Marcela Rodríguez

Article Bio Works Merits Projects
genre(subgenre):
Musik (klassische Musik, Neue Musik)
region:
America, Central
country/territory:
Mexico
city:
Mexico City
created on:
May 15, 2003
last changed on:
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Article

Marcela Rodríguez und die Kontinuität einer Tradi

Marcela Rodríguez, geb. 1951, gehört einer mexikanisch-lateinamerikanischen Komponistengeneration an, die sich vom Regionalismus der nationalistischen Musik des 20. Jahrhunderts entfernt hat und den Anschluss an die europäische und anglo-amerikanische zeitgenössische Musik sucht, ohne auf den Gedanken einer lateinamerikanischen Musikidentität zu verzichten. Ihr Werk umfasst Stücke für Soloinstrumente, Vokalmusik, Lieder, Kammermusik, symphonische Werke, Konzerte und Opern. Seit 1979 schreibt Marcela Rodríguez Musik für das Theater und hat mit den wichtigsten mexikanischen Regisseuren zusammengearbeitet.
Marcela Rodríguez gehört zu den außergewöhnlich gebildeten Komponisten, die in ihrer Arbeit auf eine tiefe Kenntnis sowohl der europäischen als auch der lateinamerikanischen Musiktradition zurückgreifen können. Sie studierte Gitarre bei zweien der größten Musikpersönlichkeiten ihres Faches: dem Argentinier Manuel López Ramos und dem wichtigsten zeitgenössischen Komponisten für Gitarre, dem Kubaner Leo Brouwer. Beide sensibilisierten Rodríguez für die Eigenart und Problematik der Identität lateinamerikanischer E-Musik.
Während eines längeren Aufenthaltes in London, wo sie an der Royal School ihr Gitarren-Studium abschloss, setzte sie sich vor allem mit der europäischen Musiktradition auseinander. Zurück in Mexiko-Stadt führte Marcela Rodríguez ihr Studium bei dem Musikpädagogen Jesús Estrada und bei Mario Lavista, dem vielleicht wichtigsten lebenden mexikanischen Komponisten, fort.

Jesús Estrada (1898-1980), ein bedeutender Kompositionslehrer und Musikwissenschaftler, wurde 1933 als erster Ausländer auf einen Lehrstuhl am Päpstlichen Musikinstitut in Rom berufen. Sein besonderes Interesse galt der Erforschung der alten mexikanischen Barockmusik, insbesondere des Werkes Ignacio Jerúsalems und Manuel de Zumayas, auf die er den Ursprung einer eigenständigen mexikanisch-lateinamerikanischen Musiktradition zurückführte.

Mario Lavista, ein Schüler von Carlos Chávez, Rodolfo Halfter, Héctor Quintanar, Jean Etienne Marie, Xenaxis und Pousseur, brach mit den ästhetischen Prinzipien der nationalistischen Kompositionsschule, die die mexikanische Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten. Obwohl er internationale Tendenzen berücksichtigt, schuf er ein Musikoeuvre, das eine unverwechselbare, mexikanisch-lateinamerikanische Musikidentität kennzeichnet. Das theoretische Problem, das sowohl Estrada wie auch Lavista beschäftigt, ist die Suche nach einer musikalischen Identität Mexikos, die nicht auf eine regionale Sprache zurückgreift, sondern einen eigenständigen Platz in der Entwicklung der Musiktradition des Abendlandes einnimmt.

Marcela Rodríguez führt die Theorien ihrer beiden Lehrer fort. Auch sie macht sich Gedanken um die kulturelle Identität Mexikos und vertritt die Ansicht, dass die ästhetischen Wurzeln der mexikanischen Kultur im 16. und 17 Jahrhundert zu suchen sind. Solche Gedanken widersprechen dem politischen Diskurs des 20. Jahrhunderts, für den die „wahre” mexikanische Kultur eine Folgeerscheinung der Revolution von 1910 war, der die gesamte Kulturproduktion des vizeköniglichen Zeitalters (1521-1822) ignorierte und sich allein auf die Kulturproduktion des mexikanischen Altertums und die zeitgenössische Folklore berief.

Somit versuchen in der Nachfolge der Komponisten um Mario Lavista (Federico Ibarra, Joaquín Gutiérrez Heras u.a.), die zeitgenössischen Komponisten (Marcela Rodríguez, Ana Lara, Gabriela Ortiz, Luis Jaime Cortez u. a.) eine mexikanische Tradition fortzuführen, die nicht auf folkloristische Elemente zurückgreift, wie es die Komponisten der Nationalistischen Musikschule der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Carlos, Chávez, Silvestre Revueltas, Candelario Huizar u.a.) taten. Sie berufen sich nicht auf (nur mögliche) vorspanische Elemente, sondern schlagen einen Bogen zur mexikanischen Kulturproduktion des 16., 17. und 18. Jahrhunderts, also zu einer Zeit, in der im spanischsprachigen Raum Kultureinheit herrschte. In dieser kulturellen Einheit erblickt man den sinnstiftenden Anfang einer lateinamerikanischen Identität, die aber gleichzeitig, fern aller Regionalismen, ein deutliches Gewicht in der Kulturdiskussion des damaligen Europas hatte.

Im Oeuvre von Marcela Rodríguez tritt diese Position in ihren Werken nach Gedichten der mexikanischen Klassiker des 16. und 17. Jahrhunderts besonders klar hervor. Rodríguez schrieb bereits 1987 die Bühnenmusik für eine Komödie des Mexikaners Juan Ruíz de Alarcón (1570-1639). Dennoch überraschte sie das Publikum und die Kritik, als sie 1992 ihren Lieder-Zyklus „Adúltera enemiga“ vorstellte. Rodríguez vertonte darin acht Gedichte aus verschiedenen Komödien des Juan Ruíz de Alarcón für Sopran und Kammerorchester. Trotz ihres Verzichtes auf jegliche postmoderne intertextuelle Zitate, komponierte Marcela Rodríguez für diese Gedichte eine Musik, die dank der Instrumentation und bestimmter rhythmischer Strukturen klare Referenzen an die Zeit des Ruíz de Alarcón aufweist. Der satirische und groteske Charakter der Vertonung lässt keinen Raum für irgendwelche nostalgische Reminiszenzen an die alte Musik.

Diese Verfremdung radikalisierte Marcela Rodríguez in ihrem 1995 aufgeführten Zyklus von sechs Arien nach Werken der großen Barockdichterin Sor Juana Inés de la Cruz (1649-1695). Während sie bei den Vertonungen von Juan Ruiz de Alarcón die vollständigen Gedichte musikalisch bearbeitete, griff sie beim Sor-Juana-Zyklus auf die Ästhetik der Fragmentisierung zurück und vertonte nur einzelne Verse oder auch lediglich die Anfangs- oder Schlussworte sehr bekannter Gedichte. Diese sechs Arien nach Sor-Juana, die öfters aufgeführt und auch auf einer CD veröffentlicht wurden, sollen in die Partitur einer Oper über die berühmte Dichterin einfließen.

Gleichzeitig mit der Niederschrift dieser Sor-Juana-Oper komponiert Marcela Rodríguez eine weitere Oper über Séneca. In beiden Werken wird das Thema der Beziehung des Intellektuellen bzw. des Künstlers zur Obrigkeit sowie das Problem der Freiheit im Denken und künstlerischen Schaffen behandelt. Die Themen bilden eine deutliche Referenz an die nicht zu leugnende Problematik des lateinamerikanischen Intellektuellen und Künstlers des 20. Jahrhunderts.

Im Rahmen des Festivals MEXartes-berlin.de kuratierte Marcela Rodriguez 2002 im Auftrag des Hauses der Kulturen der Welt das Programm „Neue Musik“.

Author: Alberto Perez-Amador Adam

Bio

Marcela Rodríguez wurde am 18. April 1951 in Mexiko-Stadt geboren. Sie studierte Gitarre bei Manuel López Ramos und später bei Leo Brouwer. Später vervollständigte ihr Studium der Renaissance-Laute bei Javier Hinojosa und spielte dieses Instrument im Ensemble von Benjamín Juárez Echenique, das sich hauptsächlich die Interpretation der Renaissance- und Barock-Musik Mexikos zur Aufgabe gemacht hat.
1978 schloss Marcela Rodríguez ihr Studium als Gitarristin an der Royal School of London ab, um sich dann dem Studium der Komposition am Nationalkonservatorium von Mexiko-Stadt zu widmen, wo sie bei Mario Lavista und Jesús Estrada studierte.

Sie schrieb mehrere Konzerte für Solo-Instrument und Orchesterbegleitung, die mit großem internationalen Erfolg aufgeführt werden. Besondere Erwähnung verdient das 1993 uraufgeführte und für Horacio Franco komponierte Konzert für Piccolo-Flöte und Orchester. Dieses bemerkenswert schwierige Werk wurde bereits von vielen Orchestern aufgeführt (u.a. „Orquesta de Minería“, Mexiko; „American Composers Orchester“ (an der Carnegie Hall unter der Leitung von Dennis Russel Davis, Februar 1994), Orchester der Staatlichen Universität von Mexiko, „Orquesta de Querétaro“, „Orquesta Sinfónica de San Antonio“, USA (Leitung: Christopher Wilkins) und „Orquesta Simón Bolívar de Caracas“).

Marcela Rodriguez’ besonderes Interesse gilt der menschlichen Stimme und der Bühne. Sie schrieb bereits Musik für mehrere Theaterstücke (R. Tagore, Juan Ruíz de Alarcón, Ionesco), eine Oper sowie Ballet-Musik.

1991 wurde ihre erste Oper, „La Sunamita”, eine komische Oper in zwei Aufzügen, mit großem Erfolg im Rahmen der Internationalen Festspiele der Altstadt von Mexiko-Stadt (Festival del Centro Histórico) uraufgeführt und in den folgenden Jahren auf den Kultur-Fernsehsendern diverser Länder (u.a. 1994 in Spanien) ausgestrahlt und auch auf CD veröffentlicht.

Z.Z. schreibt Marcela Rodríguez an zwei Opern über Séneca und Sor Juana. Das Libretto zu „Séneca” stammt von dem Philosophen Carlos Pereda, der bereits das Libretto für ihre erste Oper schrieb. Das Libretto zu „Sor Juana” ist von Sandra Belgrade. Einen Teil dieser Oper werden die sechs Arien nach Gedichten von Sor Juana Inés de la Cruz bilden, die sie bereits als Zyklus für Sopran und Kammerorchester 1995 zur Uraufführung brachte.

Marcela Rodríguez lebt in Mexiko-Stadt.

Works

Funesta

Published Audio,
2003
(Enthält: La fábula de las regiones; Funesta – Sechs Arien für Sopran und Kammerorchester nach Gedichten von Sor Juana Inés de la Cruz (1649-1695), Adúltera Enemiga – Lieder-Zyklus nach Gedichten von Juan Ruiz de Alarcón (um 1570-1639)), URTEXT JBCC 036

La Sunamita

Published Audio,
2003
Oper in zwei Aufzügen. Libretto von Carlos Pereda nach der gleichnamigen Erzählung von Inés Arredondo. México: INBA/CNCA 1994 (2 CDs)

Konzert für Piccolo-Flöten von Marcela Rodríguez

Published Audio,
2003
Horacio Franco, Piccolo-Flöten. Philharmonisches Orchester der Nationaluniversität Mexikos. Leitung: Ronald Zollman; in „Musica Sinfónica Mexicana“: Werke von Silvestre Revueltas, Federico Ibarra, Gabriela Ortíz, Manuel Enríquez, José Pablo Huapango, Joaquín Gutiérrez Heras, Marcela Rodríguez, Arturo Márquez, Carlos Chávez. Philharmonisches Orchester der Nationaluniversität Mexikos. Leitung: Ronald Zollman. URTEXT / UNAM, Nr. JBCC 3/4 (2 CDs)

WERKE

Production / Performance,
2003
Ihre Werke wurden u.a. von dem „Orquesta de Minería“ (Mexico), dem „American Composers Orchester“, dem „Orquesta de Querétaro“, dem „Orquesta Sinfónida de San Antonio“ (USA), dem „Orquesta Simón Bolívar de Caracas“, dem „Orquesta De Kisinew“ (Moldawien), dem „Orquesta de Córdoba“ (Spanien) und dem Symphonie-Orchester von Athen aufgeführt. Ihr Ballet „4:14” bildet einen Bestandteil des Repertoires des Ensembles „Jan Erkert and Dancers of Chicago“.

Vértigos

Production / Performance,
1998
für Orchester und Schlaginstrumente Uraufführung: Festival Cervantino 1998

Konzert für Cello und Orchester

Production / Performance,
1997
Uraufführung: Festival Cervantino 1997

Konzert für Gitarre und Orchester

Production / Performance,
1996
Leo Brouwer gewidmet Uraufführung: Festival Cervantino 1996

La Fábula de las regiones

Production / Performance,
1993
für Streichorchester

Konzert für Piccolo-Flöten und Orchester

Production / Performance,
1993
Horacio Franco gewidmet

La Sunamita

Production / Performance,
1991
Oper in 2 Aufzügen nach einer Erzählung von Inés Arredondo. Uraufführung: Festspiele in der Altstadt von Mexiko-Stadt (Festival del Centro Histórico de la Ciudad de México)

Merits

1987 – Preis für die Bühnenmusik des Stücks „Examen de maridos“ von Juan Ruiz de Alarcón beim 12. Internationalen Festival für klassisches spanisches Theater des Goldenen Zeitalters (12th. Siglo de Oro Drama Festival, Chamizal National Memorial)
1988 – Preis „Felipe Villanueva” für das Orchesterwerk „Noturno”
1996 – „Sor Juana”-Preis für das Werk „Funesta“ (sechs Arien für Sopran und Kammerorchester nach Gedichten der Barockdichterin Sor Juana Inés de la Cruz (1649-1695))

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

MEXartes-berlin.de

The Mexico-festival in Berlin

(15 September 02 - 01 December 02)