Youssef Chahine

Article Bio Works Video
crossroads:
Islam, Tabu, Zensur
genre(subgenre):
Film (Historienfilm, Melodrama, Musikfilm, Spielfilm)
region:
Africa, Northern
country/territory:
Egypt
city:
Kairo
created on:
May 16, 2003
last changed on:
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Article

Der 1926 in Alexandria (Ägyten) geborene Youssef Chahine ist der Begründer des ägyptischen Autorenkinos und einer der wichtigsten arabischen Regisseure. In seinen über 40, häufig tabubrechenden Filmen versteht es Chahine seit mehr als einem halben Jahrhundert, Geschichten und Geschichte, oft auf der Grundlage seiner eigenen Biografie, miteinander zu verweben. Er erhielt u. a. 1997 in Cannes den Preis für sein Lebenswerk.
"Gedanken haben Flügel, niemand hält sie auf!" ruft Ibn Ruschd im Angesicht des Scheiterhaufens aus, in dem auch seine Bücher verbrannt werden. Youssef Chahine versieht diesen Ausruf am Schluss seines Films "Das Schicksal" (1997) in einem Insert mit seiner eigenen Unterschrift. Der wichtigste, 1926 in Alexandria geborene ägyptische Regisseur weiß aber auch, dass dies oft versucht wird. War doch sein 1994 erschienenes Werk "Der Auswanderer" nach einem erfolgreichen Kinostart verboten, wieder freigegeben und wieder verboten worden. Ja, es gab sogar Morddrohungen radikaler Islamisten gegen den Regisseur, weil er darin den heiligen Propheten Jakob, den Vater der Hauptfigur Joseph, personifiziert. Denn wie auch in anderen Filmen des Regisseurs, ist Chahines persönliche Version der biblischen Geschichte von Joseph auf die Gegenwart bezogen.
Das gilt erst recht für seine Verfilmung des Lebens des islamischen Philosophen Ibn Ruschd, der unter dem Namen Averroes in die europäische Geistesgeschichte eingegangen ist. "Das Schicksal" ist ein Manifest des Sohnes eines islamischen Vaters und einer christlichen Mutter gegen die Intoleranz, sowohl christlicher als auch islamischer Provenienz. Am Anfang des Films lodert ein Scheiterhaufen, dessen Feuer einen Ketzer verschlingt. Der hatte es im christlichen Frankreich des 12. Jahrhunderts gewagt, den arabischen Philosophen und Aristoteles-Interpreten zu übersetzen, der Aufklärung und Glauben vereinen wollte. Mit einem Autodafé verbotener Bücher im damals islamischen Cordoba wird der Zuschauer entlassen. Ibn Ruschd (Nour-el-Cherif) wirft lachend noch selbst ein Buch in die Flammen, ehe er auf einem Planwagen mit seiner Familie ins Exil flieht.

Wie häufig bei Chahine wird auch in diesem Film viel getanzt, gesungen, gelacht und auf symbolische Weise geliebt. Am Ende triumphieren Liebeslust und eine moderate Sinnlichkeit über Gewalt und religiösen Fanatismus. Das Happy End ist jedoch getrübt. Prinz Abdallah (Hani Salama) durchschaut zwar jetzt die verbohrten Rechtgläubigen und sinkt in die Arme der schönen Zigeunerin Sarah (Ingy Abaza). Doch die Fanatiker nehmen tödliche Rache an Sarahs Vater, gespielt vom König des ägyptischen Pop, Mohammed Mounir.

Youssef Chahine hat zwar den ägyptischen Film wie kein anderer Regisseur geprägt, doch ist er mit seinen Themen in seinem Heimatland häufig angeeckt. Als er 1958 im ersten neorealistischen Film Ägyptens den verkrüppelten Zeitungsverkäufer Kenaui spielt, dessen unerwiderte Liebe zu Hannuma in Hass umschlägt, spucken ihn Zuschauer an, wirft ihm seine eigene Familie vor, ihren Namen besudelt zu haben.

Chahines Liebe und Sympathie gilt stets den kleinen Leuten, den Fellachen, den Arbeitern und kleinen Angestellten der Vorstädte. Seine Kritik richtet sich gegen jegliche Art von Willkür und Unmenschlichkeit. "Wenn etwas falsch läuft, muss ich alles daransetzen, etwas zu ändern. Das ist Bürgerpflicht, überall auf der Welt."

Wie ein roter Faden durchzieht die Auseinandersetzung mit seiner persönlichen Geschichte und der seines Landes seine Filme. Nach seiner Rückkehr aus den USA, wo er in Los Angeles am "Pasadena Play House" Film studiert hatte, sucht er in seinen ersten Filmen noch nach einer adäquaten Filmsprache. Mit der Machtergreifung Nassers stellt er sie ganz in den von Nasser propagierten Aufbau eines neuen Ägyptens, auch wenn er sich nicht vor einen politischen Karren spannen lässt. In "Djamila, die Algerierin" (1958), das auf einem Buch von Jacques Vergès und einem Drehbuch Naghib Mahfuz’ basiert, unterstützt er die algerische Revolution.

Frustriert von der Bürokratie Nassers geht er ins libanesische Exil, doch kehrt er nach Kairo zurück und dreht dort 1968 "Die Menschen vom Nil". 1969 folgt "Die Erde", eine filmischen "Metapher des Unbehagens des Volkes gegenüber der Macht", wie Chahine selbst sagt. Der erste Teil einer "politischen Trilogie" handelt von einer vergeblichen Revolte ägyptischer Fellachen gegen die Machenschaften korrupter Großgrundbesitzer. In den anderen beiden Teilen "Die Wahl" (1970) und "Der Spatz" (1973) beschäftigt sich Chahine mit der Unfähigkeit der ägyptischen Eliten und mit dem verlorenen Sechs-Tage-Krieg gegen Israel.

Chahines zweite Trilogie ist autobiografisch inspiriert. In "Alexandria … warum?" (1978) lässt er seinen Protagonisten im Ägypten des Jahres 1942 von Hollywood träumen, genauso wie er es selbst als Sohn eines libanesischen Vaters und einer christlichen Mutter tat. Auch in den beiden folgenden Filmen "Eine ägyptische Geschichte"(1982) und "Alexandria noch mal und immer wieder" (1989) erzählt Chahine von den Zusammenhängen seiner Karriere und der politischen Geschichte seines Landes. Mit "Alexandria … warum"? gelingt Chahine der internationale Durchbruch. 1978 erhält er für den Film den "Silbernen Bären" (Spezialpreis der Jury) der "Internationalen Filmfestspiele" in Berlin.

In seinem bisher letzten Film "Der Andere" (1999) zieht sich Chahine nicht auf das scheinbar unverfänglichere Terrain der Bibel oder der Geschichte zurück. Die Geschichte könnte auch die Basis für eine Soap à la Denver abgeben, ist aber eine moderne Variation von "Romeo und Julia" oder eine ägyptische West-Side Story. Da ist auf der einen Seite die genauso hübsche wie arme Journalistin Hannane, die über die Bereicherung der arroganten Eliten ihres Landes recherchiert. Ihr Gegenüber ist Adam, der einzige und dementsprechend gehätschelte Sohn einer skrupellosen Industriellenfamilie. Sie verlieben sich und heiraten. Nur Margret kommt ihrem Glück in die Quere. Margret ist durch die Heirat eines korrupten ägyptischen Industriellen vermögend geworden. Noch mehr als am Geld ihres versnobten Gatten hängt sie nur an ihrem einzigen Sohn Adam. Als der sich in Hanane verliebt und sie auch noch heiratet, erflammt Margrets Eifersucht. Sie beginnt einen Mehrfrontenkrieg und intrigiert gegen die geächtete Schwiegertochter. Jedes Mittel, ob Manipulation ihres Sohnes oder der Einsatz einer Terroristenorganisation, ist ihr dabei recht.

Selbst die Boulevard-Kinozeitschrift "Kinonews" lobte "Der Andere" als "erstaunlich abgespacte Kino-Kost aus Ägypten". Denn Altmeister Chahine wechselt atemberaubend schnell die Genres: vom Liebesdrama zum Techno-Cyber-Thriller, von knallharter Action zum swingenden Musical. Und doch behandelt Chahine auf dem Hintergrund dieser grellen Inszenierung Fragen und Überzeugungen wie "Darf man sich des Terrorismus bedienen, um ein Existenzrecht zu erlangen?" oder "Der wahre Mut ist es, der Angst zu widerstehen, die uns unterjocht". Auch hier spricht Chahine wieder über Korruption, Unterdrückung und den Missbrauch der Religion und nimmt sich der Globalisierung auf seine Weise an: "Das Einzige, was wirklich vereinigt, ist die Liebe, nicht die Globalisierung."


Veranstaltungen im HKW:
Mittwoch, 27. November 1996
Mittwochskino
Metropolen
El-Kahira Menwara bi Ahlaha / Kairo ... von Chahine erzählt
und
El-Youm El-Sadis / Le Sixième Jour
Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt

Sonntag, 14. Februar 1999
Chahatine Wa Noubala’a
Das Lächeln des Effendi
Veranstalter: Haus der Kulturen der Welt
Author: Ulrich Joßner

Bio

Youssef Chahine wurde am 25. Januar 1925 in Alexandria (Ägypten) als Sohn eines angesehenen libanesischen Advokaten und einer christlich-orthodoxen griechischen Mutter geboren. Nach dem Besuch einer französischen Klosterschule und des englischsprachigen Victoria-College beginnt er ein Studium an der Universität von Alexandria. Doch Chahine möchte kein Beamter werden, wie das seine Eltern für ihn vorgesehen hatten. Seine Liebe gehört dem Kino. Er studiert am "Pasadena Play House" in Los Angeles Film und kehrt dann nach Ägypten zurück, wo er noch heute lebt.
Nach gerade zwei Jahren Arbeit als Schauspieler realisiert er seinen ersten Film "Papa Amin" (1950), eine musikalische Komödie. Mit "Tatort Hauptbahnhof Kairo" (1958) schafft er einen Meilenstein des ägyptischen Neorealismus. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem autobiographischen Film "Alexandria ... warum?" (1978), für den er im gleichen Jahr den "Silbernen Bären" der "Internationalen Filmfestspiele" in Berlin erhielt. Seine Interpretation der biblischen Geschichte von Joseph "Der Auswanderer" (1994) wurde in Ägypten verboten. "Das Schicksal" (1997) war für die "Goldene Palme" in Cannes nominiert. Dort wurde er 1997 für sein Lebenswerk ausgezeichnet, das in mittlerweile über 50 Jahren mehr als 40 Filme umfasst.

Youssef Chahine starb 2008 an den Folgen einer Gehirnblutung.

Works

Chaos (Heya fawda)

Film / TV,
2007

Alexandrie ...New York

Film / TV,
2004

11´09"01 – September 11

Film / TV,
2002
Episode.

Sekut Hansau´uar

Film / TV,
2001

Der Andere / L’Autre/El Akhar

Film / TV,
2000

Das Schicksal / Al Massir

Film / TV,
1997

Der Auswanderer / Al-muhadjer

Film / TV,
1994

Alexandria noch mal und immer wieder / Iskanderija, kaman oue kamanm

Film / TV,
1989

Der sechste Tag / Al yawm al sadis

Film / TV,
1986

Adieu Bonaparte / Al wadaa ya Bonaparte

Film / TV,
1985

Eine ägyptische Geschichte / Hadduta misrija

Film / TV,
1982

Alexandria . . . warum? / Iskanderija . . . lih?

Film / TV,
1978

Die Rückkehr des verlorenen Sohnes / Awdat al ibn al dal

Film / TV,
1976

Der Spatz / Al asfour

Film / TV,
1973

Die Wahl / Al ikhtiyar

Film / TV,
1970

Die Erde / El ard

Film / TV,
1969

Die Menschen vom Nil / Al nass wal Nil

Film / TV,
1968

Der Ringverkäufer / Biyar al khaouatem

Film / TV,
1965

Morgendämmerung eines neuen Tages / Fagr Yom Guedid

Film / TV,
1964

Sultan Saladin / El naser Sallahedine

Film / TV,
1963

Tatort Hauptbahnhof Kairo / Bab el haded

Film / TV,
1958

Djamila, die Algerierin / Gamila, el gazairia

Film / TV,
1958

Kampf auf der Mole / Seraa fil mina

Film / TV,
1957

Der Kampf im Tal / Seraa fil wadi

Film / TV,
1953

Le fils du Nil (Son of the Nile) / Ibn el Nil

Film / TV,
1951

Papa Amin / Baba Amin

Film / TV,
1950
video

Filmausschnitt

aus "Der Andere / L’Autre / El Akhar" (2000)

Kool Filmdistribution
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