Adi Gelbart

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crossroads:
Fantasie, Ironie, Religion, Satire, Stereotyp
genre(subgenre):
Musik (elektronische Musik)
region:
Middle East
country/territory:
Israel
created on:
November 22, 2007
last changed on:
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Adi Gelbart
Adi Gelbart. (c) c.sides

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Anarchie im Elektronik-Baukasten

Wenn heute der Begriff „elektronische Musik“ fällt, sind Gedanken an Laptop, DJs und Techno meist nicht fern. Ganz andere technische und künstlerische Wege geht Adi Gelbart. Konsequent experimentiert er mit analogem Equipment und collagenartigen Klängen, zu denen die Synapsen des Bewusstseins statt der Beine tanzen.
„Die heute populäre Electronic Music mag ich nicht besonders“, stellt Adi Gelbart fest, „viel interessanter finde ich, Entwicklungen aus der elektronischen Frühzeit oder Ideen der Musique Concrète in andere Richtungen weiter zu denken.“ Den 1975 geborenen Musiker deswegen einen Traditionalisten zu nennen, wäre sicher weit gefehlt. Vielmehr scheinen Gelbarts Haltung und Musik rebellischer und irritierender, als es die längst im Mainstream angekommenen einstigen Aufrührer der Techno- oder Drum & Bass-Szene derzeit noch sein können. Besonders jüngste Produktionen des Wahl-Berliners Adi Gelbart überlisten Hörgewohntheiten durch individuelle Stil-Brüche und -Vermischungen. Ihre freche Unbekümmertheit entwickelt, vordergründig betrachtet, beinahe eine Art Punk-Attitüde, hat aber mit dessen stilisiertem Dilettantismus nichts gemein.

„Techno-Produzenten benutzen Drumcomputer und Sequenzer etc. in genau der Form, wie die Geräte gedacht waren“, findet Gelbart, „daher ist das Ergebnis meist vorhersehbar und statisch.“ Folglich arbeitet Gelbart mit den Maschinen eben nicht im Sinne ihres Erfinders. Zudem nutzt er ausschließlich analoges Equipment und selbstverständlich keine Samples fertiger fremder Werke. Alte Synthesizer und nicht programmierbare Drum-Machines gehören ebenso zu Gelbarts Instrumentarium wie E-Gitarre und selbst gebaute Konstruktionen. Alle Klangerzeuger sind nur Mittel zum Zweck. Sogar die primitiven Samba- oder Chachacha-Rhythmen der „antiken“ Maschinen finden in Gelbarts Fantasiewelt ungeahnte neue Einsatzmöglichkeiten.

Die Verspieltheit mancher Kompositionen kommt nicht von ungefähr. Adi Gelbart liebt es, elektrisches Spielzeug zu zerlegen und für seine Zwecke zu manipulieren. Oszillatoren reagieren auf Lichtimpulse, imitieren Polizeisirenen oder, nach entsprechender Bearbeitung durch Gelbart, auch Scratches eines DJs. Sein Basiswissen stammt aus einem Kinderbaukasten, seine Kreativität lässt sich unter anderem vom Konzept des „Circuit Bending" inspirieren. „Es ist relativ simpel: Man schraubt eine elektrische Kinderorgel auf und stellt Kontakte her, ohne zu wissen, was passiert und welche Sounds dadurch entstehen.“

Als Adi Gelbart 2001 sein erstes Album veröffentlichte, klang die Musik noch recht freundlich und entwickelte mitunter beinahe Lounge-Atmosphäre. „Ich war jung und die Welt schien ziemlich in Ordnung, bevor der allgemeine Wahnsinn nach den Attentaten in New York ausbrach. Außerdem hatte ich mich damals noch weit weniger von gängiger Pop-Ästhetik gelöst als heute.“

Tatsächlich begann Gelbart in Rockbands, entwickelte dann als Kontrabassist eine Vorliebe für Jazz und wechselte schließlich zur Elektronik. Entsprechend nennt er als Lieblingsmusiker Charles Mingus und Thelonious Monk, die artifiziellen Punks Devo, Klassiker wie Satie und Messiaen sowie die Elektroniker Raymond Scott und Dick Hyman. 2005 zog Adi Gelbart von Israel nach Berlin, buchstäblich um dem heimischen Klima zu entfliehen. „Ich bin ein Winter-Typ und kann in der Hitze nicht arbeiten“, überrascht Gelbart mit einem Faible für grauen Himmel und kühle Temperaturen, „aber ich liebe auch den Rhythmus auf den Straßen Berlins.“

Seine neuen, 2008 zur Veröffentlichung anstehenden Produktionen klingen trotz immer wieder aufleuchtender Harmonien gebrochener und radikaler denn je. Bizarre Klänge formen sich zu abstrakten Strukturen und werden gleich darauf wieder von rhythmischen Phrasen „zerschossen“. Spröde Dissonanzen unterminieren eingängige Melodiefragmente, die manchmal absichtsvoll an Kinderlieder erinnern. Gezielt arbeitet Gelbart an Verdichtung und überraschenden Momenten. Die komplexen Arrangements der aktuellen Stücke zeigten, so Gelbart, in erster Linie seine persönliche Entwicklung. „Aber sie reflektieren natürlich auch den Zustand der Welt. Ich glaube nämlich nicht, dass es für die aktuellen Probleme eine große Gesamtlösung gibt, die von Regierenden präsentiert werden kann.“ Trotz dieser offenbar eher pessimistischen Sicht bewahrt sich Gelbart ein gehöriges Maß Humor – allein schon, weil das globale Drama sonst kaum zu ertragen sei.

Über die Jahre und mehrere CD- und Vinylproduktionen hinweg suchte Adi Gelbart immer wieder neue künstlerische Richtungen und Ausdrucksformen. Das Projekt „The Lonesomes“ beispielsweise war ursprünglich als Film gedacht, doch dann wurde eine imaginäre Band daraus, deren „Cow-Music" fröhlich Cowboy-Romantik und Western-Klischees karikiert. Hier spielt Gelbart sogar mit Streicher-Arrangements, die zuweilen Cinemascope assoziieren, ohne je einen einzigen Originalton von Morricone & Co. zu zitieren. Auch andere Veröffentlichungen klingen mitunter nach Soundtracks zu noch nicht gedrehten Filmen, zukünftig will Gelbart verstärkt Musik und Bilder gleichzeitig komponieren. „Meine bisherigen Erfahrungen als Auftragskomponist waren nicht besonders erfreulich“, erinnert er sich, „die Regisseure wollen die Musik immer einfacher haben als ich und das macht keinen Spaß.“

Fiktive Filmsounds scheinen dennoch in aktuellen Produktionen Adi Gelbarts anzuklingen, zumal einige Kompositionen durch Science Fiction-Literatur beeinflusst sind. Jüngst schrieb Gelbart „The 11th Voyage“, vier Stücke inspiriert durch Bücher von Stanislaw Lem. Eines davon, „Antimatter Against The Lord“, basiert beispielsweise auf einer Passage aus Lems „The Star Diaries“ und abstrahiert religiöse Symbolik in Klängen und Beats. Am Ende des Stückes adaptiert Nonkonformist Gelbart Akkorde aus der Harmoniesprache Olivier Messiaens. „Seine Musik behandelt vielfach religiöse Themen und ich finde, sie repräsentiert Gott in musikalischen Noten besser als Bach in seinen Orgel- und Chorwerken.“

Alle Zitate stammen aus einem Interview des Künstlers mit dem Autoren im November 2007.
Author: Norbert Krampf

Bio

Do-It-Yourself-Experimental-Pop: Adi Gelbart kombiniert alte analoge Gerätschaften, Gitarren und neuverdrahtete, batteriebetriebene Instrumente, um seine eigenwillige Version von lo-fi elektronischer Musik zu verwirklichen. Nebenbei komponiert er auch Filmmusik. Gelbart hat sich seine eigene musikalische Signatur kreiert, in der musikalische Komplexität und naive Verspieltheit einhergehen. Zurzeit lebt er in Berlin und betreut neben seinen eigenen Projekten auch eine Country-Band, in der vier Kühe unter dem Namen The Lonesomes auftreten.

Works

EPs/ Splits (Auswahl)

Published Audio
Tokomon EP, 2002, Fact Records Porky Pig, 2004, Standard Oil Records Dish Washing EP, 2001, Fact Records

CDs/ LPs (Auswahl)

Published Audio
My Favourite Vacation, Fact Records, 2001 Four Track Improvisations, Defekt Records, 2003 Tribute to the Great Outdoors, Audio Collage, 2003

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Worldtronics 2007

Festival of Electronic Music

(27 November 07 - 01 December 07)

Www

Adi Gelbart: Please don´t use drugs on YouTube

Adi Gelbart´s MySpace-Site

Official homepage of the artist

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