Claudio Valdés Kuri

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genre(subgenre):
Performing Arts (Theater)
region:
America, Central
country/territory:
Mexico
city:
Mexiko-Stadt
created on:
May 23, 2003
last changed on:
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Claudio Valdés Kuri
Claudio Valdés Kuri

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Auf der Suche nach neuen Formen des Erzählens

Der junge mexikanische Theaterregisseur Claudio Valdés Kuri hat sich in den vergangenen vier Jahren mit eigenwilligen Produktionen – zuletzt inszenierte er das Stück „El automóvil gris“ – auf zahlreichen Theaterfestivals in den USA, Europa und Lateinamerika einen Namen gemacht. In seinen Inszenierungen, in denen er mit außergewöhnlichen Erzähltechniken aus verschiedenen Kulturkreisen arbeitet, interpretiert er historische Themen neu und stellt sie in aktuelle Zusammenhänge.
Mit einer Inszenierung von Jean Anouilhs Stück „Becket o el Honor de Dios“ (Becket oder die Ehre Gottes) im Museo del Carmen in Mexiko-Stadt machte der junge mexikanische Theaterregisseur Claudio Valdés Kuri 1998 erstmals von sich reden. Beeinflusst von seiner Mitarbeit in dem barocken Musikquartett „Ars Nova” ersetzte Kuri einige Charaktere und Szenen aus dem Stück durch Gesänge. Den Gesängen kam hierbei die gleiche Funktion zu, wie den Chören in der klassischen griechischen Tragödie: In die Handlung einzugreifen und mitfühlend das Geschehen zu kommentieren. Durch die Einfügung von Gesängen verlieh Valdés Kuri dem im Mittelalter angesiedelten Schauspiel von Freundschaft, Ehre und Betrug eine neue, erfrischende Form. Die dem Stück immanenten Machtstrukturen (Thomas Becket wird von seinem ehemaligen Freund Heinrich II, König von England, umgebracht) haben für Valdés Kuri nichts an Aktualität eingebüßt. Ein Blick in die Zeitung bestätige dies tagtäglich, so der junge Theaterregisseur. (http://morgan.iia.unam.mx/usr/humanidades/168/COLUMNAS/HERNANDEZ.html)

Die Arbeit mit „Ars Nova” prägte auch Valdés Kuris Inszenierung „De Monstruos y Prodigios – La historia de los castrati” (Von Ungeheuern und Wundern – die Geschichte der Kastraten). Mit diesem Stück, das sich mit den musikalischen Techniken und dem Leben von Kastraten auseinandersetzt, gelang ihm 2001 der internationale Durchbruch. Im Mitttelpunkt dieser provokativen und originellen Aufführung nach einem Text von Jorge Kuri steht wieder ein historisches Phänomen: Unter Papst Paul IV (1555-1559) war es Frauen nicht gestattet, in katholischen Kirchen zu singen; Chöre durften nur mit Männern besetzt werden. Durch Kastration erhielten sich die jungen Chorsänger ihre kindlichen, hohen Stimmen. Diese Praxis erhielt sich bis in die Zeit des Barock, in der die Kastraten besonders hohes Ansehen genossen, und mit Alessandro Moreschi (1858-1922) sogar bis ins zwanzigste Jahrhundert.

Auch in dieser Inszenierung überraschte Valdés Kuri mit ungewöhnlichen Erzählstrukturen, in denen sich das gesprochene Wort mit Gesang abwechselt. Das Stück zeichnet sich durch geistreichen Witz und verborgene Ironie aus, verlässt aber nie die historischen Fakten und Hintergründe seiner Thematik.

Zu seiner aktuellen Produktion „El automóvil gris” (Das graue Auto), das er mit der „Compañía Nacional de Teatro” erarbeitete, wurde Valdés Kuri durch einen Aufenthalt in Japan inspiriert, wo er er sich für die Tradition der Benshi begeisterte, die mit äußerster Kunstfertigkeit Stummfilme live einsprachen. In „El automóvil gris“ verknüpft Kuri die Erzählkunst der Benshis mit Szenen aus dem mexikanischen Stummfilmklassiker „El automóvil gris” von Enrique Rosas aus dem Jahre 1919.

Die Tradition des Benshi stammt aus der japanischen Stummfilmära. Die Benshi waren Filmkommentatoren, die das auf die Leinwand projizierte Geschehen der in der Regel westlichen Filme durch Einsprechen begleiteten. Dabei ging es weniger darum, dem Publikum die Filme zu erklären als für zusätzliche Live-Unterhaltung zu sorgen. „Die Filme kamen damals in Japan an ohne dass die Benshis den Westen kannten. Sie haben sich den Film angesehen und selbst ausgedacht, wovon er handelte. Sie haben eine Weile mit dem Material gearbeitet und dann den Zuschauern ihre eigene Interpretation des Filmgeschehens vorgetragen. Das Publikum wusste ja auch nicht mehr, war ebenfalls nicht im Westen gewesen.“ (Claudio Valdés Kuri, zit. nach: Interview mit Carola Dürr, Mai 2002)

In Kuris Erzählprojekt „El automóvil gris“ sitzen vier Akteure neben der Leinwand: eine mexikanische Schauspielerin, eine mexikanisch-japanische Schauspielerin, der japanische Schauspieler Eiichi Suzuki sowie ein Pianist. „Die Darsteller spielen die ganze Zeit mit den Stimmen, sie spielen auch gestisch und mimisch. Sie lesen ja nicht einfach nur einen Text ab, sondern spielen die Figuren auch, verwandeln sich ständig in die zwanzig oder dreißig Personen die auftreten.“ (Claudio Valdés Kuri, a.a.O.)

Das filmische Material der Inszenierung stammt aus dem sechsstündigen Stummfilmklassiker „El automóvil gris“ (1919) von Enrique Rosas, der in Mexiko den Beginn der Filmgeschichte markiert und von einem historischen Vorfall aus dem Jahre 1915 erzählt: Eine organisierte Bande von Kriminellen terrorisiert Mexiko-Stadt.

„Der Film ist das einzige dokumentarische Bildmaterial vom damaligen Mexiko-Stadt. Die Stadt ist kaum wiederzuerkennen. Sie hatte damals wahrscheinlich nicht mehr als 300.000 Einwohner, heute sind es 30 Millionen. Das sind brutale Unterschiede. Es ist faszinierend, ein Mexiko-Stadt zu sehen, das eigentlich ein Dorf ist – und das ist gar nicht so lange her, nicht mehr als 80 oder 90 Jahre. Aber es wirkt, als wären es Jahrhunderte. \ ... Alles wurde in den Häusern gefilmt, in denen die Überfälle tatsächlich stattgefunden hatten. Einige Opfer spielen sich selbst und den Moment, als sie überfallen wurden. Es spielen also Schauspieler und Laien zusammen, was einen besonderen Effekt hat. Auch der Polizeiinspektor, der die Räuber schließlich überführt hat, spielt sich selbst. Er ist der große Held. Er hat auch geholfen, das Drehbuch zu schreiben. Auch deshalb entspricht die Filmgeschichte sicherlich nicht ganz den Tatsachen, denn er hat sich bestimmt heldenhafter gezeichnet als er war. Und dann die große Schluss-Szene: sie ist dokumentarisch, die Erschießung der Verbrecher echt. Enrique Rosas, der Regisseur, hat diese Hinrichtung 1915 dokumentarisch gefilmt. Davon ausgehend wurde der Film rückwärts konstruiert.

Hauptproduzent des Films ist General Pablo Gonzáles. Er tritt auch im Film auf und spielt sich selbst. Er zahlte dafür, dass der Film gedreht wird, weil es Gerüchte gab, dass er das eigentliche Gehirn der Bande war. Wahrscheinlich wurde er von einer unglaublich wichtigen Person protegiert, denn er war dabei, Präsident von Mexiko zu werden – ist es dann allerdings nicht geworden. Wir wissen nicht, ob er der Kopf war oder nicht. Der Film filtert die Ereignisse ja mehrfach. Wir haben uns also die Aufgabe gestellt, die wahre Geschichte zu entdecken, was nicht einfach ist, denn alle Papiere sind verschwunden.“ (Claudio Valdés Kuri, a.a.O.)

Für Valdés Kuri ist die Inszenierung „El automóvil gris’ auch eine Aufforderung an sein Publikum „uns zu erinnern. \... Es handelt sich um eine Reise ins Ungewisse, die uns auf der Suche nach den alten an neue Orte führt. Ein Übergang in ein längst vergessenes Mexiko-Stadt aus dem Jahre 1915, in der die Straßen schon dieselben Namen tragen wie heute, die aber 25 Millionen Einwohner weniger hat. Eine Übung, in der der Filter der Zeit eine wichtige Rolle spielt: Was uns damals zum Weinen brachte, bringt uns heute zum Lachen, was uns damals Lachen ließ, können wir heute möglicherweise gar nicht mehr erkennen. Die Annäherung ist also äußerst komplex und schwierig: Mit ungewöhnlichen Erzählstrukturen interpretieren, ohne aber Verrat zu begehen am steten Bemühen, Geist und Essenz der Vergangenheit erneut aufleben zu lassen.“ (http://cinetecanacional.net/cgi-bin/trace-sc.cgi?q=men_benshi)

Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist für Kuri der aktuelle Bezug seines Stoffes: „Dieser Konflikt zwischen Verbrechern und denen, die Gerechtigkeit ausüben betrifft uns alle \... Aber so wie ich die Dinge sehe, ist ein Verbrecher nicht weniger wert und er ist keine schlechtere Person als jeder andere. Natürlich handelt es sich um eine Person, die der Gesellschaft Schaden zugefügt hat, aber die Frage nach der Todesstrafe stellt sich natürlich auch in dem Zusammenhang, was wir als Gesellschaft mit dieser Person angerichtet haben, dass sie dazu geführt wurde, ein Verbrechen zu begehen. In meiner Interpretation und Zusammenfassung handelt es sich dabei um eine polemische Frage, die vielleicht niemals aufgelöst werden wird; es wird immer Leute geben, die sich für und solche, die sich gegen die Todesstrafe aussprechen werden.“ (www.proceso.com.mx/proceso/articulo_revista.html?aid=1343n31.rtf&seccion=Espectaculos)

Während der erste Akt der Inszenierung zu „El automóvil gris“ stärker der Erzählung gewidmet ist und den Zuschauer mit dem historischen Geschehen bekannt macht, auf Perfektion der Stimmgebung, des exakten Tons und der Lippensynchronisation zielt, geht der zweite Akt über zum Experiment, zur stimmlichen Interferenz von Sprache und Geräuschen, zur zunehmenden Theatralisierung.

Valdés Kuri legt Wert darauf, dass seine Inszenierungen allgemein verständlich sind. Da aber zahlreiche Einstellungen des Films in keinem Kontext stehen und darüber hinaus Aufführungen nicht nur in Mexiko, wo die historischen Hintergründe sowie der Film von Rosas hinreichend bekannt sind, sondern auch in anderen Ländern realisiert werden, ist dies ein äußerst hoher und schwieriger Anspruch. Valdés Kuri behilft sich, indem er die Inszenierungen je nach Aufführungsland variiert, die Schauspieler übernehmen einige Schlüsselsätze in der Sprache des Landes und vereinzelt wird mit Untertitelung gearbeitet.

(2003)

ERGÄNZUNG:

Valdés-Kuris Theaterproduktion „¿Dónde estaré esta noche?” (“Wo bin ich heute Nacht?”, 2005) ist eine Koproduktion des Cervantino-Festivals mit dem Haus der Kulturen der Welt und den Wiener Festwochen. Das Stück stellt einen europäischen Gründungsmythos in die Gegenwart. Indem er die „Jungfrau von Orleans“ zu seiner Heldin wählt, lotet er die Verbindungen von religiösen und nationalen Konzepten der Moderne aus. Das besetzte Frankreich des Mittelalters und das heutige Lateinamerika zeigen dabei ungeahnte Parallelen: „Jeanne d´Arc steht für den Kampf, sich selbst zu besiegen; der Kampf des Menschen gegen den Menschen“ (Claudio Valdés Kuri, zitiert aus www.hkw.de). Hier liest er die Themen der „Jungfrau von Orleans” aus der Perspektive der „Neuen Welt”. Wie aus dem Alltag gegriffen entwickeln in seinem Stück „¿Dónde estaré esta noche?“ neun, anfangs von den Zuschauern kaum unterscheidbare Schauspieler die Konflikte zwischen politischem Pragmatismus und religiöser Gefolgschaft. Valdés Kuri spielt mit den Grenzen zwischen Schauspiel und Realität, zwischen Zuschauer und Darsteller, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. „Es handelt sich um eine sehr einfache strenge Ästhetik in einer sehr barocken Konstruktion. Ich folge keinem besonderen Einfluss. Meine Sprache ist persönlich. In diesem Werk siehst du zwei Stühle, einen Tisch, die Theaterbestuhlung. Mit dem Niederreißen der vierten Wand suchen wir nach einer aktiven Beteiligung des Publikums, das Teil des Bühnenbildes ist: Der Schauspieler ist Zuschauer, der Zuschauer Schauspieler. Die Gerichteten sind Richter, Opfer und Täter...“ (Claudio Valdés Kuri, zitiert aus www.hkw.de).


Author: Ruth Lemmen 

Bio

Claudio Valdés Kuri graduierte mit Auszeichnung am Mexikanischen Zentrum für Filmausbildung (CUECO) in Mexiko-Stadt.

Works

La Piel

Production / Performance,
2006
Mexiko

¿Dónde estaré esta noche?

Production / Performance,
2005
Germany

El automóvil gris

Production / Performance,
2002
Mexiko, Japan, USA, Europa, Lateinamerika

De Monstruos y Prodigios – La historia de los castrati

Production / Performance,
2001
Mexiko-Stadt, Brüssel, New York, Gerona, Cadiz, Granada

Becket o el honor de Dios

Production / Performance,
1998
Mexiko-Stadt

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Postkarten Projekt

(01 March 07 - 31 December 08)

IN TRANSIT 2005

(02 June 05 - 18 June 05)

MEXartes-berlin.de

The Mexico-festival in Berlin

(15 September 02 - 01 December 02)
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La Banda