Adonis

Article Bio Works Merits Projects
additional name:
Pseudonym für Ali Ahmad Said Isbir
crossroads:
Exil, Islam, Moderne, Zivilisation
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Dichtung, Essay, Literaturkritik)
region:
Middle East, Europe, Western
country/territory:
Lebanon, Syria, France
city:
Beirut, Damascus, Paris
created on:
May 20, 2003
last changed on:
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 Adonis
Adonis © William Strauch

Article

Arabischer Dichter – und Weltbürger

Der Syrer Adonis ist ein innovativer Lyriker und ein klassischer Vortragskünstler zugleich

Der Syrer Adonis, geboren 1930, zählt zu den Begründern der modernen arabischen Poesie und gilt seit den sechziger Jahren als einer ihrer Wortführer. In seiner Dichtung wie in seinen Essays versucht er, eine spezifisch arabisch-islamische Moderne zu begründen. Seine an Nietzsche erinnernde Umwertung der islamischen Werte ist kein kultureller Import aus dem Westen, sondern speist sich aus den häretischen Traditionen der islamischen Geistesgeschichte. Seine Dichtung vermag auch westliche Leser unmittelbar anzusprechen. Adonis ist zudem ein hervorragender Vortragskünstler.
Im Erfinden von Pseudonymen waren die Dichter immer schon einfallsreich. Aber manche sind dabei nicht nur einfallsreich, sondern zugleich sehr dreist. Und dreist war der 1930 in einem Dorf in Nordsyrien geborene Bauernjunge Ali Ahmad Said, als er im Alter von 17 Jahren "Adonis" zu seinem Schriftstellernamen erkor. Die Zeitungen und Zeitschriften, an die er damals seine Gedichte sandte, hatten von Ali Ahmad Said nichts wissen wollen. Als er aber in seiner Verzweiflung dieselben Gedichte unter dem spektakulären Pseudonym anbot, wurden sie sofort publiziert. Seit dieser Zeit heißt Ali Ahmad Said "Adonis".
Dabei ist die Wahl des Namens "Adonis" keineswegs nur ein publizistischer Trick gewesen; er hat auch eine unübersehbare programmatische Dimension. Denn die Gestalt des Adonis aus der antiken Mythologie ist auch ein Fruchtbarkeitsgott, und Adonis alias Ali Ahmad Said versteht es als seine dichterische Aufgabe, zu einer neuen Blüte der in Traditionen erstarrten arabischen Kultur beizutragen. Dies ist ihm tatsächlich wie keinem zweiten arabischen Dichter gelungen.

Ende der fünfziger Jahre gründete Adonis in Beirut zusammen mit anderen jungen Dichtern die avantgardistische Literaturzeitschrift "Dichtung", die all jenen ein Forum bot, die die formale Strenge und Monotonie der klassischen arabischen Dichtkunst aufsprengen wollten. Dabei griffen diese rebellischen Dichter auch auf die Errungenschaften der modernen abendländischen Lyrik zurück. Rimbaud, Saint-John Perse und T.S. Eliot zählten zu ihren großen Vorbildern und beeinflussten sie nachhaltig. Selbst heute noch bieten sich diese Namen an, wenn man versuchen will, das Werk von Adonis international einzuordnen. Ihre eigentliche Faszination erhält Adonis’ Dichtung jedoch dadurch, dass sie es wie keine zweite versteht, die westlichen Einflüsse mit der arabischen Tradition zu einer ganz eigenen lyrischen Sprache zu verschmelzen.

Dies gelang Adonis zum ersten Mal in seinem 1961 in Beirut publizierten Gedichtband "Die Gesänge Mihyârs des Damaszeners", der im Ammann Verlag auf Deutsch erschienen ist. Die Gedichte darin sind ebenso einfühlsam wie auch auf faszinierende Weise fremdartig. Sie handeln einerseits von den ewigen Themen der Poesie wie Liebe, Tod, Gott, Natur, andererseits sind sie eine rastlose, den Leser Strophe um Strophe, Vers um Vers immer stärker involvierende Suche nach dem Ort des Menschen in der modernen, von Orientierungslosigkeit geprägten Welt.

Mit über dreißig Büchern, von denen ein Dutzend allein ins Französische übersetzt wurde, hat Adonis seine dichterische Welterkundung seit dem Erscheinen von "Die Gesänge Mihyârs des Damaszeners” unermüdlich fortgesetzt. Heute lebt er teils in Paris, teils in Beirut, wenn er nicht, wie zuletzt in Princeton, einen der ihm zahlreich angetragenen Lehraufträge an einer renommierten Universität annimmt. Dass die Dichtung dieses Weltbürgers jedoch nach wie vor im Orient verwurzelt ist, weiß jeder, der einmal das Glück hatte, Adonis beim Rezitieren seiner Gedichte live zu hören. Kaum einer der modernen arabischen Dichter beherrscht noch wie er die alte orientalische Kunst des mündlichen Gedichtvortrages. Und das Schöne daran ist: Um dies zu genießen, braucht man keineswegs Arabischkenntnisse. Adonis’ Vortrag ist so melodiös, dass er Zuhörer jeglicher Herkunft in seinen Bann schlägt. Wer die Gelegenheit hat, dies zu erleben, sollte es sich nicht entgehen lassen.



Author: Stefan Weidner  

Bio

Adonis (arab. ’Adunis), geboren am 1. Januar 1930 als ‘Ali Ahmad Sa’id Isbir in Qassabin, einem Dorf im syrischen Alawitengebirge nahe der Hafenstadt Lattakia. Der Vater, Landwirt und Imam (Vorbeter) des Dorfes, vermittelte Adonis, der zunächst keine Schule besuchte, eine traditionell arabisch-islamische Bildung. Glückliche Umstände ermöglichten ihm 1944 den Besuch der École de la Mission Laïque Française in Tartus, dann 1947 - 1949 eines Gymnasiums in Lattakia. In Zeitschriften erschienen ab 1947 erste Gedichte unter dem Pseudonym „Adonis“. 1950 nahm er in Damaskus das Studium der Philosophie auf. Engagement für die Partie Populaire Syrien (PPS). Als erste eigenständige Veröffentlichung erschien im selben Jahr das Gedicht ,,Dalila“ (Dalila). 1954 schloss er das Studium mit der Licence ès-lettre ab. Militärdienst 1954 - 1956, davon elf Monate im Gefängnis wegen politischer Aktivitäten. 1956 heiratete er Halida Salih, die seither als Literaturwissenschaftlerin sein Werk kritisch begleitet. Nach dem Militärdienst ging Adonis 1956 nach Beirut und arbeitete als Lehrer und Journalist. Ende 1956 schloss er sich dem Kreis um die von Yusuf al-Hal begründete, avantgardistische Literaturzeitschrift ,,Si‘r" (Dichtung) an, deren erste Nummer im Frühjahr 1957 erschien. 1960/61 verbrachte Adonis als Stipendiat der französischen Regierung ein Jahr in Paris. 1961 endgültiger literarischer Durchbruch mit dem Gedichtband ,,’Agani Mihyar ad-dimasqi" / "Die Gesänge Mihyârs des Damaszeners". 1962 nahm Adonis die libanesische Staatsbürgerschaft an. Nach der vorübergehenden Einstellung des Erscheinens von ,,Si‘r" 1964 gründete Adonis, der sich an der Wiederaufnahme der Zeitschrift 1967 nicht beteiligte, 1968 das Periodikum ,,Mawaqif" (Standpunkte). 1971 mehrwöchiger USA-Aufenthalt. 1973 promovierte Adonis an der Beiruter Université de Saint-Joseph mit der ideengeschichtlichen Studie ,,at-Tabit wal-mutahawwal" / "Das Statische und das Dynamische. Adonis wurde daraufhin als Dozent an der staatlichen Beirut-Universität und an der Université de Saint-Joseph tätig. Trotz des 1975 ausgebrochenen libanesischen Bürgerkriegs blieb Adonis mit Unterbrechungen bis 1986 in Beirut. 1980/81 lehrte er als Gastprofessor an der Universität Censier Paris III und hielt 1984 vier Vorlesungen über arabische Poetik am Collège de France. 1986 siedelte er nach Paris über, wo er noch heute lebt, und arbeitete als Kulturrat der arabischen Delegation bei der Unesco. 1990 - 1993 lehrte er als Gastdozent an der Universität Genf.

Works

Unter dem Licht der Zeit : Briefwechsel / Adonis und Dimitri T. Analis

Published Written,
2005
Suhrkamp: Frankfurt/M.

Sufism and Surrealism

Published Written,
2005
o.A., ins Englische übersetzt von Judith Cumberbatch. Saqi Books: London 2005

Ein Grab für New York: Gedichte 1965 - 1971

Published Written,
2004
Gedichte. Ammann Verlag: Zürich 2004

If only the sea could sleep : love poems

Published Written,
2003
Gedichte. o. A., London 2003

Kultur und Demokratie

Published Written,
2001
Essays. Oberbaum Verlag: Berlin 2001

Unter dem Licht der Zeit

Published Written,
2001
Briefwechsel. Adonis und Dimitri T. Analis. Jung und Jung Verlag: Salzburg 2001

Einführung in die arabische Poetik (arab. 1980)

Published Written,
1998
Essays. Al-Kitab (drei Bände, arab. 1998, 2000, 2002). Auf Englisch erschienen als: An introduction to Arab poetics, Saqi Books: London 2003

Die Gesänge Mihyars des Damaszeners

Published Written,
1998
Gedichte. Ammann Verlag: Zürich 1961 (dt. 1998; übersetzt, herausgegeben und kommentiert von Stefan Weidner)

Leichenfeier für New York. (Auswahl aus ,,Waqt baina-r-ramad wal-ward)

Published Written,
1995
Oberbaum: Berlin 1995 (Übersetzung aus dem Französischen: Michael Henselmann)

Schwert und Gebet. (Auswahl der Essays aus dem französischen Sammelband ,,La prière et l’épée

Published Written,
1995
Essays. Oberbaum: Berlin 1995 (Übersetzung aus dem Französischen: Michael Henselmann)

Zeiten und Städte

Published Written,
1994
Gedichte. o. A., 1994

Arabische Literatur

Established,
1991
Arab. Buch: o.A.: Berlin 1991

Der Baum des Orients

Published Written,
1989
Gedichte. Edition Orient: Berlin 1989 (Übersetzung: Suleman Taufiq)

Victims of a Map: A Bilingual Anthology of Arabic Poetry

Published Written,
1984
Poetry. Drama & Criticism. Saqi Books: London 1984

Interviews, Fotos, Essays - Gespräche mit dem Übersetzer

Published Written
Essays. o. A.

Merits

International Poetry Forum Award (1971); Grand Prix des Biennales Internationales de la Poésie (1986); Prix de Poésie Jean Malrieu "Étranger" (1991); Prix de la Méditerranée (1994); Nazim Hikmet-Preis (1994).

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Rethinking Europe

Debates, lectures, concerts, readings

(26 March 98 - 24 January 99)

Confess, writers from the Orient are greater!

(25 April 90 - 29 April 90)