Aleksandar Hemon

Article Bio Works Projects www
crossroads:
Bürgerkrieg, Erinnerung, Heimat, Konflikt, Krieg, Migration
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Kurzgeschichte, Roman)
region:
Europe, Southern, America, North
country/territory:
Bosnia and Herzegovina, United States of America
created on:
October 5, 2009
last changed on:
Please note: This page has not been updated since October 5, 2009. We decided to keep it online because we think the information is still valuable.
information provided by:
Other languages:
Aleksandar Hemon
Aleksandar Hemon © Velibor Bozovic

Article

Die Kulturen werden bilingual sein

Ein hagerer junger Mann in einem Anzug. Er sitzt auf einem Stuhl. Seine Hände liegen auf seinem Schoss. Der Anzug ist zerknittert. Seine Augen: geschlossen. Er hat einen großen hervortretenden Adamsapfel. Es scheint, er sitzt in Socken dort. Auf seinem Kopf ruht die Hand eines eleganten Herrn in Zylinder und dunklem Mantel hinter ihm. Nur, wer genau hinsieht, erkennt ein kleines Loch etwas unterhalb von dessen kleinem Finger, gleich oberhalb des Ohrs. Genau hingesehen – das hat Aleksandar Hemon. Für den 1964 in Sarajewo geborenen halb-bosnischen, halb-serbischen Autoren geriet das Foto zum Ausgangspunkt seines neuen Romans „Lazarus“:
„Der Ausgangspunkt ist die historische Begebenheit, die 1908 in Chicago stattfand, als ein junger jüdischer Immigrant, Lazarus Averbuch, aus irgendeinem unbekannten Grund zur Tür des Chicagoer Polizeipräsidenten ging und anklopfte. Daraufhin tötete der Polizeipräsident Sheepy ihn auf der Türschwelle. Weil er sobald er ihn sah den Eindruck hatte, er sei ein Anarchist. Denn er sah aus wie ein Jude oder ein Sizilianer. Das heißt, seine Haut war dunkel. Dies ist eine historische Begebenheit, über die 1908 breit berichtet wurde, nicht nur in den Chicagoer Blättern, sondern landesweit – und sie hatte zahlreiche Auswirkungen. Ich fand diese Geschichte in einer kleinen Monografie und las darin und fand das Foto von Lazarus, wie er dasaß in diesem Stuhl mit dem Polizisten hinter ihm, der ihn hochhielt. Und Lazarus hatte ein kleines Blut-Loch in seiner Haut. Sobald ich diese Geschichte gelesen hatte, und sobald ich die Fotos sah, wollte ich darüber schreiben und einen Weg finden, die Fotos im Buch auftauchen zu lassen.“

Die Geschichte des gerade 19-jährig von der Chicagoer Polizei hingerichteten und wie eine Jagdtrophäe präsentierten Lazarus Averbuch nutzt Hemon ganz und gar nicht als Stoff für einen einfachen Historien-Roman. Wie im realen Leben dient er ihm als point of departure –als Ausgangspunkt und Folie für das Geschehen, das sich in der Gegenwart entspinnt. Da nämlich macht sich sein Erzähler, der Bosnier Vladimir Brik auf, um gemeinsam mit einem Freund in Osteuropa nach Spuren von Lazarus Averbuch zu suchen. Die Spurensuche gerät zu einer Reise zum eigenen Selbst und in seine kulturelle Vergangenheit. Die Romanfigur Brik ist dem Autoren und seiner Lebensgeschichte in so manchem ähnlich. Wie der eine ist auch der andere 1992 bei einem Besuch der USA von dem Krieg in der Heimat überrascht worden und im Exil geblieben. Und wie der Autor ist sein Romanheld Brik ein Schriftsteller. Wenn der auch um seinen Erfolg erst noch ringen muss, anders als sein Schöpfer, der für seine Veröffentlichungen bereits 2004 den Genius Award der MacArthur Foundation erhielt. Trotzdem: Diese und andere Parallelen erkennt Hemon ohne Umschweife an, aber nicht, ohne sich gleichzeitig von seiner Figur zu distanzieren: „Die Situation des Erzählers und meine sind ähnlich, aber ich bin nicht Brik, er unterscheidet sich auf so viele Weisen von mir. Es gibt da nur diese Ähnlichkeit der Situation. So reisen Brik und sein Freund Rora, der Fotograf, los auf der Suche nach Lazarus‘ Geschichte. Und obwohl ich mit einem Fotografen losgereist bin, habe ich es nur gemacht, um eine Geschichte über Brik und Rora schreiben zu können. Wir sind zusammen unterwegs gewesen, damit ich das Manuskript für diesen Teil des Buches verfassen kann.“

Brik denkt während dieser Reise von der Neuen in die Alte Welt nach, sagt Hemon. Über sein Leben in den USA, seine gesellschaftliche Stellung, seine Lebensweise, sein Verhältnis zu seiner US-amerikanischen Frau, einer erfolgreichen Neurochirurgin. Doch macht sein Unbehagen an seinem Leben in der Neuen Welt das Buch gleich zu einem Anti-Integrationsroman, wie ein deutscher Rezensent kürzlich behauptete? Wohl kaum. Wer mit Aleksandar Hemon spricht, der hört keinen Integrations-Pessimismus. Ganz im Gegenteil. Sein Held Brik begibt sich auf seiner Reise zu seinen Wurzeln in einen inneren Dialog, der gleichzeitig ein Dialog der Kulturen ist. Ein Dialog, sagt Hemon, der jetzt schon überall stattfindet und bei dem die Übersetzung übrigens eine entscheidende Rolle spielt: „Ich denke, es ist unmöglich, nicht mit anderen Kulturen zu kommunizieren. Und ich meine nicht gelegentlich, sondern ständig und andauernd. Die Übersetzung wird zu einem grundlegenden Bedürfnis einer funktionierenden Gesellschaft. Und ich denke weiter, dass die Situationen, in der Übersetzung oder Kommunikation in einer einzigen Person stattfindet, immer gewöhnlicher wird. Wissen Sie, für viele Leute wird das tägliche Praxis. Ich schreibe in zwei Sprachen. Ich schreibe Prosa in Englisch und in Bosnisch schreibe ich eine Kolumne für ein Magazin in Sarajewo. Sehr bald wird es niemanden mehr interessieren, ob ein Autor bilingual ist, weil es so viele bilinguale Autoren geben wird. Es wird nie wieder nur eine Sprache in einer Kultur geben. Es wird immer mehr als eine Sprache geben. Die Kulturen werden bilingual sein. Wenn sie es nicht jetzt schon sind.“



Aus einem telefonischen Interview mit dem Autoren im September 2009.
Author: Heike Gatzmaga

Bio

1964 als Kind einer serbischen Mutter und eines bosnischen Vaters in Sarajevo geboren. Als er sich 1992 im Rahmen eines Kulturaustauschs in den USA aufhielt und vom Beginn der Belagerung seiner Heimatstadt erfuhr, beschloss er, im Exil zu bleiben. Seit 1995 schreibt er auf Englisch und veröffentlicht regelmäßig unter anderem in The New Yorker, Granta und The Paris Review. Sein Erzählband Die Sache mit Bruno erschien 2000 in acht Ländern gleichzeitig. 2002 folgte der Roman „Nowhere Man“, der für den National Book Critics Circle Award nominiert war. Beide Bücher begeisterten Publikum wie Kritik. Die MacArthur Foundation zeichnete Aleksandar Hemon 2004 mit dem Genius Grant aus. 2009 wurde er gemeinsam mit dem Übersetzer Rudolf Hermstein mit „Lazarzus“ für den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und der Stiftung Elementarteilchen nominiert. Er lebt in Chicago.

Works

Love and Obsctacles

Published Written,
2009
Riverhead Books

The Lazarus Project

Published Written,
2008
Riverhead Books. Deutsch erschienen als "Lazarus" im Knaus Verlag, 2009. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Rudolf Hermstein.

Nowhere Man

Published Written,
2002
Nan A. Talese/Doubleday

The Question of Bruno

Published Written,
2000
Nan A. Talese/Doubleday

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Internationaler Literaturpreis

Haus der Kulturen der Welt

(01 January 09 - 30 September 09)

Www

Homepage of the author