René Lacaille

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additional name:
Rene
crossroads:
Heimat, Natur
genre(subgenre):
Musik (Kreolische Musik, Maloya, Salegy, Sega)
region:
Europe, Western
country/territory:
France
created on:
July 4, 2009
last changed on:
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René Lacaille
René Lacaille. Courtesy of the artist

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Das harte Erwachen nach durchspielter Nacht

Er stammt von einem vulkanischen Eiland im Indischen Ozean, doch seine Musik hat universellen Appeal. Zum einen hat er sich einem der global am weitesten verbreiteten Instrumente, dem Akkordeon, verschrieben. Zum anderen bietet ihm seine Heimat mit ihren Einflüssen aus Afrika, Indien, Madagaskar und Europa einen reichen kulturellen Mischboden. René Lacaille ist ein unorthodoxer Tastenmeister mit einer turbulenten Vita zwischen La Réunion und freiwilligem europäischem Exil.
Seine Kindheitserinnerungen klingen idyllisch: Im Hochland über der Westküste der Réunion wächst René auf, hütet die Ziegen des Vaters und jagt Vögel. Die Eltern arbeiten auf Zuckerrohrfeldern und sind Musiker. Doch im Alter von sieben Jahren beginnt für ihn der Ernst des Lebens: René geht mit dem Papa auf Tournee, spielt Drums und bringt sich nebenbei durch Ablauschen das Akkordeonspiel bei. Er steht neben Prominenz wie dem Saxophonisten Léon Celeste auf der Bühne. Kein Zuckerschlecken, wie er heute reflektiert: „Wie soll ein Dreikäsehoch das aushalten? Von vier Uhr nachmittags bis sechs Uhr in der Frühe stand ich neben meinem Vater und habe ihn auf Dorffesten und Hochzeiten auf dem Akkordeon begleitet. Um das durchzustehen, habe ich auch öfter mal zur Rumflasche gegriffen.“ Nächtliche Akkordarbeit: Es verwundert nicht, dass der junge Lacaille bald die Nase voll hat von Maloyas und Segas, kreolischen Rhythmen und Liedern zur Quetschkommode oder standardisierten Boleros, Walzern und Mazurkas des Tanzkapellen-Repertoires.

Er macht sich auf, neue Klänge zu entdecken. Sie kommen für den jungen Réunionais aus Frankreich, dem die Insel im Indischen Ozean als überseeisches Department eng verbunden ist: „Ein Freund schickte mir Unmengen von Vinyl rüber, die Jazz Messengers zum Beispiel oder Wes Montgomery, bis heute einer meiner Favoriten. Durch den Jazz habe ich gelernt, wie ich harmonische Abläufe in meine eigenen Songs einbaue.“ Lacaille greift zur Gitarre und huldigt in verschiedenen Besetzungen seinen Vorbildern aus Europa. Während seines Militärdienstes lernt er den Kontinent zum ersten Mal kennen. Er bleibt dann auch gleich länger in der Alten Welt, als es ihm eigentlich erlaubt ist: Ein gefälschtes Arbeitsdokument ermöglicht es ihm, sich als Musiker in Tanzorchestern und Jazzclubs umzusehen und umzuhören, auch Musiktheorie eignet er sich an. Mit diesen Erfahrungen im Gepäck kehrt er schließlich auf die Heimatinsel zurück. Ad Hoc und Caméléon heißen die Bands, die hier unter seiner Ägide Form annehmen – Bands, die heute Kultcharakter haben. Mit ihnen versucht er erstmals die elektrische Fusion aus einheimischen Rhythmen wie dem Maloya und den Klangerfahrungen aus la douce France. Doch seine Rückkehr ist nur von kurzer Dauer. 1979 wird Lacaille das Eiland zu klein. Der Kreole lässt sich endgültig in Frankreich nieder.

Warum? Natürlich, Lacaille will auch die internationale Karriere: „Auf Réunion kehre ich nur für Konzerte zurück. Wenn du als Musiker am internationalen Leben teilnehmen willst, musst du übersiedeln. Und ich habe ja viele musikalische Freunde in Europa, in Deutschland zum Beispiel Element Of Crime, in deren Vorprogramm ich mit Le Soldat Inconnu aufgetreten bin.“ In Frankreich beginnt er, mit den Größen der Afro-Szene zusammenzuarbeiten: Manu Dibango und Ray Lema sind nur einige der bedeutenden Köpfe, für die René Lacaille seitdem in die Tasten gegriffen hat. Einen wirklich entscheidenden Kick gab seiner musikalischen Laufbahn jedoch nochmals ein Landsmann von der Réunion: „Ich sah Danyel Waro als Eröffnungssänger für den Rockstar Jacques Higelin beim großen französischen Festival Printemps de Bourges, und ich wurde Zeuge, wie er mit der Musik aus der Réunion einen richtigen fliegenden Teppich gezaubert hat“, erinnert sich Lacaille auch nach rund 20 Jahren selig. „Er hat mir damals die Lust zurückgegeben, mich aufs Neue mit Reunion-Material zu befassen, seitdem spiele ich wieder täglich Akkordeon.“

Der Schwenk zurück zu den Roots besitzt bei ihm einen gänzlich anderen Charakter als bei Waro, der seine perkussiv geprägten, archaischen Maloyas mit politischen Botschaften verknüpft. Bei Lacaille hat der Maloya eine sanfte Metamorphose erfahren: „Wenn ich heute einen Maloya spiele, dann singe ich über das Alltagsleben, wie etwa ein Fischer sein Boot fertig macht und rausfährt. Das unterscheidet mich grundlegend von Danyel, der ja sehr engagierte Texte hat. Mir geht es eher darum, gute Laune und Glück zu verbreiten!“

Guten Gewissens kann man den heutigen René Lacaille als Neo-Traditionalisten bezeichnen, und einen umtriebigen noch dazu: Regelmäßig kommen neue CDs aus der Werkstatt des Mannes, der 2009 sein sage und schreibe 55-jähriges Bühnenjubiläum feiern kann. Doch richtig in der Weltmusik-Szene aufgetaucht ist er erst mit seinen Soloalben „Patanpo“ (Daqui/Harmonia Mundi, 2001) und „Mapou“ (World Music Network/edel, 2004). In diesen entspannten Alterswerken des Wahlfranzosen fällt vor allem die Vielfalt der Rhythmen auf, die sich ebenso aus afrikanischer wie indischer Perkussion speisen, und auch der flinke 6/8-Takt des verwandten madagassischen Salegy ist in seine Musik der Réunion eingeflossen. Beim Akkordeonspiel greift Lacaille auch gerne auf Übersee-Einflüsse zurück: So lässt er Bandoneón-Flair durchscheinen und spielt auch die Musette: „Bevor ich Akkordeonisten aus Brasilien und Argentinien, aus der ganzen Welt gehört habe, habe ich mich an den Akkordeonisten orientiert, die mit Django Reinhardt gespielt haben. Auf die Musette lasse ich nichts kommen, wenn sie gut gespielt wird, ich verehre den Valse Swing. Wir haben die Musette-Stücke ja damals aufgegriffen und Sega daraus gemacht, unsere Rhythmen draufgesetzt“, erinnert er sich.

Doch Lacaille ist nicht nur ein Virtuose auf den Tasten, er ist auch ein Troubadour. Es ist ein Genuss, dem vollmundigen Klang des Kreolischen zu lauschen, das Lacaille als heimatverwurzelter Poet mit Herz und Seele verteidigt: „Es gibt so viele Musiker von der Réunion, die es vorziehen, im Kreol der Antillen zu singen. Damit bin ich überhaupt nicht einverstanden. Das antillanische Kreolisch ist durch die vielen Zouk-Hits sehr international. Sie denken, dass sie damit mehr Erfolg haben. Unsere junge Generation spricht jetzt schon Englisch, das kommt durch den Einfluss der Touristen. Ich habe da noch eine andere Réunion erlebt, bis ich mit 20 das erste Mal wegging, hatte ich vielleicht drei, vier Engländer zu Gesicht bekommen!“


Gegen die blendend organisierte Kulturszene der in Frankreich lebenden Antillaner zu konkurrieren sei schwierig, denn die wenigen Réunionais seien im Land verstreut und bündelten ihre Kräfte nicht. Doch René Lacaille will aus seiner Wahlheimat Grenoble nicht mehr weg, denn von den Inseln lassen sich seine globalen Projekte kaum verwirklichen. Die bergen immer wieder überraschende Teamworks: So hat er sich in den letzten Jahren mit dem Amerikaner Bob Brozman zusammengetan, ein geradezu perfekter Duopartner für Lacaille mit einer Vorliebe für insulanische Saiteninstrumente Auf dem Album „Digdig“ (Riverboat/edel) ist die globale Tour der beiden in relaxter Musizierlaune zu erleben, sie führt vom Kreolischen zum Blues und bis nach Brasilien.

Sein Solovermächtnis hat er nun kürzlich mit „Cordéon Kaméléon“ (Connecting Cultures/Galileo, 2008) vorgelegt: Hier wechseln sich Tribute ans Akkordeon im wippenden Sega-Rhythmus mit lautmalerischen Anrufungen des Windgottes ab. In die Musik eingebettet sind Gedichte: Über das harte Erwachen eines Musikers nach durchspielter Nacht oder die sanfte Abendruhe der Insel. Die Liste der Mitwirkenden offenbart: Mittlerweile sind jede Menge junger Vertreter des Lacaille-Clans mit im Boot. Um die Fortführung der kreolischen Tradition im neuen Gewand muss einem dann wohl nicht bange sein.


Von einem Interview des Autoren mit dem Künstler.
Author: Stefan Franzen

Works

Cordéon kaméléon

Published Audio,
2008
Connecting Cultures

Mapu

Published Audio,
2004
Riverboat

Digdig

Published Audio,
2002
Riverboat

Patanpo

Published Audio,
2000
D´aqui France

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

WASSERMUSIK 2009

(09 July 09 - 25 July 09)