Milton Hatoum

Article Bio Works Merits www
crossroads:
Familie, Geschichte, Multikulturalität
genre(subgenre):
Geschriebenes & gesprochenes Wort (Essay, Roman)
region:
America, South
country/territory:
Brazil
city:
Manaus, São Paulo
created on:
May 14, 2003
last changed on:
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Article

Das Zusammentreffen von Flüssen und Kulturen

Milton Hatoum wurde 1952 in Manaus am Amazonas als Sohn libanesischer Einwanderer geboren und zählt zu den großen, international bekannten Namen in der zeitgenössischen Literatur Brasiliens. Seine Romane, aber auch seine Essays und Kurzgeschichten wurden vielfach übersetzt und ausgezeichnet.
Zentrales Thema seiner Werke ist die Durchdringung von Orient und Okzident, wie sie in Brasilien, vor allem in der Amazonasregion, vorzufinden ist. Dabei sieht sich Hatoum als einen Erzähler, der nicht das exotische Element der Amazonasregion in den Vordergrund seines Schreibens stellt, sondern aus einer Welt schreibt, die er - von Euclides da Cunha inspiriert - als Peripherie der Geschichte sieht. Die Stadt Manaus liegt am Zusammenfluss des Rio Solimões und des Rio Negro und stellt somit das Tor am Beginn oder am Ende einer Reise dar. Deshalb siedeln sich dort Reisende aus fernen Ländern an, Ortsansässige träumen von einer Reise oder es ist ihr Ausgangspunkt zu einer solchen. Immer aber gibt es Begegnungen, Austausch, Vermischungen von Kulturen. Diese Welt von Manaus liegt fernab großer globaler Geschehnisse und doch ist in ihr unterschwellig das Zusammentreffen vieler Kulturen zu spüren.

Mit seinem Erstlingsroman „Relato de um certo oriente” (dt. “Emilie oder Tod in Manaus”) beschreibt Hatoum eine Familienchronik: Die zentrale Figur ist Emilie, eine Matriarchin christlicher Herkunft, die mit einem nach Brasilien eingewanderten Libanesen verheiratet ist. Mit ihm und den Kindern lebt sie in einer weitläufigen Villa mit Dienstboten. Das Zusammentreffen der Wertsysteme und Weltanschauungen von Orient und Okzident wird in diesem Familienporträt einfühlsam und facettenreich beschrieben. Dazu gehört auch die Einstellung der Familienmitglieder wie der Dienstboten zum unehelichen Kind der Tochter Soraya, das von den Männern der Familie abgelehnt, von den Frauen jedoch angenommen wird.

In seinem Essay „Reflexão sobre uma viagem sem fim“ („Nachdenken über eine Reise ohne Ende“) beschreibt Hatoum den französischen Gelehrten Delatour, der aus Finisterre in der Bretagne stammt und sich in Manaus niedergelassen hat. Auch hier geht es darum zu ergründen, wie die Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur, die man genauer kennen lernt, wenn man in ihr lebt, den Blick auf die eigene Kindheit, auf den eigenen Ursprung einerseits verstellt und andererseits neu öffnet.

Auch Hatoums Roman „Dois irmãos” („Zwei Brüder”) spielt in Manaus und erzählt von zwei Brüdern, die um die Liebe der Mutter konkurrieren und mit allen erdenklichen Mitteln versuchen, einander auszustechen. Insofern scheint der Roman die alttestamentarische Geschichte von Jakob und Esau aufzugreifen, obwohl Hatoum es im Unklaren belässt, welcher der beiden Zwillingsbrüder Omar und Yaqub wen repräsentiert. Die Geschichte spielt nach dem Ende des Kautschukbooms und vor Beginn der Abholzung des Regenwaldes. Die Familie ist in die sie umgebende Gesellschaft integriert und hält sich doch in gewisser Weise fern. Vater Halim und die Mutter Zana haben drei Kinder: die Zwillingsbrüder und eine Tochter Rania. In dem großen Haus leben außerdem Domingas, die Dienerin indianischer Herkunft, und deren Sohn.

Die Brüder wachsen heran, buhlen in ständiger Eifersucht um die Liebe der Mutter, bis Yaqub nach São Paulo zieht und sich dort ein eigenes Leben aufbaut. Omar führt weiterhin das Leben eines Provinzdandys und treibt sich in den Bars herum, bis auch er nach São Paulo zieht. Rania, die Schwester, bleibt in der Familie, wo sie das Geschäft ihres Vaters weiterführt.

Hatoum beschreibt diese traurige Familienchronik in einer ausgefeilten, melodischen Sprache. Dabei zeichnet er ein Bild des Schattendaseins der Stadt Manaus, das gleichzeitig eine Studie des Verfalls und der Zerstörung ist. Indem er Stimmen zum Erklingen bringt, die das Konzert der Kulturen noch einmal vielstimmig wieder aufleben lassen, bedeutet er dem Leser, über welchen Reichtum Amazonien verfügte. Die Literatur, die Vergangenes wieder erstehen lässt, kann diesen Reichtum erneut erwecken. Und aus der Betrachtung des Vergangenen, aus gewonnener Distanz, erschließen sich die Faktoren, die für die brasilianische Gesellschaft dieser Region prägend waren, auch die der familiären Grausamkeiten, die bis in die heutige Zeit hinein reichen.
Author: Ute Hermanns 

Bio

Milton Hatoum wurde am 19. August 1952 in Manaus, Amazonas, geboren. 1968 ging er zur Vorbereitung auf ein Architekturstudium nach Brasilia. Die siebziger Jahre verbrachte er in São Paulo, wo er ein Studium der Architektur an der Fakultät für Architektur und Städtebau der Universidade de São Paulo mit dem Diplom abschloss. Er arbeitete bei der renommierten Wochenzeitschrift ISTO É und lehrte Architekturgeschichte an der Universidade de Taubaté. 1980 ging er mit einem Stipendium für sechs Monate nach Madrid. Hier spezialisierte er sich am Instituto Iberoamericano de Cooperación auf die Sprache und Literatur Spaniens. Später zog er nach Barcelona und schließlich nach Paris, wo er an der Sorbonne eine Magisterarbeit in Vergleichender Literaturwissenschaft zum Thema „Der brasilianische Modernismus und die europäische Avantgarde" verfasste. Im August 1983 kehrte Milton Hatoum nach Manaus zurück, wo er seither als Professor für französische und brasilianische Literatur an der Universidade Federal do Amazonas tätig ist. Derzeit lehrt er am Centro Universitário Mariantonia da Universidade de São Paulo Literaturwissenschaft (französische und brasilianische Literatur).

Milton Hatoum war Gastprofessor an der University of California, Berkeley, Stipendiat der brasilianischen VITAE-Stiftung, der Maison des Ecrivains Etrangers in Saint Nazaire, Frankreich, und Writer in Residence an der Yale University in New Haven, USA, sowie beim International Writing Program in Iowa, USA. Darüber hinaus nahm er an Lesungen, Diskussionen und Seminaren im Haus der Kulturen der Welt, im Ibero-Amerikanischen Institut Preußischer Kulturbesitz, Berlin, und an verschiedenen nordamerikanischen, französischen und portugiesischen Instituten und Universitäten teil.

Milton Hatoum lebt und arbeitet in São Paulo.

Works

Asche vom Amazonas

Published Written,
2008
Roman. Suhrkamp: Frankfurt am Main

Brief aus Manaus

Published Written,
2002
Roman. Suhrkamp: Frankfurt am Main

Zwei Brüder

Published Written,
2002
Roman. Suhrkamp: Frankfurt am Main

Nachdenken über eine Reise ohne Ende

Published Written,
1994
Erzählung. In: Nachdenken über eine Reise ohne Ende - Brasilien literarisch. Babel Verlag: Berlin

Emilie oder Tod in Manaus

Published Written,
1992
Roman. Piper: München

Anderssprachige Titel siehe englische Textversion

Established

Merits

1990 - Prêmio Jabuti (Preis der brasilianischen Buchkammer) für den besten Roman Relato de um certo Oriente.
2001 - Prêmio Jabuti (Preis der brasilianischen Buchkammer) für den besten Roman Dois Irmãos.

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