davids Anliegen: Den vielfachen Trennungslinien innerhalb der Region und in ihrer Wahrnehmung durch die westliche Welt „Visionen“ entgegenzustellen. „Ich wollte die scheinbar ‚mysteriöse’, von westlichen Klischee-Wahrnehmungen geprägte Situation im Nahen Osten entzerren und der Komplexität vor Ort mit differenzierten Aussagen von ‚Experten’ begegnen.“

Seit sie sich mit dem Nahen Osten beschäftigt, erzählen Catherine David und ein stetig wachsender Kreis mit ihr zusammenarbeitender Künstler „andere Geschichten“. Geschichten nicht von explodierenden Körpern, von (Bürger-)Kriegsgewalt und eskalierendem Islamismus, sondern von Individuen, die sich im Alltag gegen alle Widrigkeiten mit mutigen Selbstbekundungen behaupten, unter erschwerten Bedingungen in selbstgeschaffenen Freiräumen jenseits von Staat und Zensur Kunst produzieren. Der engagierten Kuratorin ging es auch bei „Di/Visions“ darum, den künstlichen Gegensatz „fortschrittlicher Westen- rückständiger Osten“ aufzubrechen. So rückte sie die vielfachen kolonialen Vorprägungen der Gewalt in der Region ebenso in den Fokus wie die Reformunfähigkeit hausgemachter autokratischer Systeme, die kreative widerständige Kräfte mit dem Leben bedrohen und zur Abwanderung ins Exil zwingen. Das Zauberwort auch bei den an zwei Wochenenden abgehaltenen Diskussionsforen mit Experten aus der Region und dem Exil, in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftskolleg Berlin, wo David bis vor kurzen Fellow war, hieß „Governance“, also die Selbstertüchtigung nicht-staatlicher Akteure, öffentliche Angelegenheiten selbst zu regeln und zu steuern. In diesem Zusammenhang hoben die von ihr eingeladenen Nahost-Experten immer wieder hervor, wie aufgeklärt, modern, säkular und in ihren kulturellen Hervorbringungen prägend die Arabische Welt in Teilen war, bis der Westen intervenierte – zunächst in Gestalt der Kolonialmächte Frankreich und England und aktuell als Öl-Ressourcen sichernde Supermacht USA. Ein Fazit unter vielen: Das (Bürgerkriegs-)Chaos im Irak dürfe nicht als Scheinlegitimation für US-alimentierte autoritäre Systeme wie Saudi-Arabien dienen.

Catherine Davids umfassendes Projekt der Neubestimmung, das „Remapping“ des Nahen Ostens, geht weiter. Sie will die Film-Interviews mit „Experten“ in der Dokumentationstradition von Jean-Luc Godard fortsetzen und daraus ein „Lebendiges Archiv der Gegenwartskünstler des arabischen Raumes“ destillieren. In der einzigen großen Gegenwartskunstgalerie des Libanon, der „Sphere“ in Beirut, setzt sie unter Einbeziehung von Künstlern aus dem Iran im Oktober 2008 ihre „Comtemporary Arab Representations“ fort. Weiterhin beschäftigt sich Catherine David mit der Idee von „post-musealen Momenten“, also der Frage: „Wie können Werke der politischen Gegenwartskunst weltweit zugänglich gemacht werden, ohne dass man ihnen ein zweites ‚MoMa’ nach Art der New Yorker Vorlage baut?!“

Alle Zitate stammen aus einem Interview der Autorin mit Catherine David im Januar 2008
Author: Ute Büsing

Bio

1954
geboren in Paris

1972-80
Studium der Kunstgeschichte, Literatur und Linguistik an der Sorbonne und der École du Louvre, Paris

1981-90
Kuratorin am Staatlichen Museum für Moderne Kunst, Centre Georges Pompidou, Paris

1989-91
Professur an der Ècole du Louvre, Paris

1990-93
Professur am Fachbereich Ethnologie der Universität von Paris X - Nanterre

ab 1990
Kuratorin der Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris

1994-97
Künstlerische Leiterin der documenta X in Kassel

ab 1998
Leiterin des Projekts ´Contemporary Arab Representations´

2002-04
Leiterin des Witte de With Center of Comtemporary Art, Rotterdam, Niederlande

Works

Ausstellungen (Auswahl)

Exhibition / Installation
2007 DI/VISIONS. Kultur und Politik im Nahen Osten, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 2001/06 Contemporary Arab Representations -The Iraqi Equation, u.a. Fundació Antoni Tàpies, Barcelona, Spanien; Kunstwerke, Berlin; BildMuseet, Umeå, Schweden 2005 One Step Beyond - The Mine Revisited, Witte de With, Rotterdam, Niederlande 1997 dokumenta X, Kassel 1996 Konzept für das Kinofestival „Ici et ailleurs" zum Steirischen Herbst, Graz, Österreich 1993 Eva Hesse, Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris, Frankreich Gordon Matta-Clark, Filme und Videos. Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris, Frankreich 1992 Kino am Rande: brasilianische Undergroundfilme aus den 60er und 70er Jahren, Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris, Frankreich Désordres, Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris, Frankreich Kino in Israel, Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris, Frankreich 1991 Stan Douglas, Monodramas and Television Spots, Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris, Frankreich Robert Gober, Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris, Frankreich Marcel Broodthaers, Galerie Nationale du Jeu de Paume, Paris, Frankreich 1990 Passages de l´Image, Centre Georges Pompidou, Paris, Frankreich Lazlo Moholy Nagy, IVAM, Valencia, Spanien; Museum Fridericianum, Kassel, Deutschland; Musée Cantini, Marseille, Frankreich 1987 L´Epoque, La Mode, La Moral, La Passion, Centre Georges Pompidou, Paris, Frankreich Lusitania - Aspekte der portugiesischen Gegenwartskunst, Centre culturelle Albi, Albi, Frankreich Lothar Baumgarten, Musée de l’Art Afrique et Océanie, Paris, Frankreich 1986 Reinhard Mucha, Centre Georges Pompidou, Paris, Frankreich 1985 Jean Pierre Bertrand, Centre Georges Pompidou, Paris, Frankreich

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Berlin Documentary Forum 1

New practices across disciplines

(02 June 10 - 06 June 10)

DI/VISIONS

Culture and Politics of the Middle East

(08 December 07 - 13 January 08)

In-Transit 2002

Transforming the arts

(30 May 02 - 14 June 02)