Rahaju Supanggah

Article Bio Projects Audio
crossroads:
Multikulturalität
genre(subgenre):
Musik (Gamelan-Musik)
region:
Asia, Southeast
country/territory:
Indonesia
created on:
September 21, 2005
last changed on:
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Rahaju Supanggah

Article

Tradition und Erneuerung

Der Komponist Rahayu Supanggah stammt aus Zentraljava und gilt heute als einer der führenden Künstler der mitteljavanischen Gamelanmusik. Durch seine Mitwirkung an zahlreichen internationalen Projekten hat er wesentlich zur internationalen Verbreitung und Akzeptanz der indonesischen Musikkulturen beigetragen, weshalb er in Indonesien auch in seiner Funktion als Musikethnologe als einer der großen Wegbereiter gilt. Nach einer traditionellen Ausbildung in Mitteljava promovierte Rahayu Supanggah 1985 in Paris iEm Fachbereich der Ethnomusikologie und ist derzeit neben seiner kompositorischen Tätigkeit als Dozent und Leiter an der Kunstakademie STSI in Surakarta/Mitteljava tätig. Seine Werke zeichnen sich einerseits durch starke Traditionsverbundenheit, aber auch durch einen nuancierten Neuerungswillen aus, der jedoch nie die ästhetischen Rahmenbedingungen der zentraljavanischen Musikkultur überschreitet.
Der 1949 geborene indonesische Komponist Rahayu Supanggah zählt auch als Ethnomusikologe und Kulturkritiker zu den führenden Köpfen des Landes. Aus einer traditionellen Schattenspieler- oder „dalang" Familie stammend, wuchs Supanggah in einem aktiven künstlerischen Umfeld auf, verstand sich aber während seiner Studienzeit an der Kunstakademie ASKI /STSI in Surakarta mehr als Interpret traditioneller javanischer Musik denn als Komponist. Erst in den späten 60er und frühen 70er Jahren entstand sein Interesse an experimentellen Ansätzen. Supanggah entwickelte sich in dieser Zeit unter dem damaligen Institutsleiter und idealen Förderer Gendhon Humardani zu einem der radikalsten Musiker Indonesiens.

Eine Aversion gegenüber Institutionen ist bis heute sein Markenzeichen: „An ASKI wurde ich nie zum Assistenten weil ich als aufrührerischer Geist galt (...). Sogar nachdem mich Humardani gebeten hatte, dort zu unterrichten, wollte ich das nicht. Ich hatte Angst vor der Institution, ich wollte einfach nur Künstler sein.“ Selbst als Rektor der Kunstakademie STSI (1997-2002) pflegte er eine offene und antiautoritäre Umgangsform. In der Sache jedoch blieb er immer klar und kritisch.

Supanggah war im Laufe seines Lebens mehrfach aktiv im Ausland tätig. Schon als 16-jähriger wirkte er bei einer wichtigen offiziellen Kulturmission in China, Korea und Japan mit. Zahlreiche weitere Auslandsprojekte bei staatlichen Kulturmissionen, sein Promotionsstudium der Ethnomusikologie in Paris (1981-1985), die Mitwirkung im Mammutprojekt „Mahabharata“ von Peter Brook Mitte der 90er Jahre und die Produktion „Lear“ zusammen mit Ong Ken Sen prägten die weitere Karriere des Künstlers. Zuletzt war er im Projekt „La Galigo“, einer Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Regisseur Robert Wilson, als musikalischer Leiter involviert. Diese Auslandsaufenthalte und intensiven Erfahrungen mit ausländischen Künstlern haben wesentlich zum kompositorischen Selbstverständnis Rahayu Supanggahs beigetragen. Überraschend ist hierbei, dass er trotz seiner zahlreichen Kollaborationen nie zu einer oberflächlichen und patchwork-artigen Musiksprache neigte. Es gelang ihm immer, die äusseren Einflüsse subtil in eine eigene, zentraljavanisch geprägte Musiksprache umzuwandeln. Durch diese spezifische Weise der Transformation und Integration musikalischer Elemente nimmt Supanggahs Gesamtwerk eine Sonderstellung in Indonesien ein. Die Grundlage für sein Schaffen bildet vermutlich sein traditionell geprägtes spirituelles Bewusstsein. So entsteht sein bemerkenswertes zeitgenössisches Werk aus dem Kreuzfeuer zwischen traditionellen javanischen und westlichen Werten.

„Vielleicht bedeutet ‚Komponist’ in Java etwas anderes als im Westen. Vielleicht ist ‚Komponist’ gar nicht die richtige Bezeichnung für mich. Wenn ich nämlich komponiere, dann gebe ich den Musikern nur einige Anstöße. Ich entscheide nicht alles. Das von mir geschaffene Werk ist somit Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen mir und meinen Musikern“, so Supanggah. (zitiert nach: Perlman 1994: S. 34)

Supanggahs künstlerisch-kreativer Ansatz konsolodierte sich bereits kurz nachdem er an der an der Kunstakademie ASKI/ STSI unterrichtete. Er begann, traditionelle Formen und Prinzipien subtil weiter zu entwickeln, und dieses Konzept zunehmend in den Mittelpunkt zu stellen. Das eindeutigste Beispiel hierfür sein Konzert 1995 während des Festivals „Art Summit Indonesia“ in Jakarta. Der ursprünglich radikale textuelle Ansatz war einer eher klassizistischen Haltung gewichen, wie man sie auch von Nyoman Windha aus Bali oder den Werken Suka Hardjanas aus Jakarta kennt. Diese Idee verbreitet er außerdem in zahlreichen essayistischen Veröffentlichungen zu seiner Musik.

Supanggah kehrte wieder zurück zu den komplexen Formen und Zyklen der zentraljavanischen Musik, vor allem aber zu einem Konzept namens garap. Daraus ergab sich der Name des vierteiligen Zyklus „Garap“ während des Festivals. Unter garap versteht man ein Konzept der Neukomposition schon vorhandener Musik oder auch Komposition im traditionellen Stil, wobei der Grad der Neuerungen nicht festgelegt ist. Supanggah erfüllte diese vier Stücke mit neuen subtilen Nuancen der Klanggestaltung, die auch mit mikrointervallischen Elementen arbeitet. Mit diesem Zyklus zeigte er, dass Aktualität nicht notwendigerweise kompromisslose Radikalität bedeuten muss. Bedauerlicherweise sind diese Kompositionen bisher nicht auf Tonträger festgehalten.

Ein Beispiel für die frühen mehr improvisatorisch-experimentellen Arbeiten auf der Basis verschiedener Stimuli und kollektiver Arbeit ist die Komposition „Paragraph“ aus dem Jahre 1991, die in Amerika während eines Studienaufenthalts entstand. Supanggah verwendet dabei auch westliche Instrumente (Klavier, Bassposaune), setzt diese Instrumente aber nur als neutrale Klangquelle und ohne bestimmte kulturelle oder musiksprachliche Konnotation ein.

1991 erschien die CD „Kurmat pada Tradisi“ (Hommage an die Tradition), ein etwas eigenartiger Titel, der zunächst Eklektizistisches vermuten lässt. In Wahrheit entpuppt sich die CD als eine Zusammenstellung kleinerer Werke mit jeweils ganz bestimmten Problemstellungen, fast im Sinne einer musikalischen Mimikry. Supanggah macht hier auf eine sehr frische und variable Art deutlich, wie man eine musikalische Tradition weiterentwickeln kann, ohne gegen die Tradition zu arbeiten und in oberflächliche Plattitüden zu verfallen.

In den letzten Jahren hat sich Supanggahs Denken vor allem der multikulturellen Problematik zugewandt. Es geht ihm dabei nicht nur um einen künstlerischen Ansatz. Supanggah sieht die Bedeutung multikulturellen Bewusstseins vor allem in der Erziehung und Ausbildung. Deswegen wandte er sich seit Mitte der 1990er Jahre verstärkt kulturpolitischen Fragen und Aktivitäten zu. Nicht zuletzt durch seinen konzeptionellen Einfluss ist die Kunstakademie STSI in Surakarta vermutlich die führende und künstlerisch offenste Ausbildungsinstitution Indonesiens. In seinem kürzlich verfassten Essay „A multi-cultural Approach to Art Education: A Necessity“ schreibt Rahayu Supanggah:

„Tatsächlich gehört Kunst nicht mehr exklusiv zu einer speziellen Ethnie oder Region, außer der Tatsache, dass eine Kunstform dort eben geboren und weiter entwickelt worden ist. Das indische „Mahabharata“ gehört nun ebenso zu Indonesien. Die ‚Pandji’ Legende aus Kediri gehört zu allen südostasiatischen Staaten. Der Jazz von New Orleans gehört zur ganzen Welt, so wie auch im Falle von Shakespeare’s ‚Hamlet’. Es ist immer mehr möglich, dass die Kunst einer speziellen Region von Menschen anderer Kulturen goutiert werden kann, vor allem auch durch die elektronischen Medien. Tatsächlich ist es heute üblicher, dass die Kunst zum Konsumenten kommt, anstatt dass der Konsument in ein Konzert geht. Dies bedeutet, dass es beispielsweise einfach ist, dass Europäer oder Indonesier afrikanische Musik hören. Balinesischer Tanz kann problemlos von Amerikanern oder Japanern erlebt werden. Aber das ist nicht alles. Es ist heutzutage schon fast normal, dass javanisches Gamelan von Musikern in Finnland, Ägypten oder Israel gespielt wird. Westliche Musik hat nicht mehr das Monopol inne (...). Kunst kann und sollte immer die Möglichkeit implizieren, die eigenen ethnischen und kulturellen Grenzen zu übersteigen.“

Author: Dieter Mack

Bio

Rahayu Supanggah wurde 1949 in Mitteljava geboren und wuchs in einer Schattenspieler- oder "dalang" Familie, also in einem sehr aktiven künstlerischen Umfeld, auf. Nach dem Besuch des Musikgymnasiums KOKAR in Surakarta setzte er seine Studien an der Kunstakademie ASKI/STSI fort. Zwischen 1981 und 1985 lebte er in Paris und promovierte im Fach Ethnomusikologie an der Université de Paris VII. Danach begann er an der Kunstakademie STSI in Surakarta zu unterrichten und war von 1997 bis 2002 deren Rektor. Derzeit ist er Leiter der Aufbaustudiengänge am gleichen Institut und und lehrt dort unter anderem Komposition und Ästhetik. Zahlreiche Gastdozenturen führten ihn nach Amerika, Holland, Schweiz, Frankreich und nach Großbritannien. Rahayu Supanggah ist auch als Ethnomusikologe und Autor zahlreicher Schriften zur Musik und Musikästhetik Indonesiens bekannt.

Projects

This artist took part in the following project(s) organized/funded by the culturebase.net partner institutions.

Räume und Schatten

Zeitgenössische Kunst aus Südostasien

(30 September 05 - 20 November 05)
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rahayu supanggah

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